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Ausgabe:

1932 Nr. 9

Spalte:

214-215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dehn, Günther

Titel/Untertitel:

Kirche und Völkerversöhnung 1932

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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213

Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 9.

214

mischen nordschleswigschen Pfarrhof nach der unglücklichen
Schlacht von Idstedt („Auf der Flucht" heißt das
erste Kapitel). Den Vater, den deutschgesinnten Pastor
setzt die dänische Regierung ab, die Familie muß die
Heimat verlassen, der Vater stirbt bald. Die Schulzeit
in Husum und' Flensburg wird plastisch geschildert,
der Gegensatz zum Dänentum tritt stark überall hervor
, die kriegerischen Ereignisse vollziehen sich in
nächster Nähe. Es folgen Universitätsjahre in Erlangen
(Uttenruthia), wo von Hofmann ihm besonderen Eindruck
macht, und in Berlin, hier vor allem Steinmeier,
auch Kögels Predigten hört er viel, mit Büchsei macht
er schlechte Erfahrung, als dieser zu Weihnachten vor
allem über die drohende Aufhebung der geistlichen
Schulinspektion („Kein Raum in der Herberge") predigt
. Das Ende des Studiums in Kiel, alles gemeinsam
mit seinem Bruder Julius, dem späteren Berliner Systematiker
. In der Vorbereitungszeit findet sich eine freundliche
Wertung auch des sechswöchigen Kursus auf dem
Lehrerseminar, den er gemeinsam mit Graf Baudissin
absolviert. Die erste geistliche Tätigkeit ist in Kappeln
an der Schlei, aus dessen Pastorat er sich die Lebensgefährtin
holt, ihre Mutter eine Tochter Karl von Raumers
. Im selbständigen Pfarramt ist K. dann in Apenrade
, wertvolle praktisch-theologische Erörterungen hier
und in dem ganzen Buch. Ich hebe das schöne Wort
über den Beruf des Pastors heraus: „Kein Beruf wird so
niedrig und kein Beruf wird so hoch eingeschätzt wie
das eines Pastors. Kein Leben in einem höheren Beruf
ist so arm, und keins ist so reich wie das seine, keins so
glanzlos und doch keins so voll Glanz, voll Glanz der
Ewigkeit". Sehr anschaulich wird dann die 5jährige
Tätigkeit als Regierungs- und Schulrat bei der Regierung
in Schleswig geschildert. Dann geht es wieder in das
geistliche Amt, nach zwei Jahren in der Propstei in
Tondern erfolgt 1886 die Ernennung zum Gen. Sup.
von Schleswig. In dieser Tätigkeit lernt er immer mehr
die Schattenseite des Staatskirch entums kennen,
das ja in den neuen preußischen Provinzen besonders
stark ausgeprägt war, unter dem der Gen. Sup. innerlich,
manchmal auch äußerlich schwer leidet, scharf urteilt
er nach seinen Erfahrungen über die geringe Wertung
der evangelischen Kirche bei den Staatsmännern, selbst
bei persönlich christlichen Kirchenjuristen. Schwer leidet
der Gen. Sup. für Nordschleswig auch unter der verkehrten
preußischen Politik in Nordschleswig, besonders
verhängnisvoll für Schule und Kirche die Sprachenverfügung
von 1888. Diese Politik hat es fertig gebracht,
daß Nordschleswig 1914 dänischer ist als 1886. Der
Gen. Sup., der in seinem Tun nur der Kirche und der
Heimat dienen will, muß sich in dieser schwierigen,
durch die Sprachverfügung außerordentlich verschärften
Situation viel Anfeindung von beiden Seiten gefallen
lassen. 1917 legt K. sein Amt nieder, er hat dann noch
eine Reihe von Jahren als Pastor der kleinen lutherischen
Gemeinde in Baden-Baden gewirkt, nach wie
vor in Vorträgen und literarischer Tätigkeit dem Neubau
der Kirche auch nach dem deutschen Zusammenbruch
dienend. Als das Wesentliche seiner Tätigkeit als
Gen. Sup. bezeichnet er Ordination und Visitation mit
allem, was damit zusammenhängt; in Schleswig-Holstein
hält der Gen. Sup. selbst Visitation in allen Gemeinden.
Bei der Schilderung der Mitarbeit in Evangelischer Kirchenkonferenz
und Kirchenausschuß war mir besonders
interessant seine wesentliche Beteiligung an der Vorarbeit
für ein Einheitsgesangbuch, das sich in seiner
Zweiteilung (erster Teif allgemeines, zweiter Teil landschaftliches
Sondergut) weithin durchgesetzt hat und
durchsetzt.

