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Ausgabe:

1931 Nr. 3

Spalte:

63-65

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heering, Gerrit J.

Titel/Untertitel:

Der Sündenfall des Christentums 1931

Rezensent:

Schowalter, August

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 3.

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Heering, Prof. Dr. G. J.: Der Sündenfall des Christentums.

Eine Untersuchung über Christentum, Staat und Krieg. Aus dem
Holländischen übersetzt durch Octavia Müller-Hofstede de Groot.
Mit einem Geleitwort von Martin Rade. Gotha: Leopold Klotz Verlag
1930. (XI, 278 S.) 8°. RM 10—; geb. 12-.

Das holländische Original ist in der Th. Lz. 54.
Jahrg. 1929, Heft 7, Sp. 158—162 von H. Windisch eingehend
gewürdigt worden. Wenn nun auch noch der
Übersetzung hier gedacht wird, so geschieht es deshalb,
weil sie nicht einfach die genaue Wiedergabe des ursprunglichen
Textes in deutscher Sprache darstellt. Will
sie doch ausdrücklich auch Bearbeitung sein (vor allem
in Kap. 3, Abschn. 1), freilich ohne daß ersichtlich
ist, wieviel davon auf das Konto des Übersetzers zu
buchen ist. Die Zahl der widerlegten „Verteidigungsargumente
" ist in der deutschen Ausgabe von 6 auf 7
erhöht; die Stellungnahme zum Kellogg-Pakt ist neu.
Kleinere Eingriffe in den holländischen Text finden sich
überall, Exemplifikationen auf holländische Verhältnisse
sind verkürzt, Auseinandersetzungen mit deutschen
Schriftstellern vermehrt, der Ausfall auf die Verfasser
des „Manifestes der 93" ist gestrichen (S. 165), der
ungerechte Vorwurf gegen die Deutschen als Urheber
der Gasangriffe verschärft (S. 184), die Klagen über
die Unergiebigkeit der Völkerbundsarbeit sind eingeschränkt
(S. 220), die biblischen Untersuchungen erweitert
worden (S. 3) u. s. f. Die Kürzungen und Erweiterungen
sind nicht immer Verbesserungen; S. 223
und S. 240 z. B. stören sie den Zusammenhang, S. 118
entstellen sie das Urteil über Hegel. Vor allem aber
verschiebt die Veränderung im Satzbau, die Auflösung
großer Perioden und die Umwandlung von Nebensätzen
in Hauptsätze gar oft die Perspektiven.

Damit stehen wir schon bei der Beurteilung der
Übertragung als solcher. Sie ist wohl, aufs Ganze gesehen
, gut und sachgemäß, aber nicht gleichmäßig, und
im Einzelnen finden sich viele Fehler, die beweisen,
daß die Übersetzerin nicht beide Sprachen in gleicher
Meisterschaft beherrscht. Bei der Bedeutung des Buches
auch in seinen Einzelheiten wäre eine Revision des
Textes angezeigt, damit nicht etwa die Diskussion sich
in Nebendingen verfängt. Daß Ds. nicht Dr., sondern
„Pfarrer" heißt (S. 244) und atl. nicht „Auflage" sondern
„Lieferung" (S. 4), daß in holländischen Namen
y und ij auseinanderzuhalten und blz. als „Seite" wiederzugeben
ist, sollte man nicht zu sagen brauchen. Eine
Fülle von holländischen Büchertiteln ist ungenau wiedergegeben
(S. 87, 99, 158, 165, 183, 195, 203, 223,
226, 233), das Komma im Satzbau arg mißhandelt.
S. 2 muß es z. B. heißen „großartig" statt „grotesk",
S. 5 „mißglückt" st. verpfuscht, S. 28 Beruf st. Sendung,
S. 29 zwiespältig st. zweideutig, S. 84 „verschwinden
sehen" st. verschwinden lassen, S. 87 schreiend st.
schmerzhaft, S. 90 schmerzlich st. peinlich, S. 98 am
grundsätzlichsten st. am bündigsten, S. 107 Rauheit st.
Grobheit, S. 115 Huldigung st. Heiligung, S. 137 Sanktionierung
st. Sanktion, S. 163 „wiegt auf" st. „hilft
gegen", S. 164 verhaßt st. gehässig und anständig st.
gutmütig, S. 178 Gemeinschaftsleben st. Verbandsleben,
S. 221 Vorstoß der Völker st. Aufschwung, S. 203
unsere Leute st. unsere Menschen, S. 239 nicht: „Wem
würden wir damit nützen?" sondern: „Wem zuliebe würden
wir das tun?", S. 245 nicht: „Die Christenheit darf
bitten" sondern „muß bitten", S. 97 nicht „ins Verständige
übersetzt" sondern „ins Verstandesmäßige", S.
247 nicht „braucht nichts so sehr zu fürchten" sondern
„muß nichts mehr fürchten als", S. 241 handelt es sich
nicht um ein Bündnis mit dem niederländ. Ansehen sondern
mit der Regierungsmacht, S. 153 nicht um den
christlichen Ernst sondern um den Ernst des Christentums
, S. 190 nicht um die letzten Realitäten des Krieges
sondern um die Wirklichkeit des letzten Krieges. Man
sagt nicht: „dem Kriegsproblem gegenüber ziehen
sich zwei Gedankengänge durch das A. T." (S. 2), „man
darf fragen, wie (wie es kam, daß) die Kirche sich

