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Ausgabe:

1931 Nr. 22

Spalte:

512-514

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burkhard, Werner

Titel/Untertitel:

Grimmelshausen, Erlösung und barocker Geist 1931

Rezensent:

Fricke, Gerhard

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 22.

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rechtigung des Freiteils die Stellung des möglichst
besten Erben haben soll.

Die Quinta als Freiteil des westgotischen Rechtes
wird zwar als für sich stehende Besonderheit aufgefaßt,
aber doch als präsumtiver regelmäßiger Kopfteil erklärt
(S. 164).

Die Kopfteilung sah von einer festen Quote ab.
Man zählte den Vater für das was Christo debetur als
einen Erben mit. Dabei sind Varianten möglich, indem
die Witwe als Kopfteilberechtigte, oder die Töchter je
zu einem halben Kopfteil gerechnet werden usw. Diese
Gruppe ist in zwei Untergruppen zerspalten, die südliche
, des longobardischen (hier ist die älteste Urkunde,
die den Freiteil berücksichtigt aus 713 S. 91 ff.), die
bayrischen alemannischen und burgundischen Rechts,
und die nördliche des nordfriesischen, dänischen Rechts
und der schwedischen Götarechte. Die Ausführungen
über das dänische Recht (S. 145) sind besonders interessant
, als heraustritt, daß bei stark lebendiger Vermögensgemeinschaft
zwischen Vater (Mutter) und Kindern
schon offenbar in heidnischer Zeit bei Missetat
eines Kindes ein Haften der Gemeinschaft für den Täter
über den Kopfteil hinaus nicht Rechtserfordernis war.

Die christliche Zeit hat dann die Entfremdung
solchen Hauptteils ohne Zustimmung der Erben anerkannt
, wobei der Ausgangspunkt der Eintritt des Hausvaters
in ein Kloster war.

Der Hauptzehnt, eine aus der Zeit der Christianisierung
des Sachsenlandes, aus den Gegenden des nordskandinavischen
Rechtes stammende Legallast auf dem
Vermögensstamm, ist im nordgermanischen Recht zum
Freiteil geworden (S. 170 f.). Das sächsische Recht hat
den Zehnt abgeschüttelt, hat ferner die Befreiung der
Vergabung von Grundbesitz an König und Kirche vom
Erbengelob überwunden und ist das einzige germanische
Recht geblieben, dem der Freiteil unbekannt geblieben
ist.

Die Entwicklung und die Kulturzusammenhänge, die
Schultze herausstellt, sind von erstaunlicher Weite. Mag
auch im einzelnen manches hypothetisch erscheinen, der
Ausgangspunkt, daß der Totenteil nicht die Wurzel des
Seelteils gewesen ist, das ist glaube ich bewiesen. Grundsätzlich
auch das andere, daß der Seelteil seine Ausbildung
dem katholischen Christentum verdankt. Ob
allerdings der Afrikaner Augustin unmittelbar und teilweise
so früh auf die Germanen gewirkt hat, wie
Schultze annimmt, mag berufeneren Beurteilern überlassen
werden.
Göttingen. Hans Niedermeyer.

Luther, Johannes: Johannes Luther, des Reformators ältester
Sohn. Berlin : W. de Gruyter & Co. 1930. (28 S.) gr. 8°. = Greifs-
walder Studien z. Lutherforschg. u. neuzeitl. Geistesgesch., hrsg. v.
d. Greifswalder Gelehrten Gesellsch. f. Lutherforschg. u. neuzeitl.
Geistesgesch. 1. RM 2—.

Diese biographische Skizze ist als Vorarbeit für eine
umfassendere Monographie gedacht. Bezeichnenderweise
fließen die Quellen am reichlichsten für die Jugendgeschichte
Johannes Luthers. Unter sorgfältiger und kritischer
Verwendung der Tischredenüberlieferungen sowie
der brieflichen Nachrichten bringt der Verfasser interessante
Einzelheiten zum Familienleben Luthers und zur
Wittenberger Bildungs- und Universitätsgeschichte. Über
die innere Haltung des jungen Juristen, der 1553 als
Rat in die Dienste der jungen ernestinischen Herzöge
getreten war, in den gnesio-lutheranischen Streitigkeiten
ist nichts Näheres ersichtlich; es wäre immerhin von
Wert zu erfahren, wie Joh. Luther über die Verwaltung
des Erbes seines Vaters durch die zeitgenössischen Theologen
gedacht hat. Noch mehr liegt das Dunkel über
seinen letzten Jahren (gest. 1575), seitdem er 1566 im
Zusammenhang der Crumbachschen Händel den Gothaer
Hof verlassen hatte; zur Aufhellung zieht der Verf. hier
mit großer Vorsicht die Familientradition heran. Es ist
das Verdienst dieser kritisch abwertenden Haltung, daß

unser nicht zu großes Wissen über den ältesten Sohn
des Reformators auf feste Grundlagen gestellt wird.

