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Ausgabe:

1932 Nr. 10

Spalte:

222-225

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rauschen, Gerhard

Titel/Untertitel:

Patrologie. Die Schriften d. Kirchenväter u. ihr Lehrgehalt. 10. u. 11. Aufl., neubearb. v. Berthold Altaner 1932

Rezensent:

Opitz, Hans-Georg

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221

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 10.

222

Fendts Auslegung!). Und bei einem derartigen escha-
tologischen Verständnis sind dann nicht Imperium und
Evangelium zwei Größen, die sich nichts angehen, sondern
das Imperium ist ein Teil der Welt, in der die
Kinder des neuen Äons sich für das Ende zu bereiten
haben, woraus der Gedanke des Dienens folgt. Dieser
Zusammenhang hätte m. E. stärker betont werden
müssen.

Zürich. Werner Georg Kümmel.

Norwood, Robert: The Heresy of Antioch. An Interpretation.
New York: Doubleday, Doran&Co. 1928. (XXI, 303 S.) 8°. geb. $ 2.50.

Eine neue Paulusmonographie, die freilich weder
für deutsche Begriffe neuartig ist noch Anspruch auf
wissenschaftliche Neuentdeckungen erheben will. Norwood
ist, wie ihn eine Besprechung in The Christian
Century rühmt, a champion of liberalism in refigion, und
dementsprechend entwirft er ein Paulusbild nach einem
Stilschema, das sich in der Geschichte der paulinischen
Forschung häufig angewandt findet und hier nur eben
ins Amerikanische unserer Tage übersetzt erscheint. Die
Darstellung ist bewußt populär gehalten mit Verzicht
auf jeden wissenschaftlichen Apparat, wie sie denn auch
in einer Reihe von Büchern religiösen Inhalts erscheint,
die documents of the 20 th Century reformation sein
wollen. N. sucht Paulus der mystischen Religiosität des
modernen Menschen verständlich zu machen und nahe zu
bringen, indem er ihn als einen Menschen vom gleichen
Typus d. h., wie der Untertitel auf dem Umschlag des
Buches besagt, als our contemporary zeichnet und zu
diesem Zweck psychologisch analysiert.

Dieser Analyse fällt u. a. das Ereignis der Bekehrung
des Paulus zum Opfer, dessen Darstellung in der
Ap. Gesch. nur literary, dessen Wirklichkeit aber ein
mystisches Erlebnis gewesen sein soll. Wie hier so tritt
auf Schritt und Tritt die mystische Grundeinstellung des
Verf. zu Tage, auch schon darin, daß die Geschichte des
Paulus eigentlich nur als Ausgangspunkt allgemein gültiger
Gedanken, nur als Transparent unabhängig davon
bestehender Wahrheiten behandelt wird und dementsprechend
jeweils an einen geschichtlichen Abschnitt eine
theologische oder allgemein religiöse Betrachtung angeschlossen
wird. Immerhin werden auch manche historische
Data, die von der Überlieferung z. T. nur angedeutet
werden, sehr anschaulich in ihrer pragmatischen
Bedeutung herausgearbeitet, so das Zeltweberleben des
Paulus in Arabien (83 ff.), sein Verhältnis zu Barnabas
und Markus (145 ff.), manches in dem Abschnitt Paulus
und die Städte (191 ff., 210 ff.) usw.

Durchgehend erscheint Paulus als a mystic and poet;
diese Stichworte kehren immer wieder. Auch die Theologie
des Paulus, soweit N. eine solche überhaupt anerkennt
, ist ebenso poetisch wie mystisch (z. B. 257), ja
das eigentlich Bleibende an Paulus findet N. an Stellen,
when the poet breaks through with his dance of words
and the white splendor of his soul (254 f.). Von einem
wirklichen Verstehen der Tiefen paulinischer Gedanken
kann darum kaum die Rede sein. Im Mittelpunkt der
paulinischen Verkündigung soll the infinite tenderness of
the universe gestanden haben (z. B. 212), das Werk
Christi darin bestehen, that he restored to men their lost
faith in the infinite tenderness of the universe (247),
die Rechtfertigung des Menschen geschehen by faith that
Jesus has revealed to him that he is a son of God. In
dieser Deutung des Evangeliums als der revelation of
our divine sonship tritt der liberale Rationalismus besonders
deutlich zu Tage, der hier — wie auch sonst oft —
einen Bund mit dem Mystizismus eingegangen hat. Daher
auch die Betonung der truth of the unbroken con-
tinuity of the human soul (98) sowie die konsequenterweise
daraus folgende Verflüchtigung der Auferstehung
Jesu (118, 222) und der Eschatologie. Paulus soll
selbst seinen Irrtum hinsichtlich der 2. Parusie eingesehen
und erkannt haben, that only the ages could con-
tain him, sc. Christus (205).

