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Ausgabe:

1931 Nr. 20

Spalte:

477

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stammler, Gerhard

Titel/Untertitel:

Leibniz 1931

Rezensent:

Schilling, Kurt

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477

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 20.

478

Stammler, Priv.-Doz. Gerhard: Leibntz. München: E. Reinhardt
1930. (183 S. m. 1 Bildn.) 8°. = Gesch. d. Philos. in Einzeldar-
stellgn. hrsg. v. G. Kafka. Abt. IV. Die Philos. d. neueren Zeit I.

sondern nach Kategorien geordnet. Eine solche Anordnung
kann selbstverständlich von Vorteil sein. Der Eindruck
von Einheitlichkeit zwischen den verschiedenen

Bd. ig. RM 4.50; geb. 6.50. Aphorismen kann hierdurch natürlich stärker werden

Das Buch ist im Rahmen einer Sammlung eine Aber die Aufgabe ist heikel. Und es scheint mir als

flüssig und klar geschriebene Einführung in Leben und
Werk von Leibniz. Der Autor erblickt die Grundlage
von beidem, den besonderen „Stil" des Leibnizschen
Denkens, in dem Vordringen von der Einzelheit zu ihren
Grundlagen und der schließlichen Verbindung aller die-

müßte man bei der Anordnung des Stoffes durch den
Herausgeber gewisse Fragezeichen machen. Warum z.B.
läßt er die ganze Sammlung in die Kategorie münden
„Von der Ehre der Wissenschaft und vom Glauben" (S.
148ff.)? Wäre es nicht natürlicher gewesen, diese Aus-

ser HaHnrcn entstehenden Wege durch die vorausge- I sprüche mit denen in Zusammenhang zu setzen, die an
■e^aaoiuam cm ^ ^„+:„„f^+ H»r necen^TiHshe- I e'iner früheren Stelle der Schrift unter dem Titel „,Von

der Dialektik des Glaubens" (S. 43 ff.) zusammengefaßt
sind? Dem bedeutsamen Gedanken der „Gleichzeitigkeit
" mit Christus begegnet man zuerst unter der Rubrik
„Christus Jesus" (S. 17 f.). Aber dann wird er wieder
In einem ganz anderen Zusammenhang aufgenommen
(S. 33). Die Rubrik „Vom Reiche Gottes auf Erden"
(S. 54) scheint mir K.s religiösem Denken recht fremd.
Es ist wahr, daß der Reichsgottesgedanke bei K. gelegentlich
als Synonym für die christliche „Geistigkeit"
angewandt werden kann (z. B. Eftl. Papirer 1854—1855.
S. 143, 313 f.). Aber so gut wie immer hat er bei ihm

setzte Harmonie und Kontinuität der Gegenstandsbe
reiche. Demgemäß stellt er auch in sachlich ange
messener Disposition die Einzelforschung und die Entwürfe
zu ihrer Grundlegung bei Leibniz den eigentlich
philosophischen Ansichten in seiner Darstellung voran.
Auch oder vielmehr gerade die Philosophie von Leibniz
nennt er aber ein „Denken in analogischen Mannigfaltigkeiten
und Verzweigungen", eine „harmonisch gefügte
Vielheit" gegenüber dem seit Kant herrschenden
Streben nach „durchgängig gegliederter Ganzheit" nach
„Einheitlichkeit" der Prinzipien in der Systematik. „Es
blitzt ihm der allgemeine Gedanke auf, der allgemeine
Satz wird von seiner Intuition erfaßt, aber der Beweis i

wird nicht von oben her aus der gleichen Intuition ge- ; . ne PP.'emisch-ironische Bedeutung. Die Aussprüche
—•-- -k-*„ii„ „nJ*^ | die pollinger unter der angegebenen gesammelt hat, sind

geben — wenngleich seine Grundlinien ebenfalls vorgezeichnet
sein mögen —, sondern in sorgfältiger Zusam
menfügung von Einzelsätzen nähert er sich dem er

strebten Ziele." Wenn "man Dollingers Auswahl mit den Tage
In dieser seiner Auffassung und mit seiner sicheren i bücnern selbst vergleicht, so ist man betroffen dal
i----(„;,™;A»n n-n-c+olliinrr wird Hör Autor zweifei- ___i______ j__ , , P ... ', , ~, ,, ... uai

auch recht heterogen. Die kritischen Aussprüche gegen
Luther z. B. (S. 61 ff.) gehören ja nicht in diesen Zusammenhang
.

und kenntnisreichen Darstellung wird der Autor zweifellos
in sehr hohem Grade, vielleicht sogar mehr als bisher
überhaupt, seinem Thema gerecht, und deshalb kann
das Buch ohne Vorbehalt nur empfohlen werden, wenn
auch eine oder die andere Einzelheit wie z. B. die eigentliche
Naturwissenschaft etwas zu kurz gekommen sein

, daß

mehrere der charakteristischsten Stellen übergangen sind.
So hätte unter der Rubrik „Liebe Gottes und Leid" die
für K.s ganze Gottesanschauung wichtigste Stelle, die von
„Divisio" und „Subdivisio" handelt, nicht fehlen dürfen.
Und diese steht gerade im X. Band. A. 59. Solche Auslassungen
können zum Teil durch den knappen Raum

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mag und wenn man mit dem „stilgeschichtlichen" End- } erklärt und verteidigt werden. Aber gerade, wenn man

diesen Gesichtspunkt ins Auge faßt, muß es etwas verwundern
, daß der Herausgeber in so großem Ausmaße
Aphorismen ausgewählt hat, die nicht aus dem eigenen
Munde K.s stammen, sondern von K. ausdrücklich als
reine „Lesefrüchte" bezeichnet werden (z. B. S. 54, 58,
87, 127, 132, 134, 154).

