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Ausgabe:

1931 Nr. 5

Spalte:

113-116

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schütz, Paul

Titel/Untertitel:

Zwischen Nil und Kaukasus 1931

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 5.

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druck. An Literatur ist außer der Arbeit von Ooyau auch der Aufsatz
von W. Gurian in den „Schildgenossen" 7, 1927, S. 499—517 übersehen.
Die Fülle der Druckfehler paßt schlecht zu der glänzenden äußeren Ausstattung
des Bandes. Die Berichtigungsliste ließe sich leicht verdoppeln.
Störend wirken besonders auch die häufigen falschen Typen s. vor allem
Bogen 13.

Kiel-Voorde. Kurt Dietrich Schmidt.

Schlitz, Paul: Zwischen Nil und Kaukasus. Ein Reisebericht
z religionspolitischen Lage im Orient. München: Chr. Kaiser 1930.
(VII, 246 S.) gr.8°. RM 5.80; geb. 7.80.

Ein sehr lesenswertes Buch. Es geschieht mir nicht
gerade oft, daß ein Buch mich nicht losläßt und ich es
uno tenore zu Ende lese. Zum Teil ist das Buch aufregend
. Aber indem ich zurückschaue und mir klar
mache, was zu den strengen Urteilen des Verfassers
(Pfarrer zu Schwabendorf bei Marburg; mit Fr. Lieb
Herausgeber der losen Hefte „Orient und Occident",
deren erste drei ich hier, 1930 Nr. 20, besprach) zu
sagen sei, muß ich urteilen, daß da wohl gewisse Unklarheiten
mitwirken. Indes das sind solche, die keineswegs
nur in Bezug auf Schütz gelten. Es geht um
Schütz' Urteile über die Kirche, ihr Versagen zumal
in der Mission, aber doch keineswegs nur in ihr,
sondern überhaupt in der Aufgabe, die ihr in der Welt
obliegt. Vieles von dem, was Schütz als Kritiker sagt,
stimmt auch nach meinem Urteil zu. Aber dann schwält
eben in der Tiefe ein Rest von Ungeklärtheit. Das
Buch hat einen Nebentitel: „Ein Reisebericht zur
religionspolitischen Lage im Orient". Also
alle „Urteile" sind angeschlossen, an-oder eingebettet in
Erlebnisse auf seiner mehrmonatlichen Reise
zuerst in Ägypten, dann in den Mandatsgebieten Englands
und Frankreichs in Palästina, Syrien, dem Irak
(dem Zweistromlande), bis nach Persien hin: Verfasser
ist in Täbris gezwungen, umzukehren, Rußland verschließt
sich ihm, sein Wunsch in das eigentliche (heutige
, zum Sowjetgebiete mitgehörige) Armenien vorzudringen
— er versucht es zuerst von Kurdistan aus,
hier schieben die Türken den Riegel vor — ist vereitelt.
Die „verschlossenen Tore", die er trifft, stacheln ihn
auf zur „Besinnung" über das Problem „Orient und
Occident", so unter dem Gesichtspunkt der Religion als
der Politik, in weiter geschichtlicher Überschau, doch
zugespitzt auf die gegenwärtige „Lage". Schütz
überlegt eindringlich, gewinnt scharfe Urteile. Man
erschrickt über seine Herbheit gegenüber Christentum
und Kirche. Auch ich glaube, daß herb geurteilt werden
muß, aber „verstehender". Ich bin nie im Orient
gewesen. So lasse ich mir da alles „sagen", was der
Verf. „beobachtet" hat, was er berichtet. Aber die
beiden Angeklagten, Christentum und Kirche, — des
Westens, vorab (natürlich) „unser", der Evangelischen
christliches Wesen und Tun (Amerika übrigens zum
„Westen" gedanklich mitgerechnet) — die Angeklagten
stehen ihrerseits unter viel Druck, einem Druck zum
Teil durch „Unklarheiten". Da glaube ich als Theolog
mitsprechen zu dürfen. Der alte Professor will
nicht etwa den „jungen" (d. h. nun doch wohl bald
vierzigjährigen) Pfarrer (der mal sein Schüler war),
wie nach einem Examen zensurieren; er hat dafür zu
starken Eindruck gewonnen von der Gabe des Verfassers
, Dinge und Menschen zu durchschauen und sich
bei sich selbst (innerlich) zu „orientieren". Schütz
macht sehr hübsch mal das Wortspiel, daß zum „orientieren
" der Orient gehöre, daß der Orient für
den Beobachter des Geschehens von heute den
Ausgangspunkt bieten müsse (seit den Kreuzzügen sei
er das politische Verhängnis für den „Occident
"), ja auch bewußt, bei prinzipieller Selbstbewertung
gerade des Christentums, der Kirche,
„der Christen", die Grundlage zu bilden habe. Aber
was sagt uns Westlern dann der Orient, gerade auch die
„verschlossene" Türkei, das „unzugängliche" Rußland
, dazu das Land des Islam, soweit es sich bereisen
ließ.

