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Ausgabe:

1932 Nr. 12

Spalte:

279-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hagen, August

Titel/Untertitel:

Der Mischehenstreit in Württemberg (1837-1855) 1932

Rezensent:

Lerche, Otto

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279

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 12.

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D. Dr. Hans Preuß-Erlangen, Die evangelische bildende
Kunst, temperamentvoll, manches modern Verzerrte energisch zurückweisend
, bei starker Würdigung Rudolf Schäfers, mit prächtigen Bildern.

Ein ernster, aber hoffnungs- und glaubensvoller Ausblick des Herausgebers
D. Dr. Schian bildet den wirkungsvollen Abschluß des Buches.

Durch ein sorgfältiges Sach- und Namenregister wächst sich das
Werk geradezu zu einer kirchlichen Realencyklopädie der Gegenwart aus.
Daß die wissenschaftliche Theologie nicht besonders behandelt ist, ergibt
sich aus der Einstellung des Buches für weitere Kreise. Die Vermeidung
entbehrlicher Fremdwörter und Kunstausdrücke macht es für
diese besonders geeignet. Der Preis von 40 M. ist bei der vorzüglichen
Ausstattung mäßig zu nennen. Eine weite Verbreitung (öffentliche
Bibliotheken !) ist dem Werk zu wünschen, ist es doch bei aller
Nüchternheit der Betrachtung und Fernhalten von aller Schönfärberei
wohl geeignet, weiteren Kreisen einen Eindruck von der Lebenskraft der
evangelischen Kirche zu geben.
Pouch bei Bitterfeld. Wilhelm Usener.

Hagen, Dr. theol. Dr. rer. pol. August: Der Mischehenstreit in
Württemberg (1837—1855). Paderborn: F. Schöningh 1931.
(XIII, 259 S.) 8°. = Görresgesellschaft z. Pflege d. Wissenschaft i.
kathol. Deutschland. Veröff. d. Sektion f. Rechts- u. Staatswiss.
58. H. RM 16—.

Die Frage der Mischehe ist noch nicht gelöst; auf
evangelischer Seite hat die Darstellung von F. v. d.
Heydt (1926) den Boden neu bereitet und die Probleme
geklärt. Im Grunde ist jede wahre Kirche Gegnerin
einer gemischten Ehe: also lehnen die evangelischen
Kirchen wie die römisch-katholische Kirche die
gemischte Ehe ab. Der Evangelische Bund zur Wahrung
deutsch-protestantischer Interessen fügt seinem Vorstandsblatt
eine besondere Zeitschrift „Die Mischehe,
Organ der Reichsmischehen-Konferenz" bei, und der
katholische Bonifatiusverein hat das Problem sowohl im
Jahre 1931 als auch im Jahre 1932 im Bonifatiusblatt
erörtert. Neuerdings wird auch die konfessionelle
Ehe rein geschäftsmäßig vermittelt. (Vgl. Evangelische
Diaspora XIII. 1931. S. 27 not.) Mehr die kirchliche
Seite der Ehevermittlung wird berücksichtigt in der von
Gemeindeblättern betriebenen konfessionellen Eheanbahnung
(Beispiel: Glaube und Heimat, Posen. 1931. Nr.
36, S. 288); auch die „Diasporablätter, Zeitschrift des
Diasporaanstalten-Verbandes und Fachblatt für Mischehenpflege
(Hrsg. G. Axenfeld, Lindau) nehmen sich der
konfessionellen Ehevermittlung an.

Die gemischte Ehe, die nur hier und da einmal vorkommt
, die durchaus Ausnahme bleibt, ist kein Problem
für die Kirche. Wenn aber die Mischehe einen hohen
Prozentsatz aller geschlossenen Ehen erreicht, verdient
die Sache Beachtung. Einige Zahlen seien gestattet.
Der Prozentsatz der Konfessionsmischung unter den
geschlossenen Ehen wuchs von 10,68 im Jahre 1913 auf
11,83 im Jahre 1920 und 14,56 im Jahre 1925; für
1928 wird 15,83 angegeben. In Württemberg wurden
1928 17,76 o/o Mischehen geschlossen. Viele Reichsgebiete
lagen bedeutend über dieser Zahl, die den Reichsdurchschnitt
(15,83) ja nur wenig überschreitet; so
sind in Hamburg 22,26, Hessen 24,65, Berlin 26,89,
Schlesien 29,96, Westfalen 29,98, Nassau 30,00, Bayern
31,76, Baden 37,71, Rheinprovinz 46,70 und Frankfurt
a. M. 47,97 o/o aller geschlossenen Ehen Mischehen
. Wenn man also einander gegenüberstellt, daß in
Frankfurt-Main jetzt jede zweite, in Württemberg aber
erst etwa jede sechste Ehe eine gemischte ist, dann bietet
das Problem in Württemberg gegenwärtig keinen besonderen
Anreiz.

