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Ausgabe:

1931 Nr. 2

Spalte:

35-37

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loesche, Georg

Titel/Untertitel:

Geschichte des Protestantismus im vormaligen und im neuen Österreich 1931

Rezensent:

Voelker, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 2.

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sie herauskam, und den Sinn, in dem eine Entschuldigung
damals gefaßt werden mußte, der muß sich dann
aber zu solchen fast unglaublichen Ungereimtheiten verstehen
wie der, daß er Hutten, Cronberg und andere als
nicht zum fränkischen Adel gehörig bezeichnet (so Sch.
S. 5/6). Wer aber die Flugschriften in ihrer Masse auf
sich wirken läßt, der wird aus ihnen doch vor allem
herauslesen, daß hier ganz verschiedene Stimmungen
und Bestrebungen zum Ausdruck kamen. Es geht wirklich
angesichts der großen Mehrzahl derselben nicht an,
in dieser Ritterschaftsbewegung nur eine ständische zu
erblicken, eine Bewegung, die, wie Sch. am Schluß
seiner Einleitung sagt, nur „religiös und kirchlich verbrämt
" war. Vielmehr lassen sie keinen Zweifel, daß
auch hier genau so wie bei der Bauernbewegung, einmal
reiner und dann wieder unreiner autochthone religiöse
Bestrebungen zum Durchbruch kamen, Bestrebungen
, die — eine Bemerkung darüber sollte eigentlich
überflüssig sein — deshalb sehr leicht ins Politische
hinübergingen, weil Staat und Kirche damals sich nicht
voneinander trennen ließen. Wenn Sch. meint, zwischen
dem gemeinen Mann, d. h. den Bürgern und Bauern
und dem Adel hätte es damals nichts Gemeinsames gegeben
, so verraten grade die Flugschriften, wie stark
eben das Evangelium sie alle zusammenband. Nur
Dialektik vermag darüber hinwegzutäuschen.

Von Einzelheiten sei nur notiert, daß es S. 11 Z. 15
v. o. nicht heißen darf, St. Jörg habe gehört, daß
Sickingen alles „von eigen Nutzens wegen" „getan"
habe; vielmehr steht in der betr. Flugschrift, er sei
dessen nur „argwenig geacht". Auf S. 25 Z. 19 v. o.
ist das Zitat „Schade 600" in Schade 60 zu verändern.
Königsberg/Pr. Wilhelm Stolze.

Loesche, Prof. D. Di. Georg: Geschichte des Protestantismus
Im vormaligen und im neuen Österreich. 3., verb. u. verm.,
m. 3 Ktn. u. einer Notenbeilage vers. Aufl. Wien u. Leipzig:
Manz'sche Verlagsbuchh. 1930. (XVI, 811 S.) gr. 8°. RM 9-.

In der vor achtundzwanzig Jahren erschienenen ersten
Auflage seiner „Geschichte des Protestantismus in
Österreich" entschuldigte sich Loesche, „daß er mit dem
Ende beginnen und rückwärts zum Anfang schreiten
müsse". Damals schwebte ihm nämlich ein „auf breitester
bibliothekarischer und vornehmlich archivalischer
Grundlage" aufgebautes Quellenwerk über diesen Gegenstand
, das eine zusammenhängende Darstellung krönend
abschließen sollte, vor. Einem dringenden Bedürfnis
nachgebend hat er sich 1902 entschlossen, mit einem
kurzen Abriß seine Forschungsarbeit in die Wege
zu leiten. In der vorliegenden dritten Auflage — die
zweite erschien 1921 — erfüllt nun der Verf. tatsächlich
sein Vorhaben von einst. In der Zeit zwischen damals
und heute hat er nämlich ein ungeheures Tatsachenmaterial
zur Geschichte des österreichischen Protestantismus
, worauf er nun seinen großzügigen Wurf
aufbaut, zu Tage gefördert. Die Zeit „von der Duldung
zur Gleichberechtigung" nach der Seite der äußeren
Gestaltung wie des kirchlichen Innenlebens, die Schicksale
der böhmischen Exulanten in Sachsen, der Tiroler
Täufer, der Salzburger Exulanten hat er ebenso in umfassenden
aktenmäßigen Veröffentlichungen dargelegt,
wie er die Gegenreformation in Schlesien, die Beziehungen
Luthers, Melanchthons und Calvins zu Österreich
-Ungarn, die evangelischen Schul- und Kirchenordnungen
, die deutsch-evangelische Kultur in Österreich,
um nur einiges herauszugreifen, zum Gegenstand besonderer
Untersuchungen gemacht hat. Die Studie über
„die evangelischen Fürstinnen im Hause Habsburg"
führte ihn auf die Höhe der Gesellschaft, die Regesten
über den Protestantismus in Oberösterreich in die untersten
Volksschichten. Es kommt hinzu, daß Loesche als
Herausgeber des „Jahrbuchs" „der Gesellschaft für die
Geschichte des Protestantismus in Österreich" durch
vierzig Jahre sozusagen das Steuer dieses Forschungsgebiets
in seiner Hand hielt. Die regelmäßige eingehende
bibliographische Rundschau, in der er auch
j die entferntesten Stücke berücksichtigte, erwies ihn als
I gründlichen Kenner der einschlägigen Literatur, in der
j soweit besonders Innerösterreich in Betracht kommt, der
j Grazer Historiker Johann Loserth im Vordergrund steht.

