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Ausgabe:

1931 Nr. 2

Spalte:

27-29

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Willrich, Hugo

Titel/Untertitel:

Das Haus des Herodes zwischen Jerusalem und Rom 1931

Rezensent:

Jeremias, Joachim

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 2.

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ist seine Darstellung des Islam vielfach neuartig; es i
fragt sich nur, ob das Neue immer glücklich ist.

Verf. hat wohl fleißig den Qor'äm gelesen (mindestens
in Übersetzung) und beigezogen. Er sucht auch
zu selbständigem Verständnis durchzudringen. Das ist,
mag man auch seiner Auffassung oft nicht beipflichten
können, z. B. auch gegenüber den gelegentlich herein- I
spielenden Vorstellungen von der airorientalischen Weltanschauung
skeptisch sein, durchaus erfreulich. Anzuerkennen
ist endlich, daß er einzelne neue Ergebnisse
der Fachwissenschaft mit Nutzen verwertet.

Über den Qor'än hinaus scheinen aber seine eigenen
Forschungen nicht zu gehen. Und auch die abendländi- [
sehe Literatur über den Islam scheint ihm doch nur in
recht bescheidener Auswahl bekannt zu sein. Dem hilft |
er ab durch Verweisung auf persönliche Eindrücke, die
er auf weiten Reisen im Gebiet des islamischen Orients
gesammelt hat. Das gibt der Darstellung in der Tat j
Anschaulichkeit. Aber da diese Eindrücke in eine
schwach fundierte Vorstellung vom Islam eingefügt werden
, so entsteht doch bisweilen ein seltsames Bild.

So lesen wir S. 34 im Abschnitt über die zakat:
„Zum Schenken gehört die ,Zugabe', die auch im letzten i
Grunde religiösen Sinn hat. Sie heißt Bakschisch.
Auch der Bettler fordert nach Empfang der Gabe j
Bakschisch. Man muß die Gabe danach einrichten, j
Aber auch der Verkäufer gibt dem Käufer .Bakschisch'." i
In der Tat merkwürdig! — S. 33: „Im ernsten Islam
spielt die Kopfbürste und die Zahnbürste religiös eine
große Rolle": sie! Was haben diese Dinge, selbst wenn
sie richtig wären, mit islamischer Frömmigkeit zu |
tun? — Über die Derwischorden ist S. 45 zu lesen: j
„Die 32 Orden, die zwischen dem 8. und 18. Jahrhun- ■
dert gegründet wurden, wollen sämtlich muslimisch sein,
unterwerfen sich aber nur teilweise den Gesetzen des
Islam. Sie sind christentumsfeindlich und gelten inner-
halb des Orients als Agitatoren des panislamischen Ge-
dankens." Ein ähnlich grotesker Satz, vielleicht ebenso
einen kleinen Kern von Wahrheit in unglücklichster Form
verschleiernd, steht S. 42: „Eine besonders üble Seite des j
Negerislam bildet der Sklavenhandel". Solche Schief- j
heiten sind fast gefährlicher als ein glatter Irrtum, wie
er z. B. S. 38 vorliegt, wo die Feier des Geburtstages
des Propheten für den Geburtstag Husains gehalten
wird, oder S. 24, wo behauptet wird: „Wunder hat man
auch dem dogmatischen Muhammed nicht zuge- j
schrieben."

Diese wenigen Proben, die sich leicht vermehren j
lassen, mögen genügen. Das Büchlein ist ein neuer lebendiger
Beweis dafür, daß auch der beste Wille einen
Kern gewisser positiver Kenntnisse vom Islam nicht I
mehr ersetzen kann, um Recht und Fähigkeit dazu zu !
geben, über den Islam zu schreiben. Vor allem muß
ferner gesagt werden, daß der Titel dem Inhalt nicht |
entspricht. Die Schrift ist eine skizzenhafte, bei allen —
heute freilich nicht mehr entschuldbaren — Lücken und
Fehlern auch selbständige Gedanken aufweisende Darstellung
der Religion des Islam; von dem jedoch, was j
ich unter muhammedanischer Frömmigkeit verstehe, habe !
ich in ihr kaum eine Zeile gefunden. Gewiß fehlt es
hier noch an den nötigen Spezialuntersuchungen; aber
schon heute fließen auch dem, der nicht Arabisch kann, |
bessere Auskunftsquellen über islamische Frömmigkeit
genug, als das Radebrechen arabischer Hammäl's.

Es ist tief bedauerlich, daß der Verf., der sichtlich 1
starkes Empfinden dafür hat, was not tut, und offenbar J
ernstlich um Verständnis ringt, über die Wege dazu
völlig im Irrtum ist.
Göttingen._Richard Hartmann.

Willrich, Hugo: Das Haus des Herodes zwischen Jerusalem j

und Rom. Heidelberg: Carl Winter's Univ.-Buchh. 1929. (X, 195 S).
8°. = Bibliothek d. klass. Altertumswissenschaften, Bd. 6.

RM 10—; geb. 12—.

