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1931 Nr. 5

Spalte:

116-118

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Episcopacy ancient and modern 1931

Rezensent:

Dibelius, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 5.

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Grunde auch nur an dem Bau und Beherrschung der Bagdad bahn gehangen
. Wir hätten im Krieg an den Türken festgehalten trotz aller
Schändlichkeiten derselben wider die Armenier. Jetzt nach dem Krieg,
wo man den Armeniern gern ehrlich helfen möchte, seien die Türken,
und in ihrer Art nicht minder die Russen, nur zu mißtrauisch auch
gegen uns, ob nicht bloß politische oder kapitalistische Interessen
hinter unserer „Fürsorge" stünden. Politisch hätten wir Deutschen ja
keine Kräfte mehr zur Verfügung. Aber überall, zumal auch für die
sozialen Verhältnisse nur allzu viele „christliche" Ideen. Türken
und Russen scheuten die begreiflicherweise genug, um nicht jedem
Deutschen gegenüber, der nicht gerade als Techniker gebraucht werde
ihre Grenzen (Rußland ganz besonders am Kaukasus) hermetisch geschlossen
zu halten. Eigentlich missionarisch sind wir Deutschen ja nur
schwach im Gebiete des Islam tätig. So gelten Schütz's Spezialbeob-
achtungen in dieser Beziehung wesentlich den englischen und amerikanischen
Missionen. Diese seien in traurigster Weise gewissermaßen
nur die „Jagdhunde" der Politik ihrer Länder (d.h. der des Groß-
kap i t al i s m u s), die sich heran- und zurückpfeifen lassen. (In China,
das erwähnt Schütz gelegentlich, hätten „Missionare" im Krieg
eifrigst Söldner wider Deutschland zu werben gesucht!) — Was wir
in der Gegenwart an politischen Treibereien im „Orient" erlebten, stellt
Schütz zuletzt in den Rahmen des ganzen Jahrtausends, das nun ja dem
Ende entgegengeht. Einen großen Abschnitt überschreibt er „Kreuzzug
oder Invasion ?", um zu zeigen, daß die Christenheit des Westens es
eigentlich nie ehrlich gemeint habe, wenn sie unter dem Zeichen des
„Kreuzes" und unter der Parole „für Chrisus" sich an bzw. gegen den
Osten, das lange christlich „gewesene", dann islamisierte Vorderasien
und Ägypten, gewendet habe. Zum Schlüsse beleuchtet Schütz auch
noch die „Verhüllung des Dämonischen" an ihrer Mission, die die
„christlichen" Völker versuchen.

Ich muß, wenn ich mich kritisch äußern soll,
unterscheiden zwischen dem, was ich historisch, und
was theologisch zu bemerken meine. Mir scheint,
daß Schütz nicht genügend den Reisenden als aktuell
Erlebenden und den ordnenden Denker bei sich
auseinander halte. Der erstere sieht klar und scharf,
was doch aber an und für sich vielleicht nur pro loco
et tempore gilt, also was dermalen und dort, vom
Islam und der Sowjettyrannei „jetzt" zu beobachten
ist. Der letztere hat eine gewisse Neigung dann
zu verallgemeinern und zu systematisieren. Seine lebhafte
(gerade so fesselnde, aber auch aufregende)
Schreibweise — Schütz hat ungewöhnliche schriftstellerische
Gaben — läßt ihm leicht generalisieren,
was ihm „begegnet" ist. Mir erscheint die große Geschichte
zwischen Orient und Occident wie wiederholter
Wogenprall herüber und hinüber. Wir
leben in einem Augenblick noch bloß eines neuen Zusammen
s to ß e s: gesiegt hat „noch" der Westen so
wenig wie der Osten. Wohl möglich, daß endlich ein
wirkliches „Neues" entsteht. Ja, seit den Kreuzzügen
ist es fast ein Jahrtausend, daß der Westen immer die
Invasion versuchte. Aber der Osten hatte vorher ein
Jahrtausend der Invasion von seiner Seite. Die war erfolgreicher
, als unsere in den „Kreuzzügen" eine
Weile siegreiche, dann erledigte. Ich denke nicht so
sehr daran, daß der Islam Jahrhunderte lang (fast
bis ans Ende des „Mittelalters") Spanien (von der
ganzen nordafrikanischen Küste, dem Lande eines Ori-
genes, Tertullian, Augustin, zu schweigen) beherrschte
(vom Frankenreiche schwer genug „abgewehrt" war),
daß die Türkei noch über die Grenzen des ehemaligen
byzantinischen Reichs hinaus für fünfhundert Jahre
europäischen Boden besaß (noch jetzt Konstantinopel
inne hat, 1529 und wieder 1683 Wien belagern
konnte!), — ich denke vielmehr daran, wie bis zur
Stunde von maßgebender Bedeutung für das Innenleben
der westlichen Christenheit der Osten geblieben
, wie geistig siegreich sich die sieben im Orient
gehaltenen, von „orientalischem" Denken bestimmten
sogenannten ökumenischen Synoden und ihr Dogma
erwiesen haben. Damit hängt es sehr zusammen,
daß unser Christen- und Kirchentum dem Orient (Vor-
derasien!) geistig nicht imponiert. Der Islam versteht
sich zu gut auf religiöses „Denken", ontologische
„Spekulation" über Gott, um vom christlichen alten
Dogma her überwunden werden zu können. Wie nun?
Soll die Christenheit nochmal — diesmal auch die erstarrte
, numerisch große, geistig ausgelebte „orthodoxe"
Slawenkirche — dem Osten (d. h. ja nun wohl sicher
nicht: dem rivalisierenden Islam, nein, vielleicht mit ihm,
dem „bloß" a n t i christlichen Osten) erliegen? Werden
wir römischen und evangelischen Westler diesem
Orient und seiner „Invasion", wie einem Gerichte
Gottes, mit unterstellt werden? Oder wird die kommende
Zeit, vielleicht erst recht ein „Weltkrieg", Osten
und Westen endlich von sich selbst als eigentlich
„noch" im Letzten „bloß" Welt frei machen und
den wahren, nicht „dogmatisierten", durch den Geist
allein waltenwollenden Christus zum Siege bringen?
Wer wills sagen? Das Land „zwischen Nil und Kaukasus
" wird wohl kaum der Boden der „Schlacht"
sein.

