Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1931 Nr. 21

Spalte:

484

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bibliotheca philologica classica; Bd. 51, 52

Titel/Untertitel:

53, 54, 55, 56 1931

Rezensent:

Dibelius, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

483

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 21.

484

bis 146 Äußerungen mittelalterlicher Schriftsteller über das gesundheitsgefährliche
Klima Roms und schildert den frühen Tod auswärtiger
Päpste von Gregor V. bis Gregor XI., dazu noch Hadians VI., Todesfälle
, die vielfach auf menschliche Nachhilfe zurückgeführt wurden und
jedenfalls den Papstthron für Ausländer wenig begehrenswert machten.
S. 128—134 beleuchtet Buonaiuti mit spöttischen Seitenblicken auf
die Zeitliches und Ewiges durcheinander mischenden theologischen Alchimisten
der Civiltä cattolica „Die .Modernität' Joachims von
Fiore" an merkwürdigen Übereinstimmungen dieses „Sehers" mit Rudolf
Otto in der Betonung der absoluten und unvergleichlichen Geistigkeit
Gottes, sowie des „fascinans" und „tremendum", und mit den späteren
und heutigen Wiedervereinigungsbestrebungen der christlichen Kirchen.
S. 289—297 weist Derselbe in dem Aufsatz „Joachim von
Fiore, der hl. Bonaventura, der h 1. Thomas" auf den häufiger
vorhandenen als ausgesprochenen Gegensatz der beiden letztgenannten
Schulhäupter zur eschatologischen und höherstrebenden Geschichtsbetrachtung
des „Propheten" von Calabrien, und erklärt die Anschauungen
Joachims wie die seiner Gegner in geistvollen Beobachtungen aus theologischen
und sozialen Entwicklungen heraus, wobei die „Gnosis", die
den urchristlichen Endgedanken begrabende „Scholastik" von damals
als Seitenstück dient. In seinem gehaltvollen und fesselnden Vortrag
„Der hl. Franz und der Bruder Elias" (S. 39—56) geht Sal-
vatorelli, der Verfasser einer „Vita di San Francesco" (siehe diese
Ztg. 1927, Sp. 229) von der bekannten Tatsache aus, daß Elias, der
Vertreter einer weitherzigen Deutung der Armutsregel, nicht etwa von
den Anhängern der strengen Richtung, den Spiritualen, sondern von
den Gelehrten, den „Klerikern", gestürzt wurde, und stellt dann weiter
zurückgehend fest, daß die Armut für Franz selber nicht Selbstzweck,
sondern Mittel und Voraussetzung zur apostolischen Predigt, zur Bekehrung
des Nebenmenschen war — zur evangelischen Sittenpredigt, im
Unterschied von der kirchlich-theologischen Predigt der Dominikaner
gegen die Ketzer —, und daß nach seinem Tode sich ein Gegensatz
zwischen der von Elias trotz oder wegen seiner diktatorischen Zügelführung
vertretenen laienmäßigen, ungelehrten, demokratischen Richtung
und der klerikalen, gelehrten, aristokratischen Richtung der Pariser Doktoren
herausbildete, der in der Absetzung des Elias und dessen weiterer
Haltung zum Austrag kam. Franz wollte allerdings eine religiöse Genossenschaft
gründen, aber sie sollte weder monastisch, noch klerikal
sein, sondern das schlichte Evangelium predigen. „Integrale Franziskaner
" waren darum weder die Gelehrten noch die „asketischen, einsiedlerischen
, ekstatischen" Spiritualen: das war nur Franz selber —
wie es nach Nietzsche nur einen Christen gegeben hat, den der am
Kreuze gestorben ist, so möchte man beifügen — und das einigende
Band zwischen den streitenden Parteien war die Liebe zum seraphischen
Heiligen. In einem Anhang S. 56 —60 fügt S. noch einige Bemerkungen
zum Verständnis der von Pulignani in den Miscellanea Francescana 1929,
S. 129—133 veröffentlichten Urkunden bei, die den Bruder Elias und
seine Parteinahme für Kaiser Friedrich II. in seinem Streit mit Papst
Innocenz IV. betreffen. Adanti gedenkt S. 442- 447 des 1230 geborenen
Jacopone da Todi, seiner seltsamen Art und mannigfachen
Schicksale. Jos. Schnitzer zeichnet S. 317 -332 den „PietroBer-
nadino, das Haupt der .Gesalbten'", einen Schüler Savona-
rolas, Lehrer und Erzieher der Jugend, der aber nicht ins Kloster eintrat
, seine Wesensart und Lebenshaltung und sein Ende auf dem Scheiterhaufen
, mit Anführung zahlreicher gleichzeitiger Zeugnisse, und er reinigt
ihn von den ungerechtfertigten Anschuldigungen seines Zeitgenossen
Cerretani und der Geschichtschreiber Höfler und Pastor.

