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Ausgabe:

1931 Nr. 25

Spalte:

592-594

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Duhm, Andreas

Titel/Untertitel:

Das Wort Gottes im Gottesdienst 1931

Rezensent:

Usener, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 25.

592

Für den genannten Zweck gliedert sich die Schrift
■in 5 Kapitel. Das erste gibt kurz die Begriffsbestimmung
für Sozialphilosophie und Soziologie. Letztere
wird als die Wissenschaft von den Strukturen der empirischen
Gemeinschaften bezeichnet. Das zweite Kapitel
behandelt den christlichen Personbegriff und die sozialen
Grundbeziehungsbegriffe. Hier wird in tiefgründigen
Ausführungen und in Abgrenzung gegen den philosophisch
-idealistischen Geistbegriff der wesensmäßige
Zusammenhang zwischen den Größen Gott, Gemeinschaft
und Einzelner dargelegt. Für christliches Denken
entsteht menschliche Person nur in Relation zu der ihr
transzendenten göttlichen. Und Person hat nicht statischen
, sondern dynamischen Charakter: sie besteht
immer nur, wenn der Mensch in ethischer Verantwortung
steht. Person aber kann die andere Person nicht erkennen
, sondern nur anerkennen. Das Ich-Du-Verhältnis
ist die soziale Grundkategorie.

Das dritte und vierte Kapitel stehen in Wechselbeziehung
zu einander im Hinblick auf die Störung der j
schöpfungsmäßigen Bestimmung des Menschen durch
die Sünde. In jenem wird über „Urständ und Gemeinschaft
gesprochen", in diesem über „die Sünde und die
gebrochene Gemeinschaft". Aus jenem seien nur die
Darlegungen über das Verhältnis von Gemeinschaft und
Gesellschaft (im Anschluß an die Terminologie von
Ferd. Tönnies), über den Begriff der Genossenschaft
(nach der Terminologie Otto v. Gierkes) sowie über
Begriff und Problematik des „objektiven Geistes" her- j
ausgegriffen. Aus dem vierten Kapitel hebe ich hervor, j
was über das Verhältnis von Einzelschuld und Gesamt- I
schuld und im Zusammenhang damit über den Begriff
der ethischen Kollektivperson gesagt wird.

Auf dem Unterbau dieser vier grundlegenden Kapitel
(S. 7—61) erhebt sich dann das fünfte Kapitel mit
der eigentlichen Thema-Behandlung (S. 62—180). Sie
umfaßt nach überleitenden Bemerkungen vier Abschnitte:
I. Die in und durch Jesus Christus gesetzte Kirche; die
Realisierung. II. Der Heilige Geist und die Kirche Jesu
Christi; die Aktualisierung der wesentlichen Kirche.
III. Die empirische Gestalt der Kirche. IV. Kirche und
Eschatologie. Der Leitgedanke des ganzen Kapitels ist
„Christus als Gemeinde existierend" (Leib Christi);
demgemäß die Bestimmung des Wesens der Kirche im
Verhältnis zur (bloßen) religiösen Gemeinschaft als solcher
einerseits, zum Reich Gottes andererseits. Und
zwar dies so, daß beide Mal sowohl der Unterschied wie
doch auch die gleichwohl bestehende Beziehung herausgearbeitet
wird. Die Gleichsetzung aber der Kirche mit
der religiösen Gemeinschaft wird als historisierendes
(besser wäre wohl: historistisches, noch genauer: histo-
ristisch-psychologistisches) Mißverständnis, die Gleichsetzung
mit dem Reich Gottes als religiöses Mißverständnis
abgelehnt. Schließlich ergibt sich dem Verfasser
, daß die Kirche nicht unter die Alternative Gemeinschaft
oder Gesellschaft (Zweckverband) zu stellen
ist, sondern über diese Alternative hinausgreift. Als
Geistgemeinde hat sie eine soziologische Struktur
sui generis, in der Gemeinschaft, Gesellschaft und Herrschaftsverband
sich aufs innigste durchdringen.

Die Schranke der Schrift liegt in ihrer Methodik.
Gewiß ist ein Zirkelverfahren, wie es der Verfasser befürwortet
(S. 25), durch die Sache gefordert. Aber wie
es genauer zu fassen und konkret zu gestalten ist, bleibt
unsicher. Das gilt auch für die rückblickenden Bemerkungen
auf S. 170. Wohl drängt die hier angestellte
Überlegung geradezu auf den Begriff der Glaubenserfahrung
. Aber erreicht und fruchtbar gemacht wird
er nicht. Daher der teilweis noch konstruktive Charakter
der Gedankenführung. Indes dieser Vorbehalt ändert
nichts an dem schon ausgesprochenem Urteil, daß aufs
Ganze gesehen hier eine sehr erfreuliche, vielfach fördernde
Schrift vorliegt.

Göttingen. G. Wobbermin.

