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Ausgabe:

1931 Nr. 19

Spalte:

453-454

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vogel, Heinrich

Titel/Untertitel:

Allein und Auch 1931

Rezensent:

Müller, Martin

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Seite 1

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453 Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 19. 454

ein sich ankündigender neuer Sinn für Gemeinschaft bil- J rechnet dabei offenbar auf ein breiteres Leserpublikum
den die Hauptmomente. Das ist richtig gesehen; doch denn er geht in ziemlich leichter Rüstung einher. Thecv
könnte man die allgemeine (freilich mehr Titerarisch und logisch hat er nichts zur heutigen Diskussion beizu-
theoretisch als praktisch vorhandene) Abkehr vom Indi- : bringen, das nicht schon oft gesagt wäre. „Allein und
vidualismus und Hinkehr zum Objektiven dazunehmen. j auch" — das ist das Stichwort, mit dem er das ,sola
Der Ruf nach der Kirche stellt sich nun heut als Ruf 1 fide" der Reformation gegen jeden Versuch des Men-
nach der sichtbaren Kirche dar. W. bejaht diese sehen durchficht, sein eigenes Ich vor Gott zu behaup-
Tendenz: „Der Protest gegen eine katholisch verstan- j ten. Der Katholizismus ist das klassische System der
dene Sichtbarkeit ist nicht der Protest gegen die Sicht- „Auch"-Religion, die den Menschen neben Gott stellt
barkeit überhaupt". Die Sichtbarkeit der Kirche prägt i Aber fast noch mehr ist heute der Protestantismus in
sich nach W. dreifach aus: 1. im Wort (wobei das > seinem Herzpunkt vergiftet, und zwar gleichmäßig in
Sakrament mitgedacht ist); 2. in der Liebe; 3. im An- seinen verschiedenen Formen als Idealismus, Pietismus
staltscharakter. Zu jedem dieser Punkte sagt W. Be- Neuprotestantismus und „Gewissensreligion" bis hin zu
langreiches. Es entsteht nur die Frage, ob die zu j einem gänzlich profan gewordenen Realismus. Das rächt
Punkt 1 gegebene zwar knappe, aber doch problem- und sich durch das Vorbeidenken an der Wirklichkeit des
beziehungsreiche Untersuchung über das Wesen des Todes und der Sünde, die nur radikal als „positio contra
Wortes an dieser Stelle notwendig war. Zugegeben ist, Gott" bekannt und erkannt werden kann. Auch die
daß ihre Ergebnisse zum Kirchengedanken ins Verhält- , Mystik, die das äußere Wort Gottes in das innere Wort
nis gesetzt werden, also nicht etwa bloß eine Einschal- umbiegt, führt zum „Auch" zurück. Das „Allein" der
tung bilden. Die in dem Autoritätscharakter des Wor- [ göttlichen Gnade muß streng im Sinne der gemina prae-
ies sich ausdrückende Sichtbarkeit der Kirche birgt Ge- j destinatio gefaßt werden; nur dann wird das menschfahren
in sich. Wort und Glaubender bedingen sich ; liehe Ich wirklich entthront.

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gegenseitig. Daß diese Schranke gezogen wird, ist um
so besser, als die Formel S. 20: „Sichtbarkeit der
Kirche heißt jetzt: der Kirche gegenüber auf persönliche
Anschauungen und Meinungen verzichten zu können
mißverständlich ist. Sehr wesentlich ist die Auseinandersetzung
zu Punkt 2: Sichtbarwerden der Kirche in
der Liebe. W. folgt hier weithin Kattenbusch, doch na

Ob der Verfasser wirklich erreicht hat, was er
wollte, dem heutigen Menschen die alten Worte der reformatorischen
Rechtfertigungslehre neu hörbar zu
machen? Dazu erscheinen mir seine Ausführungen einerseits
viel zu predigtartig rhetorisch, andererseits viel
zu abstrakt. Wer dem heutigen Menschen sagen will,
worum es Luther in der Rechtfertigungslehre ging, der

türlich mit selbständigen Gedankengängen. Daß er die j darf nicht von der historistischen Illusion ausgehen, als

Gelegenheit benutzt, das Verhältnis von Kirche und
Reich Gottes zu klären, ist nützlich; freilich gehört
dieser Abschnitt nicht bloß zu Punkt 2, sondern zum
Ganzen der Untersuchung; Reich Gottes ist doch nicht
bloß Reich der Liebe. Die Energie, mit der W. hier die
Liebe als Funktion der Kirche hervorhebt, ist sehr erfreulich
; nur versteht man nicht recht, warum er diese
gerade in der heutigen Lage so überaus wichtige These
nicht kräftiger gegen ihre selbstsicheren Bestreiter aus
dem Lager der dialektischen Theologie sichert. Ob
jene These Recht hat, das ist ja fast der Kardinalpunkt
der Erörterung geworden. Endlich verzeichne ich mit
Dank, daß W. auch das Sichtbarwerden der Kirche in
einer „Institution" (3. Punkt) mit Rechtsordnungen,
Verfassung, Organisation betont. Hier kommen die
Fragen Kirche und Sekte, Charisma und Organisation
zur Verhandlung. Zu beiden Gegenständen wirdWesent

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ob er sich in derselben inneren Lage wie Luther befinde
, sondern von der Tatsache, daß die ihn bewegende
Frage die Sinnfrage ist.

