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Ausgabe:

1932 Nr. 1

Spalte:

9-12

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kuhlmann, Gerhardt

Titel/Untertitel:

Theologia naturalis bei Philon und bei Paulus 1932

Rezensent:

Windisch, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 1.

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beruht und gleichsam eine Zusammenfassung der Resultate
ist, die sich dem Verf. in seiner langjährigen
Forschertätigkeit ergeben haben. Dies schließt nicht aus,
daß man hie und da an den Rand ein Fragezeichen
setzt, z. B. bei dem Satz über die Qnosis, wo Verf. sich
m. E. zu einseitig an Reitzenstein: „Das iranische Erlösungsmysterium
" anschließt (S. 12, dazu S. 34, Anm.
7); aber hier wie auch an einigen anderen Stellen (z.B.
S. 29 f.) wird lediglich die durch die Umstände gebotene
Kürze der Darstellung es veranlaßt haben, daß jeweils
nur e i n, dem Autor besonders wichtiger Gedanke hervorgehoben
wird, während anderes zurücktritt.

Halle/Saale. Walther Völker.

Kuhlmann, Dr. theol. Oerhardt: Theologia naturalis bei Philon
und bei Paulus. Eine Studie zur Grundlegung d. paulin. Anthropologie
. Gütersloh: C.Bertelsmann 1930. (145 S.) 8°. = Neutesta-
mentl. Forschgn. hrsg. v. O. Schmitz. [, Reihe: Paulusstudien. 7. H.

RM 4.50.

Vorliegende Arbeit ist eine Jenaer Dr.-Dissertation;
K. L. Schmidt und O. Schmitz, die Herausgeber, haben
den Verf. bei ihrer Aus- und Umarbeitung gefördert und
beraten. Nachdem die religionsgeschichtliche Erforschung
des Urchristentums, wie der Verf. meint, heute
dem Abschluß nahegekommen ist, gilt es jetzt, die
Frage nach dem sachlichen Gehalt des also Geläuterten
und Registrierten, die Frage nach der metaphysischen
Bedeutsamkeit der zutage gebrachten und in ihrer Struktur
freigelegten Fundamente des urchristlichen Denkens
und Empfindens zu stellen. Zum Gegenstand hat sich
K. die Theorie von der natürlichen Gotteserkenntnis gewählt
. Philo's Theorie von der theologia naturalis soll
mit der des Paulus verglichen werden.

Hier ist gleich ein Bedenken auszusprechen. Das
vom Verf. aufgestellte Programm weckt doch zunächst
einmal die Frage auf, was denn theologia naturalis
ist, ob Philo überhaupt in dem selben Sinne eine
theologia naturalis hat wie Paulus, oder wie die spätere
kirchliche Theologie, ob sie dasselbe bedeutet bei ihm
wie in der christlichen Theologie. In dieser steht sie als
eine Art Propädeuse vor und neben der Theologie
der speziellen geschichtlichen Heilsoffenbarung. Letzterer
entspricht bei Philo die Theologie des mosaischen Gesetzes
. Aber Philo macht den Versuch, diese Spezial-
theologie mit dem, was man auch bei ihm theologia
naturalis nennen könnte, zusammenzuschmelzen — so
wie die christliche Aufklärung auch die neutestament-
liche Offenbarungstheologie mit der theologia naturalis
zusammenband, d. h. jene auf diese zu reduzieren suchte.
Völlig ist der Versuch bei Philo nicht gelungen, als Jude
konnte er auch nicht restlos die Gesetzesoffenbarung
mit der natürlichen Offenbarung identifizieren. Hier ergeben
sich also jeder Vergleichung Schwierigkeiten
und Spannungen, und ich kann nicht sehen, daß
der Verf. ihnen völlig gerecht geworden, geschweige
sie sich prinzipiell klar gemacht habe, ehe er an seine
Untersuchung ging. Jedenfalls fehlt eine vorausgehende
Erörterung und Klärung des Begriffs theologia naturalis
und seiner Geschichtszusammenhänge.

Der erste Abschnitt (S. 7—37) ist der theologia
naturalis bei Philo gewidmet. Kapiteleinteilung: l.Der
Gottesbegriff; 2. Die Erkenntnis Gottes (Kosmos und
Gott; Ethos und Gott; Die Schau Gottes); 3. Die
Schöpfung (Der Glaube; Die Offenbarung); Ergebnis:
Th. nat. und natürliche Existenz.

Die Bedeutung dieses Abschnittes liegt darin, daß
hier zum ersten Male und in scharfsinnig origineller
Weise die Kategorien einer bestimmten Existentialtheo-
logie auf Philo angewandt werden. Da auch Philo
Paradoxaltheolog und Dialektiker ist, scheint er für
solche Interpretationsweise auch wirklich sehr geeignet
zu sein. Er ist es auch, aber nur in beschränktem Umfang
. Und wer es wagt Philo in diesem Sinne auszulegen
, muß ihn selbst zuvor sehr gründlich studiert
haben.

Ich habe durchaus den Eindruck, daß sich K. in

Philo's Schriften ordentlich umgesehen hat; es ist mir
aber fraglich, ob er sie so gründlich kennt, daß er bereits
es wagen konnte, eine neue Philointerpretation zu
geben. Als Wagnis und Versuch haben seine Ausein-
| andersetzungen gleichwohl einige Bedeutung. Immerhin
i nur mit großer Vorsicht und nicht ohne Prüfung sind
sie hinzunehmen.

Das gilt vor allem von den Schlußsätzen der einzelnen Abschnitte.
Man hat oft Mühe, Philo's Denken in ihnen wiederzuerkennen.

