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Ausgabe:

1932

Spalte:

259-261

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Prinzhorn, Hans

Titel/Untertitel:

Charakterkunde der Gegenwart 1932

Rezensent:

Sybel, A. von

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259

menstellungen, je nach dem Verhältnis der Vor- oder
Zuordnung von geschichtlicher und prophetischer Interpretation
. Ein völliger Verzicht auf eine der beiden
Funktionen ist ja nirgends zu finden. Dagegen kommen
die Schwerpunkte doch sehr mannigfaltig zu liegen,
anders bei Barth und Bultmann als bei von Dobschütz,
Seeberg, Behrn, Frick und Fascher, anders wieder bei
Procksch und jelke als bei Fr. Traub, Girgensohn und
H. E. Weber, mit dessen Anschauungen sich der Verfasser
in dieser Frage wohl am nächsten verbunden weiß.

Die eigentlich systematische Grundlegung erfolgt
vom Wesen der Offenbarung her. Offenbarung ist
Selbstdarbietung Gottes zur Gemeinschaft in der Geschichte
, die an einem bestimmten Punkt in Jesus Christus
ihre Krönung findet. Damit ist schon gegeben,
daß das Wort immer zunächst in der Verbindung mit
der konkreten Situation, in die hinein es ursprünglich
ergangen ist, verstanden werden muß. Auf das schroffste
wird in diesem Zusammenhang dem philologischen
und geschichtlichen Wissenschafts-Dilettantismus, der
sich heute wieder einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen
beginnt, der Kampf angesagt. „Ob es Freude macht
oder nicht, der Text fordert als historisches Dokument
sein Recht. Der Theologe hat keine besondere griechische
Grammatik (eher schon, aber aus sachlichen Gründen
sein besonderes Lexikon!) und keine besondere Zeitgeschichte
''. Auch wird er hier keinem sachkundigen Führer
anderer Prägung und Voraussetzung die Mitarbeit wehren
, sondern überall zu lernen suchen, was zu lernen ist.
Weil aber der Inhalt dieser geschichtlichen Offenbarung
gerade darin liegt, daß dem Hörer hier eine Entscheidung
zugemutet wird, darum kann man das Anliegen des
Textes nicht wahrhaft sachgemäß erfassen, wenn man
nur auf das „Geschichtlich-zufällige achtet und nicht auf
das, was dem Wort die Hauptsache ist". Wie zur
Malerei ein sehendes Auge und zur Musik ein hörendes
Ohr gehören, so gehört auch zur Schriftauslegung die
theologische Arbeitsweise als die diesem Gegenstand zuletzt
allein angemessene. Es geht nicht an, die geschichtliche
und die übergeschichtiiche Schriftauslegung einander
gegenüber zu stellen, als „wissenschaftliche" und
„tlieologische" Exegese, beide sind vielmehr in gleicher
Weise sowohl wissenschaftliche wie theologische Angelegenheit
und Aufgabe der wissenschaftlichen Theologie.
Daß diese Zweistufigkeit sachlich unentbehrlich und im
höchsten Maße fruchtbar ist, wird zuletzt noch an einigen
biblischen Grundbegriffen wie Eschatologie, Gesetz
, Dämonologie eindrucksvoll veranschaulicht. Oepke's
Schrift ist ein erfreulicher Beitrag dafür, wie heute die
neutestamentliche Forschung wieder systematische Fragestellung
und höchste Sauberkeit der geschichtlichen Forschung
in glücklicher Form zu vereinigen weiß.

Basel. Adolf Köberlc.

Prinzhorn, Dr. Hans: Charakterkunde der Gegenwart.

Berlin: Junker & Dünnhaupt 1931. (IX, 122 S.) er. 8*. = Philos.

Forschungsberichte, 11. RM 5—.

Der Verfasser will eine kritische Übersicht über die
wesentlichsten Begriffe, Methoden und Systeme der Charakterologie
geben unter Hervorhebung der besonderen
Art und Begabung der bedeutendsten Forscher. Der
mögliche Erfahrungsbereich und das Begriffswerkzeug
eines Psychologen hängen ja ab von dessen eigener
Persönlichkeitsstruktur.