Dessau.__Marlin Müller.

Fendt, Dr. theol. Bernhard: Die Bedeutung der Liturgie für
die Persönlichkeit und Arbeit des Predigers. Vortrag auf
d. dritten Haupttagg. d. Liturgischen Konferenz Niedersachsens zu
Hildesheim 1929. Güttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1930. (30 S.)
8". = 15. H. d. Liturg. Konfer. Niedersachsens. RM 1.50.

Ein temperamentvoller, von Einzelheiten nicht
freier Vortrag, der mit seinem tiefen Ernst sicherlich die
Zuhörer gefesselt hat. Er stellt den Gegensatz auf
„Folge-Kirche" oder „Christus-Kirche"; ist die Kirche
nur als Folge, wenn auch die bedeutendste, des einstigen
Auftretens Christi anzusehen oder ist sie der bis an
das Ende wirkende Christus selbst? Von der Entscheidung
dieser Frage hängt das liturgische Handeln ab.
^eT«u^«ichtige3jgesa^rjedoch wird das Thema J D«Wort)Ä wird durch das N.T. und die

11LI1VO UHU oviu >w

damit nicht: erschöpft Wie: sTch denn gerade hier deut- ' nachapostolische Zeit verfolgt- Suhiekt

lieh geltend macht, daß W. (mit Absicht) nur vom rens" ist der heilige Geist ZfLh J YYS »"turgie-

Standpunkt der systematischen Theologie aus redet, wo- ' Ursprünglich da fesaTte'rtllf t"^ SYlstus seI°st.

bei die Praktische Theologie, die doch sehr vie zur j wird sein Sch^

Sache zu sagen hat, notgedrungen draußen bleibt. Im Versammlung SchSlich hleih? d'C ^«"dienstliche

Ganzen: W.s Schrift fördert die systematische Aus- ! Liturgie das bei uns m■ t "Ur nocn das Wort

spräche erheblich, namentlich durch die energische Ein- ' det wird"De,ganze ÄaW1; mÖglich angewen-

beziehung der Gesichtspunkte der Betätigung der Kirche Abendmahl' sei Liturgie Handelr^h« "Al PIedigt und

in der Liebe und des Anstaltscharakters. Sie ist wohl- Versammlung, das heißt dann m m Chr!stus an der

tuend ruhig gehalten und enthält sich ganz der gerade - melt sein". Auf die VeSchi'JZ^Y11 lesu versana-

bei diesem Gegenstand oft begegnenden Einseitigkeit. | kommt es dabei nicht an Spihf+ Liturgie

Sie bietet zudem viele wertvolle Einzelbeobachtungen 1 wäre, (es ist aber durchaus Hinh* Weü" nachgewiesen

und Formulierungen. Auf knappstem Raum bringt sie ! Jesus selbst die Feier des heil?«™* ."^^'"en!) daß

eine Fülle von Auseinandersetzungen, zu denen im Ein- ! hätte, so wäre dennoch riiJ v„Vl . nicht bef°hlen

zelnen hier Stellung zu nehmen nicht möglich ist. Eine ! Geist Gewähr genua riafi.r h.r ^lmmJung lfn he'Iigen

weiter ausholende Fundierung und nähere Durohfüh- ist und zu uns kommt und mit Ä bei

i —1„_ a_u..x 111s, Sent- Trotz aller

rung zumal der zu den Gesichtspunkten Liebe und An
stalt gegebenen Darlegungen im Gegensatz zu den
Thesen der dialektischen Theologie würde die an sich
schon keineswegs geringe Bedeutung der Schrift noch
erhöht haben.

Breslau. M. Schi an.

Vogel, Heinrich: Allein und Auch. Von der Sünde und [vom
Glauben. Berlin: Furche-Verl. [1930|. (102 S.) gr. 8°. RM 3.20.

Die Schrift ist das Herzensbekenntnis eines, der im
Namen Kierkegaards und Karl Barths gegen alles zu
Felde zieht, was er heute an „Religion" vorfindet. Er

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aufopfernder Arbeit der Folge-Kirche macht sie das
Christliche nur zu einem Mittel zum Zweck, sie verkennt
das Tun des Christus in der gottesdienstlichen
Versammlung; ein Irrtum ist es, alles an die Persönlichkeit
des Liturgen zu binden, dem ungerechterweise
vielfach die Schuld an der Wirkungslosigkeit des Liturgierens
zugeschrieben werde. Vom hochkirchlichen wie
schwärmerischen Standpunkt ist Verf. gleich weit entfernt
. Während das Kirchenvolk ganz „auf Werkheiligkeit
gedrillt" ist, gilt es sich auf Luthers richtige Gedanken
wieder zu besinnen. Unser Zeugnis ablegen
darf nicht zum Zeugnis unserer Kunst werden. Das