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Ausgabe:

1931 Nr. 17

Spalte:

394-395

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Problemgeschichte der Psychologie 1931

Rezensent:

Sybel, Alfred

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 17.

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ein starkes Interesse, in dem der spekulative Hochidea-
lismus mit den Anforderungen einer neuen Zeit zusammenstößt
und sich auflöst. Wurde in diesem Prozeß
|a_nge Zeit nur der Linkshegelianismus beachtet, so
tritt seit einem Jahrzehnt vor allem Kierkegaard in den
Vordergrund, und auch der „spekulative Theis-
rn u s" findet heute steigende Beachtung. Um nur das
wichtigste zu nennen: Tillich knüpfte mit seinen Gedanken
mannigfach an den späteren Schelling an; Leese
weckte unter dem (einseitig verengten) Begriff des

„Spätidealismus'' den jüngeren Fichte und vor allem I Fung K. Bühler Wesentliches beigetragen

Chr. Hm. We.sse zu neuem Leben (Philosophie und 1. Ludwig Kardos Die Kon«/,.

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malzustand des Christentums) zu der Charybdis einer
nur scheinchristlichen Weltanschauung.

Leipzig._H. Stephan.

[Bühler, Karl:] Beiträge zur Problemgeschichte der Psychologie
. Festschrift zu Karl Bühler's 50. Geburtstag, gewidmet von
seinen Mitarbeitern E. Brunswik, Charl. B ü h 1 er, H. Hetzer,
L. Kardos, E. Köhler, J. Krug, A. Willwoll. Jena: G. Fischer
1929. (V, 258 S. m. 3 Abb. im Text.) gr. 8°. RM 12-; geb. 14—.
Die vorliegende Festschrift vereinigt sechs problemgeschichtliche
Arbeiten aus Gebieten, zu deren Entwick-

Theologie im Spätidealismus, 1929). Auch die vor
liegende Schrift faßt diese beiden Führer der Gruppe
zusammen. Es ist ein guter Griff, daß sie es unter dem
Gesichtspunkt der Persönlichkeit tut. Denn dieser Begriff
kennzeichnet tatsächlich den neuen „spatidealistr

nomenaler Dingmomente. Tatsachen wie die,
daß wir bei Wechsel der Beleuchtung die Dinge doch in
fast konstanten Farben sehen, bereiten der Erklärung
Schwierigkeiten, da hier Dingmomente (zweckmäßigerweise
) annähernd so wahrgenommen werden, wie es

sehen" Ansatz vor allem im Verhältnis zur logizistisch- ' ihren konstanten, von den zufälligen Wahrnehmungs

pantheistischen Spekulation Hegels; er will die christ
liehe Wendung des spekulativen Idealismus verwirklichen
. Allerdings trägt dieser Personalismus mehrere,
zunächst heterogene Tendenzen in sich: die Verselbstan

Verhältnissen unabhängigen Eigenschaften entspricht,
während eine Korrespondenz des bewußten Phänomens
mit dem jeweiligen Netzhautreiz zu erwarten wäre.
Kardos verfolgt den Gang der exper. Forschung und der

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digung und Verstärkung des Christlich-Religiösen von Theoriebildung, indem er zugleich selbst die Fragen
der einen das Eingehen auf die moderne, mehr empi- | theoretisch zu fördern sucht. Eine gesicherte Erklärung

ristische und psvehologische (sogar parapsychologische)
Einstellung von der andern Seite aus. Es ist klar, daß
daraus Schwierigkeiten erwachsen. Die Verfasserin
deutet sie an, indem sie bei Fichte und Weisse das
Doppelziel feststellt: „einen realen, d. h. auf irdische
Analogie begründeten Begriff göttlicher Persönlichkeit
zu geben und den Wert des Endlichen als eines Selb-

liegt noch nicht vor.

2. Egon Brunswik, Prinzipienfragen
der Gestaltpsychologie. Die neuere Psychologie
entdeckte, daß uns im Psychischen Ganzheiten
gegeben sind. „Gestalten" in diesem Sinne sind noch
etwas anderes als Summen von Elementen (eine Melodie
z. B.), sie können sich erhalten bei Verschiebung

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ständigen und Freien trotz seiner Abhängigkeit von dem j ihrer Elemente (Transponierbarkeit), sie sind als Ganzabsoluten
Seinsgrund zu wahren" (S. 128). Der Per
sonalismus gilt demnach sowohl der menschlich-gei-
schichtlichen Welt wie dem Absoluten, Gott selbst, und

heiten realwirksam und bestimmen den Charakter ihrer
Teile. Brunswik beschäftigt sich nach einem Überblick
über die Vorgeschichte und die Entdeckung des moder-

zwar so, daß bei Fichte mehr Natur- und Menschen- i nen Gestaltbegriffs in eingehender Kritik mit den Kon