Vielleicht kann ich es als ein dreifaches bezeichnen, was Sch.
im Orient erkennen gelernt bezw. bestätigt gefunden hat (denn ich irre
wohl nicht, wenn ich meine, er habe gewisse Urteile schon zum voraus
sich gebildet gehabt, die ihm dann im Orient vollends als berechtigt
zum Bewußtsein gekommen). Nämlich erstens, daß die Mission
eigentlich sehr wirkungslos sei und allzusehr nur „Äußerliches" biete.
Das geht ihm schon in Ägypten auf. Die Katholiken stehen da nicht
besser zur Sache, eher noch schlechter, als die Evangelischen. Es ist
im Grunde nur Kultur, die die Missionen in den Orient tragen. Allem
vorab Krankenhäuser, ärztliche Kunst und Pflege. Sodann Schulen,
abendländische Bildung, von den Anfangsstufen (Lesen, Schreiben) bis
zur „Wissenschaft" ; sie seien stolz, wenn sie Zöglinge dafür interessierten
und vorbildeten, „Universitäten" (zumeist die von Paris) zu besuchen.
Die meisten ärztlich Betreuten, elementar oder literarisch Unterwiesenen
dächten garnicht daran ihre alte Religion (durchweg der Islam) aufzugeben
und Christen zu werden, sie würden nur „aufgeklärte" Moslems,
seien nicht undankbar, gedächten aber wesentlich der Zeit, wo in irgendwelcher
wohl nicht mehr fernen Zukunft sie und die Völker des Orients
sich selbst alles das leisten, sachgemäß ebenso gut beschaffen könnten
und sicher würden, als sie es sich im Augenblick noch von den Europäern
(bzw. Amerikanern) „liefern" lassen müßten. Noch bezögen sie
Instrumente, Maschinen, Verkehrsmittel (Eisenbahnen), Methoden (etwa
der Landwirtschaft, aber überhaupt der Gütergewinnung, Fabrikation,
kommerziellen Verwertung) von den „Christen". Aber sie sähen zugleich
, wie wenig christlich die meisten Christen — da denkt der Verfasser
doch wesentlich an die europäischen „Geschäftsleute" und
„Vergnügungsreisenden"! — sich verhielten. Das Christentum
imponiere ihnen nicht, sie kämen sich seelisch durch ihre Religion
gerade so gut „versorgt" vor, als die „Christen". Es wird richtig sein,
daß die Europäer im Orient selbst oft kaum Glauben haben. Das führt
auf das Zweite. — Schütz sieht in Europa, in unseren Kirchen, wenig
wirkliches Verständnis des Christentums. Im wesentlichen sei bei uns
alles, was sich als solches gebe oder dünke, nur Humanismus und
Idealismus, Vernunftverherrlichung, „Weltanschauung", höchstens bürgerliche
Sittlichkeit, Wohlanständigkeit und ein Maß von Hilfsbereitschaft.
Das heiße, den Menschen und seine Gedanken, Pläne, „Werke", dahin
setzen, wo Gott stehen wolle. Gott wolle aber aus seiner Offenbarung
, seinem „Worte", erkannt und demgemäß vor den Menschen
bekannt sein. Wir westlichen „Christen" hätten nur noch, oder
brächten immer zunächst das zum Ausdruck, was wir unsere „religiöse
Erfahrung" nennten. Dem setzten die Leute des Ostens — die Moslems,
