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Ausgabe:

1932 Nr. 1

Spalte:

251-253

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Karl

Titel/Untertitel:

Aus der akademischen Arbeit 1932

Rezensent:

Wolf, Ernst

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'251

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 11.

die versuchsweise für echt oder unecht erklärt werden
(1. Tim. 2, 14 ist das gute Werk der Frau, daß sie dem
Reiche Gottes neue Glieder schafft!). Das Schlußkapitel
faßt zusammen. Aus der Entwicklung des Paulus bis
zu seiner Bekehrung läßt sich vermuten, daß er niemals
eine innere Beziehung zu einer Frau gehabt hat. Er
muß von jüdisch-hellenistischer Ehemüdigkeit angesteckt
sein. Paulus' Wertung der Frau ist im Rahmen
seiner Zeit nicht besonders hoch, aber er will den Christen
auch in dieser Frage frei wissen von der Welt, i
„Und das ist, was uns Paulus auch in seiner Stellung
zu Frau und Ehe liebenswert macht" (S. 160).

Was diese ganze Untersuchung so unbefriedigend
macht, ist das fast gänzliche Fehlen der zu Beginn genannten
methodischen Erfordernisse. Der Verf. bespricht
jeweils einzelne Fragen aus dem Text, ohne den
gesamten Zusammenhang zu exegisieren, und bringt die
für das Verständnis des Textes wichtigsten Fragen ]
immer erst nach Besprechung des Textes in einer Anmerkung
nach! So wird cnteOo? S. 61 Amn. 36 einfach auf
„Weib" gedeutet, ohne daß der Sprachgebrauch von
„Gefäß" im Judentum und Hellenismus wirklich untersucht
würde, wobei sich wohl ergäbe, daß es einfach den
Leib bezeichnen kann (cf. Ta'an. 20 a. b und Test
Napht 8). S. 105 wird nachträglich ü. Kittels Identifizierung
von e§<n>o(a mit saltonajja gebilligt, ohne die
Frage zu berühren, ob Griechen das verstehen konnten.
Ähnlich steht es mit den sonstigen exegetischen Problemen
. Die Syneisaktenhypothese wird als bewiesen
vorausgesetzt, was sie aber nicht ist.

Ein zweiter Mangel ist, daß der Verf. zu früh die
Texte mit einander in Beziehung setzt. So wird der Ge- '
danke an die Ehe aus 1. Kor. 7 in 6 eingetragen; und in
Eph. 5 wird gefunden, daß die Jungfrau nur Christus
als Herrn über sich habe, was aber aus 1. Kor. 1 1 eingetragen
ist.

Am bedenklichsten aber ist, daß der Verfasser jede
wirklich theologische Besinnung fehlen läßt. Was zu
klären war, ist nicht, ob Paulus liebenswert war oder
nicht, sondern wie seine für uns anstößigen Gedanken
über die Ehe mit seiner theologischen Grundanschauung,
insbesondere mit der in Gal. 3, 28 ausgesprochenen I
Gleichwertigkeit des Weibes zusammenzubringen seien.
Der Verf. übernimmt aber einfach die Vorstellungen,
daß die Sünde im Fleisch sitze, daß die Zeugung an sich
sündig sei usw., und frägt garuicht, was denn Paulus
unter Sünde oder Fleisch verstehe. Ferner setzt sich
Verf. mit Pfisters psychoanalytischer Deutung von Rom.
7, 7 ff. in Kleinigkeiten auseinander, ohne nur zu fragen,
ob das Kapitel denn überhaupt biographisch zu deuten
sei. Es fehlt überhaupt jegliche Beziehungnahme auf
die moderne theologische Debatte. So kann man aus
dem Buch, das bei der großen Materialkenntnis des Verfassers
sehr nützlich sein könnte, wohl Einzelnes lernen,
als Ganzes hilft es für keines der besprochenen Probleme
entscheidend weiter.

Einige kleine Versehen und Fehler seien noch angemerkt. S. 51
Anm. 470 wäre statt der nur in Violets Ausgabe auffindbaren Zitierung
IV. Esra IV § 4, 4 f. besser wie üblich nach dem Lateiner 4 Esra
9, 45 f. zu zitieren. — S. 60 Anm. 22 soll Peschitta den Text auf die Ehe
beschränkt haben; ich kann nur finden, dal! „alle" zu nopvsiac, zugefügt
ist, was am Sinn nichts ändert. — S. 77 Anm. 141 ist für 3 Makk
Tischendorf zitiert; warum nicht Swete? — S. 98 Anm. 15 ist Rabba
mim. 9, 13 ganz unverständlich, es muß heißen Nuin R 5, 18, Par. 9, 13.
— S. 156 Anm. 72 wird Act. Thom. 14 nach einer Anführung bei
Hennecke zitiert statt nach dem doch leicht zugänglichen Urtext.
Zürich. Werner Georg Kümmel.

Mflller, Prof. Karl: Aus der akademischen Arbeit. Vorträge
u. Aufsätze. Tübingen: J. C. B.Mohr 1930. (IV, 356 S.) gr. 8°.

