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Ausgabe:

1931 Nr. 26

Spalte:

603-608

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Kapitel 1 - 39 1931

Rezensent:

Begrich, Joachim

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 26.

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beweisen, daß schon die erstere dieselbe Art Gemeinschaft
zur Voraussetzung habe, die die unbedingte Voraussetzung
des Humanismus sei. Hier scheint C. eine
intellektuelle Gemeinschaft (oder die Möglichkeit
dazu) und eine Willens gemeinschaft rein ethischen
Charakters zu vermischen. Nur die erstere kann in Wirklichkeit
als eine absolute Bedingung der Naturwissenschaft
bewiesen werden. Aber dann zeigt sich, daß ein
Vacuum zurückbleibt, wo C. einen inneren Zusammenhang
annimmt. — Eine ähnliche Schwierigkeit liegt bei
dem Versuch vorzuzeigen, daß der Humanismus an die
Theologie „verweise". C. behauptet, daß der Humanismus
ohne diese Voraussetzung unbedingt in erkenntnistheoretischen
Skeptizismus abgleite. Mit dem Verschwinden
des Gottesbewußtseins soll auch die Grenze zwischen
Traum und Wirklichkeit überhaupt unmöglich
festzuhalten sein. Diese Behauptung hat aber C. nicht
bewiesen. (In Wirklichkeit ist wohl dieser Gedanke auch
unmöglich durchzuführen.) Deswegen hat er auch keinen
genügenden Beweis dafür erbracht, daß der Humanismus
— erkenntnistheoretisch gesehen — die Theologie
erfordere, um selbst bestehen zu können. Was er dagegen
aufgewiesen hat — und das ist eines der Verdienste
der Untersuchung — ist, daß der Humanismus
unvermeidlich zum moralischen Relativismus gelangt,
wenn das sittliche Sollen nicht auf ein überweltliches,
inhaltschweres Bewußtsein zurückgeführt wird. Wenn
man also darüber einig werden kann, daß „Humanismus
", wie C. geltend macht, Gehorsam gegen ein unbedingtes
Sollen bedeutet, so wird man sich nicht der
Folgerung entziehen können, daß der Humanismus sich
selbst untergräbt, wenn er nicht die religiöse Wirklichkeitsauffassung
als seine eigene letzte Voraussetzung anerkennt
.

Die Einwände, die gegen den Hauptgedankengang
dieser Schrift erhoben werden können, dürfen jedoch den
Wert dieser Leistung nicht verdunkeln. Sie ist auf solider
Gelehrsamkeit aufgebaut und mit großer Energie
und bedeutendem Scharfsinn durchgeführt. Eine Reihe
Spezialfragen, die hier nicht angedeutet werden konnten,
haben eine sehr lehrreiche Behandlung erhalten. Und
man muß den Mut des Verfassers bewundern, sich auf
einem eigenen Weg emporzusuchen, während er die verschiedenen
in der heutigen Religionsphilosophie schon
erschienenen Wege gewissenhaft prüft. C.s allgemeines
Denken ist von der schwedischen Persönlichkeitsphilosophie
(Samuel Grubbe — Chr. J. Boströrm, besonders
E. G. Geijer) befruchtet, über die er früher verdienstvolle
Untersuchungen veröffentlicht hat.

Uppsala.__Torsten Bohl in.

Procksch, D. Otto: Jesaja I übersetzt und erklärt. Leipzig: A.
Deichert 1930. (XII, 476 S.) gr. 8". = Kommentar z. Alten Testament,
hrsg. v. E. Sellin, Bd. IX. RM 22—; geb. 25-.

Der neue Kommentar zum Propheten Jesaja umfaßt
im Unterschied von anderen Jesajaerklärungen nur
die Kapitel 1—39 und läßt Deutero- und Tritojesaja
beiseite. Dem exegetischen Teil, der die Seiten 27—472
umfaßt, sind drei kurze Einleitungen vorausgesandt. Sie
behandeln das Zeitalter, den Propheten und das
Buch. Ein kurzes Sachregister von 4 Seiten bildet den
Schluß des Ganzen.

Der allgemeine Eindruck, welchen der Leser von
dieser Auslegung des Jesaja haben wird, ist der einer
vorsichtigen, sorgfältigen und philologisch sauberen
Interpretation. Die Wiedergabe des hebräischen Wortlautes
ist im wesentlichen glücklich und flüssig, nur da
und dort hat die Nachbildung des Rhythmus zu einem
etwas gekünstelten Ausdruck geführt (S. 51, 61, 100,
202 usw.). Die verschiedenen Möglichkeiten der Textauffassung
, wie sie in der wissenschaftlichen Arbeit am
Jesaja hervorgetreten sind, werden gegen einander abgewogen
, und damit wird zugleich dem Leser im wesentlichen
ein Bild vom Stande der alttestamentlichen Forschung
auf diesem Gebiete vermittelt. Bei der Besserung
verderbter Textstellen übt der Erklärer Zurückhaltung
mit eigenen Vorschlägen, trifft vielmehr meist
: eine vorsichtige Auswahl aus den vorhandenen Konjek-
I turen. Auch das Metrum kommt in dieser Erklärung
j zu seinem ihm gebührenden Rechte.

