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Ausgabe:

1932 Nr. 9

Spalte:

212-214

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaftan, Theodor

Titel/Untertitel:

Erlebnisse und Beobachtungen. 2., durchgearb. Aufl 1932

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 9.

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satzes gibt dann B. doch in dem Mittelstück seines
Buches unter der Überschrift „Die Objektivität im Religionsbegriff
" (S. 33—83) eine gediegene, in der gegenwärtigen
Situation doppelt anerkennenswerte Untersuchung
. Er bemüht sich besonders um die Klarstellung
des Schleiermacherschen Begriffs des Gefühls im allgemeinen
und um diejenige des Begriffs des schlechthinigen
Abhängigkeits-Gefühls im besonderen. Dabei ergibt
sich mit aller Bestimmtheit die Intentionalität
des letztgenannten Begriffs. So wenig kommt dem
schlechthinigen Abhängigkeits-Gefühl in sich ruhende
Beziehungslosigkeit zu (wie Barth und Brunner behaupten
), daß vielmehr gerade die Objektbezogenheit das
eigentliche Charakteristikum desselben ausmacht. Damit
hängt weiter aufs engste die Einsicht zusammen, daß die
Christologie nur mit Unrecht und Gewaltsamkeit von
den Dialektikern als Fremdkörper oder sachlich unberechtigter
Einschub im Gefüge der Glaubenslehre angesehen
wird. Mit alledem ist dann der Erweis erbracht
, daß das methodische Vorgehen Schleiermachers
keineswegs notwendig zu falschem Subjektivismus führt,
sondern dem sehr berechtigten Ziel dient, die fides qua
creditur neben der fides quae creditur zu der ihr auf
evangelisch-reformatorischem Boden zukommenden Geltung
zu bringen.

So trifft B. in diesem Mittelstück durchweg mit der
Interpretation Schleiermachers zusammen, die ich selbst
in meinem Buch „Das Wesen der Religion" (= Systematische
Theologie nach religionspsychologischer Methode
, Bd. II) vertreten habe. Das gibt denn auch B.
seinerseits unumwunden zu (S. 78). Wenn er aber die
betreffende Anmerkung mit den Worten einleitet, es
bestätige sich, was „ein Sachwalter Schleiermachers,
allerdings ohne es aus dem ganzen Denken Schleiermachers
durchschlagend zu erweisen", gegenüber der
heutigen Schleiermacher-Abkehr geltend gemacht habe,
so ist dazu ein doppeltes zu bemerken: 1. Sachwalter
Schleiermachers bin ich an meinem Teil in gar keiner
anderen Weise, als B. selbst in diesem Mittelstück seiner
Schrift; ich fordere und vertrete lediglich eine unvoreingenommene
, sachgemäße Interpretation und die Anerkennung
der sich ergebenden Wahrheitsmomente. 2. Daß
B. bei mir den Nachweis „aus dem ganzen Denken"
Schleiermachers vermißt, bestätigt gerade die oben aufgezeigte
Voreingenommenheit seines übergreifenden Ansatzes
. Schleiermachers Glaubenslehre muß in erster
Linie aus ihrem eigenen Zusammenhang und ihren eigenen
Intentionen verstanden werden. Die Beziehung zur
philosophischen Spekulation darf gewiß nicht übersehen
werden; aber sie darf andererseits auch nicht zum Leitprinzip
des Verständnisses gemacht werden.

Weil B. Recht und Bedeutung dieses Grundsatzes
verkennt, schlägt von hier aus seine Argumentation in
Rabulistik und Spiegelfechterei um, — die sich schließlich
selbst ad absurdum führt.

B. sucht nämlich in dem zweiten Teil seiner Schrift
zu zeigen, daß trotz des vorher genannten Ergebnisses
Schleiermacher doch in reinen Subjektivismus gerate, daß
aber demselben Schicksal allerdings auch die „gegenwärtige
Schleiermacherkritik" verfalle, wie er sie durch
Erich Schäder, Ferdinand Kattenbusch und Emil Brunner
repräsentiert findet. Die Auseinandersetzung B.'s mit
diesen 3 Theologen arbeitet mit so vielen Mißverständnissen
und Mißdeutungen, daß ich demgegenüber nicht
nur weithin für die beiden erstgenannten, sondern sogar
für Emil Brunner eintreten muß. Das erwähnte,
auf vollen Subjektivismus lautende Schlußurteil über
Schleiermacher und jene 3 Theologen sucht B. mit dem
Hinweis zu begründen, daß bei ihnen allen als theolo-

