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Ausgabe:

1931 Nr. 1

Spalte:

360-361

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Werth, Adolf

Titel/Untertitel:

Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke 1702-1927 1931

Rezensent:

Bauer, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 15/16.

360

Kreisen der Gegenwart auch unmittelbar zur „Erbau- |
ung" dienen können, und daß gewisse Stücke seiner
Sammlung harte Urteile über die Geschichte der Predigt
im 17. Jahrh. zu mildern geeignet sind. W. hat in der
Tat durch sein verdienstvolles Buch die wissenschaftliche |
homilet. Literatur bereichert, auch weil er beim Sammeln
nicht stehn geblieben ist, sondern durch historische
, systematische, praktisch-theologische Erhellungen
nach sehr verschiedenen, wohl überlegten Gesichts- J
punkten, durch eine große Zahl richtiger Beobachtungen
dem Leser die rechte Einstellung auf seinen Stoff sehr
erleichtert hat. So schulden wir seiner Hingabe und
seinem Können Dank.

Es lag nicht in der Absicht Wiesenhütters, in höhe- I
rem Maße das Holz seines Materials zur Errichtung
von Warnungstafeln zu nützen, obwohl er gewiß
gelegentlich — man denke an die sogen. Compassio, an j
dogmatistische Härten u. A. — zu Warnungen Anlaß
nimmt. Zur Erörterung der schweren Problematik der I
Passionspredigt drängt freilich das Gebotene vielleicht
mit besonderem Nachdruck. Ist es von ungefähr, daß der
Tiefgang der Passionsbetrachtungen, je mehr er sich j
von der humanitaristischen Auswertung der Texte, die
das letzte Kapitel ablehnt, entfernt, um so mehr die !
Gefahr mit sich bringt, die Predigt mit sonderbaren
Geheimnissen, „tiefgründigen" dogmatischen Spekula-
tionen, „gläubigen" Exegesen, die gläubiger sind als j
der Text selbst, zu belasten und dadurch z. B. die
Passionsandacht in der Passionszeit weithin für außer- |
halb der Bibelstundenkreise stehende Gemeindeglieder
fast ungenießbar zu machen? Ist es nicht so, daß dem
in der Wirklichkeit von heute lebendig wirkenden Menschen
nicht nur bernhardinische Compassio, sondern
auch lutherische Rückerinnerung an die einzelnen Situationen
der Leidensgeschichte zur Überwindung der Anfechtungen
, teils Unmöglichkeiten, teils Unanwendbar-
keiten sein werden? Muß nicht das feinere historischkritische
Gewissen die Phantasie psychologischer Ausmalungen
der Passionsgeschichten, mag sie auch tief I
geschürft haben, als schwer erträglich empfinden? Und I
wenn man mit Recht betont, Passionsgeschichte soll als
Geschichte der großen Taten Gottes gepredigt werden,
ist dann nicht gerade auch von hier aus jede willkürliche
Behandlung des aus den Berichten zu erschließenden
tatsächlich Geschehenen abzulehnen; da es ja klärlich
wider die Voraussetzung des die Aufklärungstheologie
bestreitenden Predigers selbst verstößt? Gerade der Zi- J
tatenschatz Wiesenhütters mit seinen zahlreichen naiven
Unbedenklichkeiten der Textbenutzung weckt das Gewissen
des Gegenwartspredigers: das alles muß heute
unmöglich sein; es darf nicht mehr in bequemem Gehen-
lassen weiter geübt werden. Das Textprinzip wird nicht
nur durch jene allzupraktischen Moralismen, die in „Anknüpfung
" an Nebenzüge des Textes dargeboten werden
, sondern auch durch jede Art der Unredlichkeit der
Auslegung im Dienste irgendeines Botschafter-Tiefsinns,
durch jede Art von Willkürlichkeit doktrinärer Phan-
tastik, dramatisch-psychologischer Verbindungslinien an- [
getastet. Das alles ist Fortführung der Tendenzen der j
Allegoristik und Typologie mit anderen Mitteln in der
Passionspredigt der Gegenwart. Vestigia terrent. Man
soll die Stoffsammlung Wiesenhütters nicht lesen können
, ohne zur Reduktion aufzurufen. Nur was sich
ungekünstelt an Botschaft von Gottes Regiment, an ]
Predigt von Buße, Gnade und Früchten des Glaubens
aus dem Text ergibt, soll auch gepredigt werden. Wer
sich von den Autoren, die W. vorführt, anregen
läßt, ohne sich so von ihnen warnen zu lassen, wird
der heutigen Gemeinde nicht das i h r zukommende
Wort geben.

