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Ausgabe:

1931 Nr. 18

Spalte:

420-422

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schäfer, Peter

Titel/Untertitel:

Das Schuldbewusstsein in den Confessiones des heiligen Augustinus 1931

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 18.

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archäologischen Stoffs — 95 Abbildungen sind beigegeben
— entworfenen Bilder wollen einer tieferen Erfassung
des Ganzen der Kirchengeschichte in seinen
inneren Zusammenhängen und in der Fülle seiner Lebensentfaltung
dienen.

So ziehen die vorchristliche und die christliche
Periode der antiochenischen Geschichte an uns vorbei,
zwischen ihnen jene Epoche, in der die neue Religion
sich allmählich einbürgerte und dann durchsetzte. Die
inneren Zustände werden beschrieben, die geographischen
, völkischen, religiösen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen
Verhältnisse dargestellt, das geistige Leben,
seine Art und seine hervorragendsten Vertreter geschildert
.

Von der Kirche Antiochiens handelt natürlich ein
besonders reichgegliederter Teil. Und endlich mußte
ein kurzer Blick auf das trostlose Ende geworfen
werden.

Moderne Literatur wird nur in sehr spärlichem
Umfang ausdrücklich herangezogen, dagegen halten wir
dauernd Fühlung mit den alten Quellen. Die wichtigsten
, immer wiederkehrenden Gewährsmänner sind der
Heide Libanius und der Christ Chrysostomus, die beide
in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts ihre
Hauptwirksamkeit in unserer Stadt entfaltet haben. Damit
ist gegeben, daß diese Zeit mit besonderer Ausführlichkeit
behandelt wird. Doch die weitgespannte Bildung
beider macht es unmöglich, ihre Bekundungen
immer nur auf ihre Heimatstadt beziehen zu wollen, die
zudem in vieler Hinsicht keinen anderen Anblick bot,
als andere Großstädte jener Tage auch. Sehr vieles
von dem, was über die sozialen, sittlichen und religiösen
Verhältnisse, über das Leben und Treiben der Menschen
innerhalb und außerhalb der Kirche verlautet, hat für Antiochien
im Grunde nichts weiter Charakteristisches. Das
muß man im Auge behalten, wenn man sich in den
reichen dargebotenen Stoff vertieft.

Man wird es mit Dank tun, doch nicht ganz ohne
Vorbehalt. Was etwa über die Beziehungen zwischen
Juden und Antiochenern dem Malalas (S. 37) und dem
Josephus (S. 42 f.) nacherzählt wird, bedarf m. E. der
Kritik, die auch dem Bericht des ersteren über Trajan
(S. 47) gut getan haben würde; und an 250 000 bis
300 000 Opfer einer Erdbebenkatastrophe einer Stadt
gewöhne ich mich nur schwer (S. 152). Was verschiedene
Stellen über die Christianisierung Antiochiens sagen
, hätte ich gern zu einem glaubhaften Bilde vereinigt
gesehen. S. 88 heißt es von dem Antiochien um 350, es
sei der Hauptmasse seiner Bevölkerung nach, ja S. 184
sogar es sei „wesentlich" christlich gewesen. Im Jahre
415 gab es fast keine Heiden mehr dort (S. 333). Jedoch
ein ingrimmiger Stoßseufzer Julians und eine Aussage
Theodorets vermögen diese Auffassung nicht hinreichend
zu sichern. Chrysostomus, in Matth. 85, 4 (s.
S. 152, 5 Schultze) beziffert die Zahl der (erwachsenen)
Christen auf 100 000. Hat Schultze Recht, wenn er
Antiochien in jener Zeit 800 000 Einwohner haben
läßt (S. 152), dann kann doch das Verhältnis von Gläubigen
und Ungläubigen nicht das oben angegebene sein.
Zudem hat die christliche Gemeinde der Stadt damals
nur eine Kirche in regelmäßigem Gebrauch, und selbst
diese vermag der Goldmund nicht immer zu füllen (S.
199 u. ö.). Andererseits durchziehen, sobald sich der
obrigkeitliche Druck auf den Heiden ein wenig lockert,
sofort wieder allerlei Götterprozessionen Straßen und
Markt (S. 99). Wie gleicht sich das alles mit einander
aus, und wer anders sollte uns das sagen, als der Verf.
einer Monographie über Antiochien?

Ein ungelöster Widerspruch der Quellen bleibt S.
94 f. stehen. Da befindet sich Jovianus bis zuletzt als
Befehlshaber der Palasttruppen in Julians Heer und soll
sich trotzdem offen zum Christentum bekannt haben, als
der Kaiser ihn vor die Wahl stellte, zu opfern oder dem
Militärdienst zu entsagen, was doch Folgen gehabt haben
muß, wenn die Kirche ihn deshalb als Confessor feiert.

