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Ausgabe:

1931 Nr. 24

Spalte:

573-574

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulz, Walter

Titel/Untertitel:

Reichssänger 1931

Rezensent:

Jonat, Friedrich Karl

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 24.

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leichtert, oft erst möglich macht. Ein dritter Anhang
bringt die „Worterklärung", die das Mundartliche in
unsere jetzige Sprache übersetzt und auf den Wechsel
in der Bedeutung und Klangfarbe zahlreicher Wörter
aufmerksam macht. Ein vierter Anhang stellt das Ortsund
Namenregister auf. Die Trennung dieser vier Abteilungen
erleichtert das Verständnis sehr stark.

Für den Theologen ist die neue Ausgabe gleichfalls
überaus bedeutungsvoll. Denn schon aus den vorhandenen
Bänden ergibt sich mancherlei Material für
die neue Durchforschung der Stellung Pestalozzis zu
Religion und Christentum. Das wird in noch höherem
Maße gelten, wenn erst die Gesamtausgabe fertig vorliegt
. Die Untersuchung über die religiöse Haltung und
Bedeutung Pestalozzis fußen noch immer weithin auf
P. Natorps Aufstellungen (1910)2. Im letzten Jahrzehnt
sind diese Fragen erneut berücksichtigt von W. O.
Nikolay (1927), P. Wernle (1927), W. Nigg (1927), Fr.
Delekat (1928)2. Die Auffassungen sind jedoch noch
sehr verschiedenartig. Noch steht Anschauung gegen
Anschauung; das abschließende Wort darüber ist noch
nicht gesprochen und konnte noch nicht gesprochen
werden. Hier wird die neue Ausgabe auch die theologische
Forschung befruchten, wobei das Wichtigste die
Materialdarbietung ist, während die im Anhang gegebene
Deutung gelegentlich einseitig ist (Vgl. darüber z. B. die
Bemerkungen in der Zeitschrift f. Kirchengeschichte
1928 1.). Interessante Einzelheiten zur Geschichte des
damaligen Pfarrerstandes finden sich z. B. in dem von
Pestalozzi und seiner Frau 1769/70 geführten Tagebuch,
und den Sacherklärungen dazu (Bd. I, 35 ff. u. 376 ff.).
Man merkt in den oben erwähnten Bänden, wie stark
die religiöse, christliche, protestantische Bestimmtheit
des Lebens, Denkens und Handelns, auch in Bezug auf
die Pädagogik bei Pestalozzi gewesen ist und wie es
eine Verkürzung ist, wenn die pädagogische Forschung
so oft davon als etwas „Nicht-Wesentlichen" absieht
(vgl. z. B. Band 9, S. 358 f.). Die große und im wissenschaftlichen
Sinn „autonome" Erzieherpersönlichkeit
Pestalozzis weiß sich doch „theonom" im tiefsten
Grunde gebunden an einen viel Größeren, an Gott
selbst. Es handelt sich in unserm Zusammenhang ja
aber weniger um inhaltliche Probleme, als um die Anzeige
der hochbedeutsamen Ausgabe der Gesamtwerke
Pestalozzi.

Jedenfalls gebührt dem Verlag für die Großzügigkeit
des Unternehmens und den Herausgebern für die
vorbildliche Exaktheit aufrichtiger Dank aller interessierten
Kreise. Jetzt kann sich Pestalozzi erst ganz so
auswirken, wie er sich einst selbst geäußert hat und
wie er wirklich gewesen ist, nicht wie man ihn später
gesehen und so oft verkannt und verkürzt hat. Und
wenn die Flut zahlloser Abhandlungen und Schriften aus
dem Pestalozzi-Jubiläumsjahr zum größten Teil im Meer
der Vergessenheit versunken sein wird, wird das Jubiläumsdenkmal
dieser Ausgabe noch lange bestehen bleiben.
Hannover. H. Werdermann.

S c h u 1 z, Dr. Walter: Reichssänger. Schlüssel zum deutschen Reichsliederbuch
. Gotha: P. Ott 1930. (246 S. m. über 100 Abb.)
_ go geb. RM 6.50.

Verfasser füllt durch seine Arbeit eine Lücke in der
Hvmnologie aus, insofern er zum erstenmal einen
Schlüssel zum Reichsliederbuch bringt, wenn auch nicht , - , ,. f

in der Weise Nelle's in dessen Schlüssel zum Ev. Ge- j ™hr d'| Kra t haben Lutherlieder zu singen, abge

