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Ausgabe:

1931 Nr. 4

Spalte:

93

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Renz, Gotthilf

Titel/Untertitel:

Mörike als Pfarrer und der schwäbische Pfarrer vor 100 Jahren 1931

Rezensent:

Bauer, Walter

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93

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 4.

94

Renz, Pfr. Ootthilf: Mörike als Pfarrer und der schwäbische

Pfarrer vor 100 Jahren. Nach dem „Alten Turmhahn" gezeichnet.

Berlin: M. Warneck 1929. (40 S.) 8°. = Studien z. Gesch. d. evang.

Pfarrerstandes, hrsg. v. H. Werdermann, H. 3. RM 2—.

O. Renz hat in diesem Heft der „Studien zur Geschichte
des evangelischen Pfarrerstandes" seinem
Landsmann und Amtsgenossen Ed. Mörike ein Denkmal
errichtet, das von Geschmack und liebevollem Verständnis
zeugt. Vielleicht wird dem, der sich selbst
schon mit dem Gegenstand beschäftigt hat, das gezeichnete
Bild etwas idealisiert vorkommen, vor allem um
des willen, was überhaupt keine Erwähnung findet, der
Familienverhältnisse des Dichters. Gerade, wenn man
seine pastoralen Fähigkeiten und Verdienste — wohl mit
Recht — aus dem Menschlichen herleitet, nicht aus dem
Theologischen, konnte daran nicht ganz vorbei gegangen
werden. Denn dergleichen ist doch für den Menschen
bezeichnend. R. hat sich in der Hauptsache darauf beschränkt
, den „alten Turmhahn" auszubeuten, und verzichtet
in wohltuender Weise auf das Prunken mit Gelehrsamkeit
. Um so lieber folgt man ihm und erneuert
den Genuß, den jede Berührung mit Mörike bereitet.
Sehe ich recht, so billigt R. den Eindruck, wenn er ihn
auch vielleicht nicht direkt hervorrufen möchte, daß
jedes Plus zu Gunsten des Pfarrers M. mit einem
Minus zum Schaden des Dichters hätte erkauft werden |
müssen. Ein stärker ausgeprägter Wille dem Leben und
sich selbst gegenüber hätte leicht zur Versuchung werden
können, auch dem Dichtergeist zu gebieten, seine
Äußerungen zu erzwingen oder doch zu beschleunigen,
statt ganz das Werkzeug der Inspiration zu bleiben, das
er tatsächlich war.

Uneingeschränkt stimme ich dem Nachwort bei, das
Stellung, Los und Aufgabe des Pfarrers von heute mit
dem von damals vergleicht.

Göttingen. W. Bauer.

Ritter, Pfr. Dr. Karl Bernhard: Sakrament und Gottesdienst.

Von Sinn u. Form d. Feier d. hl. Abendmahls. Schwerin i. M.:
F. Bahn 1930. (75 S.) 8°.- RM 2—; geb. 2.80.

Ders.: Der Altar. Ebd. 1930. (16 S.) 8°. RM—.50.

Ders.: Das Gebet. Ebd. 1930. (41 S.) 8". RM 1.20.

Ders.: Gottesdienst und Predigt. Ebd. 1930. ;(49 S.) kl. 8°. =
Werkschriften d. Berneuchener Konferenz. RM 1.20.

Nicht weniger als 4 „Werkschriften der Berneuchener
Konferenz" behandeln liturgische Fragen. Alle vier
sind von K. B. Ritter verfaßt. Die Frage liegt nahe, ob
alle Berneuchener ganz mit ihm übereinstimmen? Alle
Schriften sind allgemeinverständlich gehalten, sofern
darunter „nicht-fachtheologisch" zu verstehen ist. Weiteren
Gemeindeschichten wird das Verstehen durch die
Art der Diktion mindestens nicht erleichtert. Manchmal
kommt man unwillkürlich auf die Frage, ob denn der
Verf. es absichtlich vermeide, seine Thesen klar herauszuarbeiten
; ob er es vielleicht für besser halte, den
Leser etwas mühsam nach dem letzten Sinn suchen zu
lassen. Mancher Satz bleibt gleichsam in der Schwebe. —
Nr. 1 unterbaut eine Darlegung über das Abendmahl
durch Ausführungen über Kultus und Leben sowie über
Sakrament und Wort. Hier steht mancher gute Satz, der
sich gegen einseitigen Individualismus evangelischer
Frömmigkeit, gegen Formverachtung und gegen Zweck-
Abstimmung des evangelischen Gottesdienstes richtet.
Auch viele positiven Formulierungen sind trefflich: Kultus
ist Gestaltung in der Gemeinschaft; ist Gestaltung
und Formung des geistigen Inhalts in der Welt der
Sinne, ist Zeugnis von der ewigen Wahrheit. Aber die
letzte grundsätzliche Schärfe fehlt diesen Ausführungen;
das Wesen des „Kultus" wird dadurch nicht nach
allen Richtungen geklärt. Dasselbe gilt von dem Kap.
„Sakrament und Wort" und in der Konsequenz auch
von dem Kernstück „Vom Sinn und Feier des Heil.
Abendmahls". Daß es sich beim Sakrament nicht um
eine „bloße Mitteilung geistig-spiritueller Art" handelt,
ist sehr richtig; aber was über die unauflösliche Verbindung
von Wort und Element gesagt wird, folgt !
keineswegs notwendig aus jener Grundstellung. Daß j

