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Ausgabe:

1932 Nr. 12

Spalte:

282-287

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Reinhold

Titel/Untertitel:

Christliche Dogmatik. 2. Bd 1932

Rezensent:

Schulze, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 12.

282

Josefinismus, Aufklärung und1 Staatskirchentum. Die
Stärkung des Kirchenbegriffs bleibt aber nicht auf die
katholische beschränkt.

H. weist (S. 229) richtig darauf hin, daß sich der
liberale josefinische Polizeistaat durchaus zur Erschwerung
einer friedlichen Lösung des Konflikts mit der
evangelischen Kirche solidarisch erklärt habe. Wie die
evangelische Kirche — von ihr aus verständlich — der
katholischen Kirche den Charakter der alleinseligmachenden
Kirche bestritten hat, so hat sich auch
der Staat, freilich ohne zwingenden Grund, in dogmatische
Streitfragen mit der katholischen Kirche eingelassen
. Allerdings blieb das glücklicherweise nur peripherisch
: jede Kirche mag sich nach ihrem Gutdünken
für die alleinseligmachende halten, das sollte die Maxime
des Staates sein, der sich mit keiner solidarisch erklärt.

Die Lösung des Mischehenstreits ließ in Württemberg
keinen Sieger, keinen Besiegten auf der Bahn zurück
: Die kirchliche Stellung beider Konfessionen war
gestärkt und der Staat hatte ein Problem aus der Welt
geschafft, ohne Hoheitsrechte irgendwelcher Art aufzugeben
oder nur antasten zu lassen. Warum war das im
Kölner Kirchenstreit nicht auch möglich? Mit den Worten
„doch Bischof Keller war aus einem anderen Holz
geschnitzt als Droste-Vischering und hatte so garnichts
von einem Märtyrer der kirchlichen Freiheit an sich"
ist die Frage keineswegs beantwortet.

Leipzig. Otto Lerche.

Franz, Prof. Dr. Erich: Goethe als religiöser Denker. Tübingen:
J. C. B. Mohr 1932. (XI, 287 S.) gr. 8°. RM 10-; geb. 12.50.
Goethes Religiosität zu erfassen ist außerordentlich
schwierig — trotz der Überfülle von „religiösen" Stellen
in seinen Werken und von Äußerungen Goethes zu allen
möglichen religiösen Fragen. Denn bei den Gestalten
seiner Dichtungen läßt es sich oft kaum entscheiden, ob
und inwieweit sie für Goethe selbst in Anspruch genommen
werden dürfen; in seinen Briefen und Gesprächen
paßte er sich an andere in sehr hohem Maße an;
viele seiner Worte entsprangen einer flüchtigen Stimmung
oder vorübergehenden Situation, sodaß man ihn
darauf nicht festlegen darf; was die Freunde von ihm
berichten, ist gefärbt; symbolisch Gemeintes und wörtlich
zu Nehmendes ist oft schwer zu trennen; Goethes
umfassendes Wesen birgt eine Menge Widersprüche
in sich; und endlich hat er sein Innerstes überhaupt
letztlich verhüllt. Daß die primitive Methode, einzelne
Äußerungen Goethes über die Religion zusammenzutragen
und zu ordnen, noch von modernen, zumal christlichen
„Forschern" angewendet wird, ist wirklich kläglich
. Franz hat das Thema recht glücklich begrenzt und
zugleich erweitert: Goethe als religiöser Denker. Eine
■Gesamtschau über den Glauben Goethes darf man also
nicht erwarten; denn dafür ist mit das Wichtigste
, was Goethe „verschwiegen", ja überhaupt nicht in
das Gebiet des Denkens erhoben (oder herabgezogen)
hat, was nur da und dort leise angedeutet ist und hervorleuchtet
. Franz geht streng systematisch vor und
überlegt — als erster von allen Autoren, die über
Goethes Religion gehandelt haben — bei jeder Stelle,
welcher QueTlenwert ihr zukommt. Bei den Personen
Goethes unterscheidet er „verkündende" und „gestaltete",
hat aber diesen fruchtbaren Gesichtspunkt verhältnismäßig
selten angewendet, überhaupt die Gestalten Goethes
, zumal als Ganze, sehr wenig herangezogen, — was
mit ein Grund dafür ist, daß das Buch etwas trocken
und nüchtern wirkt. Ein Mangel ist es, daß Franz
keinen klaren Begriff von Religion zugrundelegt, sondern
in verschwommener Weise „von der Wirklichkeit des
religiösen Lebens in seiner Mannigfaltigkeit" ausgeht
(S. 32). Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Goethe
ist in keiner Weise im christlichen Sinn fromm. Er ist
nicht in erster Linie von religiösen Interessen mitgerissen
und ausgefüllt (S. 252). Nur vom Zentrum der Persönlichkeit
gewinnt Goethe Verständnis für die religiösen