gäbe des „überreichen, seltenen Bildmaterials" ist sein
Buch ausgezeichnet. Aber folgende Ausstellungen mögen
doch gemacht werden. Die vielen Reichsgottessänger
des Reformationszeitalters mit ihren kerndeutschen,
markigen Wir-Liedern werden zu stiefmütterlich behandelt
: die Biographie Luthers, die gänzlich mißlungen
ist, umfaßt anderthalb Druckseiten, dagegen
sehe man die Biographie Ernst Gebhardts! Die
Neubearbeitung der Reichs-Lieder 1931 enthält auch
nur 12 Lieder aus dem Reformationszeitaiter, von
Luther selbst nur 4. Bei P. Gerhardt S. 47 ff. hätte
ich zum mindesten Stellungnahme des Verf. gegen
die in Gemeinschaftskreisen übliche Melodie zu Befiehl
du deine Wege erwartet. S. 65, 9. Zeile v. u., muß es
heißen „fielen". Von Hiller erfahren wir u. a., daß er
„mit seiner frommen Gattin in 37jähriger Ehe aus
einem Teller gegessen haben soll". Der unglückliche
Jörgens mit seinem Singsang „Wo findet die Seele"
darf nicht fehlen! Über Knak wird auf 2*/4 Druckseiten
geschrieben, auch daß er „durch gute und böse Gerüchte
" hindurchgehen mußte, aber nicht warum. Geradezu
abschreckend muß es für einen Gemeinschaftschristen
sein, von Erd. Neumeister (S. 95) zu lesen, er
habe sich „gegen das Umsichgreifen der gläubigen (!)
Bewegung am Hofe des Grafen Erdmann in Sorau" gekehrt
. Anna Nitschmann wird ein schönes Denkmal
gesetzt. Gern hörten wir aber etwas von ihrer „Streiterehe
" mit Zinzendorf. Bei Jon. Paul schweigt sich Verf.
gründlich über die Pfingstsekte aus. Ist das nicht eine
wissenschaftliche Unterlassungssünde? Von Tersteegen
wird (132) kritiklos berichtet: „Gleich nach seiner Bekehrung
trennte er sich von der Kirche und mied allen
öffentlichen Gottesdienst". Noch gleichgültiger ist Üx-
küll die geschichtlich gewordene Kirche. Wer die Seiten
137/138 liest, kann es nicht begreifen, wie das kirchenfeindliche
„Alle meine Quellen sind in dir" in landeskirchlichen
Gemeinschaften gesungen werden kann. Bei
den englischen Reichssängern verträgt sich Bekehrung
und Kirchenwechsel noch leichter. Büß (158) ist Baptist
, „durch seine Heirat veranlaßt, schloß er sich den
Presbyterianern an" und wurde schließlich Kongregatio-
nalist. Kritiklos wird von Spafford berichtet (202), „daß
er beschloß, mit seiner Frau und der einzig übriggebliebenen
Tochter nach Jerusalem zu gehen und auf das
Kommen des Herrn zu warten". Georgiana Taylor ist
„die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens denominationslos
(204)." Im „Schlußwort" S. 225 ff. wird Thimme
zitiert: „Die Gemeinschaftsbewegung muß als Resultante
zweier Seitenkräfte, der deutsch-reformatorisch-pietistischen
auf der einen Seite und der angelsächsisch-metho-
distischen Oxforder Richtung auf der anderen Seite aufgefaßt
werden. Weder der einen noch der anderen Richtung
folgt die deutsche Gemeinschaftsbewegung, sondern
sie geht in der Richtung der Diagonale". Schulz's Buch
beweist dies, zeigt aber auch unzweideutig, daß der Anteil
der angelsächsisch-methodistischen Oxforder Richtung
in der deutschen Gemeinschaftsbewegung größer ist
als der der deutsch-reformatorisch-pietistischen. Hätte
er an den Reichssängern und Reichsliedern die für die
hymnologische Wissenschaft unerläßliche Kritik geübt,
so wäre er zu O. Borchert's Urteil, Aus siebenzig Jahren
, 1930, S. 221—225, gekommen. Siehe auch Her-
man Bezzel, Auf ewigem Grunde, 1914, S. 689: „Evangelische
Gemeinde, laß Reichslieder denen, die nicht

sangbuch für Rheinland und Westfalen; denn Verf.
bringt nur die Biographien der Reichssänger einschl.
Entstehung ihrer Lieder, kritisiert aber weder die Reichssänger
noch die Reichslieder bzw. Reichsliedermelodien.
Darin liegt die Stärke des Schulz'schen Buchs, aber

blaßte, farblose Lieder Kirchenleuten, die lieh ihres
Luther schämen, weil sie das Christentum der Sänftirr-
keit und Süßigkeit erkoren haben. Du aber bleibe bei
den markerschütternden Chorälen, bei den Klängen die
für die Ewigkeit geschaffen und die Zeit zu überdauern

auch seine Schwäche. Verf. ist es gelungen, „die Lieder [ lmstande sind . Seit der neuen Gesangbuchbewegung

des Reichsliederbuches hymnologisch festzulegen, bzw. I , ir,d,man,.S1.ch auc-n. nicht einmal über die „Fesseln des

etwa 200 Dichterangaben neu zu erforschen, zu er- [ traditionell langatmigen Grabliedertempos" (S. 45) zu

gänzen oder zu berichtigen und viele Dichterbiographien i Dekia§en haben.

zum ersten Male zu erforschen". Auch durch die Bei- j Serock, Kr. Swiecki (Polen)._ Friedrich Jonat.