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Ausgabe:

1931 Nr. 18

Spalte:

422-423

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Aegidius Romanus, Aegidii Romani Theoremata de esse et essentia 1931

Rezensent:

Haenchen, Ernst

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 18.

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kommen seien Denn sonst hätte A., darauf bedacht, Schichten seiner Seele bleibt A. Manichäer, wenn er auch

sich selbst schlecht zu machen, wie er ist, bestimmt rein gedanklich den Manichäismus überwunden hat",

Einzelheiten mitgeteilt Ich bin in diesem Punkte, we- j S. 112. Aber die zentrale Wichtigkeit dieses Umstandes

nigstens bezügl des 16. Lebensjahres A.s in Thagaste tritt nicht hervor. Die Behauptung, daß der Manichäis-

und der Anfangszeit in Carthago, anderer Meinung und ; mus auf eine verwandte Seelenstruktur A.s getroffen sei

halte an meiner Darstellung in „Augustins Selbstbildnis (S. 111), scheint mir nicht überzeugend,

in den Konfessionen" S. 18 f. fest. Sch. hat sich nicht Als Moment mehr objektiver Art nennt Sch. erstens

klar gemacht daß es psychologisch wohl verständlich ist, ! den Augustinischen Gottesgedanken. Das ist richtig, aber

daß lemand' seinen sittlichen Zustand im Allgemeinen i es sind nicht die von ihm hervorgehobenen Wesenszüge

in den schwärzesten Farben malt, sich dabei aber doch ! des Gottesbegriffs, die hier bedeutsam werden. Nicht

scheut einzelne Sünden, zumal solche sexueller Art, an- i Gottes Allgegenwart und Größe, sein geheimnisvolles

zuführen Das kommt auch heute oft genug vor und j Wesen und allumfassende Vorsehung (S. 124), sondern

kann ein' Indizium dafür sein — muß es aber nicht — sein geistiges, libergeistiges Wesen, also die platonische

daß Bußfertigkeit und Demut mehr markiert als echt 1 Seite des Gottesbegriffs mit der notwendig daraus fol-

sind1 Im Übrigen ist es natürlich vollkommen richtig, : genden spintualistischen Tendenz, kommt in Betracht,

daß'die Konfessionen selbst neben dem schwarzen noch I und hierher gehört auch, was von Sch. andern Ortes

ein zweites Bild des jugendlichen Rhetors an die Hand nicht ganz zureichend über A.s Spiritualismus gesagt

geben das ihn als geistig und sittlich hochstrebenden, j wird, S. 115. Das zweite Moment ist die von A. kurz

von seiner Umwelt sich bereits hell abhebenden Cha- j vor Abfassung der Konfessionen übernommene pauli-

rakter zeigt wenn auch die Schlußbemerkung Sch.s auf nische Gnadenlehre. Leider hat er bekanntlich diese tief-

S 75- wenn wir vom Rhetor von Mailand nichts gehende innere Wandlung, deren Hauptdokument De

wüßten 'als dieses erschütternde religiöse Ringen und ; div. qu. ad Simpl. ist in den Konfessionen nicht darge-

Gottsuchen von seinem 19. bis zu seinem 32. Lebensjahr, stellt, so daß wir nicht klar sehen, ob es sich um einen

wir dürften ihn als Heiligen verehren", über das Ziel i plötzlichen Bruch handelt, wie Sch. annimmt (S. 136),

hinausschießt. Bei dem Stand seiner geistigen Entwick
lung, der Klarheit seiner sittlichen Erkenntnis, über die
er bereits verfügte, war der 2. Konkubinat, war das
lange Festhalten an seinen ehrgeizigen Plänen, trotz der
dazu nötigen Schleppenträgerei, in der Tat doch ein

oder um ein allmähliches Sicheinleben in den Paulinismus
, wie ich vermute. Jedenfalls, darin ist Sch. unfrag-
lich zuzustimmen, liefert sie den Hauptschlüssel zum
Verständnis des Schuldbewußtseins der Konfessionen.
Im Ganzen also wird man dem fleißigen Verf. beischweres
moralisches Manko. ! pflichten können. Immerhin bleibt Manches zurechtzu-

Zweifellos hat Sch. jedenfalls in dem Punkte recht:
Um das Schuldbewußtsein der Konfessionen zu verstehen
, muß man nicht nur A.s Jugendleben, sondern
auch und vor allem seine seelische Struktur überhaupt
und den Zustand seines religiösen Innenlebens zu der

rücken und zu klären.

'bürg. W. Thimme.

Hocedez, Prof. Edgar, S. J.: Aegidii Romani theoremata de
esse et essentla. Texte precede d'une introduction historique et
Zeit kennen und berücksichtigen, WO er die Konf. I critique. Louvain: Museum Lcssianum 1030. (XV, [127] und 189 S.)

schrieb, Oder wie Sch. etwas ZU scharf zugespitzt sagt: 1 gr. 8 . = Museum Lcssianum. Section philosophique, 12. 65 Fr.
„Nicht A.s wirkliche Schuld formt sein Schuldbekennt- Der erste Teil dieser Arbeit, S. (1) —(127), ver-
nis, sondern sein Schuldbewußtsein diktiert die heftigen mittelt das Ergebnis der Forschungen, welche H. der

Selbstanklagen ohne jeden Versuch, theologisch den
Grad der wirklichen oder vermeintlichen Schuld näher
zu bestimmen", 48.