Schon hier ist angedeutet, daß ich einer etwa nötig
werdenden 2. Aufl. des Wiesenhütterschen Buches das
Salz sichtender Verneinung noch in höherem Maße wünschen
möchte. Sollte nicht in den Kapiteln über das
Volkstümliche und Praktische (vgl. 12 f. 15f.) der an- !

derwärts (87) ausgesprochene Tadel „emblematischer"
Bizarrerieen das interlineare Lob noch mehr dämpfen?
Sollte nicht zu den Anführungen der Predigt von der
„heroischen" Passion Jesu noch Klärenderes über das
Thema Held, Märtyrer, Erlöser ausgeführt werden
müssen? Darf Valentin Weigel neben Joh. Wynckel-
mann S. 246, 247 gestellt werden, ohne daß dem Leser
angedeutet wird, daß die Predigten dieser beiden Prediger
sich fressen? Dürfen Auffassungen von der nova
vita des Christen, wie sie S. 62, 65, 67, 69 angeführt
werden, so friedlich nebeneinander Platz finden, ohne
daß schlechtes theologisches Unterscheidungsvermögen
informiert wird: hier steht ein Ja neben einem Nein?
Vor allem aber: Geht es überhaupt an, die Passionspredigt
von Luther bis Oetinger als eine große Einheit
darzustellen? Gewiß der Verf. hat Vorbehalte ausgesprochen
. Aber er sieht und zeigt doch auch andererseits
nicht nur in seiner „Auswahl" den Zeitabschnitt
Luther bis Herder-Schleiermacher (ausschließlich) als
eine Art einheitlicher Periode der Geschichte der Predigt
hinsichtlich ihrer Form und ihres Inhalts. Ist
die Arbeit mit Erfolg aufgenommen worden, in der Gebetsliteratur
etwa des Zeitraums, den W. behandelt,
das mannigfache, dem spezifisch Reformatorischen widerstrebende
religiöse Gut nachzuweisen, so darf die Spe-
zialbetrachtung eines Zweiges der Erbauungsliteratur
dieser Zeit sich dieser wichtigen Aufgabe nicht entschlagen
, auch wenn sie sich die begrenzten Ziele W.s
gesteckt hat. Sonst muß die Folge sein, daß Heterogenes
nebeneinander Platz erhält, als sei es aus
einem Tenor geschrieben, daß zwar der bekannte
Gegensatz Offenbarungsgläubigkeit — Humanitätsreligion
zum Schluß stark unterstrichen wird, vorher
aber Spiritualisten, Mystizisten, Humanitaristen, individualistische
Pietisten und echt reformatorisch Verkündigende
ahnungslosen Lesern als gleiche Brüder mit nur
nicht immer ganz gleichen Kappen vorgestellt werden.
— Auch eine schärfere Abgrenzung der Zitate im Text
wird W. anstreben müssen. Man kann hier und da nicht
mit Sicherheit sagen, ob eine bestimmte Äußerung dem
einen oder dem anderen der genannten Autoren zuzuweisen
sei (S. 69, S. 81). Desgleichen sollten die
Quellenangaben, die der „Auswahl" beigegeben wurden,
noch gleichmäßiger und vollständiger gestaltet werden.
Hier ist der Name des Verfassers allein, dort auch das
Werk, aus dem W. schöpft, dort wieder der Autor mit
einer Jahreszahl angegeben. Ähnliches ist vom „chronologischen
Literaturverzeichnis" zu sagen. Warum werden
die Jahreszahlen der Geburt und des Todes z. B.
für Luther, Bugenhagen, Mathesius, Nie. Seinecker notiert
, während sie z. B. für Brenz, Martin Chemnitz,
Martin Moller fehlen? Wohnort und Wirkungsstätte
sind einmal angeführt, das andere Mal verschwiegen.
Bei Männern, die an vielen Orten wirkten, ist oft nur
eine Stadt angegeben (so S. 299 Nr. 77 für Joh. Forster
, der in Auerbach, Leipzig, Schneeberg, Zeitz, Wittenberg
, Mansfeld wirkte, nur Wittenberg). Vermutet
man in dieser Angabe die des Erscheinungsortes der
zitierten Schrift, so wird man durch andere Ausführungen
(vgl. z. B. 298 Nr. 73) belehrt, daß solche
Hypothese prekär sei. — Je mehr man das Förderliche
der Wiesenhütterschen Leistung betont, um so mehr
wird man sie von den erwähnten Schönheitsfehlern befreien
wollen.
Jena. Waldemar M a c h o 1 z.

Werth, Adolf: Geschichte der Evangelisch-Reformierten Gemeinde
Barmen-Gemarke 1702—1927. Erstmalig zum 200 jährigen
Jubiläum geschrieben und weitergeführt bis zum Jahre 1912.
Zum Gedenktage ihres 225 jährigen Bestehens neu herausgegeben und
abgeschlossen von Adolf Lauffs. Barmen-Gemarke: Selbstverlag d.
Reformierten Gemeinde [1927]; Bezugstelle: Reformiertes Gemeindeamt
, Barmen. (XVI, 554 S., m. 61 Abb.) gr. 8°. geb. RM 5—.

Man ist im Wuppertal eifrig an der Arbeit die lokale
Kirchengeschichte zu bearbeiten. Pastor van den
Bruck hat 1922 die damals hundert Jahre umfassende