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1931 Nr. 18

Spalte:

423-424

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Aegidius Romanus, De ecclesiastica potestate 1931

Rezensent:

Betzendörfer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 18.

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knüpfend — das Sein der Dinge als Teilnahme am esse Gottes versteht
. Aus Gott quillt das unendliche Meer der Wirklichkeit, des esse.
Jede natura, jedes Wesen ist ein Gefäß, das soviel von jenem Ozean
in sich aufnehmen kann, wie es seine Fassungskraft erlaubt. Als so
mit Wirklichkeit gefülltes Gefäß existiert es-

Die Lehre von der distinctio realis, der Heinrich von
Gent als erster entgegentrat, hat großes Aufsehen erregt
und den Einfluß des Aeg. über den Kreis der Augustinereremiten
hinaus wachsen lassen. Von der sonst alles
überragenden Autorität des Thomas wurde Aeg. nicht
erdrückt, weil sich Thomas nie ex professo über die
Frage der distinctio realis ausgesprochen hat und seine
gelegentlichen Äußerungen verschieden interpretiert werden
konnten. Die Entscheidung vermochte Aeg. freilich
nicht zu bringen (sein Rückfall ins Gegenstandsschema
ist zu offensichtlich); aber es bleibt sein Verdienst, diese
„fundamentale Wahrheit" (del Prado) in den Vordergrund
gerückt zu haben, um deren Verständnis die katholische
Dogmatik noch heute ringt: den realen Unterschied
von Wesen und Wirklichkeit.

H.s Urteil über Aeg. ist nicht frei von einem gewissen Schwanken.
Aussagen wie „Was St. Thomas gedacht hat, hat Aeg. auf den Dächern
gepredigt" (32) sind mit anderen wie „Aeg. hat die Konfusion geschaffen
, die in dem Gegenstand herrscht" (116) nicht ganz ausgeglichen
.

Im zweiten Teil, S. 1—189, bietet H. einen aus
9 Handschriften des 13.—15. Jahrhunderts gewonnenen,
mit reichem Apparat versehenen Text.

Im Zitat auf S. (13) sind hinter „plurimum" die Worte „circa esse
creaturarum fatigantur" nachzutragen.

Tübingen. E. Haenchen.

Aegidius Romanus: De ecclesiastica potestate. Hrsg. v.
Richard Scholz. Weimar: H. Böhlaus Nachf. 1929. (XIV, 215 S.)
gr. 8°. RM 16—.

Aegidius von Rom, geb. ca. 1245, Augustinereremit
, Schüler und eifriger Verteidiger des Thomas von
Aquin, General und einflußreiche Autorität seines Ordens
, verfaßte den Traktat: „De ecclesiastica sive de
summi pontificis potestate", „das bedeutendste Erzeugnis
der kurialistischen Schriftstellerei dieser Epoche", die
Grundlage der Bulle Unam sanctam. — Das Werk wurde
1858 von Ch. Jourdain entdeckt und von den Italienern
G. U. Qxilia und G. Boffito 1908 herausgegeben
. Da sich diese Ausgabe aber in mancher Hinsicht
als ungenügend erwies, war eine philologisch zuverlässige
Edition dieses Traktats ein Bedürfnis. Kein
Forscher war für diese Arbeit besser geeignet als R.
Scholz, der schon vor 28 Jahren in seinem Buch über
die Publizistik zur Zeit Philipps des Schönen und Boni-
faz VI IL, die Gedanken des Traktats dargestellt hat.

Die vorliegende (mit Varianten- u. Zitatenapparat versehene) Ausgabe
desselben stützt sich auf 4 Hss.) u. zwar weniger auf die Florentiner
Hs. cod. Magliabechiano I. VII. 12 (D), die von den oben genannten
italienischen Editoren abgedruckt worden war, und die ihr nahestehende
vatikanische Hs. B (Vat. lat. 4107), als vielmehr auf eine Hs. der Pariser
Nationalbibliothek ms. lat. 4229 (P) u. eine solche der Vatikanischen
Bibliothek: A (Vat. lat. 5612).

In der Einleitung äußert sich der Herausgeber kurz
über Abfassungszeit, Bedeutung und Einfluß des Traktats.
Aegidius ist nach Scholz kein bedingungsloser Anhänger
des Thomismus, sondern als Eklektiker auch in hohem
Grade von Augustin und der areopagitischen Mystik bestimmt
.

Das Verhältnis des Traktats zur Bulle Unam sanctam
denkt sich Sch. so, daß der Papst — unverlangt
oder auf Ersuchen — Abhandlungen von Gelehrten über
das auf der Synode zu behandelnde Thema bekam und
diese in seinem Erlaß verwertete. Bonifaz VIII. stützte
sich, was die Gedanken seiner Bulle betrifft, besonders
auf den Traktat des ihm befreundeten Aegidius. — Sch.
macht es wahrscheinlich, daß das Werk in der Zeit von
Februar bis August 1302 oder etwas früher entstanden
ist. Es war für weitere Kreise bestimmt. Seine gewaltige
Wirkung erklärt sich aus dem hohen Ansehen seines

Verfassers und aus dessen Beziehungen zu Bonifaz VIII.»
sie erstreckt sich bis ins 17. Jahrhundert.