Es handelt sich also weiter darum, die seelischen
Wurzeln des Schuldbewußtseins A.s bloßzulegen. Das
geschieht im 3. Hauptteil des Büchleins. Sch. unterscheidet
rein subjektive Momente und Momente von
mehr objektiver Art. Unter den ersteren steht voran A.s
bohrender psychologischer Scharfsinn, der den inneren
Zwiespalt und alle Restbestände fleischlichen Wesens
mit unheimlicher Sicherheit aufspürt — ein in der Tat

--- - * < • mm ,

Überlieferung, Entstehung und geschichtlichen Bedeutung
der theoremata gewidmet hat.

Diese theoremata sind wahrscheinlich zwischen 1278
und 1286 entstanden. Trotz dreier Druckausgaben (1490,
1493, 1523) gerieten sie mit der Zeit in fast völlige
Vergessenheit. Aegidius, ein „originaler, tiefer und mutiger
Denker", sucht in ihnen eine Schwierigkeit zu überwinden
, die mit der Übernahme des aristotelischen Systems
durch Thomas gegeben sein dürfte.

Nach Aristoteles verleiht die „Form" das Sein. Eine reine Form,
die nicht mit Materie verbunden ist, besitzt also notwendig; Sein. Solche
:„,„..(.>„: „Ii.- — ->■"< --- J!- ■*---•

wesentlicher Punkt Wenn dagegen als zweites Moment , immateriellen Formen sind aber die Engel. Um sie, die doch ge

As Pessimismus angeführt wird, der, wie gezeigt wird, 1 «halfen, abo nicht ewig sind von Gott abzuheben, lehrte Thomas:

eschatoloeische Stimmungen hervortrieb und Angstzu- ; N»r 0ott *"« « <«*. Daß-se.n) und essentia (Wesen,

^rf^ a^aSe. SO muß eingewandt werden, daß der ' So;S"n) |. «Jj* «deren ,st zwischen beiden zu unter^

Stande auslöste, SO muu,^ |nIacrp ist jedenfalls nicht I scnelden- D,eser Unterschied war für Thomas anscheinend nicht bloß

doch Sicher keine natürliche Anlage ist, jedentallS nicht | ein Kedanklicner> sondern ein realer, in den Dingen selbst bestehender

bei einem so lebhaften Temperament wie dem A.s.

Doch waren für Thomas esse und essentia wohl unterschieden aber

Mag ihm eine gewisse Gefuhhgkeit und Ruhrseligkeit I nicht zu scheiden (vgl. de spir. crart a. l; zitiert 68, AzmülT-"S
angeboren sein (Über A.S „Tranengabe S 109 f.), Sem , solches Verhältnis mag man sich an der Unterscheidung von Länge und
Pessimismus bleibt doch ebenso erklärungsbedürftig wie I Richtung einer Geraden verdeutlichen.

das Schuldbewußtsein selbst, und der Hinweis auf A.s
so viel wir wissen vorübergehendes Magenleiden (S.

allem, scheint mir, darauf hinzuweisen, daß A 12 Jahre

Daß eine realis distinetio zwischen esse und essentia
am Platze ist, darin stimmt Aegidius mit der Lehre des

110) ist doch keine plausible Ableitung. Hier wäre vor Thomas, wie er sie versteht, überein. Aber die Art

wie er nun diesen Unterschied bestimmt, entfernt ihn

lang 'die Jahre seiner mächtigsten geistigen Entfaltung, auf alle Falle von Thomas. Aeg. hält letztlich die essen

unter manichäischem Einfluß stand und mit düsteren t tia doch für realiter separabilis von der existentia sodaß

Spekulationen und trüben Stimmungen genährt wurde. 1 beide bei ihm ut res et res erscheinen — also wie zwei

Auch Sch. bringt das in Anschlag: „In den tieferen , real von einander trennbare Gegenstände, deren einen

ölrTtani nicht leugnen, daß mir die Demut der Konfessionen I man zum andern hinzutun oder von ihm wegnehmen

in einem etwas zweideutigen Lichte erscheint. Mir fällt dabei ein Wort 1 Kann-

Nietzsches ein, der den Spruch Jesu Luc. 18, 14 in einer allerdings | Denn - so argumentiert Aeg. gegen Thomas — wäre das esse

reichlich groben Weise „korrigiert" : „Wer sich selbst erniedrigt, der anders von der essentia unterschieden, so würde es immer mit ihr zu

will erhöhet werden". So ist es bei A. natürlich durchaus nicht. Aber sammen sein, d. h, jeder Engel wäre unerschaffen und unvertilgbar und

ganz grundlos ist dieser bösartige Angriff auf die christliche Demut damit Gott als Schöpfer und Richter in Frage gestellt,

denn doch wohl nicht; A.s Fall liegt immerhin problematisch. Auf Nach der Lösung des Aeg. drohen nun aber esse und essentia als

diesen Punkt hinzuweisen, ist ganz im Sinn der von A. selbst geübten zwei selbständige Größen auseinander zu treten. Das zeigt sich b

unbarmherzigen Seelenanalyse. sonders deutlich an der Art, wie Aeg. — an Gedanken des Proklus an"