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Ausgabe:

1932 Nr. 12

Spalte:

269-272

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gordon, T. Crouther

Titel/Untertitel:

The Rebel Prophet. Studies in the Personality of Jeremiah 1932

Rezensent:

Wendel, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 12.

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Friedländer deutet niemals auf diese Grenze. Warum
zwar sollte er auch davon sprechen? Die Richtigkeit
seiner Piatoninterpretation wird davon nicht betroffen.
Ein Einwand läßt sich hier nicht machen. Piaton zu richten
vollends kann dem nicht zugemutet werden, der
seine volle Kraft daran gesetzt hat, den unvergänglichen
Anspruch der Platonischen Rede durch alle Verhüllungen
hindurch kenntlich zu machen. Aber hin und wieder —-
nicht nur, wie es geschieht, auf die Ursprünge zurückzuweisen
, sondern auch — auf die Zukunft vorauszudeuten,
bloß um die Geöffnetheit jeglichen Werkes gegen diese
Zukunft hin nicht zu verbergen, wäre unter dem Maßstab
der Endgültigkeit vielleicht zu wünschen gewesen.
Auch sonst wäre im Einzelnen vieles zu fragen und anzumerken
. An dieser Stelle darf es bei dem Dank dafür
sein Bewenden haben, daß eine volle Ernte in die
Scheuern gebracht ist, ohne daß es deshalb not wäre,
„die Saatflur feiern zu lassen". Von der Vielfalt des Unkrauts
gereinigt, wird sie hinfort ihre unerschöpfliche
Fruchtbarkeit neu unter Beweis stellen können.
Bremen. H. Knittermeyer.

Gordon, T. Crouther: The Rebel Prophet. Studies in the Personality
of Jeremiah. London: James Clarke& Comp. 1931. (256 S.)
kl. 8°. 6 sh.

Unter den Arbeiten zum Verständnis der prophetischen
Frömmigkeit müssen seit langer Zeit die vielen
Studien gerade über Jeremia auffallen. Die Begründung
hierfür ist nicht nur in seiner historischen Bedeutung
innerhalb der Religion Israels, sondern auch in seiner
praktischen für die christliche Gemeinde der Gegenwart
zu suchen. Wie vielerorts haben gerade in der Nachkriegszeit
seine Glaubenszeugnisse ihre aufrichtende
und klärende Kraft beweisen dürfen! Den Reichtum des
Buches in seinen vielfach schlagenden politischen und
religiösen Parallelen konnte ich in den Bibelstunden
meiner Dorfgemeinde im vergangenen Jahre erleben.
So ist denn gerade die jüngste deutsche Literatur darauf
ausgegangen, seine Persönlichkeit und seine Frömmigkeit
dem Verständnis zu erschließen. Das tat H. W.
Hertzberg in einer tief nachempfindenden Weise in
„Prophet und Gott", 1923, worin Jeremia der weiteste
Raum zugeteilt ist. Ausführlich und umfassend geschah
es in P. Volz' warmherzig und glaubensverständig geschriebenem
J.-Kommentar, 2. Aufl. 1928, auch in seinem
feinen Schriftchen: „Der Prophet J.", 3. Aufl.
1930. Gerade eben war auch Martin Bubers J.-Über-
setzung erschienen (vgl. meine Besprechung in dieser
Zeitschrift). Auch in der angelsächsischen Literatur findet
man J. besonders beachtet. Ähnlich wie bei Hertzberg
ist J. der eigentliche Gegenstand der Untersuchung
in J. Skinners: „Prophecy and Religion", 1930 in 3.
Ausgabe, mit dem Untertitel: Studies in the Life of Jeremiah
. George Adam Smith ließ einen „J." 1929 in
2. Aufl. erscheinen, wiederum u. a. auf Persönlichkeit
und Frömmigkeit Wert legend. Auch in R. Calkins
jüngster Schrift: „Jeremiah the Prophet" ist der Untertitel
charakteristisch: A Study in Personal Religion.

