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Ausgabe:

1931 Nr. 26

Spalte:

616-617

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritter, Constantin

Titel/Untertitel:

Die Kerngedanken der platonischen Philosophie 1931

Rezensent:

Pohlenz, Max

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 26.

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liehen Kern Lessings oder, wie er gern sagt, für „die
ewige Idee Lessing" interessiert. Wagners Buch geht die
Theologie noch mehr an, als manche andere Oesamtwerke
über Lessing, da von seinen 3 Kapiteln (1. Der
Kämpfer um die Kunst, 2. Der Kämpfer um Gott, 3. Der
Kämpfer um den Menschen) nicht nur das zweite, sondern
auch das dritte vorwiegend von Lessings Religion
handelt und auch der Kampf um die Kunst als religiös
fundamentiert gewertet wird. Wagner sieht in Lessing
eine von tiefer Liebe durchdrungene Kämpfernatur und
einen von religiöser Ergriffenheit beseelten Denker. Er
spricht wenig von Lessings Herausgabe der Wolfenbütt-
ler Fragmente und von seinem Kampfe gegen Goeze,
sondern konzentriert sich auf die Schriften, aus denen
Lessings religiöse Position hervorleuchtet: die Gedanken
über die Herrnhuter, den Nathan, die Erziehung
des Menschengeschlechts und das Testament Johannis,
dessen Forderung „Kindlein, liebet einander" Wagner
als Lessings tiefstes Anliegen ansieht. Daß sich damit
so manche Bitterkeiten des Kämpfers Lessing schwer
zusammenreimen, wird nicht in Betracht gezogen; aber
letztlich dürfte Wagner doch recht haben und sehr fein
zeigt er, wie sehr im Nathan die Polemik von der positiven
Liebesgesinnung überstrahlt wird. Ohne daß die
Zusammenhänge mit der Aufklärung geleugnet werden,
wird Lessing sehr entschieden von ihr, ihrem Intellektualismus
, ihrem Eudämonismus und ihrer Selbstzufriedenheit
, abgehoben und die frühidealistischen Züge in
ihm werden stark betont, insbesondere die Rolle, die in
seiner Ästhetik wie in seiner Religion das Gefühl spielt.
Sehr richtig sieht Wagner, daß Männer wie Breitinger
und Alexander Baumgarten, die das Gefühl auch schon
hoch werteten, es im Gegensatz zu Lessing noch nicht
im Blute hatten. Er weiß wohl, daß Lessing vor
allem ein Denker war; zeigt aber, daß bei ihm — im
Gegensatz zum Intellektualismus Gottscheds — das Denken
das Gefühl ergriff und zum Erlebnis wurde. Fein
erfaßt Wagner die religiösen Grundüberzeugungen Lessings
: sein Vertrauen auf die hinter der Menschheitsentwicklung
stehende göttliche Liebe, seinen lebendigen
Vorsehungsglauben, sein Einswerden mit dem göttlichen
Willen, die aus der Ruhe in Gott hervorquellende Kraft
zur Tat und die Festigkeit seines Unsterblichkeitsglaubens
. Den Stellen, an denen Lessing vom Gefühl als
Beweis für das Christentum spricht, scheint mir Wagner
zu unbedenklich ein Vollgewicht zuzuerkennen; aber
daß er die Rolle des Gefühls in Lessings Religion stärker
wertet, als es sonst üblich ist, ist der Beachtung
wert.

Der Gedankengang des Buches ist zuweilen etwas
sprunghaft und für manche Behauptungen fehlen durchgeführte
Beweise. Gegen die Zeichnung von Lessings
Umwelt sind mehrfach Einwände zu erheben. So Wahles
ist, daß Lessing die Aufklärung überragt, so wird dieselbe
doch zu abschätzig beurteilt. So einsam, wie Wagner
meint, steht Lessing nicht in seiner Zeit; sondern in
manchem bringt er schon vorhandene Zeittendenzen, gerade
auch Aufidärungstendenzen, auf einen durchschlagenden
Ausdruck. Andrerseits darf man Lessings und
Luthers Religion nicht in so große Nähe bringen, wie
Wagner es tut. Wenn Wagner den neologischen Theologen
vernunftstolze Glaubenslosigkeit vorwirft und
sagt, sie hätten die Offenbarung als vernunftwidrig
abgelehnt, so ist das völlig unzutreffend. Im Gegensatz
zu ihnen soll Lessing kein Wort gegen den
Offenbarungscharakter des Christentums gesagt und
keine Religion ohne Offenbarung, sondern die Durchdringung
der Offenbarung mit innerlicher Überzeugung
gewollt haben. Damit meint Wagner Richtiges
: daß Lessing die Religion nicht nur für eine
subjektive Überzeugung der Menschen hielt und daß
ihm hinter der Entwicklung der Menschheit die Liebe
Gottes stand. Aber zunächst wäre zu konstatieren gewesen
, daß Lessing Offenbarung als wunderbare Belehrung
durch Gott — denn darum ging damals der

I Kampf — abgelehnt hat. Wie die Umwelt Lessings, so
ist auch der Bedeutungsgehalt, den Begriffe wie Offenbarung
im Munde Lessings hatten, historisch nicht treu
und präzis genug erfaßt.