Phänomene (S. 32). Jede Art von Glauben an Gott usw.
j ist für Goethe im Grunde nichts anderes als Glauben
des Menschen an sich selbst (S. 119). Daß die Gegner
des Idealismus diesen garnicht in der Tiefe verstanden
hätten (Waschzettel!), stimmt also schwerlich; denn
gerade das von Franz Angeführte legen sie ihm ja zur
Last. Mir erscheint fraglich, ob Franz das „Kosmische"
i bei Goethe genug berücksichtigt hat, wenn er auch kurz
, von Pantheismus und Hylozoismus redet. Daß Goethe
, stets den Zusammenhang mit dem Weltganzen erlebte und
j im Kleinsten das All erblickte und daß ihm die Natur
als Leib des Makrokosmos erschien, weist doch noch in
j eine andere Richtung. Sehr gut ist die Erkenntnis von
I Franz, daß Goethes Frömmigkeit weniger in den nach
i Tradition und historischen Färbung religiösen Stoffen
i als im „Weltlichen" zu finden ist, in der Freude des produktiven
Schaffens, in dem Glück der Liebe usw. Mit
Recht führt F. viele christlich klingenden Worte Goethes
auf ihren von Metaphysik, Offenbarungsglauben und
Dogma freien Grundgehalt zurück. Auch daß Goethe
nicht der Seelenwanderungslehre anhing, dürfte zutreffen
, obwohl sich F. die Widerlegung etwas leicht
macht und dabei nicht auf das Gespräch mit Falk
über die Monaden eingeht. Dagegen ist es reichlich anfechtbar
, daß Goethe nicht an individuelle Fortdauer
geglaubt haben soll, auch nicht im Alter; es fehlen bei F.
jegliche näheren Ausführungen darüber. Franz erkennt
eine Entwicklung der religiösen Anschauungen Goethes
nach der Beeinflussung durch den Pietismus und dem
Sturm und Drang nicht an. Seine Weltanschauung und
auch die Stellung zum Christentum habe sich seit der
Straßburger Zeit nicht mehr geändert. Eine äußerst bedeutsame
Entdeckung von F. ist die Beziehung der Ironie
zur Goetheschen Religion, wobei auch allgemein psychologische
Bemerkungen fallen, die man aufgreifen sollte
(z. B. über gesellige, gegnerische und einsame Ironie).
Auch das Kapitel über Religion und Ehrfurcht enthält
ausgezeichnete psychologische und phänomenologische
Ausführungen, besonders über die persönliche, bejahende
und numinose Ehrfurcht, wozu Goethes Ehrfurchten
und Religionsformen in Verbindung gesetzt werden. Die
Ehrfurchts- und Religionslehre Goethes wird nochmals
in den Abschnitten Religionsgeschichte und Religionsphilosophie
genau behandelt und an ihr, um ein System
zu erzielen, mehr herumgedoktert, als uns gut erscheint,
i Vorher bringt Franz noch einen Abschnitt über Religi-
i onspsychologie, worin über Religion und Poesie, Reli-
| gion und Freiheit, Religion und Krankheit, Religion und
Naturwissenschaft Überzeugendes gesagt ist. Dagegen
ist die Fassung des „Dämonischen" nur als Inbegriff
jener Gewalten, die die Religion Gott nennt, ungenügend
; wenn mehr auf den Sinn des Dämonischen als
eines Zwischen- und Durchgangsreiches abgehoben würde,
würde der Begriff der Religiosität Goethes doch noch
vertieft. Zum Schluß sucht Franz Beziehungen zur
Gegenwart herauszustellen und findet u. a. bei Goethe
i Ansätze zu der einzig befriedigenden Lösung heutiger
religionsphilosophischer Schwierigkeiten, z. B. zur Überwindung
der dünkelhaften dialektischen Theologie, die
j im Namen Gottes zu sprechen wähne. Das Buch führt
eine wohl niemals völlig zu lösende Aufgabe ein gut
Stück weiter und darf bei keiner späteren Debatte über
Goethes Religiosität und Religionsphilosophie außer
I acht gelassen werden.

Heidelberg. Wilhelm Knevels.

Seeberg, Reinhold: Christliche Dogmatik. 2. Bd Leipzigs
A. Deichert 1925. (XV, 690 S.). gr. 8°. RM 19—; geb. 21.50.

Das Prinzip der S.'schen Dogmatik ist die erlösende
Gottesherrschaft durch Christus. Im
ersten Teile ist der Gesichtspunkt der Gottesherrschaft
der vorherrschende, er stellt das Verhältnis Gottes
und des Menschen so dar, wie es von Gott seinem Wesen
und der Art des Menschen gemäß gewollt ist, wie
es also sein soll. Der zweite stellt nun die Verwirk-