Neuzeit. In drei Aufsätzen befaßt sich Maude Petre mit
Lamennais. S. 147—160 stellt sie die Grundgedanken der beiden
ersten Bände seines „Essai sur Tlndifference en matiere de Religion"
heraus und erklärt den ungeheuren Erfolg des an sich nicht ursprünglichen
und schöpferischen Werkes aus seiner Sprache und den geistigen
und sozialen Zuständen seiner Zeit: L. war einer der Väter des Ultramontanismus
und auch einer der Vorläufer des heutigen Kommunismus,
lebte aber lange genug, um bittere Ergebnisse seiner Lehre zu erfahren.
S. 333-345 beleuchtet sie dann näher den „Ultramontanismus
des Lamennais" in seinem Gegensatz gegen den „Erastianismus",
der die Kirche vollständig dem Staat unterwirft, und gegen den Galli-
kanismus und das Napoleonische Konkordat, aber auch in seinem tief
religiös begründeten Unterschied vom politischen Ultramontanismus De
Maistres und von der heutigen ultramontanen Knechtseligkeit und Papstvergötterung
. S. 502—518 schildert sie endlich „D ie Ka tas t r o p h e
des Lamennais", seine Enttäuschung durch die französische Restauration
und seine Wandlung zum Republikaner, das Schicksal seiner Zeitschrift
VAvenir, in der übrigens nicht Lamennais, sondern Lacordaire
die kühnste Sprache geführt hatte, die Verurteilung ihrer Gedanken
durch den römischen Stuhl, seinen Bruch mit der Kirche durch die
Paroles d'un croyant nach anfänglicher Unterwerfung, seinen Ausgang, und
zum Schluß vergleicht sie seinen Lebensgang mit dem Tyrrells, wobei
aber die Unterschiede tiefer sind als die Ähnlichkeiten. Mit G. Tyrrell
selber, näherhin mit seinem kurz vor seinem Tode (1910) veröffentlichten
Werk „Das Christentum am Scheidewege" befaßt sich
Lidia von Auw S. 61—70, indem sie es zu Harnacks „Wesen des
Christentum" und Loisys „Evangelium und Kirche" in Beziehung setzt,
seine Hauptgedanken hervorhebt und Fäden zu R. Otto („Das Heilige")

zieht, zum Schluß auch K. Barth kurz streift, aber hier ohne, wie bei
Otto, gemeinsame Züge anzuführen.

Die kleineren gemischten Bemerkungen und Mitteilungen des reichhaltigen
Bandes können hier nicht aufgezählt werden. Die Bericht-
j erstattung über neue Bücher, auch aus Deutschland, ist, wie immer,
| rasch und zuverlässig.

München. Hugo Koch.

j Bibliotheca philologica classica. Beiblatt z. Jahresbericht über
die Fortschritte der klassischen Altertumswissensch. Hrsg. v. Friedrich
| Vogel. Bd. 51, 1924; Bd. 52, 1925; Bd. 53, 1926; Bd. 54, 1927.

Leipzig: V. R. Reisland 1927/28. (V, 315; VII, 344; V, 335; V,
| 268 S.) gr. 8°. Bd. 51 u. 52 je RM 8—; Bd. 53 u. 54 je RM 10—.
Dieselbe. Bearb. von R. Kaiser. Bd. 55, 1928; Bd. 56, 1929.
Ebda. 1929 u. 1931. (X, 240 u. X, 278 S.) gr. 8°. Bd. 55 RM 11 — .