Aus dieser Gesamthaltung ergibt sich auch die Frontstellung
gegen allen ecclesiasticism (vgl. 243) und
darum auch gegen eine klarumrissene Dogmatik (valid
Christianity is not creedal but religious, . . . love is the
only orthodoxy 58, the love in the heart of Paul was the
best evidence of his orthodoxy 164), ferner der religionsgeschichtliche
Relativismus, der Hosea und Buddha
als Träger von sudden gleams of the secret (sc. des Universums
) in einem Atemzug nennt (255) und von So-
krates sagt, er sei the Christ of the Greek, as Jesus is
the Christ of the Roman era (207). Damit verbindet
sich als charakteristischer Zug amerikanischer Nach-
kriegsfrörnmigkeit die religiöse Schwärmerei von Völkerverbrüderung
und Demokratie (vgl. 66 und das Bekenntnis
302).

All das verhindert natürlich nicht, daß manche große
Gedanken aus der paulinischen Fülle uns im besten
Sinne „gegenwärtig" gemacht werden (vgl. z. B. 246 zu
1. Kor. 13 und die Charakteristik des Paulus 288). Weil
i N. Paulus liebt und weil er obendrein über eine schöne
und schwungvolle Sprache verfügt, darum ist ihm doch
ein lebendiges ansprechendes Bild gelungen, sodaß man
auch aus den verzeichneten Zügen mancherlei lernen
mag für die richtige Zeichnung eines Bildes des
Apostels Paulus.

Pattukkottai, Indien. Gustav Stähl in.

Rauschen, Dr. Gerhard: Patrologie. Die Schriften d. Kirchenväter
u. ihr Lehrgehalt. 10. und 11. Aufl. neubearb. v. Dr. theol. Berthold
Altaner. Freiburg i. Br.: Herder & Co. 1931. (XX, 441 S.) 8°.=
Herders Theolog. Grundrisse. RM 10 — ; geb. 11.50.

Das schmale Studentenbüchlein von Gerhard Rauschen
hat von Auflage zu Auflage seinen ursprünglichen
Rahmen immer mehr durchbrochen und ist besonders
durch die Bearbeitungen von Josef Wittig zu einem fast
unentbehrlichen, bequemen Nachschlagewerk für den
Forscher geworden. Der ehemalige Breslauer Kollege
von Wittig, Berthold Altaner legt nun 5 Jahre nach dem
Erscheinen der letzten Auflage die Rauschensche Patrologie
in 10. Auflage vor. Das Buch erscheint nicht
mehr in dem Taschenformat, sondern man hat ihm
nunmehr das gewöhnliche Oktavfonnat gegeben. Da
auch größere Typen gewählt wurden und andererseits
der Umfang des Buches um 2 Bogen vermindert wurde,
hat sich der Text eine nicht unerhebliche Kürzung ge-
! fallen lassen müssen. Auch sind einige Kapitel, wie die
i über das Apostolische Glaubensbekenntnis, die Ägyp-
I tische Kirchenordnung, die Petrus- und Thomasalrten,
> die Pseudoklementinen u. a. völlig neubearbeitet worden.
In anderen Abschnitten ist die Bearbeitung, die meistens
einer Kürzung gleichkommt, unverkennbar. Der Verf.
hat sich der großen Mühe unterzogen, die nicht genug
1 Anerkennung verdient, die ganze seit 1925 bis 1931 er-
| schienene Literatur zur Patristik zu verzetteln und in die
j entsprechenden Abschnitte des Buches einzufügen. Da-
i mit ist weniger für den Studenten, der schwerlich bei
: seinen Arbeiten die große Zahl der Spezialuntersuchun-
l gen einsehen kann, aber für den selbständig auf dem
' Gebiete der Patristik Arbeitenden ein unschätzbares
Hilfsmittel bereit gestellt. Keine noch so sorgfältig bearbeitete
Bibliographie wird das ersetzen können, was
der Herausgeber dem Leser mit seiner mühevollen Arbeit
geboten hat. Natürlich konnte nicht alles aufge-
i nommen werden, aber im Ganzen wird man auch das
I nicht Vermerkte mittels der angegebenen Literatur leicht
i finden können.

Gewiß ist manchmal des Guten zu viel getan. Z. B. ist S. 199
! der kleine Aufsatz von G. Bardy in Melanges de philol. et. d'hist. Uni-
; vers. de Lille 1927 kein Aufsatz über Alexander von Alexandrien,
sondern zeigt, daß ein Fragment mit dem Lemma 'Alexander ari Euseb'
einer späteren Sentenzensammlung des Euseb von Alexandrien zuzuweisen
ist. Auch die Aufsätze zum Nicäajubiläum in den Analecta sacra Tarra-
concnsia 1926 sind zu wenig von Belang, als daß alle einzeln aufgeführt
zu werden brauchten.

Überhaupt sind die Literaturangaben auf eine ganz
i neue Grundlage gestellt und die Prinzipien Wittigs auf