Dieser Eindruck soll nicht abgeschwächt werden
; durch die mancherlei Ausstellungen, die ein gewissen-
: harter Rezensent am Kommentare zu machen hat.

Ein tieferes Eindringen hat festzustellen, daß die
Literatur nicht vollständig berücksichtigt worden ist.

Man vermißt etwa K. Budde, Jesajas Erleben, seinen Aufsatz
„Über die Schranken, die Jesajas prophetischer Botschaft zu setzen sind"
in ZAW 41 (1923) S. 154 ff., seinen Beitrag zu Jes. 13 in der Festschrift
für Baudissin. Bei Kap. 14, 28 ff. wäre ein Hinweis auf die
Arbeiten von H empel, Westliche Kultureinflüsse auf das älteste Palästina
(PJB 23 [1927] S. 52ff.) und von Galling, (Artikel Philister
in Eberts Reallexikon der Vorgeschichte) erwünscht. Man vermißt
auch den Beitrag von Kemper Fullerton in AJSL 1926 (XLII 2)
S. 86 ff., während derjenige Irwins in der gleichen Zeitschrift Bd. 44,
S. 73 ff. Berücksichtigung gefunden hat. S. 198, wo mit der Schlacht
von Karkemisch 605 als mit einer feststehenden Tatsache gerechnet
wird, erfährt der Leser nichts von den nicht gerade belanglosen Gegengründen
, welche gegen die Geschichtlichkeit dieses Ereignisses von
J. Lewy, Forschungen zur alten Geschichte Vorderasiens (MVAÄG 1924,
Heft 2, S. 28 ff.) und von mir (Chronologie der Könige von Israel und
Juda S. 143) ins Feld geführt worden sind. Auch II. Reg. 15,37 sollte
man nicht mehr so unbefangen als Geschichtsquelle verwenden, wie es
S. 111 geschieht, ohne den Leser wenigstens wissen zu lassen, welche
schweren Bedenken gegen die Zuverlässigkeit der Notiz erhoben worden
sind, vgl. meine Chronologie S. 170 ff. Bei dieser Gelegenheit möge
auch darauf hingewiesen werden, daß grammatische Verweisungen fast
; ausschließlich auf die Grammatik von Gesenius-Kautzsch, 28. Aufl.
1 von 1909, gegeben werden. Hier sollten doch lieber, soweit die Laut-
und Formenlehre in Frage kommt, die neueren grammatischen Werke,
Gesenius-Bergsträsser und Bauer und Leander zitiert
werden.

In diesem Zusammenhange ist auch darauf hinzuweisen
, daß die Ablehnung gegnerischer Meinungen gelegentlich
zu rasch geschieht, so daß der Leser nicht zu
einer wirklichen Einsicht in den Wert der abgelehnten
Meinung kommt. Gewiß bietet ein Kommentar nicht
Raum für ausführliche Auseinandersetzungen, und häufig
wird ein „gegen X" genügen müssen. Gegen diese Art
der Stellungnahme richtet sich auch der Einwand nicht,
der hier zu machen ist. Wohl aber wird man Einspruch
j erheben müssen, wenn z. B. die „mythologische Herkunft
außerhalb des AT." für die Geburt des Kindes
einfach als ein Postulat abgewiesen wird, dem der Be-
1 weis fehle, oder wenn meine chronologischen Unter-
! suchungen in einer Anmerkung abgetan werden mit dem
Bemerken, die beste Unterlage für die Zeitrechnung
scheine dem Erklärer nach wie vor, was Rost bei
Schräder KAT, 3. Aufl. S. 319 ausgeführt habe,
oder wenn bei der Beurteilung der Politik des Ahas im
Syrisch-Ephraimitischen Kriege gegen solche, die anderer
Auffassung sind als der Kommentator, ohne daß auch
nur der Versuch gemacht würde, die abgelehnte Ansicht
darzulegen oder sich mit ihr auseinander zu setzen, der
Vorwurf des liberalen Historikers erhoben wird, der
i mit seiner Beurteilung keinen großen geschichtlichen
j Blick beweise. Hier dürfte der Leser so gut wie jeder
I angegriffene Forscher ernsthafte Gegenargumente statt
subjektiver und temperamentvoller ablehnender Urteile
verlangen.

Gegen die Erklärung selbst muß der Rezensent,
ohne die hervorgehobenen Vorzüge des Kommentars
schmälern zu wollen, folgende Einwände machen:

Der erste betrifft das metrische Gebiet, und
zwar die Rhythmisierung der einzelnen Zeile wie
den Versuch strophischer Gliederung der Texte
überhaupt. In beiden Hinsichten wird man überaus
häufig anderer Meinung sein als der Verfasser. Diese
Feststellung kann keinen Vorwurf in sich schließen, soweit
sie das metrische Gebiet allein betrifft. Denn solange
bei der metrischen Ansetzung wesentlich das
Rhythmusgefühl des einzelnen Forschers maßgebend ist,
werden sich hier immer wieder weitgehende Differenzen
I ergeben. Bedenken müssen sich aber melden, wenn aus
I der metrischen Ansetzung Folgerungen auf den Erhal-