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Ausgabe:

1931 Nr. 1

Spalte:

10-13

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Glunz, Hans H.

Titel/Untertitel:

Britannien und Bibeltext 1931

Rezensent:

Hecht, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 1.

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Obrigkeit, deren Kreise er gestört hatte, soll er nachts
nach Bethanien geflohen sein. Seine menschlichen
Schwächen nahmen einem seiner Jünger den Glauben
an seine Messianität. Bei dem Passahmahl, das aus
Rücksicht auf den Sabbat in jenem Jahr in der Nacht '
vor dem 14. Nisan stattgefunden haben soll (obwohl es i
keine Rechtstradition darüber gibt und in dem von l
sadduzäischen Priestern geleiteten Tempel eine solche j
Abweichung von der gesetzlichen Vorschrift unmög- j
lieh scheint), nahm er Gelegenheit, seine Wichtigkeit, !
das Leben zu opfern zu betonen, ohne dabei an Sühne !
zu denken. In Gethsemane betete er um Rettung, ohne |
sich dabei in den Willen Gottes zu fügen, wie die Evan-
gelisten berichten. Nach Lk. 22,36 soll er bei der !
Gefangennahme noch an bewaffneten Widerstand ge- j
dacht haben. Sein als lästerliche Anmaßung empfundenes
messianisches Bekenntnis in der Voruntersuchung
seiner Richter ergab den Anlaß zu seiner Verurteilung, J
die in Wirklichkeit dem Aufwiegler galt und von Pila- j
tus gern airsgeführt wurde. Seine Bedenken erfanden die '
Evangelisten, um den Römern gefällig zu sein und alle
Schuld auf die Juden zu wälzen, die doch als Volk für j
den Tod Jesu nicht verantwortlich gemacht werden
können. Golgatha sei nicht bei der Grabeskirche zu |
suchen, weil Hinrichtungsstätte und Grab innerhalb der |
Stadt unmöglich waren und die sogenannte dritte Mauer, |
die doch damals noch nicht vorhanden war, in ihrer
Lage ein schlagender Gegenbeweis sei. Über den Lauf
der Stadtmauern zur Zeit Jesu gibt Kl. keine Auskunft
. Mehrere Einzelheiten der Erzählung vom Kreu- ;
zestod gelten ihm als erfundene Erfüllungen biblischer
Voraussagen, die Berichte von den Erscheinungen des !
Auferstandenen dagegen insofern als Tatsachen, als ohne !
derartige Visionen die Entstehung des Christentums un- j
verständlich wäre. Das 8. Buch (S. 501—574) behandelt
Jesu, Lehre, die in ihrer Urgestalt als ein rein jüdisches i
Produkt bezeichnet wird. Jesus war jüdischer Separatist
, der nur sein Volk retten wollte (gegen die „unhistor
rische" Aussage von Matth. 8, 11 f.), und in Gegensatz
zum Judentum besonders deshalb geriet, weil er die j
Zeremonialgesetze hinter das Sittengesetz stellte, wäh- j
rend das jüdische Volk überzeugt war, daß die Religion
das ganze Leben umfassen müsse und auch ihre Formen
nötig seien, um die Nation vor dem Untergang zu i
retten und die ethischen Lehren der Propheten in der i
Welt zu verwirklichen. So mußte er seinen Volksgenossen
als ein gefährlicher Schwärmer erscheinen. Aber j
Kl. dürfte hier seine Anschauung vom Zweck des j
Judentums auf die alte Zeit übertragen. Durchdringung j
der Welt mit der Ethik der Propheten hat der Pharisäis- j
mus weder erstrebt noch tatsächlich geleistet, sondern
eher das jüdische Volk zu einem Fremdkörper unter
den Nationen gemacht, der nirgends Verständnis fand
und vor allem die Menschheit nicht zu Gott führte.
Während KL meint, daß die Annahme der Lehre Jesu
sein Volk getötet hätte, liegt der Gedanke doch nicht
so fern, daß sein Messianismus Israel gerettet haben
würde, während ein falscher Messianismus es in das
Verderben führte, das Jesus voraussah. Hätte in der
Konsequenz der Lehre Jesu eine Scheidung von Religion, i
Ethik und Recht gelegen, so wäre unter besserer Füh- i
rung damals das geschehen, was das moderne Judentum '
unter dem Einfluß des Christentums versucht hat. Kl.
wirft Jesus vor, daß sein Gott nicht der Gott der Ge- j
schichte und des Weltgerichts gewesen sei, weil er 1
Matth. 5,45 von Gottes liebender Geduld gegenüber 1
den Sündern redet, die doch sein Gericht nicht ausschließt
. Auch die Gottesnähe, die Jesus von sich voraussetzt
, müsse Bedenken erregen, und seine Zukunftserwartung
, die auch die Ethik beeinflußte, sei nur als j
utopische Schwärmerei zu begreifen, wobei die Frage |
entsteht, ob dann alle Zukunftserwartungen der alten
Propheten auch Schwärmerei waren, oder ob nicht doch :
hinter ihnen wie hinter Jesus der Gort steht, der die j
Menschheit erlösen will, in dessen Weifordnung eben j

