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Ausgabe:

1931 Nr. 19

Spalte:

441-442

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Vom römischen zum byzantinischen Staate (284-476 n.Chr.) - 1928 1931

Rezensent:

Schramm, Percy Ernst

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 19.

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quasi locum in balneis ita fidem occupavit. — Zu S. 125, 13: asteriscis veri-
busque wären wohl die bei Hilberg und Goldbacher verzeichneten abweichenden
Lesarten anzugeben gewesen.

München. Hl,g° Koch-

der zweite in absehbarer Zeit folgen soll, trägt den
Titel: vom römischen zum byzantinischen Staate und
deutet damit an, daß er zu einer geschichtlichen Neubildung
hinleitet. Nicht das Gibbon'sche Signum von Fall
und Untergang, sondern von Überleitung trägt das Buch

Stein, Ernst: Vom römischen zum byzantinischen Staate. ä 5-----

(284-476 n. Chr.) Wien: L. W. Seidel & Sohn 1928. (XXII, 591 S. ° °aS cnaraktensiert auch den Inhalt,

m. 10 Taf. u. 4 Kartenbeilagen) gr. 8°. = Geschichte des spätrömi- I Göttingen. p - '

sehen Reiches I. Bd. RM 26-; geb. 30-. , ^~-r^Tj-;-^y_r-rm|^

Das Thema, dessen Größe zuerst Gibbon in seiner _ nm^£°i&^^Z da Fiore- 1 temP"' -Lavita

„History of the Decline and Fall of the Roman Em- ZanottiSS5 ^^^^JS^TlS^ da Umb-'°

pire" aufgedeckt hat, wurde in deutscher Sprache zu- 258 S.) 8°. Loii«ione mend.onale ed.trice 1931. (xvi,

letzt in Seeck's „Untergang der antiken Welt" abgehan- I Buonaiuti dessen o-eHie™™ a 1 a,

delt. Gegen dies Werk, in dem die politische Geschichte I super quahor tllanZlfn ^ Tractaius

engeren Sinnes im Vordergrund steht und dem durch die I 18 Sp 4L4 ff wve feM tf!" Zt^ 193°- Nr.

These, daß jeweils die Bisten ausgerottet werden, eine seine bisherigen AbhÄ diesem Bu<*e,

bestimmte geschichtsphilosophische Bindung aufgelegt ist, ndt derihm e eisfhiJ^ und erweiternd

stellt sich der neue Versuch/den Ernst Stein, de? ScSüler* die ZeitvertaTis e, das ["eben und Se'Tol'Tft 7

Ludo Moritz Hartmanns, unternimmt. Die Unterwerfung
des Stoffes unter eine „wie immer geartete geschichtsphilosophische
oder weltanschauliche Meinung" lehnt der

achims von Fiore. Der erste Teil (S. 5—119) zeichnet
ein Bild vom Süden Italiens im 12. Jahrhundert, dem
Schauplatz wechselvoller politischer Kämpfe, wo' Nor-

Verf o-leich im Vorwort ab, und in der Tat ist ihm zuzu- , mannen, Byzantiner, Moslem, Schwaben und Päpste mit
o-eben^daß er sich durch das ganze Buch hindurch unter allen Mitteln der List und der Gewalt einander zu überscharfer
Selbstkontrolle hält. Das nimmt dem Buch den ; vorteilen und zu verdrängen suchten, und dem Boden,
Reiz der Anregung von Phantasie und Reflexion, stellt j wo in religiöser Hinsicht byzantinische Überlieferungen,
es also hinter die Vorgänger zurück; aber man spürt i benedektinisches Mönchtum und zisterziensische Reform
doch daß eine letzthin moralisch bestimmte Beschei- 1 sich begegnen und auch das Judentum eine gewisse Rolle
düng auf das unter allen Umständen Vertretbare die spielt. Die Grundlage, die sich B. damit geschaffen hat,
Trockenheit des Vortrages begründet. Dagegen steht | ist etwas breit, vielleicht zu breit ausgefallen und auch
nicht wenn St. gelegentlich einzelne Persönlichkeiten j nicht frei von Wiederholungen. Um so mehr aber läßt
von einem eignen Standpunkt aus zu beurteilen scheint: I sie den Lebensgang und die Gedankenwelt des „Sehers"
hier tut er es in der Überzeugung, mit eingefahrenen , von Calabrien verstehen, der in jener Umwelt herange-
Vorurteilen brechen zu müssen, damit der Quellenbefund wachsen ist und die Verwicklung des Papsttums und
wieder zu seinem Rechte kommt. Ob und in welchen der Kirche in die Händel dieser Welt, sowie den Verfall
Fällen die Forschung Steins Wertungen annimmt, wird , des benediktinischen Mönchtums blutenden Herzens mit-
sich zeigen; aber auch wenn sie es nicht tut, ist damit j angesehen hat und nun sehnsüchtig den Anbruch eines
wenig über das neue Werk gesagt. Denn sein wesent- i neuen Zeitalters erwartet. Man wird B. keiner Vor-
licher Gegensatz zu Seeck's Darstellung liegt auf einem ; liebe für die Normannen zeihen können (S. 5 ff.), aber
andern Gebiet: die Verfassung, die Verwaltung, die wirt- auch auf die Politik der Kurie, ihre Finanznöte und
schaftlichen, sozialen, rechtlichen Wandlungen und ihre ' die Habgier des römischen Volkes läßt er bezeichnende
Bedeutung für den Staat, kurz alles das, was auch schon ', Schlaglichter fallen (S. 62 f., 101 ff., 133). Ebenso ent-
Hartmanns „Geschichte Italiens im Mittelalter" aus- j hüllt sich der hl. Bernhard als „instinktiver und unbe-
zeichnete, steht bei St. im Vordergrund. Und da der j wußter Anhänger der realistischen Politik" und als
Verf. in diesen Problemkreisen — seine früheren Ar- 1 „nicht unempfänglich für die feine Schmeichelei gegen-
beiten beweisen es — einer der besten Kenner ist, die über dem Erfolg" (S. 99). Bezüglich der Juden er-
wir besitzen, so hat er etwas geschaffen, was seines fahren wir u. a., daß sie zum Teil mit hohen Ämtern

