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Ausgabe:

1931 Nr. 5

Spalte:

103-105

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Possidius Calamensis, Augustins Leben 1931

Rezensent:

Dörries, Hermann

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103

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 5.

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4), wie soll da noch daneben oder darüber ein besonderes
und höheres „Apostolat" oder „Vikariat Christi"
bestehen? Wenn ferner noch bei Beginn des 6. Jahrhunderts
Eugippius in seiner vita Severini 21, 2 mit-
bezug auf das Bistum Tigurnia von einem summi sacer-
dotii suscipere principatum spricht, wie soll dann im
3. Jahrhundert ein apostolatus ducatum gerade auf den
römischen Bischof gehen müssen?

Wertvoll ist unter Nr. 8 besonders der Nachweis,
daß als Stellvertreter Gottes in der Weltregierung der
Kaiser betrachtet wurde. Dies traf nicht bloß im Osten,
sondern auch im Westen zu und verzögerte hier noch
Jahrhunderte lang den Ausbruch des offenen Streites
zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt. Der lange
Streit endete dann damit, daß sich der Papst als Nachfolger
Petri und vicarius Christi auch die Weltherrschaft
, das dominium super gentes et regna beilegte.
S. 441 bemerkt H., daß der Papst sich auch den Titel
„Kaiser", und zwar ausschließlich, hätte aneignen
können, es aber nicht getan habe, weil es gegen die
Gewohnheit verstoßen hätte und der Titel mit seinem
irdischen Beigeschmack zu gering gewesen sei. Ich
glaube aber nicht, daß sich mittelalterliche Päpste am
„irdischen Beigeschmack" gestoßen hätten. Übrigens
scheint sich Bonifaz VIII. gelegentlich tatsächlich als
Caesar und Imperator begrüßen lassen zu haben (Finke,
Acta Aragonensia 1908, S. 133 ff.). Ebenso liegt in dem
von Pius XI. verkündeten „Christkönigtum" mittelbar
doch wieder ein „Papstkönigtum", wenn auch Leo XIII.
in seiner Enzyklika Immortale Dei der weltlichen Obrigkeit
ihr „selbständiges Recht" zurückgegeben hat. Die
Ausübung dieses Rechtes untersteht doch stets der Prüfung
durch die Kirche, d. h. den Papst.

Es waren nicht Entfaltungen einer von Anfang
an gegebenen „Entelechie", sondern jeweils langsame
Umschläge und Umstürze, als das Fortleben Christi
von der Gesamtheit der Christgläubigen auf den apostolischen
Episkopat und von diesem auf den „Nachfolger
Petri" und „Stellvertreter Christi" eingeschränkt wurde.
H. hat die Grundzüge dieses Wandels in seiner zu weiteren
Untersuchungen anregenden Skizze scharfsinnig
herausgestellt.

Zur Wertung des Bischofsamtes und Bischofsnamens (S. 429) vgl.
auch Pacian ep. 1,6 (ML 13,1057 C): Qui (sc. Dbus)~episcopis etiam
Unici sai nomen indulsit (I. Petr. 2,25). S. 431 A. 5 sagt H., daß bei
Joh. 21, 15 ff. nicht notwendig verstanden werden müsse, es handle sich
um alle Schafe und Petrus allein seien sie anvertraut. Noch treffender
bemerkt Detlev v. Eiern (Aus dem Tagebuch eines Kaplans 1930,
S. 35), daß der Herr bei der römischen Erklärung hätte sagen müssen :
„Weide meine Lämmer, weide meine Schafe und weide meine Hirten!"
S. 432 spricht H. von einer „fast ausnahmslos festgehaltenen Voranstellung
des Petrus" (vor Paulus), die er aus dem „chronologischen Tatbestand
" erklärt. An der bekannten Stelle Iren. adv. haer. III, 3,1
(S. 428 Stieren) lesen aber die besten Handschriften, Ciarom. und Voss.,
Paulo et Petra und es ist nicht anzunehmen, daß eine Voranstellung des
Petrus zu Gunsten des Paulus geändert worden wäre, wohl aber umgekehrt
. (Daß alte Grafitte manchmal den Namen des Paulus dem des
Petrus voranstellen, bemerkt H. selbst S. 433 f. A. 6.) Zu 434 (C):
im Briefe Gregors I. an den Patriarchen Eulogius von Alexandrien
(VI, 58. MGH. Epist. I, 432, 27 ff.) steht die verbindliche Wendung:
Nam sicut Omnibus Uquet, quod beatus evangelista Marcus a sancto Petro
apostolo magistro suo Alexandriam Sit transmissus, huius nos magistri et disci-
puti unitate constringimur, ut et ego sedi discipuli praesidere videar propter
magistrum et vos sedi magistri propter discipulum. Aber mehr als eine Höflichkeitswendung
ist das, wenigstens für den alexandrinischen Stuhl,
sicher nicht.

München. Hugo Koch.

4.

