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Ausgabe:

1931 Nr. 6

Spalte:

128-133

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reitzenstein, Richard

Titel/Untertitel:

Die Vorgeschichte der christlichen Taufe 1931

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 6.

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Kautzsch. Auf Josephus, Philo ist nicht, auch nicht in
Proben geachtet, wenngleich vielleicht contra Apionem
und vita contemplativa hier nicht fehl am Orte wären.
Wie wäre es ferner mit den „beiden Wegen" und mit
„Ahikar?" Die Rezeption des letzteren durch Juden
blieb nicht ohne Anregungen an ihre Denkweise und
Publizistik. — Die auf das Äußerste beschränkten Erläuterungen
bestehen aus einer Reihe Glossen zu Titeln
und einzelnen Aussprüchen und sind an den Schluß des
Bandes verwiesen. Sie stehen der Erwartung entgegen,
daß dem Unternehmen nach guter Aufnahme einige
Kommentarbände folgen möchten. Es ist zwar richtig,
daß Rießler das Schrifttum nur durch sich selbst sprechen
lassen will und möglichst allseitig vorlegt. Doch
um den wissenschaftlichen Notstand zu beleuchten, genügt
die einfache Erinnerung, daß Kautzsch von 1900
noch in anastatischem Neudrucke wieder erscheinen
konnte. Manche Erläuterung wäre zweckmäßiger in
die Übersetzung verwoben worden. Z. B. beruht auf
dem no'Urjv Sal-ps 1, 313 die Gleichung S. 1322:
Ich = jüdische Gemeinde. Die gleiche Erkenntnis wäre
schon durch eine Überschrift des Ps „Zions Klage über
die Hasmonäer" o. ä. erreicht worden. Auf eine einprägsame
gestaltvolle Übersetzung hat R. viel Wert gelegt
. Auch der notwendige Anschluß an seine wissenschaftlichen
Vorarbeiter bürgt für die Güte seiner Übersetzung
. Doch wäre die eine und andere Hinterlassenschaft
heute natürlich verbesserungsfähig.

So übernimmt R. von Kittel die Ansicht, avcdjic, 18,6 sei ein
abstr. zu dva|, obgleich Ryle-James das subst. schon richtig zu ctva-
ywyv gestellt hatten, vgl. ovva|i? und owayroyri; es ist hbr. behaqim
oder beha'ir. 2, 4 Ivexev toutcüv nimmt apodotisch das dvf> cöv 2, 3
wieder auf, so daß 2,3 Vordersatz wird, und für 2, 4 die Wiedergabe
genügt hätte: „sprach Er das Urteil: Weit werft sie weg von mir." In
R.'s Übersetzung, die v. 3 zu v. 2 zieht, stört jetzt den v. 3 ein schwer
beziehbares „dafür", als hätten die Fremden bewußt die göttliche Gerechtigkeit
vollstreckt. Eine solche Vorstellung wäre von Denkschwierigkeiten
belastet. Im Allgemeinen findet sich am Anfange subjekthaltiger
Sätze zu oft jenes „es", das im deutschen Märchen und Lied beheimatet
war, eine Verlegung des Verbs an den Satzanfang ermöglicht und heute
lieber der öffentlichen Durchschnitt-Beredsamkeit überlassen bleibt.

Einzelne Anregungen schmälern nicht das Verdienst
einer vieljährigen Hingabe. Hinsichtlich ihrer an unseren
Zeitgenossen erstrebten Ziele sind die Leser der
Th. L. Z. wohl einer Meinung mit R. Die Verbreitung
der historischen Wahrheit über das Judentum mit Hilfe
seiner Selbstaussagen liegt einerseits im Interesse des
Judentums selbst und ist andererseits ein Schritt zur
Selbstbehauptung des Christentums.

Kiel. _Wilhelm Caspari.

The New Testament in modern Speech. An idiomatic translation
into every-day English from the text of the Resultant Greek Testament.
By the Iate Richard Francis Weymouth. Newly Revised by
James Alexander Robertson. Fifth edition. London: James Clarke
& Co. 1929. sh. 5-.

Diese Übersetzung, welche 1902 zum ersten Male
erschien, unterscheidet sich von den bei uns üblichen
modernen Übersetzungen durch den Mut zu zahlreichen
wissenschaftlichen Beigaben. Jede Seite trägt erklärende
Anmerkungen, jede einzelne Schrift hat ihre kurze
wissenschaftliche Einleitung. Anhänge unterrichten über
sämtliche im N.T. vorkommenden politischen Persönlichkeiten
, über das Münzsystem, über sämtliche geographische
Bezeichnungen. In allen diesen Dingen
können wir lernen; ohne dergleichen sollte man das
Neue Testament überhaupt nicht ausgehen lassen.

Die Übersetzung selbst in ihrem Verhältnis zur
Kirchenbibel charakterisiert man am besten durch Beispiele
, und zwar so, daß man Weizsäcker in seinem Verhältnis
zu unsrer Kirchenbibel daneben stellt.
Matth. 12,46.