Diese glänzend geschriebene Geschichte des hero-
deischen Königshauses ist zugleich der großzügige Ver- !

such einer Ehrenrettung des Herodes. W. bricht endgültig
mit der Einseitigkeit der älteren Herodesfor-
schung, die der Bedeutung des Königs fraglos nicht gerecht
werden konnte, weil sie sein Bild von dem in
wesentlichen Punkten voreingenommenen und ungerechten
Urteil des Josephus und eines Teils seiner
Quellen bestimmen ließ. Demgegenüber führt die
W.'sche Darstellung auf dem Wege weiter, den Walter
Otto in seiner ausgezeichneten Arbeit über Herodes
(Stuttgart 1913, S.-A. aus Pauly-Wissowa's Realencykl.
d. klass. Altertumswiss.) beschritten hatte, indem sie
Herodes ,,im Zusammenhang mit den übrigen helleni-
sierten orientalischen Vasallen Roms zu betrachten und
ihn aus dieser Umwelt zu verstehen" (S. 1) sucht. W.
selbst faßt seine Arbeit als Ergänzung zu der von
Otto: „Ich möchte unter Verzicht auf alles, was von
geringerer geschichtlicher und kulturgeschichtlicher Bedeutung
ist, zeigen, wie sich das Verhältnis zwischen
Jerusalem und Rom gestaltet hat, wie das Haus des
Herodes bemüht war, die zwischen jenen beiden Welten
gähnende Kluft zu überbrücken, und wie es selber
dabei gefahren ist" (S. 3).

Folgendes ist die Stoffeinteilung: Kp. 1 (S. 4—33) „Der Vorläufer
Antipater" ; Kap. 2 (S. 33-60) „Gewinnung und Behauptung der Krone
durch Herodes"; Kap. 3 (S. 60-88) „Friedensarbeit"; Kap. 4 (S. 88
bis 109) „Weiteres Verhältnis des Herodes zu Rom, den Griechen und
Juden"; Kap. 5 (S. 109-134) „Persönlichkeit, Hof und Familie des
Herodes" ; Kap. 6 (S. 134- 165) „Die Epigonen". S. 166-188 bringen
Exkurse und Belege zu einzelnen Stellen des Textes.

Die Stoffbeherrschung W.s ist hervorragend. Die
Quellen und Hilfsdisziplinen zur Geschichte der Mittelmeerländer
im ersten vor- und nachchristlichen Jahrhundert
nutzt er auf jeder Seite als Korrektiv und als
Hilfsmittel zur Ergänzung der direkten Quellen, hinsichtlich
deren die Forschung ja fast ganz auf Josephus
angewiesen ist. Schlechterdings meisterhaft ist die Gestaltung
, die der oft spröde Stoff erhalten hat. Ohne
Unterbrechung durch Anmerkungen — bis auf die Exkurse
am Schluß — wird in anschaulicher, lebhafter
Schilderung und in glänzendem Stil die Geschichte des
letzten jüdischen Königshauses erzählt. Namentlich die
Charakterschilderung und die Schilderung der Atmosphäre
, die an den Höfen der orientalischen Vasallenfürsten
des augusteischen Reiches herrschte, ist W.
ausgezeichnet gelungen. Oft wird in einem kurzen Satz,
einer Nebenbemerkung, ja mit einem Adjektiv eine
Persönlichkeit in schlaglichtartige Beleuchtung gestellt;
man vgl. die Schilderung Agrippa's L, des „etwas verlumpten
", „fröhlichen Bonvivants", dem das Volk um
seiner „gutmütigen Liebenswürdigkeit" und seines „bigotten
Wesens" willen so sehr viel nachsah (S. 146 ff.).
Freilich leicht ist die Lektüre des Buches bei allem Geschick
der Darstellung nicht etwa, da eine gewaltige
Fülle von Stoff auf engem Raum zusammengedrängt
ist und bei dem Leser eine gründliche Kenntnis der
Quellen vorausgesetzt wird.

Die zahlreichen neuen Einzelfeststellungen, Wertungen
, Perspektiven wird die neutestamentliche Zeitgeschichte
gut tun, ad notam zu nehmen. Hier können
nur zwei Feststellungen herausgegriffen werden, die für
die Geschichte der jüdischen Diaspora von Bedeutung
sind. 1. Mit Recht fordert W., daß man der Bedeutung
größere Beachtung schenke, die die Verfügung Cäsars
(ant. XIV 10, 3 § 196, wahrscheinlich vom Jahre 46
v. Chr.), daß „der Hohepriester und Ethnarch Patron
der bedrängten Juden sein solle", in der Folgezeit erlangt
hat. Denn diese Verfügung bildete die Rechtsgrundlage
dafür, daß Hyrkan II. und die Herodeer als
Sachwalter der Diaspora auftraten, wenn deren Privilegien
verletzt wurden (S. 25 ff.). 2. Sodann schildert W. (S.
93 f.; 178 f.) die Bedeutung, die das 3. der 5 im Jahre
1927 entdeckten Edikte des Augustus aus Kyrene (vgl.
A. von Premerstein in: Zeitschr. der Savignystiftung für
Rechtsgesch. 1928, Romanist. Abteilung S. 419 ff.) für
die jüdische Diaspora gewonnen hat. Dieses Edikt bestimmte
, daß römische Bürger nichtitalischer Herkunft