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Ausgabe:

1931 Nr. 2

Spalte:

42-444

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Buonaiuti, Ernesto

Titel/Untertitel:

Gioacchino da fiore 1931

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 2.

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und daß dagegen die christliche Liebe nach dem Vorbild j
der göttlichen, sich selbst hingebenden Liebe eine schenkende
Liebe ist, die sich zu dem Verlorenen herabsenkt.
Auf diesen Gegensatz zielt Scholz es mit seiner sonst
etwas zweideutigen Charakteristik der platonischen Liebe
als Streben nach unbegrenzter „Existenzerhöhung" und J
der christlichen Liebe als einer ebenso unbegrenzten Bereitschaft
zu „Existenzerniedrigung" ab (S. 76). Denn
an sich hat die christliche Liebe kein Interesse an „Existenzerniedrigung
". Für gewisse Formen von mittelalterlichem
Katholizismus ist dies zwar etwas für die
christliche Liebe Wesentliches. Aber man muß auf der 1
Wacht sein vor jedem Versuch, ohne weiteres solche
mittelalterlichen Gedankengänge mit der christlichen
Liebe überhaupt zu identifizieren. Sie stellen vielmehr
eine Modifikation des spezifisch christlichen Liebesgedankens
dar, die gerade unter dem Einfluß der Erosanschauung
entstanden ist.

Hiermit sind wir zu dem Punkt in Scholz Dan-
Stellung gelangt, der am meisten Bedenken hervorruft,
nämlich seine Bestimmung des Sinnes der Caritas. Caritas
soll mit der christlichen Liebe gleichbedeutend sein.
Wo treffen wir diese an? Scholz antwortet: „Unter der I
Liebe im Sinne des Christentums verstehen wir die
Liebe, die wir in den Evangelien antreffen. Die Liebe,
die Paulus mit dem Glauben und der Hoffnung zu
einem Dreiklang zusammengefaßt hat, in welchem sie
selber der Grundton ist. Und die Liebe, zu welcher drei
klassische Interpreten existieren: Augustin, Dante, Pascal
". Vor dieser Erklärung muß man sich fragen, ob i
dies nicht doch ein allzu heterogenes Material ist. Scholz
setzt ohne weiteres voraus, daß eine ungebrochene Linie
von den Evangelien und Paulus an durch das Mittelt-
alter geht und daß die Caritas des Mittelalters im
Grunde dasselbe ist wie die A g a p e des Urchristen- I
tums. Aber dies ist nicht der Fall. Augustins oder
Dantes Liebesauffassung ist keine einfache Interpretation
von Agape. Mit ungefähr ebenso viel Recht könnte man
sie als eine Interpretation von Eros bezeichnen. In der j
Tat haben wir es hier mit einer Umformung zu tun, wo j
durch eine Mischung der beiden Liebesanschauungen {
eine neue Liebeskonzeption entsteht. Die Caritas des
Mittelalters ist eine Komplexerscheinung, die Elemente
von Agape sowohl wie von Eros in sich schließt. Wenn
man bei einer prinzipiellen Auseinandersetzung zwischen
den verschiedenen Liebesanschauungen Eros und Agape
einander gegenüberstellt, so bedeutet dies, daß der platonische
Liebesgedanke mit dem christlichen Liebesgedanken
in seinem ursprünglichen
Sinn konfrontiert wird; wenn man dagegen wie Scholz |
Eros und Caritas einander gegenüberstellt, so wird
Eros mit dem christlichen Liebesgedanken,
so wie er sich teilweise gerade unter dem
Einfluß des Erosmotivs verändert hat, konfrontiert
. Handelte es sich nur um eine historische Darstellung
des christlichen Liebesgedankens, dann haben
natürlich auch solche Kompromißformen als tatsächlich
gegebene Formen des christlichen Liebesgedankens Anspruch
auf Beachtung. Aber hier handelt es sich um
mehr, nämlich um einen prinzipiellen Vergleich zwischen
„der platonischen Liebe und der Liebe im Sinne des
Christentums"; dabei wirkt es störend, daß gerade die
vom platonischen Erosgedanken beeinflußte Caritas „die
Liebe im Sinne des Christentums" darstellen soll. Dadurch
daß Caritas etwas von Eros in sich aufgenommen
hat, erhält die Frage, wie sie sich zu Eros verhält, bei
weitem nicht die Spannung wie die Frage des Verhältnisses
zwischen Eros und Agape. Caritas bedeutet in
mittelalterlicher Auffassung fast einen Indifferenzpunkt
im Kampfe zwischen diesen beiden Liebesanschauungen;
in Caritas ist die Spannung bisweilen so gering geworden
, daß sie nicht vernommen wird.

