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Ausgabe:

1931 Nr. 12

Spalte:

286-287

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schuller, Richard

Titel/Untertitel:

Der evangelisch-sächsische Pfarrer in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung 1931

Rezensent:

Werdermann, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 12.

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aus der Haltung des Glaubens heraus den ganzen Menschen
gestalten will und nicht bloß nach pietistischer
Art Seelenfängerei treibt oder im institutionellen Sinne
evangelische Erziehung organisieren möchte. Solche Pädagogik
aus Glauben kann unter der Voraussetzung letzter
religiöser Entscheidung weitgehend die pädagogische
„Eigenständigkeit", zumal in methodischen Dingen, anerkennen
, ja sie muß es, weil sie im Gehorsam gegen
Gottes Schöpfungsordnung steht. Aus der Haltung des
Glaubens im Sinne des sola fide folgt die dialektische
Stellung zur pädagogischen Liebe, zum eros paedagogos,
der die verbindende Brücke von Seele zu Seele spannt.
Dieser eros „atmet etwas von der Schöpfergnade natürlicher
Liebe". Aber er hat auch seine „Todesgrenze";
denn er kann entweder zur Tyrannei des Erziehers und
zur Hörigkeit des Zöglings oder zum Umgekehrten
führen, oder das pädagogische Grundverhältnis löst
sich in verschwommene Mystik auf. Nur das Erlebnis
der alle menschliche Liebe begründenden Gottesliebe,
das Erlebnis, daß Erzieher und Zögling beide in der
Vergebung stehen, bildet einen tragfähigen Grund zum
sachlichen Dienste an der Gemeinschaft, verankert den
eros in der agape. „Die Neubegründung des eros in der
Geisteshaltung des Glaubens läßt sich in einem Satz beschreiben
: Wo der Mensch im Glauben die Wirklichkeit
einer ursprünglich schöpferischen Liebe, deren Wertgehalt
unabhängig ist vom Gegenstand der Liebe, in sich selbst
erfährt, wird er zur Sachlichkeit im Dienste an der
Gemeinschaft befreit."

Das wesentliche Verdienst des Buches ist die klare
Herausarbeitung des Kontrastes von humanistischer und
konfessioneller Pädagogik und die Bestimmung des
Begriffes der konfessionellen Pädagogik als einer Pädagogik
der gläubigen Haltung, nicht der konfessionellen
Institution oder der pietistischen Bekehrung. Damit ist
zu einem die Gegenwart bewegenden Problem in anschaulicher
und wirklich klärender Weise Stellung genommen
und das Problem der evangelischen Pädagogik
in grundlegender und wirklich evangelischer Weise angepackt
. Hier ist etwas gesagt, was über die landläufigen
Betrachtungen zur evangelischen Pädagogik hinausgeht
und ein gefährliches Abgleiten in katholisierende
Gedankengänge oder ein imitierendes Parallelgehen mit
katholischen Bestrebungen vermeidet.

Das Buch hat also in erster Linie theologischen und
erst in zweiter Linie pädagogischen Charakter, und es
ist gut, daß die Pädagogik einmal so entschieden auch
als theologisches Problem gezeigt wird. Allerdings
scheint mir auch hier die Grenze des Buches zu liegen.
Pädagogische Probleme müssen zunächst einmal als
pädagogische Probleme gesehen und in pädagogischem
Gedankengang zu Ende gedacht werden. Pädagogik ist
zunächst einmal — wie alles Wirken im menschlichen
Kreise — ein rein weltliches Handeln, das allein aus
sich selbst und in sich selbst durchdacht, verstanden
und geübt werden muß. Bis zu einem gewissen Grade,
besonders im Hinblick auf die Methodik, wird das ja
auch von Schreiner anerkannt. Nur scheint mir daraus
weiter zu folgen, daß Pädagogik als Wissenschaft,
als Theorie vom Ziel, von den Methoden und von der
Organisation der Erziehung immer nur humanistisch
sein kann, weil hier der Mensch nicht unter dem Anspruch
Gottes, sondern nur unter dem Anspruch des
Menschen gesehen wird. Alles erziehliche Handeln
aber kann immer nur aus einer bestimmten Haltung hervorgehen
, die evangelisch, katholisch, idealistisch, materialistisch
usw. bestimmt ist. Darum liegt der gläubige
Charakter der Pädagogik nicht in ihrer theoretischen
Abgrenzung gegen die humanistische Pädagogik, sondern
in der Gesinnung, mit der humanistische Pädagogik
gedacht und getan wird.

