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1931 Nr. 18

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427

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

1608 Juli - Dezember 1931

Rezensent:

Peper, Hans

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427

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 18.

428

Acta Brandenburgica. Brandenburgische Regierungsakten seit der
Begründung des Geheimen Rates. Bd. IV, 1. 1608 Juli - Dezember.
Hrsg. v. Melle Klinkenborg f. Berlin: Gesellius'sche Buchh. in
Komm. 1930. (320 S.) gr. 8°. = Veröffentlichungen d. Hist. Kommission
f. d. Provinz Brandenburg u. d. Reichshauptstadt Berlin, III.

RM 12.50; geb. 15—.
Infolge des Todes des Herausgebers der Acta Brandenburgica
, Herrn Staatsarchivdirektors Dr. Klinkenborg,
ist die Historische Kommission nur in der Lage, den
vom Verfasser noch bearbeiteten ersten Halbband des
vierten Bandes herauszugeben. Als zweiter Halbband ist
ein Register für alle bisher erschienenen Bände vorgesehen
. Der vorliegende 1. Halbband umfaßt nur die
ersten Monate der Regierung des Kurfürsten Johann
Siegismund, er kann sich an Reichhaltigkeit nicht mit
den vorhergehenden Bänden messen. Auch hier sind
nur wenige Akten vollständig abgedruckt, vielfach finden
wir nur kurze Inhaltsangaben oder nur Überschriften
von Akten oder Aktenbündeln. Besonders wertvoll sind
die recht eingehenden Relationen von Adam zu Putlitz,
die uns in die verschiedensten Zweige der Verwaltung
einführen. Zahlreich sind die Akten und Berichte anläßlich
des Regierungswechsels; wir finden Kondolenzschreiben
und Glückwunschschreiben, offizielle Anzeigen
des Heimgangs an den Kaiser und sonstige Fürsten.
Sehr viele Akten betreffen wieder die preußischen Angelegenheiten
. Hier sind zwei außerordentlich ausführliche
Tagebücher besonders bemerkenswert. Das Protokoll
Beyers über die Reise Johann Siegismunds nach Preußen
vom 11. Juli bis 24. September, und das Protokoll desselben
über den Landtag zu Königsberg vom 26. September
bis zum 1. Dezember. Recht lehrreich in kultureller
und wirtschaftlicher Hinsicht ist die über die preußische
Reise von Johann Grabow aufgestellte Rechnung. Es ist
z. B. erstaunlich, was für Summen im Spiel dabei verbraucht
worden sind. Daß die Verhältnisse der Mark
Brandenburg sehr oft gestreift oder auch mehr oder weniger
ausführlich behandelt werden, versteht sich von
selber. Von der großen Politik ist weniger die Rede.
Einmal hören wir, daß Frankreich eine größere Summe
gezahlt hat. Religiöse und kirchliche Fragen werden in
den vorliegenden Akten nur wenig behandelt. — Der
Band umfaßt die Nummern 2327—2507. Im Anhang
steht eine Instruktion für die Gesandten der preußischen
Ritterschaft für den Reichstag in Warschau 1608. Über
polnische Verhältnisse finden wir hier und sonstigen
Akten naturgemäß viele Einzelheiten. Es ist ein großer
Verlust für die Wissenschaft, daß Dr. Klinkenborg durch
den Tod an der Vollendung seines verdienstvollen Werks
verhindert ist. Möchte sich bald ein anderer finden, der
dies für die allgemeine deutsche wie für die brandenburgische
Landesgeschichte gleich wichtige Werk fortsetzt
.

Bernburg. H. Peper.

Rehmke, Johannes: Philosophie als Grundwissenschaft. 2.,

umgearb. Aufl. Leipzig: F. Meiner 1929. (VII, 651 S. ra. 1 Bildn.)

gr. 8°. RM 27-; geb. 30- .

Die 1910 erschienene erste Auflage dieses Werkes
ist in der Theol. Lit. Ztg. nicht besprochen worden und,
so weit ich sehe, in der Theologischen Arbeit ziemlich
unbeachtet geblieben. Es sei deshalb in aller Kürze die
Gliederung des Werkes skizziert und dabei das für die
Theologie besonders Bedeutsame hervorgehoben.1 Der
„grundlegende Teil" bemüht sich zunächst um die genaue
Fassung der Aufgabe der Philosophie als strenger
Wissenschaft gegenüber aller philosophierenden Weltdichtung
; Philosophie als Grundwissenschaft wird bestimmt
als das wissenschaftliche Unternehmen, das gerichtet
ist auf fraglos klares Bestimmen des Allgemein-

1) Daß sich auf die grundwissenschaftliche Philosophie so wenig
wie auf irgendeine andere eine Theologie gründen lasse, habe ich
in ,,Der Gottesgedanke und der Zufall der Moderne" nachdrücklichst
ausgesprochen. Das hebt aber den geradezu selbstverständlichen Satz
nicht auf, daß jede Theologie, die ihrer Zeit etwas zu sagen haben soll,
nur in regster Aussprache mit der Philosophie ihrer Zeit erwachsen kann.