Jesus die für die weitere Entwickelung entscheidende
Person war, obwohl sein Volk in der Mehrzahl dies
nicht erkannte. Es kann das letzte Wort über Jesus
nicht sein, das Klausner ausspricht, wenn er ihn nur als
Ethiker ohne Gleichen und hervorragenden Gleichnisredner
anerkennt, der zwar nichts Neues zu sagen hatte,
aber innerhalb des jüdischen Schrifttums dauernde Beachtung
verdient. Trotzdem bleibt Klausners Arbeit ein
Verdienst, weil sie nötigen wird, in Nachprüfung seiner
Angaben die Umwelt Jesu noch genauer als bisher auf
Übereinstimmung und Abweichung zu untersuchen und
auf diese Weise festzustellen, was in Wirklichkeit
der für Kl. unannehmbare „mystische Messianismus"
Jesu ist.

Greifswald. G. D a 1 m a n.

Glunz, Dr. Hans: Britannien und Bibeltext. Der Vulgatatext d.
Evangel. in seinem Verhältnis zur irisch-angelsächs. Kultur des Frühmittelalters
. Leipzig: B. Tauchnitz 1930. (187 S. mit 4 Ktn.) gr.
8°. = Kölner Anglist. Arbeiten, 12. Bd. RM 12—.

In einer überaus scharfsinnigen Untersuchung hat
Gl. 1928 die lat. Vorlage der westsächsischen Evangelienversion
(um 1000) zu bestimmen gesucht (Beitr. zur
Englischen Philologie, herausgeg. von M. Förster, Heft
IX). Er erkennt sie zweifellos richtig in einem Mischtext
der Vulgata nicht unähnlich dem im Brit. Mus.
Reg. I B 12 aufbewahrten Codex W. (nach der Bezeichnung
von Wordsworth-White; 13. Jahrh.). Diese Vorlage
mag um 880—900 entstanden sein, ist vermutlich
zunächst interlinear übersetzt und später von mehreren
Bearbeitern in die uns vorliegende Form umgegossen
worden (gute und handliche Ausgabe des ags. Textes
von J. W. Bright, Boston u. London 1904ff. in der
Belles-Lettres Series). Die Sicherung dieser Tatsachen
erforderte peinlichste Akribie und unermüdliche Versenkung
in die vielfachen Verzweigungen und Kreuzungen
des Weges, dessen Verlauf zu verfolgen war.
Aber schon in dieser früheren Arbeit zeigte sich die
glückliche Fähigkeit des Verf., über den zahlreichen
Einzelheiten die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge
und Hintergründe der Erscheinungen im Auge zu behalten
und auszuwerten. So erwuchs ihm das uns jetzt
vorliegende Werk als Ergänzung und Vertiefung der
Untersuchung über die Vorlage der ws. Evangelienübersetzung
, an die es sich anlehnt; es geht „von dem
Spezialfall . . . zum Original selbst und seiner Geschichte
über". Wir charakterisieren kurz den Inhalt der
einzelnen Abschnitte. Voraussetzungen: Der
Bibeltext als Funktion geistiger Tendenzen
. Zwei Hauptfragen stehen zur Erörterung,
die sich auf die Behandlung des Bibeltextes, das Verfahren
mit der überlieferten Wortfolge beziehen. Wie
erklären sich die Wandlungen, die das Gotteswort
durchmacht, und welches Bedürfnis ruft die solche
Änderungen aufhebenden Korrekturen und Renzensionen
hervor? Die Antwort kontrastiert die lebendige Glaubenspropaganda
insbesondere der ersten christlichen
Jahrhunderte, die im Wort das Symbol der hinter ihm
und durch es wirkenden Glaubenskräfte sah, mit dem Walten
einer klassisch-gelehrten Tradition (Alexandria, Cä-
sarea, Antiochia), für die das Wort weniger symbolische
als dinglich-formale Bedeutung hatte, die also in gewissem
Sinne als Vorläufer des Humanismus und der modernen
philologischen Textkritik angesehen werden kann; die
das Tasten nach der veritas und der auetoritas, sei es
der griechischen oder der hebräischen, in sich verkörpert
und, wie so häufig im Geistesleben der Völker, ein
rationales gegen ein emotionales Element in wechselseitiger
Reaktion ausspielt. Auf letzterem ruht natürlich
das Schwergewicht; Der einleitende Abschnitt ist
reich an fesselnden Ausblicken und schönen Formulierungen
, die das Zustandekommen, die kultur- und
geistesgeschichtliche Begründung von provinzial und
national gefärbten Varianten und Typen des Vulgata-
textes zum Gegenstande haben. Die Textentwicklung
der Bibel, heißt es auf s. 47, „ist nur eine Begleiterschei-