Neben dem gekennzeichneten und entscheidenden
Grundgedanken des Buches steht eine Fülle wertvollster
Beleuchtungen pädagogischer Zeitfragen (Führen oder
Wachsenlassen? Autonomie der Pädagogik, Autorität
und Freiheit usw.). Es enthält aber auch eine Reihe

sehr anfechtbarer Gedanken. Ist das Wort vom Führer-
Erlöser in dem Zusammenhang und Sinn, in dem es zuerst
geprägt worden ist, wirklich ein „Wahnwort"? Verwechselt
Hans Schlemmer wirklich Pädagogik aus Glauben
und Glauben aus Pädagogik? Wie dem aber auch
sein möge, das Buch ist infolge des gekennzeichneten
Grundgedankens eine beachtliche Erscheinung und eine
verdienstliche Leistung, die jedenfalls das Problem der
evangelischen Pädagogik wesentlich klärt.

Düsseldorf._Kurt Kesseler.

Schul 1er, Stadtpfr. i. R. Dr. Richard: Der evangelisch-sächsische
Pfarrer in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung. Hrsg.
m. Hilfe d. Vereins f. siebenbfirgische Landeskunde. Schäßburg:
Verl. d. Markusdruckerei. Für Deutschld.: Verein d. ev. Gustav
Adolf-Stiftung, Leipzig 1Q30. (362 S.) gr. 8°. RM 15—.

Das Problem einer Geschichte des deutsch-evangelischen
Pfarrerstandes begegnet in letzter Zeit wieder
größerer Aufmerksamkeit. Seit P. Drews' Buch, das
leider nie über die erste Auflage hinausgekommen ist,
ist zahlreicher neuer Stoff entdeckt und veröffentlicht
worden, in den Jahrbüchern für Kirchengeschichte der
verschiedensten Landesteile, im deutschen Pfarrerblatt,
in besonderen „Studien zur Geschichte des Pfarrerstandes
" (Warneck). Wie interessant und wichtig das
Gesamtgebiet ist, wieviel Neues noch der Erschließung
harrt, beweist auch das vorliegende Buch, das die Geschichte
des Pfarrers auf jener deutsch-evangelischen
Insel in Siebenbürgen schildert.

In zehn Kapiteln wird eine gewaltige Stoffülle zusammengetragen
. Nach kurzem Rückblick auf die katho-
lisch-vorreformatorischen Zustände wird die geistige
Ausbildung behandelt. Dann: Der Pfarrer auf der
Kanzel; kirchliche Feiern und sächsische Religiosität.
Konfessionalismus. Soziale Stellung des sächsischen
Pfarrers; sittliche Zustände. Organisation und Befugnisse
der 14 geistlichen „Kapitel". Aufbau der Kirche
in ihren Ämtern, Würden und Körperschaften. Berufung
und Amtseinsetzung des Pfarrers. Abgaben und Leistungen
des Pfarrers. Der Schlußabschnitt behandelt
ausführlich, wie der sächsische Pfarrer sein geistliches
Amt ausgeübt hat.

Ein ungeheurer Sammelfleiß liegt hinter der
Veröffentlichung. Quellen, die bisher unbekannt oder
unzugänglich waren, sind erschlossen; Archive und
handschriftliches Material Wiarden durchsucht; Tatsachen
und Einzelnotizen von allen Seiten zusammengetragen.
Und überall ist mit wissenschaftlicher Sorgfalt und
Akribie vorgegangen. Das gilt auch von der Unsumme
interessantester Anmerkungen, die unter dem Strich geboten
werden. Die Verbindungslinien nach Deutschland
werden stets gezogen, vor allem durch starkes Heranziehen
der Bücher von Meuss und Drews über den
deutschen Pfarrer. Reizvoll ist es zu sehen, wie alle
Perioden deutscher Kirchengeschichte sich bei jener
fernen abgesprengten Gruppe des Deutschtums widerspiegeln
und sich selbständig gestalten. Ganz anders
wirken hier die katholischen Zustände weiter, was sich
äußerlich in der Person und Stellung des Bischofs, in
der Einrichtung und Bedeutung der Kapitel dokumentiert
. Der sächsische Pfarrer war und blieb lange nach
Landesgesetz eine „adlige Person", er wird „Wohlehrwürdiger
Herr Vater" angeredet, ist ein großer Herr
in Stadt und Land, mit gewichtigen Rechten, auch
weltlicher Art, mit Beherrschung der zahlreichen ihm
untergebenen „Prediger". Reich ist sein Einkommen;
mitunter artet seine Lebensform gar in Luxus aus. Keine
so furchtbare Katastrophe wie der dreißigjährige Krieg
greift zerstörend ein. Der ständige Kampf mit andern
Nationalitäten und Konfessionen erhöht nur die Macht
und das Wertbewußtsein. Licht und Schatten wechseln
in den Perioden des Pietismus und Rationalismus, bis
in die jüngste Gegenwart hinein. In ruhiger Objektivität
, mit reichen anschaulichen Einzelbelegen wird das
alles geschildert; vgl. z. B. über das „Auspredigen"
S. 56, über „hörige Eltern" von Pfarrern usw.

Wer an der Geschichte des Pfarrerstandes und an Kirchengeschichte
überhaupt interessiert ist, erhält reiche Anregung. Denn im Grunde