Gordons Buche liegen Vorlesungen zugrunde, die er
im Winter 1930/31 im Trinity College in Glasgow gehalten
hat. Etwas reklamehaft grüßen den Leser die Ergebnisse
bereits auf dem Umschlag: „Dieses Buch hebt
die gewöhnliche Meinung über den größten der Propheten
auf". Er ist: kein bloßer Visionär — sondern:
Staatsmann mit nationaler Politik; er war kein sich
duckender Schreier, — sondern: trotziger und fester
Rebell; kein Erz — Pessimist — nein, der einzig wahre
Optimist; die neue Übersetzung erweist ihn als ausgezeichneten
und zarten Dichter; er ist der Haupt-Mystiker
; seine Parallelen zu Jesus sind erstaunlich vielfach.

Die Ausführungen und Begründungen gerade so
formulierter und vorgestellter Thesen wird man natürlich
mit besonderem, aber auch kritischem, Interesse durchprüfen
.

I. Die Psychologie der Prophetie. Gegen die niederen Pr.
(Ekstatiker) werden die höheren (mit Normalbewußtsein) abgegrenzt.

; J. ist eine geteilte Persönlichkeit. Unterbewußtsein und Bewußtsein stehen
' im Konflikt. Gottverbundenheit, gewöhnliches Bewußtsein und morali-
, sches Urteil kennzeichnen die echte Prophetie.

II. Der Mensch hinter dem Buch. Die literarkritisch gesichteten
' Quellen ergeben folgendes Bild: J. ist der Sohn eines pietätvollen Priesters
, gehört den höheren Kreisen der gebildeten Aristokratie an. Familie

j und Gegner bringen ihn gelegentlich zum Schwanken, auch zum Pessi-
1 mismus. J. ist liebevoll gegen das Volk als ganzes, denn aus Idealist
; glaubt er an seine Geschichte: er ist hart gegen Einzelne.

III. Der Prophet als Staatsmann. Der St. hat viel weitere
i Gesichtspunkte als der Politiker. Er sieht über die Volksgrenzen und
I ist international eingestellt. Für jeden Stamm und für jedes Volk weiß
j J. das Schicksal zu deuten. Äg.s innere Schwäche, Bab.s sittl. Stärke

und daher Aussicht sieht J. Im Exil gibt er den richtigen Rat. Er führt
zur Vergeistigung der Rel. Arnos und Jesaia, auch Hosea und Micha,
sind höchstens Politiker; J. als großer Staatsmann ist gottgetrieben und

j gotterleuchtet, wie Cromwell etwa. Er ist als Realist Gegner der Apo-

I kalyptiker, verbindet Politik, Moral und Religion.

I IV. Der Prophet als Rebell. Vorwärts treibende Rebellen wer-
! den üblicherweise von der bestehenden Gesellschaft getötet. Doch das
j prophetisch Neue, das einst gegen Traditionsverfestigung gekämpft hatte,
' verfestigt sich später selbst zu Kirche und Staat, j. kämpft gegen die

Erstarrung, indem er erklärt: Alle Völker braucht Gott zu seinen Zwecken.

Darum steht er gegen: Geschriebenes Gesetz, Kult (der nicht göttl.

Urspr.) Priestertum, Lade Tempel (weil nur Nationalheil.), Königtum,

Hof, Adel. Tempelzerstörung bringt Aufstieg. Die Rede bei Jojakims

Thronbesteigung ist der Höhepunkt der Tat. J.s. Josia gewinnt als ehrl.

Diplomat J.s. Wohlwollen, der aus Rel. bester Patriot ist, obwohl er

Verräter zu sein scheint.