Der vielbeschäftigte Generalsuperintendent findet
die Zeit zu umfassender theologischer literarischer Tätigkeit
, nicht nur in kirchlichen und theologischen Blättern
; eine Reihe größerer und kleinerer theologischer
Werke sind außer seiner weit verbreiteten Erklärung
des lutherischen Katechismus von ihm verfaßt, die s. Z.

viel beachtet wird, namentlich die vier Kapitel von
der Landeskirche, der christliche Glaube
im geistigen Leben der Gegenwart, Moderne
Theologie des alten Glaubens und in
der Reihe der biblischen Zeit- und Streitfragen Der
Mensch Jesus Christus, der einige Mittler
zwischen Gott und den Menschen. Seine
Theologie als Vermittlungstheologie zu bezeichnen, wie
es geschehen ist, lehnt er energisch ab, er bezeichnet sie
wohl mit Recht als eine tiefgründig konfessionelle, aber
freie Theologie. Stark tritt mehrfach die Ablehnung der
Union entgegen, "über die er manchmal m. E. ungerecht
urteilt.

Berichte über bedeutsame amtliche Reisen, Jerusalemfahrt
mit dem Kaiser, Besuch der deutschen Kirchenmänner
in England, Teilnahme an der Einführung
des Erzbischofs Soederblom beschließen das interessante,
wertvolle Buch.

Pouch bei Bitterfeld. Wilhelm Usener.

[Dehn, Günther:] Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente
zum Hallcschen Universitätskonflikt mit Nachwort von D. Günther
Dehn. Berlin: Furche-Verlag 1031. (90 S.) 8°. RM 2—.

Eins der unerfreulichsten Kapitel der an Unerfreulichkeiten
nicht armen Universitätsgeschichte der letzten
Jahre ist der Fall Dehn. Nun hat zu diesem seinem Fall
D. unter dem obigen Titel „Dokumente zum Halleschen
Universitätskonflikt mit einem Nachwort" herausgegeben.
Da steht an erster Stelle sein viel besprochener Vortrag
„Kirche und Völkerversöhnung", am 6. Nov. 1928
in der Ulrichskirche in Magdeburg gehalten, in dem er
die ganze Problematik Krieg und Christentum aufrollt,
ihm hat sich eine Besprechung im Gemeindesaal angeschlossen
. Er hat hier wesentlich im Sinn der dialektischer
. Theologie (bei drei Abschnitten gibt er an, Gedanken
von Karl Barth zu folgen), ohne die unter Umständen
eintretende Notwendigkeit des Krieges leugnen
zu wollen, in starken Ausdrücken gegen den Krieg
Stellung genommen. Das ist sein gutes Recht. In
einigen Äußerungen aber hat er sich, namentlich in der
folgenden Aussprache, wie das Berliner Konsistorium auf
eine Beschwerde aus Magdeburg hin ihm eröffnet, „einer
Schärfe bedient, die gerade bei einem Pfarrer nicht zu
billigen ist". Das Konsistorium gibt der Erwartung
Ausdruck, „daß Sie in Zukunft größere Vorsicht und
Besonnenheit zeigen werde". Besonderen Anstoß hat
wohl erregt seine Behandlung der Kriegsdienstverweigerung
und die Aufwerfung der Frage, ob es richtig ist,
den Gefallenen in der Kirche Denkmäler zu errichten, ob
man das nicht besser den bürgerlichen Gemeinden überlasse
. Die stärkeren Worte, die nachher von ihm gebraucht
sein sollen, lassen sich nicht sicher feststellen, da
Zeugnis gegen Zeugnis steht; sicherlich ist D. zu glauben
, daß der Vorwurf, „er habe die Gefallenen Mörder
genannt", nicht berechtigt ist. Auch ist es sicher nicht
richtig, wenn in manchen Kundgebungen D. als Marxist
und Pazifist im herkömmlichen Sinn bezeichnet wird.
Die Berufung nach Heidelberg, über die die folgenden
Dokumente Auskunft geben, kam nicht zur Ausführung
infolge der Aufregung über die bekannt gewordenen
Vorgänge in Magdeburg, die einen Stellungswechsel der
Heidelberger Fakultät gegen D. brachte. D. verzichtete,
nahm aber die ihm vom Minister Grimme angebotene
Professur in Halle an. Die Vorschläge der Fakultät
wurden dabei übergangen und unter vier vom Minister
der Fakultät gemachten Vorschlägen wurde D. als „nicht
untragbar" bezeichnet, während die der Fakultät vorgeschlagenen
religiös-sozialistischen Parteimänner von ihr
entschieden abgelehnt wurden. Die Ablehnung der Hallenser
Vorschlagsliste war aus politischen Gründen erfolgt
, es müsse ein Mann berufen werden, „der dem
Proletariat nahe stehe", die Politik ist also nicht von
den Studenten oder gar außerhalb stehender Kreise in
den Fall D. hineingebracht worden. Es ist nicht ganz zu
verstehen, daß sich bei dieser Sachlage D. gegen den