Duhm, Andreas: Das Wort Gottes im Gottesdienst. Mönchen:
E. Reinhardt 1931. (80 S.) gr. 8°. RM 3.80.

Unter reichlicher Heranziehung der einschlägigen
Literatur bespricht Verf. die durch den Einfluß der
gegenwärtigen, zumal der dialektischen Theologie entstandene
Lage der praktischen Theologie, namentlich
hinsichtlich des Gottesdienstes und der Predigt. Das
Buch ist hervorgegangen aus dem Wunsch nach einer
Auseinandersetzung mit Fezers Buch „Das Wort Gottes
und die Predigt", ja eigentlich mit einem Satz daraus.
Dieser Satz heißt: „Die Predigt ist das Bemühen eines
Manschen, durch freie Rede dazu mitzuwirken, daß der
in Schriftwort uns seine Gemeinschaft schenkende Gott
einem Kreis von andern Menschen gemeinsam durch
den heiligen Geist gegenwärtig werde". D. bietet dabei
eine Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Theologie
, die durch Barth und die dialektische Theologie
vor allem bestimmt ist, auch Schäder wird mit Recht
dazu gerechnet, ihre Bedeutung durchaus anerkennend,
aber ihre Übertreibungen und ihr vielfaches Versagen auf
dem Gebiet der praktischen Theologie herausstellend.

Im 1. Abschnitt „Die Frage" wird betont, wie nicht
nur der heutige Mensch entscheidendes Ja oder Nein
hören will, sondern auch die zeitgenössische Theologie.
Eigentümlich die Tatsache, daß für die Lösung der Aufgabe
der Kirche, Gott den Menschen nahe zu bringen,
aus der gegenwärtigen Theologie besondere Schwierigkeiten
erwachsen. Als berechtigt in ihr wird anerkannt
die Abwehr gegen eine einer ganzen langen Vergangenheit
zur Last fallende Vermenschlichung Gottes und Vergöttlichung
des Menschen, aber die Gefahr ist die, daß
durch Übertreibungen nun die vielbesprochene Kluft
zwischen Gott und Mensch aufgerissen wird, über die
hinüber es kaum einen Weg gibt. Der erwähnte Satz
Fezers, der als im Gegensatz zu den sonst neben einander
herrschenden Anschauungen von der Predigt, der missionarisch
-seelsorgerlichen (Baumgarten und Niebergall)
und der kultisch darstellenden (Schleiermacher, Smend)
stehend aufgefaßt wird, dient dann zum Ausgangspunkt
einer gründlichen Untersuchung. Abschnitt 2 „Der Gott
des Kosmos und die Menschen der Erde", betont bei
einem ausführlichen Exkurs in Naturwissenschaft und
Welterkennen, wie Gegenstand der christlichen Predigt
nicht der kosmische, sondern nur der uns in unserer
Welt zugewandte Gott sein kann, eine der gegenwärtigen
Theologie gegenüber immerhin nicht unwesentliche Feststellung
, sie hat für Christologie, Trinitätslehre, Eschatologie
ihre Bedeutung. Als Ergebnis wird festgestellt,
daß der Theologie das Denken des wirklichen d. h. kosmischen
Gottes nie gelingt, daß alle ihre Aussagen sich
nur auf den uns zugewandten Gott beziehen, m. E. ein
gut lutherscher, wenn auch nicht lutherischer Standpunkt
. Daraus ergeben sich Folgerungen auch für die
Auffassung vom Wort Gottes, es will gar nicht die
Absolutheit mit dem Gott, von dem es herkommt, teilen,
es ist speziell für uns gedacht, in diesem Sinn also doch
anthropozentrisch! Im 3. Abschnitt „Gott und die Kirche
" wird davon gehandelt, wie die Predigt der Kirche
sich allmählich auf das Zentraldogma von Sünde und
Erlösung konzentriert hat, wodurch weite andere Lebensgebiete
„entgottet" werden. Es gibt doch genug Punkte
außerhalb des Sündenerlebnisses, an denen das gleiche
Verlangen nach Gott wirkt. Ob diese Schilderung des
Verfassers auf die Predigt der Kirche zutrifft, ist mir
doch zweifelhaft, so gewiß sie eine richtige Zeichnung
von einer verbreiteten Art der Predigt und, wie der
Verfasser zugibt, einer sehr wirkungsvollen Art gibt.
Auch sonst scheint die eine oder andere Äußerung übertrieben
. Gewiß ist die Warnung des Verf. richtig, daß
auch außer dem Sündenerlebnis noch andere Wege (Natur
, Kunst und Wissenschaft) zu Gott führen, aber m. E.
ist doch wirkliche Gottesgemeinschaft nicht denkbar
ohne die Erfahrung von Psalm 90, 8. Wenn allerdings
weithin so gepredigt wird, wie es Verf. an einigen Beispielen
aus der dialektischen Theologie aufzeigt, so ist