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Ausgabe:

1931 Nr. 13

Spalte:

310

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rath, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Der Gottesfreund vom Oberland 1931

Rezensent:

Wolf, Ernst

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309

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 13.

310

Stellung würdigen können; Einzelheiten, die zu abweichendem
Urteil führen möchten, fehlen nicht.

Die zweite Abteilung (153—655) bringt eine
Auswahl von Texten, in buchstabengetreuer Wiedergabe
, durchweg aus dem Nürnberger Staatsarchiv.
Schrift- und Väterzitate sind ermittelt worden. Den
Abschluß bilden drei Register (656—673).

In dem umfangreichsten Stück, dem Ansbacher evangelischen Ratschlag
vom 30. Sept. 1524, findet sich S. 232, Zeile 12 ein Hinweis
auf eine „anzeigung irer (der röm. Bischöfe) recht bücher (sunderlich
Nona questione tertia)" ; dazu wird am Ende S. 322 eine Anmerkung
(allerdings mit falschem Verweis auf S. 230!) gesetzt, die den Wortlaut
nova quaestione tertia verhandelt, das Decretum Oelasianum nennt und
mit dem Satz schließt: »Freilich bleibt bei dieser Erklärung das Wort
Nova dunkel". Die Erklärung durch den Hinweis auf das sog. Oclasi-
anische Dekret befriedigt nicht und wenn, was mir wahrscheinlich ist,
Nona zu gelten hat, wird man bei der Kombination der Absatz- und
Unterabsatznummern 9 und 3 einzusetzen haben; hier bietet z. B.
Decretum Oratiani I d. 9 c. 3 schon eine Antwort an.

Eine wichtige Ergänzung der Texte bildet das Verzeichnis
der „Fränkischen Bekenntnisse" S. IX—XII,
das die Fundorte anderwärts abgedruckter oder noch
nicht veröffentlichter Stücke nennt. Wenn von Fränkischen
Bekenntnissen hier und sonst, besonders
im Titel, die Rede geht, ist diese uneigentliche Bezeichnung
gleichwohl für die „Religionsbedenken", Ratschläge
, Verantwortungen, Gutachten, Fragartikel usw.
einmal als Zusammenfassung praktisch nahegelegt und
sodann vielleicht auch dadurch zu stützen, daß der Gedanke
des Bekenntnisses im Gebiet der fränkischen
Frühreformation in maßgeblicher Weise immer wieder
auftaucht.

Der reformationsgeschichtlichen Forschung ist eine
wertvolle Quellenveröffentlichung geboten, die zusammen
mit der beachtlichen literar- und lehrgeschichtlichen
Einleitung eine Festgabe von hohem wissenschaftlichem
Rang darstellt.
Bonn- E. Wolf.

Leube, Prof. Lic. Dr. Hans: Reformation und Humanismus in
England. Leipzig: A. Deichert 1930. (38 S.) gr. 8°. RM 2—.
Mit großer Sachkenntnis und unter Verwertung
eines reichen Quellenmaterials werden in dieser nicht
unbedeutend erweiterten Leipziger Antrittsvorlesung die
verbindenden Fäden bloßgelegt, die sich für die anglikanische
Kirche von der Reformation zum Humanismus
spannen. Denn da die Kirche Englands nach ihrer Lösung
von Rom nur in beschränktem Maße den Einflüssen
Luthers sich öffnete, vielmehr auf die Väterkirche
des Ostens zurückgriff und so jenseits aller
Konfessionen die wirkliche Kirche Gottes zu sein überzeugt
war, konnte auch die rationale Seite ihres Wesens,
die aus scholastischen Wurzeln stammte, sich voll behaupten
, um so mehr, als von den Vätern des Ostens
her in der religiösen Fassung des Mikrokosmos und
Makrokosmos verwandte Ideen in sie überströmten.
Damit war zugleich der Boden bereitet für das Eindringen
der Antike, die an der Gestaltung der Kultur
Englands einen wesentlichen Anteil hat. An der platonischen
Akademie in Florenz hatten die Männer aus
Oxford am Ende des 15. Jahrhunderts ihre Erkenntnisse
geschöpft, die aber in England dann nicht zu
einer Überwertung des Menschen führten, sondern zu
einer nur um so ehrfurchtsvolleren Anbetung des Schöpfers
. Das Einströmen puritanischer religiöser Ideen
brachte dem Lande eine zweite Erweckung, die Englands
Kirche entscheidend auf den Boden des Protestantismus
stellte.

Die Eigenart der englischen Kirche in ihrer Verflochtenheit
mit Familie und Staat machte sie nicht nur
schon im Reformationszeitalter zum Träger einer Sozialethik
und Sozialpolitik, die von da an einen Bestandteil
ihres Wesens bildete, sondern die in ihr lebenden
religiösen Kräfte wurden auch in den Zeiten der Aufklärung
zum Bollwerk gegen den Atheismus, der durch
ihre Einwirkung in den protestantischen Ländern keine

Wurzeln zu fassen vermochte. So trug Englands Kirche
schon immer etwas von einer Art ökumenischen Charakters
an sich.

