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Ausgabe:

1932 Nr. 10

Spalte:

228-229

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dersch, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Hessische Wallfahrten im Mittelalter 1932

Rezensent:

Herzog, Ewald

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 10.

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E. Krebs hat in seiner Abhandlung „Theologie und
Wissenschaft nach der Lehre der Hochscholastik an
der Hand der Defensa doctrinae des Hervaeus Natalis"
die Entwicklung der Einleitungsfragen bis zum Beginn
des 14. Jahrh. gezeichnet. Hieran knüpft die vorliegende
Arbeit an und zeigt im Anschluß an Alfonsus den Stand
der Einleitungslehre in der Augustinereremitenschule des
14. Jahrh. In der Darstellung der Einleitungslehre des
Alfonsus gruppiert der Verf. nicht nach übergeordneten
straffen sachlich-systematischen Gesichtspunkten, die
sich von der Disposition des Alfonsus entfernen würden,
sondern folgt der Stoffordnung der Quaestionen. Dies
hat darin seine Berechtigung, daß Alfonsus keine eigentliche
Systematik entfaltet, sondern im Grunde nur kritische
Anmerkungen zu gegebenen Meinungen über die
theol. Hauptfragen gibt.

Die beiden Fragen nach der causa formalis theo-
logiae, d. h. die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der
Theologie und der Eigenart ihres Erkennens, und die
Frage nach der causa materialis theologiae, nach dem
Subjekt der Theologie, sind die Brennpunkte, um die
sich das scholastische Denken des Alfonsus bewegt.
Alfonsus fragt: kann der Mensch auf Erden auf einem
außerordentlichen Wege zur evidenten Erfassung der
theologischen Wahrheit gelangen, so daß er damit ein
Wissen im eigentlichen Sinne besitzt. Die Fragestellung
hat Alf. von Thomas von Straßburg übernommen. In
scharfer begrifflicher Sauberkeit bestimmt er zunächst
die Begriffe der Frage: viator, veritates theologiae, no-
titia evidens. In Abgrenzung zu W. v. Ockham und Johannes
von Rodington versteht er unter viator den Menschen
, der noch nicht die ihm auf Grund göttlicher
Ordnung mögliche Glückseligkeit besitzt und noch im
Stande der Verdienstlichkeit steht. Dagegen in Gegensatz
zu W. v. Ockham und in teilweiser Abhängigkeit
von J. v. Rodington versteht er unter veritates theologiae
„Wahrheiten, die wir bei der jetzigen Ordnung des Erkennens
allein durch den Glauben festhalten, nicht durch
Erfahrung oder Beweis der Vernunft, wenn wir auch davon
irgendeine Kenntnis haben". Die eigentliche theologische
Wahrheit wird also als Glaubenswahrheit bezeichnet
, allerdings mit der Einschränkung, daß die Erkenntnis
der Existenz und der Einheit, Weisheit und
Güte Gottes zu den natürlich erkennbaren Wahrheiten
gerechnet wird. Nach diesen Vorbemerkungen ist die
scharf bestimmte Frage nach der Theologie als Wissenschaft
die: Kann der Mensch von den Glaubenswahrheiten
wissenschaftlich evidente Erkenntnis erhalten?
Von den vier Erkenntnisarten des intuitiven, abstrak-
tiven, superintuitiven und diskursiven oder deduktiven
Erkennens kommen nach Alfonsus das intuitive
und das deduktive Erkennen für die Theologie
in Frage. Das wissenschaftlich deduktive Erkennen
baut sich auf der intuitiven Gotteserkenntnis auf.
So erhalten die theologischen Sätze wissenschaftlichen
Charakter. Die deduktiv gewonnene Erkenntnis
theologischer Wahrheiten ist nach Alf. vor
allem deshalb Wissenschaft im eigentlichen Sinne, weil
der gewonnene Erkenntniszustand ein vom Glauben real
verschiedener Habitus ist. Denn die glaubensmäßig hingenommene
theologische Wahrheit ist vom Verstände mit
Fogisch-spekulativer Methode betrachtet worden. Aus
den Voraussetzungen sind evidente Schlüsse gezogen.
Eine Evidenz für die Prinzipien der Theologie selbst
gibt es nicht. (Gegen Heinrich von Gent, Jakobus
de Appamiis, Franciskus de Marchia.) Einzig der Wille,
der von der Autorität des sich offenbarenden Gottes
bewegt und geleitet wird, nimmt die theologischen Glaubenswahrheiten
an. Wissenschaftlich im eigentlichen
Sinne ist dann erst die Evidenz, mit der wir nach Hinnahme
der Glaubenswahrheiten bestimmte Schlüsse aus
den Voraussetzungen ziehen können. Mit dem Gedanken,
daß wir auf diese Weise wissenschaftlich theologische
Sätze gewinnen können, ist der Gegensatz zu W. v. Ock-
hams These deutlich, daß kein Satz, in dem etwas Gottwesensinneres
ausgesprochen werde, durch ein Wissen
im eigentlichen Sinne erfaßt werden könne (Ockham
I. Sent. prolog. qu. 2. a. 2.).

