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Ausgabe:

1931 Nr. 1

Spalte:

369-376

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brunner, Emil

Titel/Untertitel:

Gott und Mensch 1931

Rezensent:

Macholz, Waldemar

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 15/16.

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abgrenzt. Demgegenüber vertritt die Philosophie einen Ring ^er „Meinigkeit" . . „kann nur dadurch aufge-

„Radikalismus der Erkenntnisautonomie", in dem alles ( sprengt werden, daß ich mir unbedingt sagen lasse was

und jedes selbstverständlich seiend Vorgegebene außer jcn mir unbedingt nicht selbst sagen kann, und das 'heißt

Geltung gestellt und auf ein in allem Fragen und Ant- ; eben: durch Offenbarung". Darum bekommen wir auch

Worten schon implizite vorausgesetztes An-sich-Erstes , erst durch die Mitteilung der Offenbarung einen

zurückgegangen wird, auf dessen Boden allein „Philo- Herrn. Darum handelt es sich hier aber auch nicht

Sophie als strenge Wissenschaft" möglich ist. Die Aus- I Um ein Mitteilen, das „zur Kenntnis genommen werden

führungen dieses Vorwortes führen in ausgezeichneter ' kann", in dem Gott zum Objekt wird. Gott teilt sich

Weise in den Geist des H.'sehen Philosophierens ein, j selbst mit, indem er als in Anspruch nehmendes Du

dessen Weise es nicht ist, den zweiten Schritt vor dem | Subjekt bleibt. Ich aber werde so aus einem autonomen

ersten zu tun, wie es aus Sucht nach Effekt und Sensation
in unseren Tagen leider auch schon in der Fachphilosophie
üblich zu werden droht.

Heidelberg. Robert Wi nkler.

Brunner, Prof. D. Emil: Gott und Mensch. Vier Untersuchungen
über d. personhafte Sein. Tübingen: J. C. B. Mohr 1930. (III, 100
S.) 8°. RM 3.60.

Unter einem Buchtitel „Gott und Mensch" hat
Emil Brunner „vier Untersuchungen über das personhafte
Sein" 1. die Gottesidee der Philosophen und der
Schöpfergott des Glaubens; 2. der Rechtfertigungsglaube
und das Problem der Ethik; 3. Kirche und
Offenbarung; 4. Biblische Psychologie zusammengefaßt.

Von Philosophie redet Brunner in seinem ersten
Aufsatze in dem bestimmt umgrenzten Sinne „der Möglichkeit
einer Gotteserkenntnis durch Vernunft". In vereinfachender
Grundrißzeichnung unterscheidet er drei
Typen des Philosophierens, das vom Bedingten zum
Unbedingten gelangen will: Realismus, Idealismus, Identitätsphilosophie
, deren Eigentümliches knapp skizziert
wird. Jedes dieser drei Systeme „lebt nun auf Kosten
der Wahrheit des anderen". Von einer „Gewißheit des
philosophischen Gottesgedankens" kann heute nicht
mehr geredet werden. Vielleicht enthüllt sich uns
„aller philosophische Gottesglaube" „als Abkömmling
einer Religion" und lebt mehr „von ihren Impulsen als
von seinen eignen Gründen". Voraussetzung aller dieser
Systeme ist „das Vertrauen, daß das menschliche Denken
" „zur Einheit aller Dinge vorzudringen vermöge"
„daß also diese Einheit letztlich in seinem eignen Denken
vorhanden sein müsse". So ist also „jeder philosophische
Gottesgedanke als solcher monistisch oder
pantheistisch oder mystisch". Was aber immanenter
Grund ist, kann weder Schöpfer noch Person sein.
Auch der theistische Gottesgedanke ist vom christlichen
ernstlich zu unterscheiden. Die „Logik des Autonomiegedankens
" hat auch Kant nicht zu durchbrechen vermocht
. „Zwischen das Ich und Gott tritt zwar das
Sollen". Aber das gesetzgebende, intelligible Ich und
der gesetzgebende Gott sind ein und dasselbe". Gewiß
Kant will als Christ einen Gott haben. Aber als kritischer
Philosoph kann er aus dem Bereich der Immanenz
nicht heraus. So muß auch Fichte „den Schöpfungsgedanken
konsequent als jüdischen Widersinn" verwerfen.
Sucht aber der Philosoph das Absolute in der Geschichte
, so verwandelt er „das Einmalige der Geschichte
" „notwendigerweise in ein Nichteinmaliges",
„nämlich in die Idee". Man ist grundsätzlich von der
Geschichte unabhängig, weil man einen Gott hat, der
nichts anderes ist, als die Tiefe des eignen Geistes. Der
Gott der Bibel offenbart sich dagegen in der Geschichte
und widerspricht damit dem Satz: die Geschichte