So endet z. B. der Abschnitt ,Ethos und Gott' mit dem Satz „Im
: Gehorsamsein dem eigenen Gesetz entläßt der Mensch sich selbst, um
I das zu sein, was er ja schon ist; er wirft sich in seine Geschöpflichkeit
j und gibt sich Gott seinem Herrn zu eigen" (S. 20). Das ist Theologie
j von 1930 und man muß Philo schon sehr gut kennen, um die Ele-
i mente aus seiner Theologie zusammenzufinden, aus denen der Vf. diese
| Synthese gebaut hat. Völlig vorbereitet ist der Satz in den vorher gegebenen
Belegen nicht, am wenigsten in dem Satz: Der öntföc, Xöyo?
eröffnet dem Menschen die Dimension des Gehorsams, weil er ävtodxv
cot' oüpavoü seinen Ruf erschallen läßt, denn an der hier zitierten
Stelle de congr. er. gr. 36 steht etwas ganz anderes, nämlich daß Gott
1 einer bestimmten Art von Menschen, dem uÖTOuuftec, yevoc, dieses aüto-
paüEC, xai aütoöiöaxTov xaköv (speziell) üvojtrsv tut' oöpavoö
herabregnen läßt!

Gutes und Richtiges findet sich in dem Abschnitt „Die Schau
Gottes" ; er hätte nur noch ausführlicher sein sollen, vor allem ist der
Schlußsatz nicht hinreichend interpretiert: Die Natur ,ist' die Gnade
und alle echte Erkenntnis Gottes Offenbarung. „Die Natur .ist' die
I Gnade" ist ein außerordentlich wichtiger, aber auch vieldeutiger Gedanke
. Nicht jeder Leser wird dem vorangehenden Philo-fragment y.üpiv
övxu Oeoü tu jiüvxu (qu. deus immut. 107) entnehmen, daß bei Philo
gemeint ist: das All, nämlich Erde, Feuer, Wasser, Luft, Sonne, Sterne
u. s. w. ist Gnadengeschenk Gottes an den Kosmos und an seine Teile.

Im Abschnitt über den Glauben finden wir den Satz (S. 25):
Gotteserkenutnis ist die endgültige Freigabe aller echten „Natur" im
Vollzuge ihres Gedachtwerdens; sie ist .natürlich' schlechthin ; in ihr hat
der Mensch die echte .Freiheit' zu sich selbst; nämlich .Geist' zu sein.
Die Formulierung klingt mehr nach Hegel, als nach Philo, und an der
hierzu angeführten Stelle (a. a. O. 47) steht denn auch wieder etwas
anderes zu lesen, nämlich daß Gott durch einen erlösenden Eingriff den
Geist freigemacht hat, daß aber der Mensch kraft der ihm geschenkten
EtjEkovpYÖc, xoti. apToxeiEuotoq yvotuTi für sein Tun verantwortlich ist.
Ich glaube daher auch nicht, daß der folgende Hauptsatz „Gotteserkenntnis
ist eine bestimmte Grundhaltung des konkreten Menschen,
ein Modus der individuellen Existenz selbst" (S. 26) für Philo zutreffend
ist, jedenfalls nicht in dem Maße, wie es die sich anschließenden Sätze
über den Glauben sind.

Auch den Sätzen über die Erlösung kann ich leider nicht ohne
weiteres beistimmen (S. 33 ff ). „Aber die Freiheit zur Sünde enthält
zugleich die Möglichkeit zur Erlösung von ihr" ist kaum philonisch
richtig gedacht; ebenso wenig kann vom voüc, gesagt werden: als sich
durchhaltendes Prinzip garantiere er die Sünde und zugleich die Er-
I lösung von ihr; an der zitierten Stelle de migr. Abr. 124 steht nur,
! daß der voüc, wenn er im Menschen verbleibt und nicht flieht, die Er-
I lösung (gewissermaßen) garantiert — die Sünde kann er gar nicht
„garantieren" — und auch jenes nur insofern zu hoffen ist, daß Gott
i seine gütige Macht sendet und den kranken Menschen heilt. Hier sieht
man auch, wie Philo von der Erlösung redet, was der Vf. leider nicht
ausreichend verwertet. Auch den Satz „Erlösung ist . . . die handelnde
, Anrede des Schöpfergottes an den existierenden Menschen", wie er sich
im je neuen Augenblicke verstehen möge" (S. 34), vermag ich aus Philo
nicht zu belegen. Gar vom eschatologischen Charakter der Existenz,
; den die Schöpfung offenbare, soll man bei Philo lieber nicht reden.

Mein Schlußurteil. Die theologischen Sätze des
Verf.'s sind als theologisch-philosophische Sätze wert-
i voll, aber über Philo gleiten sie vielfach hinweg. Über
I Philo's Begriffe der Offenbarung, der Erlösung, vor
| allem über seine Stellung zur theologia naturalis wäre
| noch viel mehr zu sagen, wenn man nur bereit ist, auf
] das zu „hören", was er wirklich sagt und es zunächst
i einmaLmit seinen eigenen Worten wiederzugeben.

Der zweite, größere Hauptteil (S. 38—109 behan-
1 delt die theologia naturalis bei Paulus, und
zwar in drei Kapiteln: Schöpfung und Offenbarung
i (Rom. 1, 18ff.), Gesetz und Gewissen (Rom. 2, 1 ff.)
und Gesetz und Sünde. Dazu kommen zwei Exkurse,
einer über die Areopagrede und ein zweiter über Ver-
) nunft und Offenbarung, in dem der Verf. sich mit Loh-
i meyer, Bultmann, K. Barth und dem Katholizismus
j interessant auseinandersetzt. Das Schlußergebnis wird
unter der Überschrift „Weisheit" und „Torheit" vorge-
! tragen.