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Ausgabe:

1931 Nr. 1

Spalte:

361-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nigg, Walter

Titel/Untertitel:

Franz Overbeck 1931

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 15/16.

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Geschichte der vereinigt-evangelischen Gemeinde Unter- — wohl unter dem Einfluß von Ad. Jülicher (s. Die

barmen veröffentlicht, worauf Pastor Witteborg die hun- Religionswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstel-

dertfünfzigjährige Geschichte der lutherischen Gemeinde [ lungen IV 194) — zu den frühesten Anschaffungen

Wupperfeld hat folgen lassen. Für eine Geschichte der j meiner Bücherei gehören. Mit Bedauern blicke ich auf

reformierten Gemeinde Elberfeld veröffentlicht Pastor i das einzige seiner nachgelassenen Werke, das ich fach-

Lic. Klugkist Hesse Beiträge in den „Vierteljährlichen , männisch zu beurteilen im Stande bin, auf das Jo-

Beilagen zum Reformierten Wochenblatt für Elberfeld". , hannesevangelium, das so nicht hätte herausgegeben

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Zu diesen Arbeiten ist nun auch die Geschichte der ev
ref. Gemeinde Barmen-Gemarke hinzugekommen (Vorwort
: Pfingsten 1927). Ihr Verfasser Werth konnte,

werden sollen. An Verständnis endlich gebricht es mir
dafür, wie ein Mann vom Formate Overbecks sein
Leben mit bitteren Selbstgesprächen über „die Theoais
er sie 1902 erstmals herausgab, die von dem dritten logen" hinbringen mag, statt ihnen, nachdem er sich
Prediger der Gemeinde Caspar Eberhardi (1717—1720), einmal programmatisch geäußert, immer wieder zu zei-
verfaßten wertvollen Fata ecclesiae Ober-Barmensis be- gen, wie „die Wissenschaft" das von jenen zur Wüste
nutzen Außerdem stand ihm das reiche Archiv der ; gemachte Gebiet bestellt. Eine großzügige Betätigung
Gemeinde mit seinen interessanten Beständen zur Ver- | als „profaner" Kirchenhistoriker, das wäre m. E. die
fügung Seinerseits brachte er noch eine gründliche würdige Art der Polemik gewesen. An Beifall hätte
Kenntnis auch des Bergischen Landes, sowie des poli- es Ov. nicht gefehlt, wie die Aufnahme beweist, die
tischen und kirchlichen Lebens besonders im Rhein- seine wenigen positiven Beitrage gefunden haben.

Was mich neben dieser Zurückhaltung an Ov. besonders
verdrießt, ist der Umstand, daß sich bei ihm
der Fehler der geistreichen Leute, stets nur die Hälfte

lande hinzu. Über seinen Vorgänger hinaus hat er
namentlich klargestellt, wie sich die Reformation des
Wuppertals im Zusammenhang mit der Tätigkeit von

Peter Lo aus dem Volk entwickelte und nicht in eine . d€r Wahrheit zu sagen, fast zur Unerträglichkeit geVolks
- und Staatskirche einmündete. Daß er über die I steigert hat. Gerade der Fanatiker der Wahrheit dürfte
sehr weitläufigen Prozesse, die später mit den Luthe- so nicht verfahren. Die wissenschaftliche Art eines
ranern geführt wurden, wesentlich kürzer berichtete als Harnack oder v. Schubert ist doch damit nicht richtig

Eberhardi, empfindet der heutige Leser nur angenehm

Gegliedert ist der reiche Stoff in elf Abschnitte: 1. Von den An
fangen bis zur Griindung der Elarmer Aintsschule 1579. 2. Die Banner

beschrieben, daß man das gelegentlich einmal fallende
Bekenntnis, Gott sei in der Geschichte spürbar, als ihr
eigentliches Forschungsprinzip herauskehrt und behaun-

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als Glieder der Elberfelder reformierten Gemeinde bis 1655. 3. Die j ^ die Kirchengeschichte ihrer Tage sei darauf aus ge-

; wessen, die Absolutheit des Christentums nachzuweisen.

reformierten Oberbanner im Zusammenhang mit der reformierten Ge
meinde in Schwelm. 1655—1695. 4. Die Oberbarmer Reformierten erlangen
das Recht der Gemeindebildung. 1695 1702. 5. Die Gemarker
Gemeinde unter ihren ersten Predigern. Der Kirchbau. 1702 —1751.
6. Die Gemarker Gemeinde In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Religiöse Bewegungen. 7. Von der Jubelfeier bis zum Abschied von
Pastor Krummacher. 1802 -1835. 8. Vom Amtsantritt Pastor Roffhacks
bis zum Tode von Pastor Berg. Agendenfrage, Jubiläum, Gesangbuch.
1835 — 1863. 9. Von Pastor Emsts Amtsantritt bis zu dessen Abschied.
Der Bau der Immanuelskirche. 1863 -1870. 10. Die neuere Zeit. —
Der grolle innere und äullere Ausbau der Gemeinde. 1870 — 1902. 11.
Das letzte Vierteljahrhundert. 1902 -1927. Dazu kommt noch ein Anhang
(S. 51 1—554). Zwei Register erleichtem den Gebrauch des Buchs