Die Auffassung von der christlichen Liebe scheint
also etwas zu unbestimmt zu sein, um als Ausgangspunkt
für einen prinzipiellen Vergleich dienen zu

können. Wie verhält es sich aber mit dem anderen
Glied des Vergleichs, mit der platonischen Liebe? Woher
holt der Verfasser das Material zu ihrem Aufbau?
„Unter der Platonischen Liebe verstehen wir die Liebe,
die Plato im .Gastmahl' aufgebaut hat. Und so, daß
Aristoteles, also der größte Platoniker, diese Liebe an
der Stelle hat einsetzen können, an der sie, im eigentlichen
Sinne zur Weltmacht geworden ist". Daß das
Erosmotiv von Piaton bei Aristoteles weiter lebt, ist
offenbar. Aber durch eine eingehende Untersuchung ist
es .Scholz gelungen, zu zeigen, welche zentrale Bedeutung
der Erosgedanke für die Bewegungslehre des
Aristoteles und damit für seine ganze Metaphysik hat.
Dieser Teil (S. 15—43) ist vielleicht der bedeutendste
in der ganzen Untersuchung. Der Verfasser hat buchstäblich
recht, wenn er sagt, daß Eros durch Aristoteles
zur Weltmacht gesteigert worden ist (S. 16). In dieser
Form hat Eros auch teilweise seine großen Siege im
Mittelalter gewonnen.

Wenden wir uns nun schließlich zu der von Scholz
proklamierten Verschiedenheit zwischen den beiden Liebesanschauungen
von den Gesichtspunkten aus: worauf
beruht die Liebe, worin besteht sie und wie verteilt sie
sich auf die Geschlechter? so kann zuerst festgestellt
werden, daß Eros richtig als auf dem Eidos des Schönen
beruhend und in einem dadurch bewirkten Angezogensein
bestehend bestimmt wird. Ebenso berechtigt ist es,
wenn der Verfasser den Grund der christlichen Liebe in
Gottes Liebe findet. Aber wenn weiter behauptet wird,
daß sie in dem Nachbilden dieser Liebe besteht, so
kann man mit Recht fragen, inwieweit diese Bestimmung
mit Hinsicht auf den urchristlichen Liebesgedanken
völlig befriedigend ist. Die mittelalterliche Caritas
ist zwar eine Nachbildung. Geht man dagegen zu
dem paulinischen Agapegedanken, so ist die Liebe da
weniger eine Nachbildung der Liebe Gottes als eine
Manifestation derselben. Vielleicht hat die Problemstellung
bei Scholz ihn daran gehindert, dies zu sehen.
Der Ausgangspunkt für seine ganze Betrachtung ist ja,
daß die christliche Liebe eine bestimmte menschliche
Gemütsverfassung sein soll. Für Paulus ist Agape
nichts Menschliches. Das eigentliche Subjekt der christlichen
Liebe ist nicht der Christ, sondern Gott selbst.
Die Liebe ist deshalb nicht eigentlich eine Nachbildung,
sondern die Frucht des Geistes. Die Liebe ist das
Leben, das der Christ, getrieben von dem Geist Gottes,
lebt. Was schließlich den dritten Gegensatz zwischen
der platonischen und der christlichen Liebe betrifft, den
Scholz so ausdrückt, daß Eros „sich nur in einem Manne
erzeugen kann", aber daß „die schönsten und zartesten
Manifestationen der Caritas in Frauen und nur in
Frauen existieren", so ist dies wohl als ein Wortspiel,
das zwar nicht zur prinzipiellen Klarheit beiträgt, zu bezeichnen
. Wenn Eros durch Aristoteles zur Weltmacht
geworden ist, was bedeutet es dann, daß Eros „sich
I nur in einem Manne erzeugen kann"? Und weiter: von
der mittelalterlichen Caritas mag es gelten, daß „ihre
schönsten und zartesten Manifestationen in Frauen und
nur in Frauen existieren"; aber mit welchem Recht
wird dies auf die christliche Liebe überhaupt angewendet
? Wo ist Gottes Agape vollkommener offenbart als
in Christus?

Lund'Schweden. Anders Nygren.

Wiesner, Werner: Das Offenbarungsproblem in der dialektischen
Theologie. München: Chr. Kaiser 1030. (XII, 181 S.)
gr. 8°. = Forschgn. z. Gesch. u. Lehre d. Protestantismus hrsg. v.
P. Althaus, K. Barth u. K. Heim, 3. Reihe. Bd. II.

RM 4.50; in Subskr. 3.50.

Der V. hat seiner Untersuchung die Aufgabe gestellt
, die Antwort herauszuarbeiten, die die dialektische
Theologie auf die Probleme der Offenbarung zu geben
hat und zu ihr kritisch Stellung zu nehmen. Er unterscheidet
für seinen Zweck innerhalb dieser Theologie
zwei Richtungen. Gemeinsam ist ihnen eine bestimmte
religiös-theologische Haltung, die in der Erfahrung der