Revision 1892: Da er noch also zu dem Volk redete, siehe,
da stunden seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit
ihm reden.

Weizsäcker10: Während er aber noch zu den Massen redete,
siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder außen und verlangten,
ihn zu sprechen.

Revision 1881: While he was yet speaking to the multitudes,
behold, his mother and his brethren stood without, seeking to speek
to him.

Weymouth6: While He was addressing the people, His mother
and His brothers were Standing on the edge of the crowd desiring to
speak to Him.

Rom. 10,10.

Revision 1892: Denn so man von Herzen glaubet, so wird
man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig.

Weizsäcker10: Denn mit dem Herzen wird er geglaubt zur
Gerechtigkeit, mit dem Munde bekannt zum Heil.

Revision 1881: For with the heart man believeth into righ-
teousness; and with the mouth confession is made into salvation.

Weymouth6: For with the heart men believe and obtain
righteousness, and with the mouth they make confession and obtain
salvation.

Hebr. 5, 7 f.

Revision 1892: Und er hat in den Tagen seines Fleisches Gebet
und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert zu dem, der
ihm von dem Tode konnte aushelfen; und ist auch erhöret, darum daß
er Gott in Ehren hatte. Und wiewohl er Gottes Sohn war, hat er
doch an dem, das er litt, Gehorsam gelernt.

Weizsäcker10: Er hat in den Tagen seines Fleisches Bitten und
Flehen mit lautem Geschrei und Tränen gebracht vor den, der ihn aus
dem Tode erretten konnte, ist auch erhört worden aus seiner Angst,
und hat, obwohl er Gottes Sohn war, Gehorsam gelernt an seinem
Leiden, . . .

Revision 1881: Who in the days of his flesh, having offered
up prayers and supplications with streng crying and tears unto him
that was able to save him from death, and having been heard for his
godly fear, thoug he was a Son, yet learned obedience by the things
which he suffered; . . .

Weymouth5: For Jesus during His earthly life offered up prayers
and entreaties, crying aloud and weeping as He pleaded with Him, who
was able to save Him from death, and He was heard for His godly
fear. Although He was God's Son, yet He learned obedience from the
sufferings which He endured; . . .

Der Bruch mit der (im Verhältnis zu unsrer noch
viel altertümlicheren) Kirchenbibel ist nicht minder radikal
als bei Weizsäcker. Aber im Conkretert sind die
Unterschiede doch recht stark. Die alte englische Bibel
hat nicht Luthers geniale Freiheit gehabt, und Weymouth
hat nicht Weizsäckers Neigung zur philologischen Übersetzung
. So ist bei uns die kirchliche Übersetzung die
freie, und die des Gelehrten die wörtliche. In England
ist umgekehrt die kirchliche Übersetzung die wörtliche,
und die des Gelehrten die freie. Ein interessanter Beitrag
zu der Frage, ob die Wissenschaft uns zwingt, von
Luthers Freiheit bei der im Gang befindlichen neuen
Revision abzugehn. Wiederum aber ist ein Unterschied
in der Art der Freiheit des englischen Gelehrten und
der Luthers. Luthers möchte ich die charakteristische
Freiheit, die Weymouths die abschleifende Freiheit
nennen. Aus dem biblischen und bei Luther bleibenden
„in den Tagen seines Fleisches" wird bei Weymouth
„during his earthly life", usw. Römer 10/10, wo sie
beide frei werden müssen, drückt Luther die Meinung
des Satzes so scharf wie möglich aus in der neuen
Form; Weymouth verdunkelt den Gliedzusammenhang
um des guten englischen Ausdrucks willen.

Der Vergleich der englischen Kirchenübersetzung mit der Weymouths
ist, da fast überall die gute elegante Sprache die beherrschende Rücksicht
Weymouths ist, für den, der sich an der Lektüre älterer englischer
Schriftsteller sein Gegenwartsenglisch verdorben hat, ungeheuer belehrend.
Göttingen. E. Hirsch.

Reitzenstein,R.:Die Vorgeschichte der christlichen Taufe.

Mit Beitr. v. L. Troje. Leipzig: B. G. Teubner 1929. (VIII, 399 S.

u. 1 Taf.) 8°. RM 16 — .

Das Buch ist mir erst im Mai 1930 zugegangen.
So bin ich in der Lage, bei meinen Ausführungen zur
Sache auch bereits auf einige Kritiken des Werkes Rücksicht
zu nehmen, vor allem auf die von Hans Heinrich
Schaeder im Gnomon und auf die von Ernst Lohmeyer
in der Deutschen Literaturzeitung (beide Jahrgang
1929).

Zweimal hat Richard Reitzenstein mit bahnbrechenden
Hinweisen in die Erforschung des Urchristentums
eingegriffen. Das eine Mal geschah es, als er die