§ische Grundposition die rückhaltlose Anerkennung der
iblischen Schöpfer-Stellung Gottes und seines an den
Menschen ergehenden „Treuwortes" fehle. Daß nur
durch diese Position, durch sie aber auch wirklich die
Überwindung des Subjektivismus sicherzustellen sei, ist
demgemäß in positiver Hinsicht das eigentliche Anliegen

B.'s. In des hier verfällt er nun einer großen
Selbsttäuschung. Zwar die Ausführung, die er
darüber gibt (S. 94—105), und die sehr stark durch die
Grundgedanken Jul. Kaftans bedingt zu sein scheint,
(die B. wohl auf dem Wege über Fr. Gogarten übernommen
hat), ist an sich sachgemäß und verdient volle
Zustimmung. Aber sie bleibt ganz im Rahmen der
predigtmäßigen Verkündigung. Das tritt schon in der
stilistischen Eigenart dieses Abschnittes deutlich hervor.
Schon stilistisch bzw. rhetorisch liegt hier ganz prinzipiell
eine ueTdßaoi; ei? äXXo vevo? vor. Die theologischmethodische
Gedankenführung wird plötzlich durch die
kanzelmäßige Verkündigung abgelöst. Das beruht letztlich
auf der Verwechslung von Religion (religiösem
Glauben) und Theologie.

So ist aber über den Subjektivismus in der Theologie
, den zu überwinden tatsächlich die entscheidende
Aufgabe in der heutigen Situation ist, gerade nicht hinauszukommen
. Theologisch — und das heißt immer zugleich
: methodisch — ist der Subjektivismus nur zu überwinden
, wenn sein auf die Reformation zurückgehendes
Wahrheitsmoment rückhaltlos anerkannt und in den
theologischen Ansatz selbst mit aufgenommen wird. Dazu
ist die Weiterführung der von Schleiermacher vorbereiteten
Einsicht in das Verhältnis von fides quae creditur
und fides qua creditur in der Weise unerläßlich,
daß die Wechselbeziehung dieser beiden Größen zu
einander zum ausschlaggebenden theologischen Arbeitsprinzip
gestaltet wird.

B.'s Wille zur Überwindung des Subjektivismus in
der Theologie verdient vollste Anerkennung. Der Weg
aber, den er für diesen Zweck einschlägt, erweist sich
als Irrweg oder denn als Schleichweg. So wenig überwindet
er den Subjektivismus, daß er — aufs Ganze und
aufs Letzte gesehen — ihm in viel stärkerem Maße verfällt
als die Theologen, die er seinerseits des Subjektivismus
zeiht: Schäder, Kattenbusch, Emil Brunner und
— Schleiermacher!

Es ist wahrhaft tragisch, daß B.'s Versuch, den
theologischen Subjektivismus zu überwinden, am entscheidenden
Punkt genau in das Gegenteil, in den denkbar
extremsten Subjektivismus umschlägt: in methodische
Willkür. Überboten wird diese Tragik nur noch durch
den vollen Rückfall in Scholastik und katholisches Kirchenwesen
, wie ihn aus dem Zusammenhang mit der
Dialektik Karl Barths heraus Erik Peterson vollzogen
hat. — Videant consules . . .!
Göttingen. G. Wobbermin.

K a f t a n, D. Theodor: Erlebnisse und Beobachtungen. 2., durch-
gearb. Aufl. Gütersloh: C. Bertelsmann 1931. (V, 372S. m. 1 Bildn.)
gr. 8°. RM 12—; geb. 14—.

Eins der interessantesten Bücher, die ich je gelesen
habe, bedeutsame „Erlebnisse" und scharfe „Beobachtungen
" des ehemaligen seit Jahren im Ruhestand
in Baden-Baden lebenden Generalsuperintendenten von
Schleswig. Die Erinnerungen sind in erster Auflage als
Schrift des Vereins für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte
erschienen; ihre Bedeutung rechtfertigt es,
daß sie als selbständiges Buch in erweiterter Form sich
an einen größeren Leserkreis wenden, ist doch Kaftans
Tätigkeit, so sehr sie in seiner schleswigschen Heimat
und Heimatkirche wurzelt, weit über deren Grenzen
hinausgegangen und hat ihre Bedeutung für die ganze
kirchliche und theologische Lage gehabt. Das Buch gibt
uns nicht nur ein Bild dieser hervorragenden, energischen
und liebenswerten Persönlichkeit, sondern läßt
uns in seinem Amts- und Berufsleben ein gut Stück von
Geschichte und Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte
miterleben. Auch die Fernerstehenden nicht leicht durchsichtigen
und verständlichen politischen und kirchlichen
Verhältnisse des „Grenzlandes" Nordschleswig werden
ausführlich erörtert und verständlich gemacht.

Zu den ersten Kindheitserinnerungen gehört die
Flucht des 3l/2jährigen mit der Familie aus dem hei-