Trotz dieser nicht unerheblichen Einwände, die man
machen muß, hat das Buch Wagners einen wirklichen
Wert, weil es — wie oben gezeigt — in Tiefstes und
Innerstes von Lessings Geistesart und speziell auch von
seiner Religion mit feiner und warmer Einfühlung eindringt
.

Bern. Heinrich Hoff mann.

Ritter, Dr. Constatin: Die Kerngedanken der Platonischen
Philosophie. München: E. Reinhardt 1931. (XII, 346 S. m. 1 Taf.)
gr. 8°. RM 12—; geb. 14—.

In diesem Buche gibt der verdiente Forscher einen
Extrakt aus seinem großen Platowerke, von dem der
erste Band 1910, der zweite 1923 erschienen ist. Von
den umfangreichen Untersuchungen über Echtheit und
Zeitfolge der platonischen Schriften, die dort den Unterbau
der Darstellung bildeten, legt er hier nur ganz
kurz die Ergebnisse vor. Auch der Abschnitt über
Piatos Leben umfaßt nur wenige Seiten; auf eine Würdigung
der Persönlichkeit ist ganz verzichtet. Das Ziel
ist, wie der Titel besagt, ausschließlich, die „Kerngedanken
der platonischen Philosophie" herauszuarbeiten.

Das große Werk hatte Ritter so angelegt, daß er
im ersten Bande die früheren Dialoge Piatos (bis zum
Phaidon einschließlich) einzeln durchsprach, den Inhalt
analysierte und das Wichtigste heraushob, im zweiten
systematisch die Gedankenwelt der späteren Werke
darstellte. Diese Ungleichmäßigkeit ist im ganzen jetzt
beseitigt, der systematische Gesichtspunkt jedenfalls
äußerlich auch für die frühere Zeit durchgeführt. Die
Zweiteilung ist beibehalten, nur die Grenze der ersten
Periode bis zum Theätet vorgeschoben. Bis dahin haben
nämlich, so meint Ritter (S. 12), Piatos Werke vorwiegend
ethisch-praktischen Inhalt und ruhen durchaus
auf der Grundlage sokratischer Überzeugungen, die Plato
freilich mit eigenen logischen, psychologischen, erkennt-
nis-theoretischen Untersuchungen begründet und besonders
nach der politisch-sozialen Seite erweitert. Vom
Theätet an treten die theoretischen Interessen stärker
hervor. Namentlich im letzten Satze steckt natürlich ein
berechtigter Kern. Aber wenn R. daraufhin den Satz
formuliert: „Also vom Theaitetos an dürfen wir sagen
haben wir Piatons eigene Gedanken", so ist das darin
beschlossene Urteil über die vorausgehende Zeit nur
möglich, weil er die Struktur der platonischen Persönlichkeit
und ihren Unterschied von der sokratischen
nicht in Betracht zieht.

Im ersten Hauptteil bespricht dann also R. zuerst
die Schriften der Zeit vor 367 und beginnt mit den
ethischen Gedanken. Die Erörterung, die doch wieder
wie früher den einzelnen Dialogen folgt, gipfelt in der
Frage nach dem platonischen „Eudämonismus". Ganz
richtig findet er dessen Grundlage in der Überzeugung,
daß die geforderte Vollendung des menschlichen Wesens
mit dem Gefühl der Glückseligkeit verbunden sein
muß. Schärfer wäre das vielleicht noch herausgekommen
, wenn er gezeigt hätte, wie tief diese Überzeugung
im griechischen Lebensgefühl wurzelt, für das jedes
Sein eine Bestimmung hat, „zu etwas gut ist", und die
Erreichung dieses Telos objektiv der bestmögliche, subjektiv
beim Lebewesen der von Glücksgefühl begleitete
Zustand sein muß (vgl. meine Ausführungen in dem
Aufsatz „Stoa und Semitismus", Neue Jahrb. f. Wiss.
u. Jugendbild. 1926, 267). Die Frage nach dem Grunde
dieses Sachverhaltes ist es, die Plato zu der Konzeption
der Idee des Guten als des absoluten Prinzips und der
letzten Ursache alles Seins führt.

Dann verfolgt Ritter die Seins- und Erkenntnislehre
der früheren Schriften und sucht namentlich seine
alte Auffassung zu begründen, „die platonische Idee
wolle nichts anderes besagen, als daß jede richtig ge-