Wenn der Herausgeber in einer der im Übrigen
aufschlußreichen Anmerkungen erklärt, daß K. „nicht
ohne Recht" Bischof Mynster vorwirft, das Christentum
in „ästhetische Kategorien" zu verflüchtigen (S. 158),
so folgt er zwar der traditionellen Auffassung, die sich
auf K.s polemische Aussagen stützt. Indessen dürfte
diese Auffassung der Korrektur bedürfen. Wer genau
Mynsters „Betrachtungen" liest, muß unweigerlich einen
ganz starken Eindruck von dem ethischen Ernst der
Mynsterschen Christentumsverkündigung erhalten.
Upsala. Torsten Bohl in.

Thonna-Barthet, R. P., Antonin: L'Bvangile commente par
Saint Aujrustin. Extraits de ses Oeuvres. Paris: P. Lethielleux 1930.
(VI, 293 S.) 8°. 25 Fr.

Ein Andachtsbuch für das katholische Haus, im Augustinjahr
herausgebracht. Aus den Schätzen der Sermones, der Tractatus zum
Johannesevangelium, auch aus den Quaestiones evangeliorum u. a. sind
die schönsten Abschnitte zu den Herrenworten und Jesusgeschichten
herausgehoben, übersetzt und zu einer Art Leben Jesu in fortlaufenden
Betrachtungen geordnet. Grundsätzliches über den Sinn und Begriff
des Evangeliums, reiches Material zu den Seligpreisungcn und dem
Vaterunser findet sich hier ebenso wie die grolle Auslegung von Luk. 15
und eine Reihe wahrhaft hymnischer Worte zum Schlußthema des Höhende
"kritischen Ausgabe von Heiberg-Kuhr-Torsting. Und | priesterlichen Gebets. Und hier zumal bringt auch die französische
™ d-„j„ „mfafepn mir Hin Hhre 1847—1850 Dol- 1 Übertragung (die im übrigen ebenso flüssig wie frei ist) den Schimmer
diese B*n**"™™*".™* ^J^Iw^deresSeÄ «nd Öan der Sprache Augustins glänzend zur Geltung. Es ist kirchliche
linger hat selbst angeführt, daß er besonderes^eWKM i Auslegungi die UM allenthalben entgegentritt, ein Stück kirchlicher Arbeit
auf den X. Band gelegt habe (die janre io*v löDU) am Kirchenvolk. Aber es ist Augustins Kirchlichkeit: der Kirchengedanke,
weil dieser von früheren Übersetzern nicht ausgenutzt | der diese Betrachtungen beherrscht, hat seinen sachlichen Ort im Ganzen
werden konnte, und weil die hier befindlichen Aussagen t ejnes Himmel und Erde umspannenden Geschichtsbildes. Das Buch
wichtig zur Beleuchtung des religiösen „Durchbruchs" ! tritt nicht mit wissenschaftlichen Ansprüchen auf. Leider sind auch die
im Jahre 1848 sind. Man hätte gewünscht, daß diese j Quellenangaben nicht immer genau. Immerhin — ein Beitrag zur Ge-
Begrenzung schon auf dem Titelblatt angegeben wäre, schichte der praktischen Bibelauslegung.
Die ausgewählten Stücke sind nicht chronologisch, i Halle a-s-

ergebnis, das sich mit einer einfachen Zuweisung dieses
„Denkstils" an den „deutschen Barock" bereits beruhigt,
sicher nicht wird einverstanden sein können.

München._Kurt Schilling.

Dol linger, Robert: So spricht Stiren Kierkegaard. Aus seinen

Tage- u. Nächtebüchern ausgew., übersetzt ti. m. einer Einführung
hrsg. Berlin: Furche-Verlag [1930). (160 S. in. 1 Titelb.) gr. 8°.

geb. RM 4.80.

Wieder ein Beweis neben vielen anderen für das,
was man „Kierkegaardrenaissance" genannt hat (vgl.
W. Eiert, Der Kampf um das Christentum).

Schon im Jahre 1901 kam ja auf deutsch eine Auswahl
aus K.s Tagebüchern unter dem Titel „Aus den
Tiefen der Reflektion" heraus. Vier Jahre später folgte
ihr eine neue, von H. Gottsched getroffene Auswahl.
Chr. Schrempf hat unter dem Titel „K. im Kampf mit
sich selbst" 1922 aufs Neue die Kenntnis der Tagebücher
vermittelt. Und 1923 gab Th. Haecker im Brenner
-Verlag eine umfangreiche zweibändige Sammlung
derselben Dokumente heraus. Trotzdem ist auch Dolliri-
gers Ausgabe dankenswert. Gerade durch ihren geringen
Umfang scheint sie geeignet, zu einer größeren Allgemeinheit
zu gelangen.

Es muß jedoch gesagt werden, daß der Titel der
Sammlung nicht ganz angemessen ist. Denn er erweckt
den Eindruck, als ob hier die Tagebücher in ihrer Gesamtheit
vertreten seien. Tatsächlich sind die übersetzten
Stücke einem sehr begrenzten — wenn auch bedeutsamen
— Teil der Tagebücher entnommen, nämlich Bd. VIII—X