Ich kenne Kirchenhistoriker und vor allem kirchenge-
schichtliche Werke genug, die zu diesem Argwohn keinerlei
Anlaß gegeben haben. Und auch die oben Genannten
, wie der, als in gleicher Verdammnis befindlich,
ihnen zugesellte K. Müller (S. 82) haben doch Schriften
in Fülle hervorgebracht, die auch der Profanhistoriker
gar nicht anders geschrieben haben würde. Sie haben
die Wissenschaft, und keine Pseudowissenschaft, durch
selbstverleugnende Arbeit gefördert in einer Zeit, in der
sich ihr Kritiker damit begnügte, seine Baseler Mappe

über das Lokalgeschichtliche hinaus gewinnt die fmit Gift..und,.0eist+ zu fuilen- Gewiß «aben sie auch
Darstellung an einzelnen Stellen Interesse für die allge- fragwürdige Vermutungen vorgetragen. Doch das lag

n . . . , „ . . ...... ...=■ wfMiio-pr an ihnen iinrl ihrer trnet ecen +4i^l^„:^„u„_

meine Kirchengeschichte, z. B. in den Abschnitten über
Tersteegen (S. 148 ff. u. ö.), für dessen Biographie
das Gemarker Kirchenarchiv sehr wertvolles Material
besitzt, über die Ronsdorfer Zioniten (S. 154 ff.), über

weniger an ihnen und ihrer trostlosen theologischen
Geistigkeit, als an der Schwierigkeit des Gebietes, von
der doch auch Ov. ein Lied zu singen weiß. Die mangelhaften
Hypothesen müssen gegen die fördernden aufge-

dfeÄS»^^imi^V^ldk Ti «*h°* werden, sonst kommt kein wahrheitsgetreues

jahrhunde^ Jung-Stilling und Dr. Samuel ! Blld ?rstande/ Das darf man gerade einem Manne
Collenbusch) u. a.

Pastor Lauffs hat das Buch nach dem Tode des

gegenüber betonen, dessen Werk über das Johannesevangelium
in hohem Maße auf eine Beurteilung angewiesen
ist, die beide Seiten sieht und wägt.

Halbe Wahrheit ist für mich auch die heute so

Verfassers bis zur Gegenwart fortgeführt, d. h. die Ab
schnitte 1912—1914, 1914—1918, 1918—1927 geschriebenSgleichfaber
aüch auf Grund der von ihnfverwal- ! behebte Rede von der Ablehnung der „Kultur" durch
A7chW^ ^dtr Arbeit Werths mehrfache Be- i das alte Christentum die auch bei Ov. eine große Rolle

teten Archivalien an der Arbeit Werths mehrfache Be
richtigungen vorgenommen. Wertvolle Winke verdankte
er dabei u. a. D. Rotscheidt in Essen.

Angesichts der oft ebenso krassen wie selbstzufriedenen
Ignoranz, die weithin über das Reformierten

spielt. Für die Zeit der eschatologischen Spannung ist
es ebenso zutreffend, zu sagen, das Christentum hätte
die Kulturlosigkeit verworfen. Denn da will es eben
von diesem ganzen Äonen nichts wissen, wahrhaftig
nicht nur von dem Ausschnitt nichts, der von der Kultur

tum herrscht ist das Buch als ein Mittel zu begrüßen, ™nT von uem Ausscnmtt nichts, der von der Kultur
rdiÄc£ Atmosphäre des Wuppertals ffÄ ! TZSSj^gjB^JfigjS*

Christliche bedeuten soll, so scheint sich mir hier der
Fehler zu wiederholen, der dem „Theologen" Harnack

setzen, in der das deutsche Reformiertentum eine so
charakteristische Ausprägung gefunden hat. Wer das
Buch unter diesem Gesichtspunkt aufmerksam liest,
kann hierfür mehr aus ihm lernen als aus mancher
Symbolik.

Münster i. W. K. B a u e r.

N i g g, Walter: Franz Overbeck. Versuch einer Würdigung.
München: C. H. Beck 1931. (XI, 234 S.) gr. 8°. RM 10-; geb. 12.50.

so tief ins Wachs gedrückt wird, wenn er seine liberalen
Neigungen mit dem „Wesen des Christentums"
vereinerleit.

Doch habe ich mich hier nicht mit Ov. auseinanderzusetzen
, sondern dem Leser das Buch von Nigg vorzustellen
. Es erschöpft seinen Gegenstand, indem es

Die Stimmung, die mich dem Helden vorliegender ; auch den umfangreichen handschriftlichen Nachlaß Ov s
Studie gegenüber allezeit gefangen genommen hat, ist j verwertet. Beiseite geblieben ist das Verhältnis zwischen
eine eigenartige Mischung von Hochachtung, Bedauern Ov. und Nietzsche, das schon von andern Forschern
und Verständnislosigkeit. Wollte ich die Gefühle son- : dargelegt worden war. Man wird es N. danken daß
dem so gilt das erste uneingeschränkt Overbecks Ar- I er die „trockene Luft wissenschaftlicher Untersuchung
beiten zur ältesten Geschichte des Christentums, die | nicht gescheut hat. Das bedeutet keineswegs daß er