„ 56 „ 13—

Im Jahrgang 1927 dieser Zeitschrift habe ich bereits diese ausge-

I zeichnete Bibliographie besprochen und auf ihre Wichtigkeit für Theologen
verwiesen. Wenn man sich die undankbare und mühevolle Arbeit

S vergegenwärtigt, die die ungeheure Zahl der registrierten Titel — in
Band 56 sind es 4575 - verrät, so kann auch jetzt das erste Wort nur

I ein Wort des Dankes sein. Daß vom Jahrgang 56 ab jede Unterstützung

I durch die Notgemeinschaft ausbleibt, und daß infolgedessen der Preis

| erhöht werden mußte, wird man lebhaft bedauern. Im letzten Jahrgang
ist die Archäologie weggefallen ; trotzdem hat sich die Zahl der Titel
um mehr als 500 vermehrt. Die Arbeit lag bis einschließlich des Jahrgangs
54 in den Händen von Dr. Friedrich Vogel, der innerhalb von
4 Jahren sieben Jahrgänge herausbrachte und auf diese Weise die durch
den Krieg geschaffene Lücke wieder schloß. Sein Nachfolger ist für die
letzten beiden Jahrgänge Oberbibliothekar Dr. Rudolf Kaiser geworden ;

: daß er in Zukunft die Herausgabe nicht mehr in der Hand behält,
sondern sie an Dr. Wilhelm Rechnitz abgibt, wird man angesichts der

i Anstrengung und Entsagung, die dabei verlangt wird, begreifen, aber
auch bedauern gerade angesichts der Desideria, die der scheidende Herausgeber
selbst im Vorwort zum letzten Jahrgang ausspricht. Es han-

j delt sich dabei hauptsächlich um die Unterbringung von Gleichartigem
in verschiedenen Abschnitten. Ich habe bereits vor vier Jahren darauf
hingewiesen, daß gerade die christliche Literatur in dieser Beziehung
Probleme schwieriger Art stellt. Ich erkenne dankbar an, daß das jetzige
Register genannte frühere „Namenverzeichnis" bisweilen hilft. Aber Un-
gleichmälligkeiten bleiben, und ich empfehle einige Korrekturen. Ist
es wirklich nötig, daß der Titel „Christiana" in dem Abschnitt „Sammlungen
" apokryphe Evangelien und apokryphe Acta apostolorum bringt,
daß man aber die entsprechenden kanonischen Bücher, ihre Ausgaben
und Auslegungen, in dem Abschnitt „Griechische Schriftsteller" unter
Testamentum suchen muß, d. h. in einer etwas chaotischen mehrere
Seiten umfassenden Sektion, in der der Apokalypsenkommentar von Lohmeyer
am Anfang unter „Johannes", der Römerkommentar von Lietz-
mann aus derselben Sammlung aber unter dem Namen des modernen
Autors zu finden ist? Oder warum steht Fiebig, Der Erzählungsstil der
Evangelien in dem gleichen Abschnitt Testamentum, aber Easton, The
Gospel before the Gospels — also ein Buch sehr verwandten Inhalts
— mit demselben Stichwort im Titel Abschnitt X 1 c Religion, Ur-

| Christentum ? Man kann nicht verlangen, daß solche Titel zweimal genannt
werden, wie es in fast übertriebener Sorgfalt mit de Bruynes Aufsatz
über die lateinischen Evangelienprologe geschehen ist (Griechische
Schriftsteller, Testamentum ; Lateinische Schriftsteller, Biblia ! !); aber die
damals von mir gewünschten und auch von dem letzten Herausgeber
empfohlenen Verweise könnten öfter gebracht werden. Ich möchte

I mit solchen Bemerkungen das achtunggebietende Werk wirklich nicht
herabsetzen, sondern nur an seiner weiteren Ausgestaltung mitarbeiten.
Heidelberg. Martin Dibelius.

Wilson, William E., B. D.: The Problem of the cross, a study
of New Testament teaching. London: James Clarke & Co. 1929.
(363 S.) 8°. 10 sh. 6 d.

Diese Darstellung der Versöhnungslehre ist von
besonderer Bedeutung, weil ihr Verfasser Professor in
Woodbrooke ist; das Werk ist somit eine Darstellung der
Art und Weise, wie man von Seiten der Quäker das
Kreuz Christi betrachtet.

Nach einer Kritik der traditionellen Versöhnungslehre
(Anselm, die Reformatoren, Hugo Grotius) meint
der Verfasser durch eine Untersuchung des neuen Testa-

j ments beweisen zu können, daß die objektive (godward)
Versöhnung gar nicht im neuen Testament gelehrt wird.
Eine solche Lehre ist im Widerstreit mit der Verkündigung
Jesu Christi von der Vergebung der Sünden, und
sie findet sich auch nicht bei Paulus. Speziell werden
Rom. 3, 21—26, Gal. 3, 13 und 2. Kor. 5, 21 analysiert.
Mit den bildlichen Ausdrücken „Loskaufung" und „Sühne
" werden nur Befreiung und Vergebung gemeint. Wie

I die Leiden in Jes. 53 sind Jesu Leiden Folgen seines