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Ausgabe:

1932

Spalte:

261-262

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jaensch, Erich

Titel/Untertitel:

Wirklichkeit und Wert in der Philosophie und Kultur der Neuzeit 1932

Rezensent:

Sybel, A. von

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 191)2 Nr. 11.

262

fruchtbar gemacht werden. Er selbst geht freilich weiter
und begrüßt in Klages' Biosmystik einen wesentlichen
Schritt zur Gewinnung der „natürlichen Hierarchie der
Werte" und einer „Diesseitsreligion". Wenn wir hier
nicht folgen, so ist doch anzuerkennen, daß Klages Tiefenerlebnisse
am naturhaften Sein vermitteln kann, die
allerdings anders eingeschätzt werden müßten.

Berlin. A. »• S y b e 1.

Jaensch, Erich: Wirklichkeit und Wert in der Philosophie
und Kultur der Neuzeit. Prolegomena z. philos. Forschg. auf
d. Grundlage philos. Anthropologie nach empirischer Methode. Berlin
: O. Eisner 1029. (XVI, 256 S.) gr. 8°. = Monogr. z. Grundlegung
d. philos. Anthropologie u. Wirklichkeitsphilosophic, hrsg. v. I
E. Jaensch, I. RM 10- ; geb. 12.50.

Diese Arbeit will das einheitliche Ziel einer Reihe
Von Untersuchungen mit dem oben genannten Gesamt-
fitel umreißen, andererseits die historischen Voraus-
Setzungen der Aufgabestellung aufzeigen. Es handelt
sich um die Begründung einer philosophischen j
Anthropologie nach empirischer Methode,
die unter ausgiebiger Verwendung spezialistischer Mittel,
auch des Experimentes, den Seinsgehalt des Realen
voller erschließen und zugleich die im Realen enthaltenen
Werte aufdecken soll. Es geht dem Verfasser in
erster Linie um das Objektive, um die „Welt" eines ,
Menschen oder einer Menschengruppe nach ihrem Wahr-
heits- und Wertgehalt, nicht nur um den Bewußtseins-
und Subjektanteil der jeweiligen Befunde.

Jaensch stellt sich in einen doppelten Gegensatz, :
einmal zur positivistischen Naturwissenschaft, anderer- j
seits zum Apriorismus der Gegenwart und letzten Ver-
gangenheit. Diesen beiden Positionen ist nach Jaensch ;
gemeinsam, daß sie Wirklichkeit und Wert auseinanderreißen
, erstere, indem sie die Werte grundsätzlich für
einen aus Wirklichkeit und Wissenschaft auszuschalten- j
den Schein erklärt, letztere, indem sie die Werte zwar
anerkennt, aber nicht in der empirischen Wirklichkeit
sucht, sondern in einem transzendentalen Bereich, in j
einem irrealen Wertreich oder dergl. Jaensch bezeichnet
Theorien dieser Art als Komplementärtheorien |
des Positivismus, weil sie mit diesem die Voraus- j
Setzung der Ausschaltung der Werte aus der Empirie
teilen und von diesem Boden aus sozusagen seine Ergänr '
zung bilden. Er erörtert diese Komplementärtheorien
ausführlich am Beispiel des Neukantianismus, der j
Rickertschen Wertphilosophie und des Systems von
Bruno Bauch. Die nach Jaensch ebenfalls hierher gehörige
Phänomenologie sowie analoge Komplementärtheorien
auf theologischem Gebiete (gemeint ist die
Ritschl-Herrmannsche Dogmatik, siehe 'S. 117 u. 208, 1
Anm.) will er an anderer Stelle behandeln. Der Ver- I
fasser fragt sich, wie es zu jener „im Grunde höchst j
seltsamen" Auseinanderreißung von Wirklichkeit und j
Wert gekommen sei. Am Anfang der modernen Wissen- ;
schaff steht die undifferenzierte Einheit von Sein und j
Wert, von Naturalismus und Idealismus. Jaensch bespricht
als Beispiel der anfänglichen Einheitsauffassung
zunächst Descartes und dessen schöpferisches Vertrauen
auf die Rationalität des Geistes und der Welt.
Aus dem damit gegebenen Gesamtlebenssinn erwuchsen
ihm die Impulse &zur Erforschung beider Gebiete. Dann |
wendet sich Jaensch zu den Anfangen der neueren Gei- |
stes- und Lebenswissenschaften. An W. v. H u m b o 1 d t,
Schleiermacher und anderen führenden Geistern
jener Zeit, besonders eingehend an Johannes Mül-
1 e r, dem „eigentlichen Begründer und überragenden |
Meister der Lebenswissenschaften", zeigt er, wie damals
das Aufkommen einer neuen Einheitsauffassung zu einer
Vertiefung des Erkennens führte. Die Natur galt als
„Chiffreschrift des Geistes", Wert und Norm prüfte man !
auf ihre „Echtheit", auf ihre Verwurzeltheit in den j
elementaren, vorbewußten Schichten, zu deren Sinnhaftig- ;
keit man ein tiefes Vertrauen hatte.