Die nach dem Umsturz für die neuere Zeit frei ge-
I gebenen Archivalien hat L. ebenso berücksichtigt wie er
j den Gang der Ereignisse in den Nachfolgestaaten aufmerksam
verfolgt. Alles in allem: die Monumenta
Austriae Evangelica, deren Verwirklichung L. 1904 der
Erforschung des österreichischen Protestantismus als
Ziel gesteckt hat, hat er zum guten Teil selbst zustande
I gebracht, wenn auch die Ausführung des Planes im
I einzelnen naturgemäß anders gestaltet werden mußte
als es ursprünglich möglich zu sein schien. Es verdient
! Bewunderung, wie L. der durch Krieg und Umsturz geschaffenen
ungünstigen Lage zum Trotz das begonnene
Lebenswerk über zahlreiche Einzeluntersuchungen auf
j die Höhe der vorliegenden großen, die Ergebnisse seiner
I Vorarbeiten zusammenfassenden Gesamtdarstellung ge-
I führt hat. Die wissenschaftliche Bedeutung derselben
tritt erst unter voller Würdigung aller dieser Begleitumstände
und Voraussetzungen klar zu Tage. Es wird
hier eine Geschichte des österreichischen Protestantismus
von den Anfängen bis auf die Gegenwart von einem
Forscher, der sich über alle Einzelheiten des Gegenstandes
ein sorgsam erwogenes Urteil auf Grund erschöpfender
Studien gebildet hat, dargeboten. Dabei beschränkt
sich L. nicht auf die rein kirchlich-religiöse
Seite des österreichischen Protestantismus, wenn auch
darauf selbstverständlich der stärkste Nachdruck liegt.
Sein Blick ist stets auf die politische wie kulturelle Gesamtgestaltung
Österreichs in der jeweiligen Beziehung
zum evangelischen Kirchentum gerichtet. Dadurch tritt
die Besonderheit des österreichischen Protestantismus in
Geschichte und Gegenwart umso deutlicher hervor. Wie
sehr es L. darauf ankommt, gerade in dieser Hinsicht
volle Klarheit herzustellen, wird auch aus der Stoffeinteilung
ersichtlich. Es entspricht der Wesensart des
Habsburgerreiches, daß L. zunächst die einzelnen Kronländer
, die ein Eigendasein führten, besonders behandelt
, um alsdann von Josef II. an, unter dessen Regierung
die Teile zu einem einheitlich verwalteten Reichsganzen
zusammengeschlossen erscheinen, auch die Geschichte
des österreichischen Protestantismus bis zum
Zusammenbruch im Jahre 1919 einheitlich darzustellen;
von da ab läßt er die Fäden wieder auseinanderlaufen.
Ein vielfarbiges Gemälde mit spannenden Einzelbildern
wird hier von Meisterhand entworfen. Nirgends sonst
hat der Protestantismus in ähnlicher Weise sich gestaltet
. Auf einen raschen Aufstieg, der alle Volksschichten
erfaßte, folgte ein zähes Ringen um seinen Bestand,
bis er durch die Staatsgewalt grausam niedergerungen
I im Verborgenen weiter lebte, um alsdann geduldet und
schließlich gleichberechtigt ungeachtet, seiner zahlenmäßigen
Kleinheit im öffentlichen Leben des Habsburgerstaates
sich wieder hervorzutun. Die nationale
Vielgestaltigkeit Österreichs verleiht auch seinem Protestantismus
ein besonderes Gepräge; die deutsche Reformation
beherrscht richtunggebend das Feld, aber daneben
melden sich die geistigen Erben von Hus, und
zwar nur in Österreich, zu Wort. Man bedenke ferner
das Begleitmotiv: das mit den Mächten der Gegen*
I Deformation verbündete Haus Habsburg im Kampf gegen
den Protestantismus, seinen vermeintlichen Wider-
I sacher im Drange nach Weltgeltung, auf der einen Seite
und das mit dem ungerechtfertigten Makel des Hochverrates
behaftete evangelische Kirchenwesen im eifrigen
| Streben, seine Eigenart im Dienste von Herrscherhaus
und Vaterland auszuwirken, auf der andern. Für das
! opferfreudige österreichische Exulantentum mit seinen
tragischen Gestalten, aber auch seiner kulturgeschichtlichen
Tragweite, die Folgeerscheinung dieser Spannungen
, gibt es anderswo keine gleichwertige Parallelerscheinung
. Wie im Reichsganzen so macht sich nicht