Die letzte Abhandlung Harnacks ist dem ihm vertrautesten
Kirchenvater, dem er noch näher stand als
selbst Marcion, gewidmet, doch zu einer neuartigen
Aufgabe. Das Bild, das Augustins Schüler Possidius
von dem magister noster entworfen hat, soll nachgezeichnet
und in seiner Eigenart begriffen werden. Har-
nack will ein Versäumnis der deutschen Wissenschaft
an einer Schrift gut machen, die er als die reinste und
zuverlässigste Biographie des kirchlichen Altertums bezeichnen
darf.

So ist denn der Kern der Abhandlung die Vita
selbst, ins Deutsche übertragen — in der präzisen und
biegsamen Sprache der rlarnack-Übersetzungen, kommentiert
und durch lehrreiche Exkurse erläutert. Voran
geht eine Übersicht über die Geschichte des Werks und
seine Ausgaben, dazu eine Schilderung des Verf.s und
seines Verhältnisses zu Augustin.

Der als Mönch etwa sieben Jahre in Augustins
Kloster lebte, ist auch als Bischof des eine Tagereise
von Hippo entfernten Calama noch über 30 Jahre bis
zum Tode seines Lehrers ihm familiaris ac duleis geblieben
; er war zuletzt, als er sich vor den Vandalen
nach Hippo geflüchtet hatte, wieder ständig um ihn
und an Augustins Totenbett gegenwärtig. So hat er,
zum „Seelenfreund" nicht selbständig genug, doch aus
langem Umgang eine genaue Kenntnis des Meisters erworben
und diese in ungekünstelter anschaulicher Darstellung
seinen Lesern zu übermitteln verstanden. Nicht,
den Ruhm Augustins zu verkündigen, sondern die Ehre
Gottes und die Wahrheit der Kirche durch ihn, per
Augustinum, sind das Thema der vita.

Harnack hat, indem er Bildung und Charakter des
Verf.s beschreibt und die Absichten zu bestimmen sucht,
die Possidius mit seiner Schrift verfolgt, auch die
Grenzen bezeichnet, die dessen Verständnis gezogen
waren. Das Hauptproblem, das nach Harnacks Urteil
(S. 21) Augustins Erscheinung stellt, die Verbindung
seines Gottes-, Erlösungs- und Sündenbewußtseins mit
seiner Ekklesiastik, wird von Possidius nicht berührt,
der Sündenlehre vermochte er innerlich nicht zu folgen.
Wie er Augustin nicht als den Denker und Schriftsteller
darstellt, so auch nicht als den paulinischen Theologen.
Dennoch ist der Wert seines Buches beträchtlich. Denn
durch besondere Vorzüge bietet er für die Mängel
vollen Ersatz. Hat er doch einen neuen Zugang zum
Verständnis Augustins erschlossen, der nur auch zuversichtlicher
als bisher benutzt werden dürfte! Man
darf es als ein Verdienst dieser Abhandlung Harnacks
bezeichnen, darauf hingewiesen zu haben, daß es
neben dem katholischen und dem protestantischen noch
ein drittes Augustin-Bild gibt, und daß dieses dritte es
war, das in Augustins eigenem Kreise lebte. Vielleicht ist
es auch bei anderen Großen der Kirchengeschichte möglich
und der Versuch könnte wohl einmal gemacht werden
, ein Verständnis ihrer Persönlichkeit aus den Wirkungen
zu gewinnen, die sie auf ihre Umgebung geübt
haben. Für Augustin zeigt Harnack, daß seine
Wirkung sich deutlich bestimmen läßt; hat doch Possidius
in der vita unmißverständlich zum Ausdruck gebracht
, was es war, das an seinem Lehrer Eindruck
auf ihn machte. Für seinen engeren Kreis war Augustin
vor allem der wirksame Vertreter der katholischen Lehre
und der Repräsentant und Beförderer wahren christlichen
Lebens, des Mönchtums. Der Bischof, Prediger
und Mensch hat in Possidius seinen Biographen gefunden
. Man erfährt hier, wie sich die Tagesarbeit,
schlicht und lebenskräftig, abgespielt hat; man erhält
Einblick in die Gemeindeverwaltung und Seelsorge;
„hier sieht man, wie sich die Renaissance der afrikanischen
Kirche von Augustins Kloster aus entwickelt hat"
(S. 15). — Eine Fülle schöner Einzelbeobachtungen
und allgemeiner Erkenntnisse, über die sich doch nicht
referieren läßt, sind von H. auf diesen Blättern uns
Übermacht und Anregungen zur Weiterarbeit gegeben.

Einige Bemerkungen darf ich anknüpfen. Die c. 11,3
von Possidius bezeugte Übersetzung von Augustin-Werken
ins Griechische wird schwerlich viele Schriften umfaßt
haben; es wäre sonst unerklärlich, daß sie keine
Spuren hinterließen. — Der Satz des Weisen, mit dem
sich nach c. 28, 12 Augustin während der Belagerung
Hippo's getröstet hat „non erit magnus magnum putans,
quod cadunt ligna et lapides et moriuntur mortales"
dürfte von Plotin stammen: ovx £v hi anovdalog ein
^vXa xat Xlö-ovg x«t vrt Jia travaxovg 9vnv(Zv plya
qyovuevog (Enn. I, IV, 7); es ist denkwürdig, daß