j abbringen ließ" (S. 30), „beides hat veranlaßt, daß"
| (S. 31), „wer auch (immer auch) unsere Hilfe braucht,
ist unser Nächster" (S. 80), „wer einen starken Blick
auf Gottes Zukunft hat" (S. 80: wer mit festem Blick
schaut), „die Staatslehre hat hiervon keinen Akt genommen
" (S. 105), „diese Forderung enthält also, daß
der Staat aufhöre" (S. 155), „wenn wir den Staat wählen
, deshalb erkennen wir (so erkennen wir damit noch
nicht) nicht jeden Staat an" (S. 101), „wie wenig
solche, die Antwort geben" (S. 173), „unsre Gegner
glauben uns zu schlagen" (S. 237), man setzt nicht
den Mut herab, sondern drückt ihn herab oder entmutigt
jemand (S. 174), man legt kein Dementi auf, sondern
! dementiert (S. 179), man „macht" nicht „der Moral ei-
I nen Kompromiß" (182), man kann nicht die geistigen
i Güter eines Volkes verkörpert sehen in den „Gütern
, um deren willen Christus auf Erden kam" S. 169),
I man kann nicht „während der langen Dauer in sehr
j kurzer Zeit" ein Opfer werden, sondern nur „auf dem
i Wege dieser langen Entwicklung" (S. 234), man kann
nicht a n der abendländ. Kultur verwachsen, sondern nur
mit ihr (S. 244), wir beschuldigen niemand, daß er
„nicht verantwortlich handelt" (S. 239), sondern daß er
seiner Verantwortung nicht gerecht wird usw. Zwei
Beispiele unbeholfener Übersetzung: S. 237 steht: „Wir,
was uns betrifft, können nicht anders, und unsere Wahl
ist nicht zweifelhaft"; es muß heißen: „Wir für unsere
Person können diese Dinge nicht anders sehen, und
dann kann nicht zweifelhaft sein, was (wie) wir wählen
". S. 235 steht: „Er wird helfen, wir müssen Ihm
j tapfer vertrauen in Geduld"; es heißt aber im Original:
„Bei Ihm liegt das Ergebnis, unsere Sache ist das Vertrauen
und die tapfere Geduld".

Der Stil des Buches hat also durch die Übersetzung
j zweifellos nicht gewonnen. Mitunter hat sie auch den
! Sinn ganzer Sätze empfindlich gestört. Nicht „jede
christliche Staatslehre zum Schutze der christlichen
i Wahrheit hat versagt" (S. 99), sondern „jede christliche
Staatslehre hat versagt, wenn es darauf ankam, die
| christliche Wahrheit zu schützen"; nicht der Staatsbe-
j griff wird S. 110 bekämpft, „der die Staatsautorität
j bloß auf einen naturhaften Ursprung begründet", son-
| dern „der das Vorhandensein einer natürlichen Quelle
| der Autorität voraussetzt"; nach S. 21 stellt Calvin
„die Gegner des Krieges Banditen gleich", gemeint
I aber sind „die Gegner i m Kriege", der Feind im Felde;

S. 162 wird der Eindruck erweckt, als habe Max Huber
| selbst den Menschen als „ein zu zerstörendes Material"
bezeichnet, und S. 163, als bilde sich Jemand ein, daß
j es Ritterlichkeit sei, auf gut Glück auf den unsichtbaren
Feind zu feuern; S. 114 läßt Macchiavelli den Fürsten
| raten, die Menschen und die Bestie zu gebrauchen,
während M. rät, die Bestie im Menschen und den
! Menschen selbst als Mittel zum Zweck zu benützen; S.
150 heißt es: „Sünde hat für den Christen keine Existenzberechtigung
", während Heering sagt: „Sünde ist
für den Christen das, was keine Existenzberechtigung
hat, was nicht sein darf"; S. 114 muß gelesen werden:
„Was sind die Staaten, wenn sie die Gerechtigkeit preisgeben
, anders als Räuberbanden?" und: „Der Staat hatte
, im Mittelalter theoretisch nicht als souverän gegolten, obwohl
er es tatsächlich war, ohne sich allerdings um die
Lehre vom corpus christianum viel zu kümmern" ; S. 126
sollte nicht betont sein, daß der Protest in außerkircb-
lichen Kreisen im Wachsen ist, sondern daß bei dem
Wachstum dieser Bewegung natürlich auch unerwünschte
Elemente darinnen sind, über die man hinwegsehen
muß; der neu angefügte Satz „Es ist dringend not,
j daß dies sich ändere", ist mißverständlich; der unge-
S füge Satz S. 112: „In dem geschichtlichen Wesen des
I Staates liegt scheinbar die Unmöglichkeit, in jeder Beziehung
der sittlichen Norm auch nur annähernd zu ge-
! nügen" muß lauten: „die Unmöglichkeit, als Ganzes
den sittlichen Normen — selbst auch nur annähernd —
I zu entsprechen, scheint im Wesen des Staates zu liegen";