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Ausgabe:

1932 Nr. 8

Spalte:

186-187

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlipköter, Gustav

Titel/Untertitel:

Der Kampf um die Ehe. Eine Auseinandersetzung evang. Führer m. d. Verfallserscheing. d. heutigen Ehe 1932

Rezensent:

Macholz, Waldemar

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Theologische Literaturzeitung 1932 Nr. 8.

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berührt sich sein Bestreben aufs engste mit dem Ansatz
meiner „Systematischen Theologie nach religionspsychologischer
Methode". Indeß zu beanstanden ist m. E.
bereits, daß B. es bei der einfachen Herübernahme der
philosophisch-phänomenologischen Methodik bewenden
läßt, statt sie von vornherein nach Maßgabe der Eigenart
des religiösen Gebiets, d. h. unter Berücksichtigung
der logischen und psychologischen Struktur des religiösen
Bewußtseins (also kurz gesagt: religionspsycholo- I
gisch) zu gestalten. Damit hängen dann sogleich zwei
Momente zusammen, die für sein Buch charakteristisch
sind: eine starke Hinneigung zum scholastischen Denken
und ein Gewichtlegen auf eine bestimmte Terminologie,
das an entscheidenden Punkten zu einem Streit um Worte
, ja zur terminologisch-dialektischen Spielerei führt.

Jeder Versuch einer Wesensbestimmung der Religion
wird als verfehlt und irreführend abgelehnt. Er beruhe
immer auf einer die Bedingungen des geschichtlichen
Daseins verkennenden rationalistischen Grundkonzeption
. Nun werden gewiß die Schwierigkeiten der in
Frage stehenden Aufgabe von B. scharfsinnig und sachgemäß
aufgedeckt. Aber im ganzen ist doch seine Argumentation
nicht stichhaltig. Wohl ist eine Unterscheidung
verschiedener Wesensbegriffe berechtigt und für
die Sache klärend. Aber die bloße Unterscheidung
und die auf sie sich gründende Kritik nach der
Devise divide et impera reicht an den Kern des Problems
nicht heran. Das wird gerade an B.'s Stellungnahme
zu meinem eigenen „Wesen der Religion" (Syste-
mat. Theol., Bd. II) ganz deutlich. Obgleich B. in ihm
„den empirisch-deskriptiven Wesensbegriff am eindrücklichsten
und umsichtigsten entwickelt" findet (S. 184),
stellt er ihn doch ohne jedes konkrete Eingehen unter
seine Kritik mit der doppelten Behauptung, 1. es gebe
kein einheitliches Wesen der Religion und 2. vermöge
der deskriptive Wesensbegriff „nur eine praktische Abgrenzung
der als religiös zu bezeichnenden Phänomene"
zu erreichen. Das erste Argument beruht auf einer
petitio principii und wird außerdem durch das zweite so
stark eingeschränkt, daß es schon dadurch seine Beweiskraft
verliert. Eine praktische Abgrenzung der als religiös
zu bezeichnenden Phänomene ist ja von größter
Wichtigkeit, ist aber ohne Berücksichtigung ihrer inneren
Struktur und Sinnlogik gar nicht möglich.

B. selbst hält es denn auch für eine berechtigte, ja
notwendige Aufgabe, trotz schroffster Ablehnung der
Wesensfrage doch „die religiöse Grundatti-
t ü d e" aufzuspüren, die in dieser oder jener Abwandlung
in allen Formen des religiösen Bewußtseins zum
Ausdruck komme, um so das „konstitutive Moment
aller Religion" das „konstitutive Merkmal
" ihrer Grundeinstellung oder Grundhaltung zu
finden — (also eben ihr Wesensmerkmal, über dem gewiß
die jeweilig spezifischen Formwandlungen nicht ,
übersehen werden dürfen). Mit dem Satz, daß alle Religion
ihrer Intention nach „dual, zweisam, dialogisch" sei,
meint dann B. das einzige durchgehende Merkmal |
der religiösen Grundattitüde angeben zu können. Aber
damit bleibt er nun gerade hinter einer wirklich unbe- J
fangenen sachgemäßen Wesensbestimmung zurück. Denn I
jener Satz ergibt keine Möglichkeit zu einer scharfen eindeutigen
Abtrennung reiner Religion von Magie bzw. magisch
durchsetzter oder beeinflußter Religion, die sich j
der Gottheit, bzw. der Kräfte der Überwelt irgendwie
und in irgend einem Maße zu bemächtigen sucht. Und
doch ist eben dies die wichtigste durch den konkreten I
Tatbestand der gesamten Religionsgeschichte einschließ- j
lieh der Geschichte der christlichen Kirchen gestellte |
Aufgabe.