Das soll natürlich nicht heißen, daß das Land, das
Schütz bereist hat, unwichtig sei. Unwichtig ist kein
Land! Und nun frage ich, jetzt vollends Theolog, macht
der Orient, der bislang immer noch das „Verhängnis"
des Occidents war, uns die Fehler unseres bisherigen
„westlichen" M i s s i o n s betriebs klar? War der vielleicht
zu weit bloße Propaganda, am Ende wirklich
mehr für unsere westlichen Staaten und Banken
ein Bahnbrecher, ein „Jagdhund", als für das
Reich Gottes in Christo? Was bedeutet uns da die
„Kirche"?! Es scheint mir wichtig, den Begriff derselben
von Luther aus endlich klar zu erfassen.
Denken wir an die communio sanetorum oder sacramen-
torum? Die societas fidei et Spiritus saneti in cordibus
in ihrer G a n z h e i t, das nur dem Glauben sichtbare,
sonst „geheime" Reich Christi in der Welt, oder an die
christliche, evangelische Kultgemeinde und ihre Verwaltung
des „Worts" (des verbum vocale und des
verbum visibile)? Ich sehe kein Ausweichen: die
Mission muß „predigen". Also die Verkündung
ist ihre Hauptsache, ihr „Auftrag". Aber freilich als
„Zeugnis"! Anders hat die Mission ihren Gang in die
Welt und durch die Zeiten nicht gemacht, kann sie
ihn nie machen. Und da ist doch wohl das christliche
„Individuum" wichtiger als Schütz sich vorstellt. Gewiß
, es gibt einen (pietistischen) Seligkeitsindividualismus
, der nur unter Umständen wirkt. Aber ein Paulus
war auch Individualist. Und wirklich im Evangelium,
in Christus, sich gründender Individualismus lebt
j unter dem „Haupte" mit den „Gliedern" in communio.
j Wie läßt sich das den Nichtchristen verdeutlichen?
Wie kann die „Predigt" des Missionars den „verleiblichten
", sich immer neu verleiblichenden, nur als ein
Gemeingut (in Geistes a u s t a u sc h, Zusammen-
„leben" im Geiste) sich unter den Menschen wirklich
I durchsetzenden Christus Nichtchristen nahe bringen?

Das ist ein großes Problem, das noch dessen harrt, von
I der Theologie aufgegriffen zu werden. Es ist
[ Schütz zu danken, daß er an das Problem gedacht hat,
I wenn auch freilich ohne Klarheit über den „Charakter"
dieses Problems.

Zum Schluß noch eine Empfehlung, Schütz'
Buch zu lesen. Ich habe selten einen gleich guten
Erzähler von solchem, was ihm eine „Reise" an
Eindrücken, von Menschen und (ganz besonders) von
Landen schuf, getroffen. Es ist prachtvoll, wie er die
Wüsten und Berge, ihre Schönheit, ihre Schrecknisse,
zu schildern vermag.
Halle a. S. F. Kattenbusch.

Jenkins, Claude, D. D., u. K. D. Macken zie, M. A.:
Episcopacy ancient and modern. London: S. P. C. K. (1930)
(XXX, 412 S.) 8". 12 sh. 6 d.

Das Buch bietet weniger und mehr, als der Titel
verspricht. Weniger insofern, als aus der Geschichte
des bischöflichen Amtes nur ein Ausschnitt behandelt
wird. Und zwar von verschiedenen Verfassern. Zunächst
das bischöfliche Amt in der alten Kirche. Sodann der
Bischof im Mittelalter — wobei der Blick bereits wesent-
lieh auf England beschränkt bleibt. Dann das bischöf-