Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1931 Nr. 1

Spalte:

356-357

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Michel, Lothar

Titel/Untertitel:

Der Gang der Reformation in Franken 1931

Rezensent:

Alt, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

355

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 15/16.

356

germanischen Stämme auf dem Kontinent dem zersetzenden Einfluß der
dekadenten antiken Gesellschaft preisgegeben waren". Kamen nun die
„wilden Leidenschaften" der Germanen auf dem Festland von ihrer
„Naturwüchsigkeit" oder vom Einfluß der „dekadenten antiken Gesellschaft
" ? Und wo blieb bei dieser Gesellschaft das Erziehungswerk der
Kirche, die doch bei ihr seit Jahrhunderten zum Siege gelangt war?
Und wie waren die Sitten am Ausgang des Mittelalters? — Einige
sprachliche Verstöße. S. 1: „im Unterschied zu den Griechen", st. von
(dagegen: im Gegensatz zu). S. 11 A. 3 : eine „stattgefundene Synode"
ist Zeitungsdeutsch. Ebenso S. 43 A. 2: „Daß der Pelagianismus damals
noch eine Rolle in Britannien gespielt hat [st. habe], ist nicht anzunehmen
, S. 83 A. 1: „Es ist zum mindesten nicht erwiesen, daß die
Theodorischen dicta ... in eine so späte Zeit zu datieren sind" [st. seien],
S. 186 A. 1: „Sicher will Beda nicht sagen, daß die kleinen Sünden
ausschließlich durch jenes gegenseitige Bekenntnis zu sühnen sind"
[st. seien]. Ich führe das deswegen an, weil unsere Sprache unter dem
Gefühlsmangel der Zeitungsschreiber demnächst aufhören wird noch eine
Unbestimmtheitsform zu bilden, da sogar bei vollen Verneinungen schon
die Wirklichkeitsform im abhängigen Satz gebraucht wird: „es ist nicht
wahr, daß N. N. das und das getan hat" u. s. w. — Zum Schluß gestatte
ich mir noch zu fragen, ob „voluminös" (S. 78) etwa Tieferes
und Geheimnisvolleres bedeute als „umfangreich", „dickleibig" u. s. w.:
„Serie" als „Reihe", „Folge", „Kette" u.s. w., „Falsifikat" (S. 88) als
„Fälschung", „Leprosen" (S. 194) als „Aussätzige", u. dergl. Bedarf
denn unsere reiche deutsche Sprache solcher fremden Bettel brocken ?
München. Hugo Koch.

Cuthbert, P., Kapuziner: Der heilige Franz von Assisi. Eine
Lebensgeschichte. Aus dem Englischen übertragen v. P. Justinian
Widlöcher O. M. C. Neue Ausg. m. einem Geleitwort von H.
Federer. Stuttgart: O. Schloz. 1931. (404 S. m. 2 Taf.) 8°.

geb. RM 11-.

Eine Übersetzung von Sabatier's Vie de S. Francois
ins Katholische. Daß in der Tat Sabatier das Vorbild
war, das dem englischen Kapuziner vorschwebte, kann
nicht zweifelhaft sein. Es ist hier wie dort dasselbe
Arbeiten mit Intuition und seelischer Einfühlung, dieselbe
reichliche Verwendung poetisch ausgemalter Landschaftsbilder
und Zeitgeschichte, dieselbe Quellenbenützung
: auf Grund völliger Beherrschung der so umfangreichen
Literatur werden mit Vorliebe Anekdoten,
auch wenn sie aus später Überlieferung stammen, verwendet
; die Grenzen des Unwahrscheinlichen, Möglichen
, Wahrscheinlichen verschwimmen vor dem glänzenden
Gesamtbild, das von dem Heiligen gemalt wird.
Kein Wunder, daß Sabatier und der Dichter Federer
dem Buch hohes Lob spenden. Wie sehr Cuthbert seiner
Phantasie die Zügel schießen läßt, tritt uns oft entgegen
. Man lese z.B. S. 176ff., wo ein ganzes Kapitel
mit ausführlichen poetischen Schilderungen der Anwesenheit
Franzens auf dem vierten Laterankonzil gewidmet
ist, für die nur eine Notiz des so späten Angelus
Clarenus (S. 180 Anm. 7) und die Vorliebe des Heiligen
für das Tau (S. 186 Anm. 15) als Quellengrundlage
dient. Dabei verschmäht aber Cuthbert doch derartige
romanhafte Zutaten wie sie bei J. Jörgensen sich finden.
Aber ein tiefgreifender Unterschied zwischen Sabatier
und Cuthbert besteht nun darin, daß Cuthbert ganz
von katholischem Standpunkt aus schreibt und dem entsprechend
die Quellen wertet, sieht und verwendet. Da
wird auch ein Gel 1 bei Seite geschoben, gegen weit
spätere Quellen, wo er in der Schilderung der Jugend
Franzens unbequem wird (S. 17 Anm. 10), da wird in
der Schilderung der Stigmen das Zeugnis des Augenzeugen
Elias von Cortona einfach ignoriert, das doch
schon durch die Polemik von 1. Cel. 113 zum Nachdenken
reizt, und statt dessen die phantasievolle Schilderung
der fioretti breit ausgeführt. Da tritt die verschiedene
Beurteilung scharf hervor bei Bischof Guido v. Assisi
(S. 37. 43 gegenüber Sabatier 92 Anm. 1), bei Inno-
cenz III. (S. 88 ff. gegen Sabatier 105ff.), bei Clara
(S. 193 ff. gegen Sabatier 171 f.), bei den Märtyrern
von Marokko (S. 246 gegen Sabatier S. 286); besonders
deutlich wird der Unterschied in der Schilderung der
Krisis im Orden: die Schuld, soweit von einer solchen
überhaupt geredet werden kann, wird auf die Vikare geschoben
, Hugolin ist der gütige Herzensfreund und Vermittler
, „mit unerschöpflicher Geduld setzte er sich dafür
ein, die Kluft zwischen dem Gründer und den
neuen Führern zu überbrücken und ihre Sichtunterschiede
auszugleichen" (S. 261 vgl. S. 239 Anm. 1);
die Bulle v. 22. Sept. 1220, durch die das Noviziat
eingeführt wurde, wird von Sabatier als Anfang der
Krisis gewertet, von Cuthbert als „vernünftige Neuerung
" (S. 252). Die eigentliche schwere Stunde der
Prüfung für Franz sieht Cuthbert in der Einführung der