Marburg-Michelbach. W. Maurer.

1 Burkhard, Werner: Grimmelshausen. Erlösung und barocker
j Geist. Frankfurt a. M.: M. Diesterweg 1929. (IV, 154 S.) gr. 8°.
= Deutsche Forschgn., hrsg. v. F. Panzer u. J. Petersen, H. 22.

RM 6.40.

B. sucht die religiöse Weltanschauung
nachzuweisen, die der farbigen, gegenständlichen und begebenheitsreichen
Welt der Simplizianischen Schriften
Grimmelshausens als beherrschende und sinngebende
Idee zugrunde liegt. Er setzt bei einer kurzen Cha-
, rakteristik Böhmes, als des Prototyps des deutschen
Barock ein und kommt von hier aus zu der herkömm-
! liehen, allzuviel — und daher zu wenig sagenden Formel
von der Spannung von Weltfreude und Jenseits-
; Sehnsucht für die seelische Grundstimmung des „Barock
" (S. 4). Ein kurzer Blick auf Mystik, Orthodoxie
und Pietismus rundet den weltanschaulichen Hintergrund
ab, dem als eine Art christlicher „Faust" (S. 47 u. 90)
die Gestalt des Simplizissimus entwächst. Diese wird
zum „gewaltigen Symbol der ewigen christlichen Idee"
; (S. 18). An anderer Stelle wird die uns etwa von
Schiller oder Fichte her geläufige Fragestellung: Wie
werde ich frei, wie gewinne ich die Macht über meine
| ganze Person, welche mich dem Gesetze des Werdens
und des Todes entreißt, als die Grundidee in Grimmelshausens
Dichtung bezeichnet (S. 72).

Die Entwicklung des Simplizissimus verläuft demgemäß
von der ursprünglich kindlich-christlichen Rein-
! heit durch Trotz, Begierde, Stolz und Laster des von
| Gott abgewandten Ichwillens, durch Erdengenuß, Leid,
I Strafe und Reue zur entsagenden Bekehrung, zum gläu-
1 bigen Ergreifen der in Christus erschienenen zuvorkommenden
göttlichen Gnade. Entsprechend bilden
i Grimmelshausens Anschauungen über „Genuß und Verzweiflung
", „Natur und Vernunft", „Sünde, Gottes Zorn
und Gericht" und — die Hälfte der Arbeit umfassend
—, die „Wege der Erlösung" thematische Hauptteile.

Stellt man die Ergebnisse zusammen und prüft sie
auf ihren sachlichen Gehalt, so findet man nicht mehr
' und nicht weniger als die geläufigen Inhalte des prote-
| stantischen Dogmas und Kirchenglaubens, sodaß also
die Figur des Simplizissimus gleichsam als „dichte-
1 rische" Konkretisierung, als exemplarische Verdichtung
1 und Einkleidung einer die gültige Katechismusdogmatik
nirgends überschreitenden religiösen „Weltanschauung"
erscheint. Aber selbst wenn diese Deutung zuträfe, gäbe
sie noch kein Recht, Grimmelshausen als „religiösen
Metaphysiker" neben Böhme und Rembrandt zu stellen.
Zweifellos spielen neben zahlreichen anderen auch
; die religiös-christlichen Motive in der Haupthandlung
| und in manchem der eingeschobenen Exkurse vor allem
j des Simplizissimus, weniger der späteren Simplizianischen
Schriften, eine bedeutende Rolle. Immer wieder
i wird in erbaulichen und frommen Bemerkungen Laster
i und Unglaube getadelt, Unglück als Strafe hingestellt
und das verderbliche Treiben der Welt als gottlos gebrandmarkt
. Der Held bereut mehrfach seine Taten und
j wendet sich am Ende, wenn auch erst nach zahlreichen
1 Rückfällen, von der Wollust ab und der entsagenden
Betrachtung zu. Das 5. und vor allem das 6. Buch
• stellt denn auch die Hauptgrundlage für die Deutung
des Verfassers.

Aber die Frage ist gerade: wie verhält sich diese
ganz unoriginelle, herkömmlich-volkstümliche religiöse
Schicht, die den kraftvoll-selbständigen epischen Partien
ähnlich wie die mannigfachen übernommenen didaktischen
Teile lose und mühelos abhebbar aufgesetzt ist,
zu dem dichterischen Fundament, den geschilderten
t Menschen, den romanhaften Begebenheiten, die
im Simplizissimus, der „Courage", dem „Springinsfeld
", dem „Vogelnest" einer aus Phantasie und Wirklichkeit
machtvoll gestalteten, religiös ganz indifferen-