Gelegentlich wird Kritik am falschen Platz geübt;
etwa bei der Bestreitung der Echtheit der Bücher ad
Autolycum (S. 57, es heißt versehentlich Autolikos).
Der Grund, daß ein antiochenischer Bischof keine
solch törichte Schrift verfaßt haben könnte, ist wenig
einleuchtend. Übrigens scheint der Zweifel 233, 5 und
299, 1 wieder eingeschlafen zu sein.

Bedenklich kommt mir auch die Behandlung der
apostolischen Zeit S. 38 ff. vor. Daß „die junge Chri-

; stengemeinde" nach dem Tode des Stephanus „Jerusa-

1 lern verlassen" hätte, ist mindestens mißverständlich ausgedrückt
(S. 38). S. 39 f. wird, ohne ein Wort der
Aufklärung, der Inhalt von Gal. 2, 11 (Petrus in Antiochien
) der ersten Missionsreise eingegliedert und vor
das Konzil gerückt, was doch offenbar nicht die Meinung
des Paulus ist.

Manchmal würde ich mich zurückhaltender ausdrücken
. Davon daß „die Christengemeinde in Antiochia

i an Zahl und Kraft wuchs", nämlich zwischen dem Abschied
des Paulus und dem Jahre 70 (S. 41), wissen wir
leider gar nichts. „Die eindrucksvolle Gestalt des Apostels
Paulus", hören wir S. 233, „lebt in ihr (d. h. in der
Kirche) mit ihrem ganzen Reichtum". Kann man das
Erhebung eines Tatsachenbefundes nennen? „Immer

! wieder vernahm man von der Kanzel die Mahnung, sich
mit ihr (d. h. der Hl. Schrift) zu beschäftigen". Aber

i die Belegstellen rühren sämtlich von Chrysostomus her.
„Mit der Aufnahme Andersgläubiger in ihre Gemeinschaft
verfuhr die Kirche in ältester Zeit sehr genau"
(S. 244). Trifft das für apostolische und nachapostolische
Zeit nachweislich zu? Und wodurch verdient

! sich Ignatius, der ein NT. noch nicht hat und vom AT.

' nur zwei Stellen aus den Sprüchen anführt, das Beiwort

i „schrifterfahren" (S. 303)? Hat der Kaiser Konstantin
wirklich deshalb so lange mit der Taufe gezögert, weil
er besonders hohe Anforderungen an seine Christlichkeit
stellte (S. 246)? Das feine ethische Empfinden Julians

i wird schwerlich mit Recht seiner christlichen Erziehung
gutgeschrieben (S. 87). Mindestens der Kaiser selbst
würde sich gegen ein solches Urteil heftig verwahren;

i und der Neuplatonismus verbunden mit einer bestimmten

; Naturanlage genügt zur Erklärung vollauf.

Noch manche andere Zweifel und Fragen mögen
dem Leser kommen. Das eine oder andere kleine Versehen
wiegt nicht viel: S. 153, 3 bezieht sich S. 111
nicht auf den 6. Bd. der Bibl. der Kirchenväter, sondern
auf die Sonderpaginierung der Schriften Isaaks von
Antiochien innerhalb dieses Bandes. S. 287, 1 muß es
S. 182 f. (statt 187 f.) heißen; S. 296 Zeile 3 v. o. viertes
(statt fünftes) Jahrhundert. Unter den Abkürzungen
(S. XIV) vermißt man so wichtige und vom Durchschnittsleser
nicht ohne weiteres richtig aufzulösende wie
Mal und vor allem Theoph = Theophanes. Am meisten

; aber entbehrt man ein Wort- und Sachregister, ohne das
solche Bücher nicht ausgehen sollten.

Göttingen. W. Bauer.

i Schäfer, Stud.-Rat Dr. theol. Peter: Das Schuldbewußtsein in
den Confessiones des heiligen Augustinus. Eine religionspsychologische
Studie. Würzburg: C. J. Becker 1Q30. (XVII, 144 S.)
gr. 8°. = Abhdlgn. z. Philos. u. Psychologie d. Religion, hrsg. v.
G. Wunderle, H. 25. RM 3.50

Nach einleitenden Bemerkungen über die literarische
Stellung der Konfessionen und einer ziemlich aus-
i führlichen Darstellung des Streites um ihren Quellen-
: wert geht Verf. dazu über, die Schuld und das Schuldbe-
! wußtsein, wie sie sich in dieser berühmtesten Schrift des
Bischofs spiegeln, aus ihr zu erheben. Das Ergebnis ist,
daß beide in gar keinem Verhältnis zu einander stehen,
| daß den heftigen, ja furchtbaren Selbstanklagen A.s keinerlei
konkrete Verfehlungen von Belang entsprechen.
Sch. nimmt insbesondere an, daß, von dem ersten und
zweiten Konkubinat abgesehen, die damals auch kirch-
, licherseits wenn nicht gut geheißen, so doch jedenfalls
nicht schwer genommen wurden (S. 38 ff.), keinerlei
sexuelle Ausschweifungen des jugendlichen A. vorge-