. . . , ___1 ____1__:__17___a____:„ „:-.„_ ; r_____u____j__»<:•.________, , ..... '

Lehrers sicher wert ist und seine Vorgänger in einer
bestimmten Richtung überholt. Das tritt am deutlichsten
in der Einleitung (S. 1—93) hervor, wo die vordiokletia-
nischen Zustände nach der Seite der politischen, sozia-

wie der Verwaltung der Münze und der Zölle, betraut
waren, wiewohl sonst das Leben eines Christen dem von
sieben Juden gleichgalt (S. 116). Jedenfalls sah sich
Joachim auch vor eine Judenfrage gestellt, deren Lö-

len und wirtschaftlichen Voraussetzungen, des Rechts, 1 sung er im Sinne von Rom. 11, 25 f. erhoffte. Daß er

der Verfassung und Verwaltung, des Heeres abgehandelt aber mit dem griechischen Kirchentum nichts zu tun

werden — eine gedrängte Fülle von Stoff, die umso hat, hebt B. auch hier wieder mit Nachdruck hervor (S

dankenswerter ist, da dieser Komplex einmal nicht als J VII u. XI), wie denn auch das Hochtal von Crati, wo

Ergebnis der abgleitenden Kaiserzeit, sondern als Vor- Joachim sich ansiedelte, stets zum römischen Machtbe-

aussetzung von etwas Neuem betrachtet ist. Wie dann reich gehörte (S. 89. 113).

die Entwicklung auf den einzelnen Gebieten weitergeht, Im zweiten, das Leben Joachims behandelnden Teil
muß sich der Leser selbst mit Hilfe des Inhaltsverzeich- untersucht B., um Geschichte und Legende zu scheiden
nisses zusammensuchen, denn die elf Kapitel der Dar- zuerst die Glaubwürdigkeit der „kanonischen" Quellen'
stelluncr sind dadurch charakterisiert, daß sie dem Flusse 1 nämlich seines Begleiters Lukas, nachmaligen Erzbischofs
der Ereignisse in Ost und West folgen. Dadurch tritt ' von Cosenza, und des Jacobus Graecus, dessen Berichte
nicht wie^bei Hartmann unmittelbar heraus, was St. neu , von Joachims Biographen gutgläubig hingenommen wur-
«releistet hat; aber je mehr man gräbt, umso deutlicher ( den, bis Reuter und Schott mit ihrer Kritik einsetzten
wird man der Vorzüge des Buches gewahr. Dann sieht ] (S. 123 ff.). Anhaltspunkte geben die Mitteilungen und
man auch, daß die Darstellung nicht einfach auf der ; Anspielungen, die sich in Joachims Schrifttum selbst fin-
Verarbeitung der vorhandenen Literatur beruht, sondern j den über seine Berufung zum Ordensleben, seine Er-
daß sie nach Möglichkeit auf die Quellen selbst zurück- j fahrungen und Enttäuschungen, die ihn zum „Prophe-
geht. So wie an Caspars neuer Geschichte des Papst- I ten" und zum „Elias" eines neuen Zeitalters erweckten
tums zu rühmen ist, daß sie nicht nur im Großen, son- (S. 135 ff.). Die Angaben der drei britannischen Chro-
dern auch in der Einzelkritik der Anmerkungen die nisten über eine Weissagung Joachims gegenüber dem
Forschung vorwärtstreibt, ist auch dem Buche St.s dies 1 englischen König Richard aber widersprechen der Haidoppelte
Verdienst zuzusprechen. Daß sich S. nicht in ; tung des „Sehers" in seinen eigenen Schriften und verallen
Fällen mit seinen Korrekturen durchsetzen wird, ; raten sich als falsch und zugestutzt (S. 156 ff.). Nun
zeigen die bisher vorliegenden Besprechungen. j erwartet man eigentlich eine Lebensbeschreibung I0-
Noch ein Unterschied gegenüber den Vorgängern ' achims aufgrund der so gesichteten und geprüften Qüel-
mag hervorgehoben werden. Der vorliegende Band, dem ! len. Statt dessen verbreitet sich B. (S. 169 ff.) nach