RM 12.50; geb. 15.50. j
Voran steht eine ursprünglich für die „Religions- i
Wissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen" be- !
stimmte und dementsprechend gestaltete Selbstschi 1- j
(terung eines Gelehrten- und Professorenlebens, die
dem ganzen Buch auch den Titel gibt (S. 1—44); zu ihr j

und zu ihrer mit aller knappen Sachlichkeit wohltuenden
und Ehrfurcht gebietenden Lebendigkeit gehört auch die
Zusammenstellung der großen Werke und der
größeren und kleineren Veröffentlichungen K.
Müllers, nach Sachgruppen und Zeitabschnitten geordnet,
von der Kirchengeschichte und von Arbeiten zur Geschichte
der alten Kirche an bis hin zur württembergischen
Kirchengeschichte (s. 343—348), 74 dem Umfang
nach sehr ungleiche Nummern, die seit Ende Februar
1930 wiederum um mehrere zu ergänzen wären (die
Selbstdarstellung und u. a. Untersuchungen zum Text
der „Deutschen Theologie", ZKG. 49, 1930 und über
den hl. Patrik, Nachr. Ges. d. Wiss. zu Gött. phil. hist.
V., 4 1931).

Zwischen der Selbstdarstellung und der Literatur
zu ihr stehen 15 „Vorträge und Aufsätze", die
teils in Zeitschriften, teils selbständig und z. T. mit
(weiteren) Anmerkungen veröffentlicht worden sind. Das
letzte Stück, eine Studentenbibelstunde von 1922, erscheint
völlig neu; man möchte grade diese ernsten und
freundlich-strengen Worte über den Kreis, vor dem sie
gesprochen sind, und über die Leserschaft dieses Buches
hinaus gehört und beherzigt wissen, obschon sich inzwischen
wieder manches gewandelt hat. Daß das vorliegende
Werk sich an einen „weiteren Kreis von Lesern"
richtet — und daß ein solcher sich zu ihm finde, ist lebhaft
zu wünschen! —, bestimmt die Auswahl und die
Anordnung der einzelnen Stücke:

2. Das Reich Gottes und die Dämonen in der alten Kirche; 3. Die
Forderung der Ehelosigkeit für alle Getauften in der alten Kirche; 4.
Konstantin der Große und die christliche Kirche; 5. Die Kirchenverfassung
im christlichen Altertum; 6. Die großen Gedanken der Reformation
und die Gegenwart. Reformationsfestrede 1917; 7. Wesen und
Bedeutung der Kirche für den einzelnen Gläubigen nach Luther; 8. Die
Anfänge der Konsistorialverfassung im lutherischen Deutschland ; 9. Calvin
und die Anfänge der französischen Hugenottenkirche; 10. Die Bartholomäusnacht
; 11. Ans den Aufzeichnungen flüchtiger Hugenotten; 12.
Die künftigen Aufgaben der württembergischeu kirchengeschichtlicheH
Forschung; 13. Zur Geschichte der katholischen Professuren an der
Universität Tübingen; 14. Die religiöse Erweckung in Württemberg am
Anfang des 19. Jahrhunderts; 15. Gefahr und Segen der Theologie für
die Religiosität; 16. Wissenschaft und Erbauung.

Im einzelnen auf diese Vorträge und Aufsätze einzugehen
ist nicht nötig; sie sind, wenn auch nicht in
gleichem Maße, ihrem Hauptteil nach bekannt — oder
sollten es sein — und bieten sich in dem neuen Abdruck
nicht für sich dar, sondern im Zusammenhang des Ganzen
. Aber man wird auch nicht sagen können, daß ihre
Auswahl und Anordnung gleichsam den besonderen und
durch den Zufall der Übernahme der Grundrißdarstellung
der Kirchengeschichte entscheidend von seiner
ersten Richtung abgebogenen Weg der wissenschaftlichen
Arbeit K. Müllers an allen Hauptpunkten ablesen
lasse. Denn grade die ersten Arbeiten und weitere
Untersuchungen zur Geschichte des Mittelalters entziehen
sich teils ihres größeren Umfanges wegen, teils weil sie
sich an die Fachgenossen im besonderen richten, von
selbst der Aufnahme in eine Sammlung nach Art und
Zweck der vorliegenden. Dagegen wird die Eigenart,
werden die besonderen Gaben, wird die Gestalt ihres
Verfassers durch die einzelnen Beiträge in verschiedenem
Licht zusammen mit der Selbstdarstellung deutlich gemacht
: der Theologe tritt einem nicht nur in den
Reden Nr. 15 und 16 entgegen, sondern höchst eigentümlich
auch im Reformationsfestvortrag (6). Und die
große Klarheit und Einfachheit der Darstellungskunst
des Historikers wird in manchen der in sich geschlossenen
Einzelstücke noch eindrucksvoller als etwa
an K. Müllers Kirchengeschichte: jenes Vermögen, durch
wenige Worte greifbar hinzustellen, was anderwärts in
längeren Sätzen doch nur unbestimmt sich andeutet. Man
wird das vielleicht nicht ganz unmittelbar kennzeichnen
wollen, aber wenn K. Müller in seiner Selbstdarstellung
gelegentlich der Erinnerung an seinen Göttinger Lehrer
J. Weizsäcker heraushebt, wie dessen wesensgemäßer
„Zug ins Große" durch peinlichste Kleinarbeit mehr