denn eigentlich hat Schütz ja dort nur mit solchen zu tun — ihre
religiöse Erfahrung entgegen. „Fromm" sei der Jünger Muhammeds
eher mehr, als weniger, wie „wir". Überhaupt, es gehe gar nicht um
bloße Religion, das was wir uns vom Christentum angeeignet
hätten, sondern um das, was uns und überhaupt den Menschen von
Gott dargeboten werde, was wir als solches weiter zugegeben
hätten, also einfach um eine Verkündigung, die uns jeden Augenblick
„mit" treffe, um das Evangelium, um die Kunde, daß die
Menschheit „gefallen" sei, „alle" Menschen Sünder seien und verloren
, wenn Gott sie nicht durch sein Tun rette, erlöse. In
Ägypten, aber überwiegend im vorderen Asien, trifft Schütz nur englische
bzw. amerikanische Mission (daneben französische des Katholizismus
), uns Deutschen sei anscheinend noch gar nicht bewußt, daß
gerade da ein großes Feld für echt evangelische Mission brachliege.
Äber ob wir wohl wirklich die Engländer und Amerikaner als Missionare
dort überbieten würden ? Bei uns sieht Schütz vor allem einen
Mangel an Verständnis für die Kirche als „Kirche". Wir deutschen
Protestanten meinten letztlich Christus haben zu können ohne den „Leib"
Christi. Aber Christus habe sich nie gedacht und angeboten ohne Leib,
d. h. nie ohne daß er sich als Haupt eines Volks, einer Verbundenheit
der Seinen in einer sie tragenden Organisation, wo der Einzelne
nur ein „Glied" sei, betrachtet habe; nur wollte er für sich und
uns, für die Rettung der Menschen, streiten. Wir angeblich dem Evangelium
erschlossenen, für es missionierenden Christen seien eigentlich
nur Individualisten, dächten jeder auch Gott und Christo gegenüber
nur an die eigene Seele und „Seligkeit". Verstehe ich Schütz
recht, so will er nicht etwa die Ewigkeitshoffnung zurückdrängen, aber
diese nicht hegen in Gleichgültigkeit gegen das Erdendasein, das „Jetzt"
unseres Christenlebens, anders ausgedrückt: er meint, daß man den
Geist, das „Wort", nie ohne das Fleisch habe. („Das Wort
ward Fleisch", den Spruch zitiert Schütz fast am öftesten.) Die
Gläubigen des Islam bekommen allzuwenig, eigentlich überhaupt nichts
zu spüren von einer evangelischen Christenheit, einer „communio" der
christlicher „fideles". Sie selbst, die Jünger Muhammeds fühlten und
begriffen sich ganz anders als ein Ganzes, eine „Einheit" von „Gläubigen
". So locke es sie wenig, „Christen" zu werden. — Und nun
das Dritte. Ja, das ist das allerpeinlichste. Die Christenheit erscheint
im Orient allzusehr als geschäftstüchtige Summe von Geldmachern
, bloß Summe von Politikern im Interesse des Gottes
Mammon. Für England sei letztlich das Petroleum und die Baumwolle
die Hauptsache, das, was es, auch durch die Mission,
erstrebe. Und die Mission stelle sich nur allzuwillig mit in den Dienst
dieser politisch-wirtschaftlichen Interessen. Wir Deutschen hätten im