I Regel v. 1223 und da verschweigt er den starken

i inneren Widerstreit nicht, der bei Franz zu überwinden
war. Aber es hat bei dieser Art von Geschichtschrei-

1 bung kaum einen Sinn, über Einzelheiten zu diskutieren.
Unwillkürlich erinnere ich mich an das Wort, das
Sabatier in der Einleitung zu seinem Buch geschrieben
hat: „Pour ecrire l'histoire, il faut la penser, et la
penser, c'est la transformer", aber wenn er dann daraus
schließt „c'est donc une Utopie que l'histoire objective"
so ist das irreführend. Gewiß ist eine völlig objektive

I Geschichtsdarstellung ein nie ganz zu erreichendes
Ideal, aber wer darauf verzichtet, diesem Ideal ernstlich
nachzustreben, weil es eine Utopie darstelle, wer
sich darum der Leitung seiner Dogmatik, seiner Parteidoktrin
oder seiner poetischen Phantasie überläßt, der
gerät in die Gefahr, einen historischen Roman statt
Geschichte zu schreiben, und dieser Gefahr ist meines
Erachtens weder Sabatier noch Cuthbert völlig entgangen
. Eine Arbeit wie die von L. Zarnke, Anteil Hugolins
an der Ausbildung der drei Orden des h. Franz,

j liest sich freilich viel weniger unterhaltend, aber kommt

I der Wahrheit näher.

Die deutsche Übersetzung des englischen Buches

j ist glänzend, doch wäre zu wünschen, daß der Übersetzer
eine Reihe von, wie ich vermute, selbst erfunde-

| nen deutschen Wörtern durch allgemein gebräuchliche

I ersetzen würde (Gepröbel S. 96, verschupfte S. 98,
Verschnupfte S. 45, Hablosigkeit S. 60, Hablich S.
161, Naturbesinnlichkeit S. 107, Gespür S. 144, un-
wankbar S. 178, Gezünde S. 210, werkte S. 293,
bräuselt S. 334 u. a.).
Stuttgart. Ed. Lempp.

Michel, Lothar: Der Gang der Reformation in Franken.

Auf Grund kritischer Übersicht über die bisherige Literatur dargestellt.
Erlangen: Palm u. Enke 1930. (III, 166 S.) gr. 8°. = Erlanger
Abhandlgn. z. mittleren u. neueren Gesch., hrsg. v. B. Schmeidler
u. O. Brandt, 4. Bd. RM 8.50.

Angeregt durch eine Aussprache auf der Jahresversammlung
des Vereins für Bayerische Kirchenge-
1 schichte in Nürnberg 1927 hat sich Lothar Michel mit
der Herausgabe dieser Schrift einer ebenso mühevollen
wie notwendigen und dankenswerten Aufgabe unterzogen
. Aus über 400 Abhandlungen in historischen und
kirchengeschichtlichen Fachblättern und Zeitschriften
sowie aus fast ebensovielen Monographien stellt er den
Gang der fränkischen Reformationsgeschichte topographisch
zusammen und sucht zuletzt die Grundlinien zu
einem Gesamtbild zu ziehen. Er verwendet dabei alle
irgendwie auffindbaren, deshalb aber auch ganz verschieden
zu bewertenden Veröffentlichungen über die Reformationsepoche
im Hochstift Würzburg, im Bistum Bamberg
, in der Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach-Kulm-
bach, in den Reichsstädten Nürnberg, Weißenburg,
Windsheim, Rothenburg, Dinkelsbühl, im Bistum Eichstätt
, in der Grafschaft Pappenheim und der Bailei
Franken des Deutschordens und führt jeweils die dazugehörige
Literatur im Anhang genau auf — eine ungeheure
Hilfe für den Geschichtsbeflissenen und ein begrüßenswertes
Mittel zur Rationalisierung der Forscherarbeit
. Vielleicht würde durch Hinzufügung eines Orts-,
Namens- und Sachregisters sowie einer die damaligen
Territorien und konfessionellen Verhältnisse wiedergebenden
Landkarte die Übersicht noch erhöht.

Fast noch wichtiger und lehrreicher als die sorgfältige
Registrierung und Zusammenfassung dessen, was
bisher erforscht und veröffentlicht wurde, ist der ständige
und stark unterstrichene Hinweis auf das,