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Ausgabe:

1932 Nr. 11

Spalte:

244-246

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kraemer, Richard

Titel/Untertitel:

Die biblische Urgeschichte 1932

Rezensent:

Caspari, Wilhelm

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243 Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 11. 244

innerung an die Schulzeit"; S. 14 „Magie des Streich- sind: Johannes Geffcken. Wir besprechen zu-

riemens!"). Wenn ich den Verfasser recht verstanden nächst diejenigen, die für Theologen von besonderem

habe (er hat dies uns nicht leicht gemacht), so steht er auf Interesse sind.

dem Standpunkt einer religiös vergeistigten Weltanschau- Rudolf Helm (Heidnisches und Christliches bei

ung, etwa „im Sinne Kants" (S. 4) und sieht dann in spätlateinischen Dichtern) beantwortet die umstrittene

allem, was damit nicht zusammenstimmt, Aberglauben Frage, ob Rutilius Namatianus Heide oder Christ war,

oder „Modifikationen der abergläubischen Ideenwelt". in ersterein Sinn und weist in genauer Untersuchung,

Diese Position aber erinnert sehr stark an die vielge- wobei auch Prudentius, den Rutilius vielleicht gekannt

nannte Aufklärung und führt letzten Endes dazu, in allen hat, Apollinaris Sidonius, Ausonius, Ennodius und Co-

nicht auf dieser Höhe stehenden religiösen Erscheinungs- ! rippus beigezogen werden, nach, daß Rutilius unter dem

formen Aberglauben zu sehen. Das hat unmittelbar zur Einfluß des Claudian stand. Auch dieser letztere war

Folge, daß wir eigentlich nicht eine „Weltgeschichte des noch Anhänger des Heidentums, und es ist interessant,

Aberglaubens" vor uns haben (wenigstens in diesem an Hand der Ausführungen Helms zu beobachten, wie

ersten Band), sondern eine Religionskunde der primi- die genannten christlichen Dichter die antike Mythologie

tiven Vorstellungen aller Völker. So ist denn auch der als äußere Formen benützen, während bei den beiden

sachlich überaus inhaltreiche Abschnitt über den „Indi- andern uns noch die heidnische Weltanschauung ent-

schen Aberglauben" eigentlich eine groß angelegte in- gegentritt.

dische Religionskunde, die für den Religionswissen- Alfred Schmitt (Awawouvn B*o0) behandelt dies
schaftler von nicht zu unterschätzendem Wert sein kann. Problem vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt aus.
Hätte der Verfasser auf Grund einer klaren Definition Zunächst wird der Unterschied zwischen dem wissendes
Begriffs den Umkreis seiner Darstellung enger ge- schaftlichen und dem naiv-sprachlichen Begriff erörtert:
zogen, wäre weniger zuweilen mehr gewesen; unter jener wird regelmäßig im Sinne einer bestimmten Defi-
Aberglaube ist doch nur das wirklich Sinnwidrige in nition verwendet, dieses ist der Begriff der gewöhnlichen
alien auf der religiösen Weltanschauung aufruhenden Rede; hier wird der Begriff eines Wortes erst durch den
Lebensgebieten zu verstehen. Denn nach unserer heuti- Zusammenhang, in dem es steht, genau bestimmt. Um
gen religionswissenschaftlichen Erkenntnis trägt eine Begriffe der letzteren Art handelt es sich auch in den
große Zahl religiöser Phänomene wohl irrationalen Cha- j Paulinischen Briefen. Denn daß bei Paulus das Wort
rakter, ist aber durchaus nicht als Aberglaube zu be- 1 öutawauvn in verschiedener Bedeutungsfärbung vorwerten
. Unter diesem Gesichtspunkt scheint auch der kommt, hat man längst erkannt; vgl. die Lit. bei Bauer,
Satz: „Die Geschichte des Aberglaubens ist zugleich ein 1 Wb. 307 und die kurze Zusammenfassung von Wiss-
Stück menschlicher Rechts- und Sittengeschichte, ein mann, RGG.MI 1040. Speziell der Ausdnick ötxaioeövii
Abriß der Darstellung menschlicher Mentalität über- »*oü bedeutet „das Gottesheil" oder „das göttliche
haupt" (S. 197) der prägnanten Formulierung zu ent- Heil".

behren, da von Aberglauben doch nur bei ausgesprochen Leo Weisgerber (Galatische Sprachreste) sam-
religiöser Einstellung gesprochen werden kann. So ge- | melt und bespricht die sprachlichen Überreste der kleinhören
verschiedene Ausführungen über primitive aber- asiatischen Galater, die in der Hauptsache aus Personen-,
gläubische Ethik (S. 198 ff.) in den ersten sozialen Bin- Götter-, Stammes- und Ortsnamen und ein paar Wör-
dungen des Menschen an die Naturgegebenheiten mehr tern bestehen. Dabei weist er u. a. nach, daß das Gala-
dem Gebiet einer Geschichte der Soziologie an als dem tische in Kleinasien länger lebendig blieb, als man geUmkreis
des religiös sinnwidrigen Aberglaubens. Es 1 wohnlich annahm; so ist ganz gewiß die Ansicht von
fragt sich auch, ob wir die weit verbreiteten mit dem Perrot falsch, daß das Galatische im 1. Jahrh. n. Chr.
Vegetationsleben zusammenhängenden Sitten und Ge- kaum mehr eine Rolle gespielt habe.

