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Ausgabe:

1931 Nr. 22

Spalte:

520-521

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dessoir, Max

Titel/Untertitel:

Vom Jenseits der Seele 1931

Rezensent:

Köhler, Franz

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 22.

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sondern in der Gestalt den Kern und das Wesen der
Sache treffen; dieses Wesentliche bringt die Dinge,
bringt auch die Menschen in der Darstellung vieler
unserer jungen Dichter in unmittelbare Beziehung zu
Gott. Auch der Krieg als ungeheures Schicksal, auch die
Technik als Offenbarung feinster geistiger Kräfte und
einer ganz eigentümlichen Beziehung zwischen Mensch
und Natur verleugnet diese Gottbezogenheit nicht. Die j
Natur wird also nicht mehr verachtet, wie bei den Ex- j
pressionisten mit ihrem einseitigen Geistes-Ruf. Das
Rufen und Schreien ist diesem Geschlecht überhaupt |
nicht mehr so gemäß; es ist mehr Schüchternheit,
Keuschheit, ahnungsvolles Hinhorchen, Lauschen und
Tasten vorhanden, so schroff sich die Gestaltung des
Erschauten oft noch gebärden mag.

Auch im Weltlichen kommen alte Werte wieder;
uralte „Themen" der Menschheit beherrschen die jüngste
Lyrik, ohne daß sie doch in Romantik zurückverfiele.
Höchstens könnte man von einer romantischen, d. h. von
einer verinnerlichenden Erfassung der Wirklichkeit reden
. Ja, an das germanische Heldentum gemahnt die
Art, wie der Weltkrieg und der tägliche Krieg unseres
Daseins erfaßt wird mit den Leitbegriffen: Führer, Gefolge
und Kameradschaftlichkeit — in einem ganz besonderen
, scheinbar nüchternen, in Wahrheit sehr tiefen
Sinne. Wiederum ergeben sich da Ausblicke von großer
Bedeutung; wiederum eröffnet das Leben seine Geheimnisse
und weist über das unbegreifliche Wunder menschlicher
Beziehungen hinaus zum Göttlichen. Eine Art
religiöser Weihe verklärt die Tat des Menschen und
den Opfertod im Beruf, der nicht von müdem Leben
erlöst, „sondern Auserwählte in der Blüte der Kraft
trifft und mit tragischem Schicksal adelt" (aus Haensels
„Kampf ums Matterhorn", 1929).

Diese wenigen Andeutungen werden genügen, un-
sern Lesern den Band nahe zu legen, der durch gutgewählte
Proben und mit kluger Auswahl des Wesentlichen
unmittelbar an die Dichtungen heranführt und sie
aus sich selbst erklärt, statt sie aufzuzählen oder über
sie zu philosophieren.

In willkommener Weise ergänzt wird Naumanns
Buch durch die kleine, gehaltreiche Einzelschrift von
H. K i n d e r m a n n, die es mit der Erschütterung der
Eindruckskunst, mit dem Wesen und der Erscheinungsform
des Expressionismus, vor allem aber dann mit der
Entstehungsgeschichte und den verschiedenen Formen
der „Neuen Sachlichkeit" in der Dichtung zu tun hat.
Kindermanns Schrift beschränkt sich stärker als Naumanns
Buch auf das literarische Leben; es bringt weit
mehr Dichter und Dichtungen zur Besprechung (bisweilen
auch zur bloßen Aufzählung) und nimmt dabei
entschlossener Partei, besonders im Sinne der Dichtung, |
die über Augenblicksbilder mit Bedeutungsakzenten hinausstrebt
zum Tiefgründig-Symbolischen. Freilich ist dabei
zu betonen, daß nicht immer das Können dem
Wollen gleichkommt und das Wollen hier und da über
die eigentlich dichterischen Möglichkeiten hinausdrängt.
Schärfer als Naumann (und mit gutem Erfolge) scheidet j
K. zwischen einer zeitgebundenen und einer zeitlosen
Sachlichkeit (der „neuen Idealrealisten" im Gegensatz
zu der bloßen „Reportage"). Auch bei ihm kommen
die religiösen Werte der gegenwärtigen Dichtung zu |
ihrem Rechte und die philosophischen Strömungen mit |
ihren Beziehungen zur Dichtung unserer Tage werden j
gebührend gewürdigt. K. bringt weit weniger Proben als I
N., dafür aber zieht er in weitestem Maße und mit geschickter
Auswahl die theoretischen Äußerungen der
Dichter über ihre Ziele und ihre Technik wie die Äuße- I
rungen maßgebender Kritiker heran. Von der Wissenschaft
würden diese Zitate noch dankbarer begrüßt werden
, wenn der Verf. überall den Fundort genau ange- j
geben hätte. Um so erwünschter ist ein „bibliographischer
Anhang", der die Werke der genannten Schriftsteller
in zeitlicher Reihenfolge aufführt.

Hamburg._R. Petsch.