leben, bei Weisse mehr der metaphysische Gehalt des
Christentums die Ausgangsfläche bietet. Die Möglichkeit
, so verschiedene Tendenzen zu vereinigen, muß in
der Struktur des Begriffs „Persönlichkeit" aufgewiesen
werden. Beide Philosophen bilden den Begriff zunächst
spekulativ-ontologisch. Der Gegensatz zu einem andern,
an den man zunächst bei „Persönlichkeit" denkt, ist
mitkonstitutiv; aber so, daß er sich bei Menschen auf
andere Individuen, bei Gott auf die Unendlichkeit in
Ihm selbst (Fichte: auf die ideale Urbildwelt in Gott,
Weisse: auf die innergöttliche Trinität) bezieht. Daher
ist der Begriff sowohl für die Menschen wie für Gott
möglich; in vollem Sinn ist er allerdings nur für Gott

troversen, die sich an die Einführung des Gestaltbegriffs
angeschlossen haben. In der Frage nach der Gestaltentstehung
z. B. streiten die „psychistischen" Theorien
, nach welchen die Ganzheiten durch „zusammenfassende
" psychische Faktoren sekundär aus Elementen
gebildet werden, mit denjenigen Theorien, für die das
Erlebnisganze schon primär da ist (so die Gestaltpsychologen
im engeren Sinne, Wertheimer, Köhler, Koffka
usw.). Beide Theorien haben Beobachtungen für sich, so
daß sich Brunswik mit Bühler im Sinne eines „teils-
teils" entscheidet. — Das Problem des physiologischen
Korrelats der Gestaltphänomene führte Köhler zu der
angeblichen Entdeckung ganzheitlicher Gebilde schon im

möliich wdTnur in Ihm das volle Wissen um sich Physikalischen und zu einer physikalisch-gestalttheoreti-
selhst und volle Selbstbestimmung vorhanden ist. So wird , sehen Auffassung der Lebensvorgänge. Auf Driesch's
Persönlichkeit hier aus einem bloßen empirischen Begriff j Kritik gestützt weist Brunswik diesen Versuch ab als das
(vei Strauß und Biedermann) zu einem Normbegriff; l Wesen echter biologischer Ganzheiten verkennend. Doch
sie erhält ihre schärfste Ausprägung in dem Begriff hält er in Einzelfragen der physiologischen Repräsentanz
der sittlichen Persönlichkeit, die in der Hingabe an die von Gestalteigenschaften die Köhlerschen Gesichtspunkte
ethischen Ideen und die Gemeinschaft, zutiefst an den für diskutabel. — Die mehrfach versuchte Zurückfüh-
heiligen Willen Gottes, gewonnen wird. - Die Ver- rung auch des eigentlich Geistigen (Sinnerfassung
fasserin stellt Sinn und Tragweite dieser Gedanken usw.) auf Gestaltphanomene lehnt Brunswik im Anausführlich
und zuverlässig dar; sie verschweigt auch schluß an Buhler und Lindworsky ab. — In der Frage
nicht die Unklarheiten und Künsteleien, die sich dabei | nach dem Verhältnis von Leib und Seele neigt er zu
ere-eben Doch hätte sie m E. mit der zeitgeschicht- einem auf die anschaulichen Gegebenheiten beschränkten
liehen und sachkritischen Beleuchtung erheblich weiter ■ Parallelismus im Sinne Lindworskys.
gehen sollen; sie hätte dadurch auch die Lektüre farbi- | 3. Alexander Willwoll. Uber das Ver-
ger bewegter eindrucksvoller gemacht. Der Gegensatz j haltnis von Anschauung und Denken. Der
zwischen dem Erfahrungs- und dem Normbegriff der | Verfasser zeigt, wie die genannte Frage zu zwei Thesen
Persönlichkeit wird nicht scharf genug herausgearbeitet, geführt hat: A) Das Begriffserlebnis ist in anschauliches
Und es wird nicht deutlich, ob Verf. die Gefahren in Erleben (dingliche Vorstellungen, Wortbilder, Schemata)

eingebaut und von ihm abhängig. B) Dennoch überragt
und beherrscht das Unanschauliche im Begriffserlebnis

(Beziehungswissen usw.) die anschaulichen Faktoren. _

Wortloses Denken ist nachweisbar, doch hat das Wort
als Kristallisationspunkt der Bedeutungskomplexe eine
notwendige Funktion im Denken. — Die Untersuchungen
kommen wir von der Scylla einer christlichen Weltan- j der Lindworsky-Schule führten zu einer Schichtentheorie:
schauungslosigkeit (für viele ist sie ja heute der Nor- ! Schichten konkret-anschaulicher Vorstellungen gehen allvoller
Klarheit sieht, die der spätidealistischen „Neubegründung
des alten Bundes zwischen Spekulation und
Christentum" (S. 6) notwendig anhaften. Nur dann
aber, wenn man sie in voller Klarheit sieht, darf man
sich vom Spätidealismus in der Richtung auf „einheitliche
Weltanschauung" (S. 3) anregen lassen. Sonst