V. Der Prophet als Optimist. Durch seine Blickrichtung auf die
Menschheit, nicht auf das Einzelleben, wird J. zu einem gemäßigten

! Opt. geführt, der auf Pessimismus ruht. Hoffnung auf Besserung und
dadurch Rettung des Volkes. Aufstieg nach nat. Demütigung erhofft.
Neuer Staat in Mizpa. Gutskauf. Grund des O.: Alles muß der Erfüllung
des göttl. Heilplanes dienen. Der Tag wird kommen, an dem
alle erkennen: Gott braucht nicht Tempel und Priester. J. malt Bilder

, der Rückkehr aus, er glaubt an den Fortschritt in der Geschichte.

VI. Der Prophet als Dichter. Der Dichter will den Menschen
mit seinem Los versöhnen; der Proph. fordert das Leben heraus. J.s

' Dichtkunst ist ersichtlich aus: Seinen 3 Typen des Parallelismus (syno-
! nymer, antithetischer, synthetischer); aus seinen poetischen Bildern; s.
j Kurzgedichten; seiner Verwendung der Klageliedstrophe; er ist Lyriker,
er hat nicht die Technik der griech., röm., arab. Poesie, aber ursprüngliche
Freiheit und Anmut.

VII. Der Prophet als Mystiker. Entgegen gewohnter Behauptung
gibt es auch in Israel Mystik. Bei J. sind Beweise für sie: Selbstqual,

! Askese; gerade das Naturgeschehen erfüllt ihn mit Schaudern; die Über-
| macht und Größe Gottes wird erdrückend erlebt; J. ist der Gott der
j ganzen Welt; sein Dasein ist unbeschreibbar; Audition überwiegt Vision ;

Rituallosigkeit ist auch Zeichen von M. Auch Jesus ist Mystiker; Eins-
i sein im Wesen. J. hat allerdings nie völlige Einheit gehabt. J.s Mystik

ist nicht ethisch neutral. Sein mentales und moralisches Urteil tritt
I zum Mystischen in seiner Person. Das ist seine Paradoxie wie die Jesu.

VIII. J. und Jesus. Es sind viele Parallelen vorhanden: Die
1 gleiche hist. Lage; neues Leben aus der Erstarrung; Botschaft an die

Welt; Dorf und Naturverbundenheit; doch ein weiter Blick; beide aus
| einem Haus mit Traditionen; als Kind der Sendung schon bewußt;
nicht heiraten ; Tempel-Lästerung; weinen über das Volk; gegen die Tora;
, (Gesinnungs-) Ethik über Kult; die Priesterbefehdung führt zum Ver-
J derben ; am Beispiel des Jer. hat ja Jesus gelernt, an ihm sieht er seinen
Tod kommen; neuer Bund, übernational; dichterisch, letzte Wahrheiten
nur in Symbolen ; tiefe Liebe zum Volk; Jesus trotz der Jünger einsam
wie J.; bei beiden ist Rel. = persönl. Verbundenheit mit Gott.

Die Veröffentlichung von ausführlich gehaltenen,
weithin lediglich den Quelleninhalt referierenden Vorlesungen
, verlebendigt durch Berichte von Ausgrabungen
usw., hat in einem Lande, das es sich heute noch leisten
kann, gewiß seine Berechtigung. Das gilt auch dann,
j wenn vieles Bekannte gesagt wird', insofern es eben mit
; geschickten und ansprechenden Erklärungsversuchen vor-
; getragen wird. So wird auch das Buch des Verf.s, eines
; anscheinend sehr guten Pädagogen, bei Anfängern und
in weiteren Kreisen gewiß viel nutzbringende Anregung
und Belehrung zu bringen vermögen. Es ist dann freilich
! ratsamer, man trägt Altes und Erprobtes in geeigneter
neuer Form vor, als daß man unbedingt viel Neues, —
ausgerechnet in einer Vorlesungsreihe — bringen will.
Wenn man diese nun gar als Umsturz der seitherigen
I Forschung deklariert, hat man zu unsanftem Angefaßt-
: werden von Seiten eines Rezensenten ja die moralische
Handhabe selbst gegeben.