Dessoir, Prof. Dr. Max: Vom Jenseits der Seele. Die Qe-

heimwissenschaften in kritischer Betrachtung. 6., neu bearb. Aufl.
Stuttgart: Ferd. Enke 1931. (562 S. mit 4 Taf.) gr. 8°.

RM 16—; geb. 18 — .

Wenn seit 14 Jahren von einem umfangreichen
Werk eine 6. Auflage erscheinen konnte, so empfiehlt
dieses dadurch sich selbst. Und wir müssen in der Tat
Dessoir zugestehen, daß seine eindringende und umfassende
Kritik an den sog. „Geheimwissenschaften"
beachtenswert ist. Es reiht sich sein Werk ebenbürtig
an die Seite dem Standard work Matthiesens „Der jenseitige
Mensch" sowie den Arbeiten von Hans Driesch
auf demselben Gebiet. Aber während diese zu positiven
Ergebnissen, mindestens zu Potentialen kommen, übt
Dessoir eine Kritik, die ebenso unerbittlich wie streckenweise
ungerecht ist. Es fehlt D. jene unbefangene Einstellung
den okkulten Phänomenen gegenüber, die deren
Eigengesetzlichkeit berücksichtigt und sich deren Eigenart
beugt. Das gilt vor allem den so bedeutend gewordenen
Tatsachen-Komplexen gegenüber, wie sie durch die
Phänomene Margery, Zugun, Silbert und R. Schneider
gegeben sind. Kleine Unebenheiten werden zu Ungeheuerlichkeiten
und Unmöglichkeiten aufgebauscht und
allzu schnell wieder der Verdacht der Taschenspielerei
und der Tricks sowie das Verdikt des Betruges ausgesprochen
. Es fehlt auf weiten Strecken einfach ein
Verstehenwollen; statt dessen findet ein rationalistisches
Glossieren, ein psychologistisches Analysieren statt, das
mit seinem unnötigen Sarkasmus die Lektüre des an sich
bedeutenden Buches zu einer unerquicklichen macht.
Als verfehlt müssen vor allem der Ober- und Untertitel
des Buches bezeichnet werden. Denn der darf nicht von
einem Jenseits der Seele reden, der all ihre Äußerungen
in ein Diesseits ihrer einspannt und nur so weit geht,
das objektive Seelen-Jenseits als ein Überbewußtsein
gelten zu lassen, ihm aber jede räumliche Besonderheit
neben diesem bestreitet. D. zieht sich auf die logistische
Formel zurück, daß geistige Sachverhalte (wer behauptet
denn solche logische Abstraktion?) des dinghaften wie
des personhaften Daseins „überhoben" sind. Es handelt
sich bei den okkulten Erscheinungen doch um alles
andere als um „Sachverhalte". Und was wird weiter
alles der Kategorie „Geheimwissenschaft" eingegliedert!
Zum mindesten hätte dieses Wort in Anführungsstriche
von einem gesetzt werden müssen, der die Berechtigung
jener auf Schritt und Tritt und mit allen Mitteln bekämpft
.

Anerkannt muß die Energie und der Fleiß werden,
die jahrzehntelang auf die Erfassung des „Sachverhalts"
der okkulten Phänomene verwandt wurden. Aber bei D.
wiegt die negative Kritik als Grundstimmung vor; dieser
wird alles zum Opfer gebracht, wobei andere, Vorurteilslose
positive Wirklichkeit wahrnahmen. D. spricht über
die gesamte Welt des Okkulten, Magischen, Kabbalistischen
, Anthroposophischen und der Christian science
das Verdikt aus „Magischer Idealismus", den er in
Gegensatz setzt zum theoretischen Idealismus einerseits,
zum ethischen andererseits (vielleicht in Anlehnung an
Spenglers „arabisch-magische Kultur").

Als „Denkmittel" dieses „magischen Idealismus"
stellt D. die Grundsätze der „Entsprechung", „der mehrfachen
Bedeutung", der „sprachlichen Symbolik" und
der „intuitiven Gewißheit" auf. Es erklären diese „Grundsätze
" nun allerdings nichts; sie erörtern nur. Ungeheuerliche
Fähigkeiten und Funktionen werden der Seele,
ihrem Unter- bzw. Überbewußten zugelegt; aber weder
werden diese Differenzierungen irgendwie gegen einander
abgegrenzt, noch wird ihre sonderliche Eigenart
charakterisiert. Und warum sollte die Einmengung einer
Zweckreihe in die Kausalitätskette einen logischen Fehler
bedeuten? Gibt es nicht auch eine causa finalis? Mit
gutem Instinkt sucht Dessoir in seinem magischen Idealismus
einen Nachhall zu Leibnizens Monadologie, ähnlich
wie Driesch ganz in Leibnizens Geist einem „Monadismus
" das Wort redet anstelle des irreführenden Wortes
„Okkultismus". Ebenso verfehlt aber wie verwunder-