In der Verkennung dieser Aufgabe und ihrer Bedeutung
auch für das spezifisch christliche Gebiet trifft
B. in eigenartiger Weise mit der dialektischen Theologie
zusammen. Er selbst entzieht sich dieser Aufgabe
und Einsicht trotz mancher in Einzelausführungen vorliegenden
Ansätze mittels der beiden termini, die über- |

greifend seine ganze Gedankenführung beherrschen: das
Metareligiöse und das Religioide. Als religioi'd bezeichnet
B. das uneigentlich „Religiöse", nämlich das bloß zu-
ständliche, rein funktionale, nicht-intentionale Aktphänomen
. Es ist nun zweifellos richtig, daß dies sog.
Religioide weder als Urform, noch als Vorform des
Religiösen anzusehen ist. Aber das Verhältnis von Religion
und Magie ist auch von da aus nicht abschließend
zu klären. Vielmehr werden von B. beide Größen letztlich
geradezu identifiziert, Religion also auf das Gebiet
der Magie beschränkt. Und dieser Betrachtung dient
dann auch B.'s Hauptbegriff: das Metareligiöse. Er ist
im Sinne B.'s rein formalen Charakters und soll die
Wendung des religiösen Bewußtseins zu der Einsicht
in die Fruchtlosigkeit der religiösen Funktion als
menschlicher bezeichnen. Und diesem metareligiösem
Bewußtsein soll die Bedeutung einer conditio sine qua
non, nämlich einer negativen menschlichen Voraussetzung
für die göttliche Offenbarung zukommen.

Damit schlägt die ganze Betrachtung ihrerseits in
eine magische oder aber in deren Verfeinerung und Subli-
mierung in scholastische Denkweise um. An diesem
Sachverhalt ändert auch der Umstand nichts, daß B. die
Mystik und das Metareligiöse als die beiden Endformen
des religiösen Bewußtseins betrachtet und ihr Verhältnis
zu einander dahin bestimmt, die erstere (die Mystik)
führte zur Wirklichkeit, aber nicht zur Wahrheit, die
andere (das Metareligiöse) dagegen zur Wahrheit, aber
nicht zur Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit, der wir
in der Mystik begegneten, sei lediglich unsere eigene
welthaft-menschliche Wirklichkeit, die in dieser Begegnung
als das unwelthaft-Göttliche mißverstanden werde;
im Metareligiösen aber, als dem Wissen um das Versagen
alles Menschlichen, erscheine wohl Wahrheit, aber
diese Wahrheit sei „bloße" Wahrheit, der die göttliche
Wirklichkeit versagt bleibe.

Der Grundfehler dieser ganzen in ihrer Art gewiß
geistreichen, vielmehr übergeistreichen Konstruktion ist
die völlige Außerachtlassung des evangelisch- reformatorischen
Glaubensbegriffs. Luthers tiefgründige Einsicht
, daß Glaube und Gott zuhaufe gehören, daß also
Gottes Offenbarung sich nur dem Glauben erschließt,
und daher auch nur der Glaube Gottes Offenbarung zu
fassen vermag, existiert für B. nicht.

In erschreckender Deutlichkeit tritt, dies in der
Schlußthese des Buches zutage, das protestantische
Schicksal, an dem die Jahrhunderte seit der Reformation
gewoben, sei „religiöse", ja „geistige Heimatlosigkeit".
Dem entspricht dann der Ausblick in die Zukunft, den
B. „heimkehrendes" Denken benennt: wenn wir die
Berge von Mißverständnissen abgetragen haben würden,
die die protestantische Theologie aller
Lager um das „katholische" Dogma aufgeschichtet
habe, dann werde vielleicht der Weg zum Dogma für
uns frei geworden sein.

Möchte B. vor dem Schicksal Erik Petersons, den
man in solchen Sätzen zu hören meint, bewahrt bleiben!
Göttingen. G. Wobbermin.

Schlipköter, Gustav, u. Albert Böhme: Der Kampf um die
Ehe. Eine Auseinandersetzung evang. Führer m. d. Verfallserscheinungen
d. heutigen Ehe. Gütersloh: C. Bertelsmann 1929. (320 S.)
gr. 8°. RM 8 — ; geb. 10—.

Mit den Herausgebern, die eine .Einführung' und einen ,Ausklang'
beigesteuert haben, verbanden sich Hermann Krafft (Der göttliche Ursprung
der Ehe S. 11 ff.), Ella Boeckh-Arnold (Die Ehe im Wandel der Zeiten
S. 14 ff.), Gustav von Rohden (Ehe und Weltanschauung S. 27 ff., Der
Mann und die Ehe S. 41 ff., Die zweite Ehe S. 142 ff., Der heilige Ehestand
, S. 249 ff.), Hermann Vortisch (Die Auswahl der Ehegatten S. 50 ff..
Das Geheimnis der Ehe ist groß! S. 193ff.), Adolf Sellmann (Gesetz
und Ehe S. 58 ff.), Erich Stange (Die Durchschnittsehe S. 70 ff.), Gerhard
Füllkrug (Die Ehe auf Zeit S. 79 ff., Die Ehescheidung S. 165 ff.), Paul
Althaus (Ehe und Kinder S. 100 ff.), Esther von Kirchbach-Cariowitz
(Die berufstätige Frau und die Ehe S. 116 ff.), J. B. Schairer (Innere
Nöte und Gefahren der Ehe S. 126 ff.), Wilhelm Stählin (Die Mischehe.
S. 148 ff., Die Trauung S. 249 ff.), Elsbeth Krukenberg-Conze (Sinn und
Inhalt der gottgewollten Ehe S. 17 ff.), Paul Blau (Die Kräfte für den