Daß auf dem knappen Raum weniger Seiten eine
an Gedanken und Gesichtspunkten so reiche Studie dargeboten
wird, ist ein Verdienst des Verfassers, dem wir
für seine gehaltvollen Ausführungen das Studium vieler
Interessierter wünschen.
Dortmund. H. Qoetz.

Rath, Wilhelm: Der Gottesfreund vom Oberland. Ein Menschheitsführer
an der Schwelle der Neuzeit. (XIV. Jahrh.) Sein Leben,
geschildert a. Gmndl. d. Urkundenbücher d. Johanniterhauses „zum
grünen Wörth" in Strafiburg. Stratiburg: Heitz & Cie. 1930. (VII,
204 S., 2 Taf.) 8°. RM 3 -.

Die Schrift kennzeichne sich selbst: „Von demjenigen aber soll in
diesem Büchlein die Rede sein, was die Briefe und Schriften des Gottesfreundes
, (!) als ihr „offenbares Geheimnis" anvertrauen dem, der sie
liest, indem ihm helfend zur Seite steht Anthroposophie" (S. 10). Der
Berichterstatter, der nun einmal der „rein äußeren Wissenschaft" verfallen
ist, die „der Seele den Tod" bringen soll (S. 59), hat festzustellen,
daß sich hier an einige Traktate (Meisterbuch, Neunfelsenbuch, Fünf-
mannenbuch) und Briefe der sog. Gottesfreund-Literatur, die zudem in
den Ablauf eines kritiklos aus ihnen abgelesenen Lebens des Gottesfreundes
vom Oberland eingereiht werden, der Versuch anschließt zu einer Auslegung
mit Hilfe Steinerscher Geisteswissenschaft, der „Geheimwissenschaft
im Umriß" im besonderen, zusamt dem hiehergehörigen Mysteiien-
apparat (einschließlich Luzifers und Ahrimans, Aetherleibes und Weltgedächtnisses
usw.). Die „rein äußere" Forschung, die sich um jene
Literatur müht, müßte der in der vorliegenden Schrift aufgewendeten
Mühe dankbar sein, wenn die vorgelegten „höheren Erkenntnisse" auch
tiefere wären. So verzeichnet sie, durchaus dessen sich bewußt, daß
Stilvergleichung und anderes nicht das letzte ihrer Bestrebungen sein
soll und sein kann, lediglich den neuen Titel und die Beigabe einer
Reproduktion von Bl. 4a des sog. Autographs des Fünfmannenbuchs.
Bonn. E. Wolf.

Vernon, Edward T.: Beliefs of to-day. A review of modern
cults and creeds. London : James Clarke 1929. (192 S.) 8°. 5 sh.

Dieses Buch eines Londoner Pfarrers ist in vielem
für die englische Religionseigenart bezeichnend. Der Verfasser
ist beeindruckt von der Religionsverwirrung, die
nach dem Weltkrieg über das englische Volk gekommen
ist, und er will durch Aufklärung und gerechtes Urteil
helfen. Daher greift er zuerst zu den Quäkern und
dann zu den Darbisten, womit er altes gutes Religionsgut
Englands und Irlands aufnimmt und sich dadurch
gewissermaßen um die Kritik bringt. Denn George
Fox (1624—91) ist nachgerade zu den Klassikern englischen
Sozialchristentums geworden; John Nelson Dar-
by (1800—1882), der von Irving beeinflußt ist, erscheint
als Romantiker volkstümlicher Frömmigkeit, die
sich in den Plymouthbrüdern sammelt. Ist die Exzentrizität
der Volksreligion erst bei so bewährten, geschichtlich
erprobten Erscheinungen Englands anerkannt,
so kann es nicht ausbleiben, daß Christian Science und
Gesundbeterei, Okkultismus, Russelismus, Theosophie
und der oberflächliche Harmonie - Idealismus, New
Thought genannt, eine verständig abwägende Beurteilung
erfährt. Denn alle Überzeugungen religiöser Art
sind dem Engländer ehrenwert, und wo viel Licht ist,
läßt er starken Schatten zu.

Der leider 1926 verstorbene Deutsche Carl Christian
Bry hat 1924 ein Buch „Verkappte Religionen"
geschrieben, das mit den Religionstorheiten ganz anders
umspringt. Da werden das Hinterweltlerwesen der Religion
: Sekten, Mysterien, Aberglauben, Vereinsmeierei,
Mangel an Lebensart, Esperanto und Kommunismus,
Psycho-Analyse und Weltfriedensbewegung, Antisemitismus
und Heimatkultus als Religionsersatz verhöhnt
und verspottet und der schrecklichen Phrasenhaftigkeit
des Nachkriegswesens die Maske abgerissen.

Es sind dieselben Religionsnöte, die England und
Deutschland haben; aber beide Völker reagieren völlig
verschieden. Beim Engländer treten sofort in Erscheinung
: Sinn für Toleranz, Praxis, Religionsgefühl. Und
mit diesen drei Begriffen stehen sogleich ihre drei