Lediglich historisch betrachtet ist in Württemberg
die Mischehe eine Angelegenheit von allerdings
großem Interesse. Württemberg war im
18. Jahrhundert ein rein evangelisches Land. Erst
die Säkularisationen von 1803 ff. und der Landzuwachs
in Napoleonischer Zeit haben dem schwäbischen
Königreich einen an Zahl nicht unbedeutenden
Zuwachs von Katholiken gebracht: sie erhielten in Ellwangen
vorübergehend eine katholisch-theologische Fakultät
und ein Generalvikariat, das 1821 bzw. 1828 in
Rottenburg in ein Bistum umgewandelt wurde. Der erste

Bischof, der frühere Generalvikar, Joh. Bapt. v. Keller
(1828—1845) führte sein Amt ganz und gar in den
Vorstellungen des Staatskirchentums und überließ die
eigentliche Regierung des Sprengeis dem bereits vor
Errichtung des Bistums gegründeten und in der Staats-
i Verfassung verankerten kath. Kirchenrat. Dieselbe Verfassung
hatte auch für den immerhin seltenen Fall einer
Mischehe ein Kompromiß vorgesehen, das dem Staats-
; kirchentum auf dem Boden der Aufklärung und des
Liberalismus entsprach und der in den Gedankengängen
von Josefinismus, Febronianismus und Episkopalismus
heimischen katholischen Geistlichkeit keinen Widerspruch
i entlockte, solange diese Geistlichkeit in Keller ihren
! Führer sah. Gewiß hatte das in der Praxis gebrauchte
' Kompromiß das Wesen der katholischen Ehe als Sakrament
unbeachtet gelassen und es hatte auch den im
Tridentinum vorgesehenen Unterschied der assistentia
activa und passiva des katholischen Geistlichen nicht
hinreichend berücksichtigt. Schwierigkeiten mußten also
kommen, sobald ein Anstoß von außen da war und sobald
ein Geschlecht von Theologen und Geistlichen herangewachsen
war, das mit dem von Keller vertretenen
i Staatskirchentum nicht einverstanden war. Der äußere
j Anlaß war mit dem Kölner Kirchenstreit gegeben. König
| Wilhelm I. von Württemberg hätte in diesem Streit zwi-
; sehen Berlin und Rom gar zu gerne den Vermittler gespielt
. Er hielt sich für den Führer der evangelischen
; Fürsten Deutschlands, da der König von Preußen durch
; die Union den Evangelischen und durch den Kölner
. Kirchenstreit den Katholiken gegenüber allzu stark be-
i lastet wäre. Diese evangelische Führerroile unter den
Fürsten, die dem König Wilhelm I. ohne Weiteres in
den Anfängen des Gustav Adolf-Vereins zufiel, konnte
er aber Rom gegenüber nicht spielen, weil die Kurie
Keller ablehnte und der vom König gestürzte Bischof in
, seinem kirchenpolitischen Verhalten in weitem Umfange
die Kritik der Diözesangeistlichkeit herausforderte.

Hagen schildert nun die einzelnen „Fälle", in denen
Geistliche der katholischen Kirche aus Gewissensgründen
j die „Einsegnung" einer gemischten Ehe verweigerten,
zu der sie nach dem Staatsgrundgesetz mit Investitur
I und pfarramtlicher Installation gezwungen waren. In
| allen diesen Fällen Mack, Henle, Sinz, Zell, Mattes,
Schmitt, Schneider, Haas, Kautzer, Kränzle und Egle hat
der königliche katholische Kirchenrat seine disziplinarischen
Maßnahmen getroffen, ohne sich auch nur mit dem
bischöflichen Ordinariat in Verbindung zu setzen. Das
konnte auf die Dauer nicht so fortgehen: Keller hat sich
zum aktiven Protest namentlich gegen die geschickte
Kirchenpolitik des Ministers von Schlayer erst entschlos-
| sen, als es zu spät war, als sich die Geistlichkeit von
i ihm abgewandt hatte, als der Zwiespalt zwischen ihm
und Rom unheilbar geworden war, als er selbst bereits
i am Rande des Grabes stand.

Zunächst wurde ein Ausweg gesucht, indem man der
evangelischen Kirche ein Recht und damit eine Pflicht
zur Trauung (Einsegnung) aller Mischehen bewilligte:
rein äußerlich genommen eine außerordentliche Macht-
! erweiterung der evang. Kirche. Aber sie erkannte bald
j den danaischen Charakter dieses Geschenkes, sie lehnte
i die obligatorische evangelische Trauung ab, wandte sich
; grundsätzlich gegen die Mischehe als solche und den
| in ihr zum Ausdruck kommenden Indifferentismus wie
': gegen die kirchenpolizeiliche Reglementierung durch den
j Staat und lehnte die „Segnung der Untreue" ab (S.
; 193 f.). Von da ab nahm man sich auf beiden Seiten der
seelsorgerlichen Betreuung der gemischten Ehen mit
besonderer Sorgfalt an. An Stelle einer obligatorischen
l evangelischen Trauung trat 1855 eine Notzivilehe in den
i Fällen, in denen der zuständige katholische Pfarrer aus
Gewissensgründen nicht amtieren konnte.

H. spricht von einem Sieg des erwachten katholischen
Gewissens über die Idee des Polizeistaates: sicher
; war das mit dem Ausweg der Zivilehe gefundene Kompromiß
ein Symptom für die Abkehr von Liberalismus,