Ich ein Knecht Gottes. Der Gott Israels ist zuerst als
der Herr Israels, später als der Schöpfer erkannt worden
, als der, der nicht in Kontinuität mit der Welt zu
erkennen ist, sondern nur aus seinem eignen Wort. Daß
Gott die Welt aus dem Nichts schafft, das ist das
Ärgernis für allen Idealismus. Aber Gottes Verhältnis
zur Welt ist in der Tat „durch keine Kategorie des
Denkens ausdrückbar". „Gott ist der nicht zu denkende,
sondern nur im Gehorsam zu erfassende". Darum aber
gehören Sündenerkenntnis und Offenbarung ebenso zusammen
, wie „Sündenerkenntnis und Systemdenken"
sich ausschließen. Hinsichtlich der Widersprüche in
der Welt gilt: die Philosophie sieht sie für solche an,
die durch das Denken bewältigt werden können, die
Bibel als solche, „die nur durch Gottes Erlösungstat
aufgehoben werden können". Auch im idealistischen
Sinne sind „Gott und Ich" „schon im tiefsten eins".
„Es kann nichts anderes geschehn als das Denken
dessen, was schon ist, nicht aber eine Entscheidung".
Der gedachte Gott ist niemals Liebe. „Er wartet ja, bis
ich ihn finde", und auch das nicht einmal: „er ist, er
weset als Grund der Welt". Die Bibel dagegen spricht
von seiner Initiative in dem Worte Vergebung. „Von
Erlösung redet auf ihre Weise auch die Mystik", „von
Vergebung nicht". Nur durch besondere Offenbarungstat
geschieht Gottes Vergebung. Sie wird entweder als
die Wohltat göttlicher Tat empfangen oder in menschlichem
Leichtsinn und menschlicher Anmaßung behauptet
. Die Begegnung mit dem wahrhaft einmaligen und
doch für alle Zeit in die Entscheidung stellenden Offen-
barungs-Geschehn in Jesus Christus, die wir im Glauben
erfahren, ist „das wahrhaft persönliche Geschehn in
unserem Leben". In ihm bringt Gott selbst sich redend
und handelnd in uns zur Geltung. Hier redet der Heilige
Geist zu uns und in uns. Bei diesem Glauben, der
keine „von uns aus bestehende Möglichkeit" ist, „hört
dämm alle Systematik auf". Freilich, wir denken systematisch
über den Glauben. Aber diese Theologie ist
nicht Glauben. Und in der Begegnung zwischen unserem
Ich und Gottes Du hört Gott auf, unser Denkgegenstand
zu sein.

Wieder führt im zweiten Vortrage Emil Brunner
sein pädagogisch-systematischer Trieb dazu, das Verständnis
der Thesen des Rechtfertigungsglaubens durch
eine Konfrontation zu erschließen und die fast unabsehbare
Mannigfaltigkeit sittlicher Prinzipien, die er dem
Glaubensgehorsam entgegenstellen will, durch schematische
Herausarbeitung der wesentlichen Grundzüge in
„zwei Systemlinien" zusammenzufassen: die eudämo-
nistische und die idealistische Ethik. B. schaut stoische
und kantische Ethik zusammen. Im kantischen Denken
wird infolge des Prinzips der Autonomie aus „dem
Sollen das Wollen des intelligiblen Ich" gemacht. Man

offenbart Gott. Wird Gott in der Geschichte offenbar, sucht das Böse

so ist das ein Wunder Gottes. Wer sich so auf einen | faßt den göttlichen Willen nicht vHrklich alTS°"- Man

ganz anderen Boden stellt als den der philosophischen -----^-t-L..,." V. n mcnT wirklich als einen uns

Gottesidee, braucht sich nicht vorwerfen zu lassen, er
treibe unter dem Deckmantel der Theologie philosophische
Metaphysik. Theologie redet von Offenbarung.
Freilich nicht im Sinne eines Symbols, das mein eigenes
Erkennen nur weckt. Vielmehr wird mir im Offen-
barungsgeschehn, wie die Bibel es meint, „etwas gesagt
, was mir abgesehn von diesem Geschehn . . . verborgen
ist und bleibt". Der Gott, den ich mir denken sich in der Sittlichkeit nur zu'sich selh«+ ™ 'r—«
kann, ist darum, weil ich es kann, ein Götze". Der | Vernunftwesen, nicht Lm anderen". ^Das' shThch^Ge

gegenüberstehenden. Man gerät in dem Bestreben,
das ethische Gesetz in seiner Reinheit und Strenge
zur Geltung zu bringen" in einen Formalismus, der die
Beziehung zur konkreten Seins- und Willenswelt verliert
". Vor allem: man macht mit jenem „du sollst,
darum kannst du" den Menschen zu einem „ebenbürtigen
Partner" Gottes. Und man läßt die Selbstachtung
letztes Motiv werden. Dieser „Gesetzesethiker" verhält