Voraussetzung solcher lebendigen Einheitsauffassung !
von Natur und Geist ist nach Jaensch diejenige seelische

Struktur, für die er den Terminus der Kohärenz
eingeführt hat, die starke Durchdringung von Subjekt
und Objekt, die intensive seelische Anteilnahme am Objekt
. In der Jugend weit verbreitet als vorübergehende
Form, ist die Kohärenz in ihrer Dauergestalt (Typus
des „integrierten Menschen") die Grundlage
für alles wirklich fruchtbare Schaffen, im Erkenntnisbereich
insbesondere die Voraussetzung für die Entdeckung
neuer Seiten des Wirklichen und "für die Begründung
neuer Methoden seiner Erforschung. Die Abtrennung
der Werte von der Wirklichkeit in der positivistischen
Epoche ist nach Jaensch der Ausdruck für den
Verlust der Kohärenz. Der in den immer mehr
sich ausbildenden Methoden objektiv gewordene Geist
gewährte zwar Erkenntnissicherheit, löste sich aber von
seiner lebendigen Quelle. Der einheitliche Lebenssinn
und das Gefühl für die im Wirklichen enthaltenen Werte
gingen verloren.

Die philosophische Anthropologie, geboren aus einer
Halfung, die die Erkenntnis tätig in den Dienst des
Lebens stellen wolle, helfe die Einheit des Lebenssinnes
wiederherstellen. Sie tue das zunächst durch die Entdeckung
der Kohärenzstruktur und ihrer Bedeutung für
das Erkennen. Freilich dürfe die Kohärenzforderung nur
mit kritischer Besonnenheit erhoben werden, da die mit
der Kohärenz verbundene starke Beteiligung der Subjektivität
zwar dem Denken Stoßkraft verleihe, aber doch
auch leicht in die Irre führe, wie gerade das Beispiel
der idealistischen Epoche vielfach zeige. Die durch die
ausgebildete Methodik geschaffene Erkenntnissicherheit
dürfe nicht preisgegeben werden. Aber mindestens an
einzelnen ausgezeichneten Punkten der Forschung und
Lehre (Bedeutung der Kohärenz für die Pädagogik!)
müsse das Kohärenzerlebnis immer wieder verwirklicht
werden, wenn die Wissenschaft nicht erstarren solle.
— Entscheidenderes noch leiste die philosophische Anthropologie
durch die Erforschung der im Wirklichen
enthaltenen Werte. Sie finde „Grundformen des menschlichen
Seins" (Titel von Band 2 dieser Schriftenreihe),
mit denen wertorientierte Tendenzen verknüpft seien,
die sich schon in den elementaren Lebensschichten zeigten
. Erwiesen sich so die Werte als schon im Bereich
naturhaften Seins wirksam, so schließe sich die Kluft
zwischen Wirklichkeit und Wert.

Die Bedeutung des hiermit gegebenen Programms
kann nur an Hand seiner Durchführung bewertet werden.
Im Ganzen betrachtet ist das Buch, aus dessen vielseitigem
Inhalt hier nur die Hauptlinie herausgehoben werden
konnte, Zeugnis eines erfreulichen Dranges nach
vollem und lebendigem Erfassen der Wirklichkeit.
Berlin.____A. v. Sybel.

Lexikon für Theologie und Kirche. 2., neubearb. Aufl. d. Kirchl.
Handlexikons. In Verbdg. in. Fachgelehrten u. m. K. Hofmann als
Schriftleiter hrsg. v. M. Buchberger. 2. Bd.: Bartholomäus
bis Colonna. 3. Bd.: Colorbasus bis Filioque. Freiburg i. Br :
Herder & Co. 1931. (IV, 16* S., 1024 Sp., 6 S. Taf., 25 Kartenskizzen
, 125 Textabb. u. VIII S., 1040 Sp. in. 6 Taf., 2 Ktn
12 Kartenskizzen u. 73 Textabb.) Lex. 8°.

je RM 26—; Lwd. 30—; Hidr. 34—.
Der zweite und dritte Band des LThK., die jetzt vorliegen
, fallen von vornherein wieder auf durch die Fülle
der einzelnen Artikel. Die meisten von ihnen behandeln
naturgemäß geschichtlich bedeutsam gewordene Orte und
Personen; soweit der Rezensent in der Lage ist über sie
ein Urteil abzugeben, sind sie meist zuverlässig. Die
Literatur ist bis 1930 hin sorgfältig verzeichnet; einzelne
Ergänzungen sind selbstverständlich immer möglich. Bei
Anton Corvinus fehlt z. B. ein Hinweis auf Adolf Bren-
nekes, „Geschichte des hannoverschen Klosterfonds"
Bd. [, 1928; für Luthers Bibelübersetzung auf E. Hirsch's
Buch. Bedenken erregen mir z. T. die Artikel über England:
Th. Crom well, Cranmer, O. Cromwell, über den ein scharfes
Aburteil gefällt wird; H. Kittels Buch über ihn enthält
die Zensur „apologetisch". Auch der Artikel „Deismus"
könnte tiefer führen. Daß Bornholm eine Schwedische
Insel sein soll, ist merkwürdig.