bräUChe von vorneherein als Aberglaube anzusehen ha- j Die übrigen Aufsätze haben weniger theologisches Interesse. Es

ben oder gar jene ethisch hochstehenden symbolischen ■ sind folgende: Ernst Hohl, Zu Hesiods Theogonie, derTheog. 138,

Handlungen, die als Sühne-, Trauer- oder Stellvertre- 2 —155, 1 als unecht zu erweisen sucht, so daß die zweite Hälfte von

tungszeremonien „für dumpfgefühlte, auf dem Stamme , v- 155 an die erste Halfte von v. 138 anschließt. Hier gefällt mir die

lastende Schuldhandlungen" seit altersher bekannt sind. !*cobs, (>n seiner Ausgabe) besser. - Otto Körner, Zwei

Von nicht zu unterschätzender Redeutunrr wäre es cm- Be'«"age zum Verständnis Homers, erklart den Kustungstausch zwIschew

von nicnt zu unterscnatzenciei Beaeutung wäre es ge olatlkos und Diomedes psychologisch und bespricht die homerische Be-

vvesen, wenn neben gelegentlichen Bemerkungen der Ver- schreibunK der insei der Kalypso. - Gustav Lange, Xenophons

fasser als systematischen Ertrag seiner umfassenden Verhältnis zur Rhetorik, weist die rhetorische Technik in den Feldherrn-
Studien eine Klärung des verwickelten Problems: „Aber- reden des Xenophon nach. — Gottfried von Lücken , Goethe und
glauben Und Ethik" geboten hätte. Aber leider bleibt er der Laokoon, behandelt im weiteren überhaupt den Wandel in Goethes
auch hier in Einzelheiten verfangen, die ihn hindern auf Wertung der antiken Kunst. — Johannes Overbeck, Einige BeGrund
seines religionskundlichen Materials neue Rieht- merkungen zu [Xenophons] Kynegctikos, spricht die Schrift dem Xenophon

linien für die Geschichte der Ethik zu geben. Viel- ab und verweist sie in spa,ere Ze"' woder 5c,!5 der Per'Patetischen

leicht wird uns hier wie in vielem Anderen der zweite • Schulesich geltend machte^ - fr,ed"chSchw«:n„ Studien z«

o j, • j.- f j » j rr ... Hesiodos, gibt gute Bemerkungen zum Frooimion der Theogonie und

Band eine vertiefende Ausweitung und Ergänzung bieten. zum Mythos von den Zeitaltern in de„ Erga. - Rudolf Wiggers,

Zu einem endgültigen Urteil Uber die vorliegende ,Welt- Die groiie Natur. Ein Beitrag zur Piatonforschung. Hier wird die An-

geschichte des Aberglaubens' werden wir also erst be- schauung Piatons von der groben Natur besprochen, auf deren Grund

rechtigt sein, wenn auch der zweite Band erschienen ist. zwar gleichmäßig der große Mann wie der große Verbrecher erwächst.

Wir möchten nur wünschen, daß durch eindringende I die aber, richtig gelenkt, den Menschen zum Höchsten, zur Leitung

Analysen der auch für die religionspsychologische For- des Staates, befähigt.

schung so überaus wertvollen Erscheinungsformen des Würzburg.___ Friedrich Pf ister.

Aberglaubens und durch genaue Angaben der der Dar- , Kraemer, Lic. theol. Richard: Die biblische Urgeschichte.
Stellung zu Grunde liegenden Quellen ein Werk uns ge- Wernigerode: g. Közle 1931. (340 s.) 8°. geb. rm io—.
schenkt werde, das grundlegend für weitere Studien auf Die umfangreiche und ordentlich ausgestattete Ver-
diesem Gebiet für lange Zeit bleibt. öffentlichung setzt einen weitgehenden Optimismus des
München.___r. F. Merkel. Verlegers und des Verfassers, der schon praktische Aus-
IG effeken, Johannes:) Natalicium. Johannes Geffcken zum 70. i legungen neutestamentlicher Schriften vorgelegt hat, vorGeburtstag
2. Mai 1931 gew. v. Freunden, Kollegen und Schülern, i aus. Rühmenswert ist der redliche Wille des Verf.s,
Beiträge zur Klass. Altertumskunde. Heidelberg: C. Winter 1931. j seine Ausführungen in positive Beziehung zur wissen-
(vii, 187 S.) gr. 8°. RM io—. schaftlichen Bibel-Erklärung zu setzen, seine gründliche
Zehn Aufsätze sind als schöne Gabe zum 70. Ge- ! Vertiefung in den Gegenstand und seine ernste Auf-
burtstag einem Forscher dargebracht, dem auch die ' fassung von seiner Aufgabe. Er hat weiter darin recht,
Leser unserer Zeitschrift zu größtem Dank verpflichtet f daß er nicht etwa sein Haupt-Interesse auf die erste«