das Abendmahl das Zeugnis der Kirche von ihrem
wahren Leben ist, der Inbegriff ihres Gottesdienstes,
das Wort der Verheißung, das alles ist wahr; aber es
führt nicht zu völliger Klarheit. Gut sind die Ausführungen
über das Abendmahl als Tischgemeinschaft,
die zu dem Schluß abschnitt über die Form der Abendmahlsfeier
überleiten. Auf diesen Abschnitt sei besonders
hingewiesen; hier tritt R. scharf gegen die herkömmliche
Verbindung der Feier mit der Beichte ein;
die Feier selbst soll so geschehen, daß die Gemeinde
gruppenweis um den Abendmahlstisch steht oder kniet.
Eine Einzelheit: wo möglich, sollen zwei Helfer durch
die Reihen der Gemeindeglieder schreitend Brot und
Wein zum Altar bringen. Dieses ihr Tun ist „die unmißverständliche
sichtbare Aufforderung, uns selbst als
das wahrhaft wohlgefällige Opfer Gott darzubringen".
Das beruht auf irriger Annahme; wenn diese Deutung
nicht vorher suggeriert wird, kommt sie keinem Gemeindeglied
in den Sinn. — Nr. 2 gibt zuerst eine knappe
und gute Geschichte der Entstehung des christlichen,
besonders des katholischen, Altars; weniger klar ist die
Darlegung der eigenen Stellung. Der eigentliche Altar
wird scharf abgelehnt, aber ein Abendmahlstisch gefordert
, der anscheinend in der Vierung seinen Platz
haben soll; doch könnte sich der Raum (geostetes Langhaus
ist nach R. allein berechtigt) auch in seiner Tiefe
zum Feierraum für die Sakramentsgemeinde öffnen (aber
— Nr. 1 S. 53 bekämpft scharf die Anlehnung des Altarraums
an den überlieferten Chorraum). Die Kanzel fordert
einen „Gegenpol", das Kreuz, das „zur raumbeherrschenden
Gestalt" zu erheben ist; zu Füßen des
Kreuzes anstelle des Altars stehe die Auflage für die
Bibel; unter dem Kreuz, unmittelbar auf dem Boden
stehend, Leuchter mit Kerzen. R. empfiehlt Wendung
des Liturgen zum Kreuz hin beim Gebet, nach anglikanischem
Vorbild (ob dort wirklich allgemein?) so,
daß der Geistliche dazu seinen Platz in der Gemeinde
aufsucht. Der zweite Teil des Heftes ist reich an raschen
Behauptungen und hingeworfenen nicht ausgereiften Vorschlägen
. — Nr. 3 bespricht in 10 kurzen Abschnitten
Fragen des Gebets in innerlich tiefer und feiner Weise.
Auch was über Ordnung des inneren Lebens und Gebetsordnung
gesagt ist, ist heilsam, wenn auch Individualisten
sich daran stoßen werden. Die Formulierung
auf der Umschlagsbinde: „Das Gebet als Lebensform des
Menschen zwischen göttlicher und dämonischer Wirklichkeit
" braucht niemanden abzuschrecken; der Inhalt
ist viel besser als diese Gesuchtheit. — 4. Das letzte
Heft befriedigt am wenigsten. Über Gottesdienst und
Predigt kann auf 49 Seiten Erschöpfendes natürlich
nicht gesagt werden. Was R. ausspricht, ist alles sehr
ernst, es nötigt zum Neuüberdenken; manches wird in
besondere Beleuchtung gerückt. Aber es ist ihm nicht
gelungen, eine bestimmte Grundauffassung in überzeugender
Weise durchzuführen. Viel schärfer als in
Nr. 1 spricht R. hier S. 14 von der Abendmahlsfeier
als dem zentralen, im eigentlichen Sinn des Wortes vorbildlichen
Kultus der christlichen Kirche; S. 16 aber
heißt es, daß das Leben der Kirche nicht an die kultische
Form der Abendmahlsfeier gebunden sei; „das
Sakrament kann auch im Hören des Worts und in der
Tat der Liebe gefeiert werden". Bei der Bestimmung
der Aufgabe der Predigt schließt R. sich einseitig an
Fezers Darstellung der einschlägigen Theorien an, als
ob sie unumstritten wäre! Die „praktischen Ergebnisse"
S. 44 ff. sind teilweis sehr richtig, aber keineswegs neu;
wenn R. förmlich feststellt, daß die Predigt nicht als
lehrhafte Mitteilung einer gegebenen Wahrheit verstanden
werden kann, so heißt das offene Türen einrennen
. Wenn er aber eine Unterscheidung zwischen
Missions- und Gemeindepredigt ablehnt (S. 45), so beruht
das auf ganz einseitiger Auffassung und müßte in
der Praxis verhängnisvoll wirken. Es steht zu hoffen,
daß er diese Ausführungen selber noch einmal durchprüfen
wird.

Breslau. M. Schi an.