Aegidius hatte hier versucht, mit Hilfe der Staatslehre
Augustins den weltlichen Staat zu bekämpfen und
die Lehre von der päpstlichen Gewalt systematisch darzustellen
. — Angesichts der historischen Bedeutung des
i Werkes ist man dem Herausgeber für diese muster-
| gültige Edition zu besonderem Danke verpflichtet.

Ludwigsburg. Walter Betzendörfer.

Beckmann, Josef Hermann: Studien zum Leben und literarischen
Nachlaß Jakobs von Soest O. P. (1360—1440). Leipzig:
O. Harrassowitz 1929. (127 S.) gr. 8°. = Quellen u. Forschungen
z. Gesch. d. Dominikanerordens in Deutschland, 25. H. RM 6 —•

Die vorliegende Arbeit ist die erste zusammenfassende
Monographie über den spätmittelalterlichen Inquisitor
Jakob von Soest. Im I. Abschnitt berichtet der

! Verf. über das Leben und die öffentliche Tätigkeit

| Jakobs.

Geboren zu Schwefe bei Soest ca. 1360, wurde J. Dominikaner in
Soest, studierte in Minden, betätigte sich in Utrecht u. Eisenach als
Prediger, setzte darauf in Prag seine Studien fort, las dort als Bakkalau-
| reus 1394 über die Hl. Schrift, sodann die Sentenzen des Petrus Lom-
bardus, wurde ca. 1399 Magister u. zwischen 1396 u. 1400 Generalprediger
seines Ordens u. erlebte höchstwahrscheinlich in Prag die wiklifitischen
Streitigkeiten (seit 1403) mit. 1405 siedelte J. an die Universität Köln
über, wurde dort Professor u. Leiter des Generalstudiums seines Ordens,
2 Jahre darauf Dekan der theol. Fakultät. Bei der Feier, mit der man
nach der Wahl Martins V. 1417 die Beendigung des Schismas an der
Kölner Universität feierte, sprach J. für die Universität u. erklärte deren
Obedienz. Als Professor zu Köln war er zugleich Gewissensrat des
Erzbischofs Friedrich von Saarwerden. 1409 war er päpstlicher Inquisitor
geworden; sein Bezirk umfaßte die Diözesen Köln, Utrecht, Münster,
Osnabrück, Minden, Bremen u. Paderborn. Von 1420 an weilte J-
hauptsächlich in Soest. Er nahm teil an der Reformierung der Dominikanerklöster
nach dem Konstanzer Konzil. Um 1440 starb er im
Kloster Soest.

In einem besonderen Kapitel schildert B. die inquisitorische
Tätigkeit des Jakob v. Soest. Der Prozeß
gegen Joh. Malkaw 1411—16, in dem der Kläger
der Konzilspartei, der Angeklagte der Partei des römischen
Papstes angehörte, wirft interessante Schlaglichter
auf den Kampf der Obedienzen der verschiedenen

I Päpste und das kirchenpolitische Durcheinander am Ende
des Schismas. — Der Prozeß gegen Joh. Palborne

j 1420—22 gibt ein wertvolles Bild des Inquisitionsverfahrens
in Deutschland am Anfang des 15. Jahrhunderts.
Beide Prozesse sind Beispiele für den Rückgang des
Ansehens und der Macht mittelalterlicher Inquisition in

1 Deutschland und für das Aufkommen individualistischer
Tendenzen gegenüber dem Autoritätsstandpunkt der
früheren Zeit.

Der II. Abschnitt des Buches handelt vom literarischen
Nachlaß Jakobs. B. stellt fest, daß die Bedeutung
seines Schrifttums bisher stark überschätzt wurde,
daß — mit einer einzigen Ausnahme — sämtliche ihm
zugeschriebene historische Schriften Abschriften oder
Kompilationen aus Werken anderer darstellen, daß Jakob
v. Soest als Historiker nicht in Betracht komme.

Im übrigen bespricht der Verf. die homiletischen Werke Jakobs;
es sind teils Predigtsammlungen, aus denen man die spätmittelalterliche
Predigtweise in ihrer Eigenart kennen lernen kann, teils direkte homilet.
1 Hilfswerke: Dispositionssammlungen, Sammlungen von Fabeln mit geist-
I licher Auslegung, teils indirekte Hilfswerke moraltheologischen Inhalts
für das Zusammenstellen des Predigtstoffes, Viten griech. u. röm. Denker
u. Dichter u. s. w. — Auch die übrigen theol. Werke Jakobs, seine Vorlesungen
u. Kommentare, seine Abhandlungen über theol. Einzelfragen
ermangeln jeder Originalität u. sind nur bequeme Zusammenfassungen
des überkommenen Stoffes.

So lernen wir Jakob von Soest nicht als originellen
Denker, sondern als fleißigen Kompilator und Lehrer
kennen, aber auch als einen Mann, der mit beiden
Füßen im Leben seiner Zeit drin stand. Gerade deshalb
stellt diese gründliche Arbeit über ihn einen wertvollen
Beitrag zur Kirchengeschichte des späten Mittelalters
dar.

Ludwigsburg. Walter Betzendörfer.