Prinzhorn sieht in der Charakterkunde die Grundlage
für alle Wissenschaften, die es mit dem Menschen zu
tun haben. Aus ihr erwachse wie von selbst die Wirklichkeitslehre
vom Menschen, die philosophische Anthropologie
. Nach einem Überblick über die Literatur beginnt
er mit einer vielfach klärenden Erörterung der Hauptbegriffe
wie Charakter, Person, Persönlichkeit, Individuum
usw. Es folgt die Besprechung der Methoden.
Die sog. objektiven Methoden (Tests, Statistik) können
nur die psychologischen Kenntnisse, die man schon hat,
bestätigen und klaren. Ohne eigene seelische Erfahrung

angewandt, führen sie zur Verflachung. Die psychoanalytischen
Methoden betonen die Genese des Charakters
und haben die Tendenz, den Sachverhalt Charakter
überhaupt aufzulösen. (Als erträglichste Charakterlehre
solcher Art auf protestantischer Basis nennt
Prinzhorn neben der von P. Häberlein die individualpsychologische
von Fr. K ü n k e 1.) Den Forschern nach
psvehopathologischen und überhaupt medizinisch-biologischen
Methoden fehlt die Denkschulung. Sie ersticken
im Material oder erliegen wie E. Kretschmer der
Gefahr vorschneller Begriffsbildung. Die eigentliche Methode
der Charakterforschung ist die „rein charakterolo-
gische", ausgebildet zuerst von L. Klag es, außerdem
von A. Pfänder, dessen Hauptwerk aber noch nicht
vorliegt. Klages stützt sich in erster Linie auf die Befunde
einer dynamischen Physiognomik, auf
das Studium der Bewegung in ihrem Ausdrucksgehalt,
vor allem der Schreibbewegung in ihrem Niederschlag,
dann von Gang, Haltung, Sprechweise usw. Als „Kompaßnadel
" dieser Funktionsphysiognomik dient der Satz:
„Der Leib ist die Erscheinung der Seele".

Die vorhandenen charakterologischen (iesamtbilder
vom Menschen teilt Prinzhorn ein in „natürliche Systeme
" und „konstruktive Schemata". Als Schöpfer „natürlicher
" Bilder vom Menschen „mit klaren, eindeutigen
Farben und Konturen" läßt er neben dein (jetzt bei
J. A. Barth neu edierten) Vorläufer einer wissenschaftlichen
Charakterkunde J. Bahnsen nur vier Forscher
gelten, Mc Dougall, P. Janet, S. Freud und vor
allem L. Klages. Zu den Aufstellern konstruktiver
Schemata zählt er Forscher wie W. Stern, E. Spran-
g e r, C. G. J u n g, d i e G e b r. J a e n s c h, E. K r e t s c h-
mer. (Den typologischen Versuchen der drei Letztgenannten
wirft er vor, daß sie Spezialaspekte viel allgemeinerer
Grundrichtungen verabsolutierten.) Jene vier
Erstgenannten charakterisiert er eingehend und zum Teil
feinsinnig nach der Art ihrer seelischen Empfänglichkeit
und ihres Begriffsapparates, nach Reichweite, Schranken
und besonderen Vorzügen. Als der eigentliche Schöpfer
einer wissenschaftlichen Charakterologie gilt ihm L.
Klages. Er hat die größte Reichweite und die präzisesten
Begriffe. Sein System passe für den lateinischen,
griechischen, nordischen, asiatischen und primitiven Menschen
. Der jüdisch-christliche Mensch freilich werde
„durch eine sehr harte Kontrastierung seiner inneren
(iegensätzlichkeit zwar tief durchleuchtet, aber etwas
einseitig negativ gewertet". Von deskriptiven Ansatzpunkten
ausgehend und diese metaphysisch auswertend
faßt Klages den Menschen als in einer Urspannung
stehend zwischen zwei Mächten, Bios und Logos oder
Leib-Seele und Geist-Wille. So sieht er auch den Charakter
zweischichtig. Über eine Schicht „es"hafter Kräfte,
der Triebe, lagert sich eine solche vom Ich aus orientierter
„Interessen" und Willensrichtungen. Die Ichkräfte
können sich an den Lebensgrund hingeben oder
sich ihm in Selbstbehauptung entfremden. Von dieser
Basis aus stellt er, immer in Anlehnung an die Empirie,
sein vielseitig durchgeführtes, jedoch, wie ich glaube, gemessen
z. B. an Pfänders Versuchen, doch noch keineswegs
genügendes charakterologisch.es System auf. An
fruchtbaren Leitgedanken hebt Prinzhorn vor allem das
schon erwähnte Prinzip der Leib-Seele-Einheit hervor,
mit dem Klages die Linie Aristoteles, Thomas v. Aq.,
Herder, Goethe, Carus, Nietzsche fortsetze. Danach ist
sowohl die bloß körperliche Beschreibung vitaler Vorgänge
als auch die nur psychologische von Erlebnissen
grundsätzlich falsch, da es sich immer um die Einheit
von Leib und Seele handelt. Ferner nennt er das (heute
aktuelle) Prinzip der Mehrschichtigkeit des Seelenlebens,
sodann die Auffassung der Begabung als Gestaltungskraft
, faßbar an der „Ausdrucksbegabung". Die Gegenüberstellung
von Bios und Logos im obigen Sinne sollte,
so empfiehlt Prinzhorn mit Recht, unter Absehung von
Klages' metaphysischer Kampfstellung gegen den Logos
nach ihren deskriptiven Ausgangspunkten gewürdigt und