sten im Gegebenen. Besonders eingehend wird die Frage
des „vorurteilslosen" Ansatzpunktes der Philosophie erörtert
; denn Rehmke ist — in betontem Radikalismus
gegenüber der Geschichte der Philosophie — der Überzeugung
, daß es heute nicht möglich ist, den Faden
philosophischer Forschung einfach an irgend einem
Punkt der näheren oder ferneren Vergangenheit aufzunehmen
und fortzuspinnen: „vorurteilsfreie" Philosophie
als Wissenschaft hat es in seinem Sinne bisher noch
nicht gegeben. Die Aufgabe des Werkes ist, sie zu begründen
. Der gesuchte Ansatzpunkt wird gefunden im
„Gegebensein des Gegebenen überhaupt". In der Frage
dieses Ansatzpunktes liegt die entscheidende Problematik
der Rehmkeschen Grundwissenschaft beschlossen; aus
dem Radikalismus dieses Ansatzpunktes folgt auch, daß
alle immer wieder unternommenen Versuche, die grundwissenschaftliche
Philosophie in schon vorhandene philosophische
Richtungen einzuordnen, nur ihr Mißverständnis
fördern können. Den weitaus größten Raum im
grundlegenden Teil beanspruchen die Bestimmungen des
verschiedenen „Allgemeinsten" des Gegebenen; aus
ihnen seien besonders hervorgehoben: das „Einzelwesen"
(als „Ding" und „Bewußtsein"), dessen Klärung die
radikale Auflösung des Substanzbegriffs bedeutet, der
„Ort", der als Bestimmtheit des Dinges, also als diesem
Zugehöriges aufgewiesen wird (in gewisser Hinsicht
eine Parallele zu Heideggers Lehre von der Zeit!),
das so etwas wie „Lage" und „Raum" allererst möglich
macht; schließlich — im Zeitalter neuer Anthropologie
besonders bedeutsam! — das letzte Kapitel: Der Mensch.
Der den Theologen am unmittelbarsten berührende, allerdings
nur im strengsten Zusammenhang mit der Grundlegung
verständliche Teil des Werkes ist der zweite,
kritische. In ihm wird in tiefgrabenden Analysen die
Unmöglichkeit der Begründung der Philosophie als Erkenntnistheorie
dargetan (anhand der drei Typen der
„psychologischen", der „logischen" und der „psychologisch
-logischen" [ kritizistischen ] Erkenntnistheorie). Auf
diese, letzte, heimlichste Vorurteile aufdeckende Kritik
aller Erkenntnistheorie, vorab des Kritizismus, aufmerksam
zu achten, hätte die protestantische Theologie, welche
seit mehr als einem Jahrhundert und noch bis in die
Gegenwart hinein immer wieder bei der Arbeit an ihren
Prinzipienfragen sich kritizistischer Kategorien bedient,
wirklich allen Anlaß gehabt. Niemand verlangt, daß sie
diese Kritik Rehmkes sich ohne weiteres zu eigen mache;
aber an ihr vorbeizugehen, wird nicht mehr zu verantworten
sein, und es wird künftig schwer fallen, neue
theologische Entwürfe ernst zu nehmen, die, ohne den
Kampf mit dieser Kritik aufgenommen zu "haben, unbekümmert
weiterhin sich der Grundgedanken des transzendentalen
Kritizismus bedienen. — Der dritte, abschließende
Teil unternimmt es, grundwissenschaftlich-
systematisch die Frage zu beantworten, an der alle Erkenntnistheorie
sich abmüht und zerbricht, wie die Tatsache
zu verstehen sei, daß das Bewußtsein sowohl sich
wie Anderes als Bewußtes hat, welch' eigentümliche
Art von „Haben" vorliegt im Bewußtsein als Selbstbewußtsein
wie als Bewußtsein von einer Welt. Damit
leitet dieser Schlußabschnitt über zur „Philosophie als
Wissenslehre", zu Rehmkes „Logik".

Es ist aufs dankbarste zu begrüßen, daß es dem
(am 23. Dezember 1930 fast dreiundachtzigjährig verstorbenen
) Denker noch möglich war, die Umarbeitung
seines grundlegenden Hauptwerkes zu Ende zu führen.
Vor Vollendung dieser Neuauflage war nämlich für
jeden, der sich in Rehmkes Philosophie einarbeiten
wollte, der mißliche Umstand recht hinderlich, daß die
1918 in erster, 1923 in zweiter Auflage erschienene
„Logik" in manchen sehr wesentlichen Punkten, so vor
allem in dem Verständnis des „Habens" des Bewußtseins
, die Erkenntnisse der „Philosophie als Grundwissenschaft
" nicht nur vertieft und weitergeführt, sondern
z. T. auch überwunden und ersetzt hatte. Diese das
Verständnis des Ganzen erschwerenden Unstimmigkeiten