Bei der Frage nach der causa materialis theologiae,

| dem Subjekt der Theologie, erörtert Alf. wiederum zuerst
die Grundbegriffe. Unter Subjekt versteht er den
Grundbegriff, der den Gedankengang einer Wissenschaft,
also hier der Theologie, beherrscht und alle Sätze und
Aussagen unmittelbar oder mittelbar trägt und zu dem
alle Betrachtungspunkte in irgend einer Beziehung stehen
(S. 185). Subjekt der Theologie ist Gott. Aber Gott
ist nicht mit seinem absoluten Wesensbegriff der unendlichen
Gottheit Subjekt der Theologie, da die Unendlichkeit
und letzte Wesenheit Gottes vom Menschen nicht erkannt
werden kann. Vielmehr handelt die Theologie von
Gott nur unter einem endlich begrenzten Begriff „sub
ratione deitatis ut cognoscibilis est ab intellectu creato".
Mit dieser These, die Alf. im Anschluß an Aegidius aufstellt
, steht er im Gegensatz zu Skotus und Thomas von
Aquin, gegen die er geltend macht, die Glaubensartikel,
in denen Gott in seiner absoluten Gottheit als Subjekt
stehen solle, seien zwar dem göttlichen Intellekt ganz erkennbar
, aber nicht in unserm geschaffenen Habitus, so
daß also für die geschaffene Theologie Gott nicht
schlechthin in seiner Gottheit absolutes Subjekt sei,
sondern Subjekt der Theologie nur in dem Maße, als er
vom menschlichen Intellekt erfaßt werden könne.

Die dritte Hauptfrage nach der causa finalis theologiae
, nach dem Zweck und der Bedeutung der theologischen
Wissenschaft (S. 207—229), beantwortet Alf.
dahin, die übernatürliche Gottesliebe sei das Hauptziel
der Theologie des Erdenmenschen; denn nur sie sei die
vornehmste Tätigkeit, auf die sich die Theologie hin ordnen
könne (S. 209). Zwar sei die Theologie letzten
Endes auf die Erreichung des ewigen Lebens hingeordnet
, aber die Gottesliebe sei doch das Mittel dazu.

i Alf. steht hier in Abhängigkeit von Thomas von Straßburg
und in Gegensatz zu Heinrich von Gent, der in

i der speculatio, in der Erkenntnis Gottes den Endzweck,

| der Theologie sah. Gegen Scotus wendet er ein, die Be-

; Zeichnung praxis könne auf die Gottesliebe nicht angewandt
werden und deshalb sei der Endzweck der Theologie
auch nicht in der praxis zu sehen. Die Meinung
des Thomas von Aquin, die Theologie sei als praktisch
und spekulativ zugleich aufzufassen, da sie sich teils auf
spekulative, teils auf praktische Gebiete erstrecke, weist
Alf. durch die Betonung der Einheit der Theologie zurück
, die sich nicht zugleich auf zwei Ziele richten könne,
ohne daß eines von beiden dem andern untergeordnet

| sei oder beide einem dritten.

Das Werk des Alfonsus nimmt keine überragende

; Stelle in der scholastischen Theologie des 14. Jahrh. ein,

i aber es hat für die theologischen Studien in der Ordens-
schule der Augustinereremiten doch seine Bedeutung gehabt
. Seine Mängel sind die übertriebene Spekulation
und Dialektik und seine uneinheitliche Gedankenführung,

! die statt durch straffe Systematik durch Polemik und
eklektische Tendenz bestimmt ist. Vom Gesichtspunkt
historischen Forschungsinteresses allerdings ist seine
Auswahl und Kritik der Meinungen der verschiedenen
Theologen besonders wertvoll, da sie uns Sätze von Autoren
vermittelt, deren einzelne Gedankengänge uns z. T.
sonst nicht bekannt sind. Es ist ein Verdienst der vor-

! liegenden Abhandlung, bei der Darstellung der theol.
Einleitungslehre des Alf. die Auseinandersetzung des Alf.
mit den wichtigsten vorhergehenden Theologen und den
Zeitgenossen deutlich skizziert zu haben.

Rüstringen-Wilhelmshaven. Ad. Heger.

Dersch, Wilhelm: Hessische Wallfahrten im Mittelalter.

(In „Festschrift Albert Brackmann dargebracht" S. 457-491). Weimar:

H. Böhlau 1931. (34 S.) 8°.

Der Verfasser bespricht einleitend die Ursachen und
Anlässe zu Wallfahrten überhaupt und die besondere
Art der Sühnewallfahrten, für die er Beispiele aus hessischen
Urkunden anführt. Den Hauptteil bilden die mit