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Ausgabe:

1931 Nr. 12

Spalte:

278-279

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koepp, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die gegenwärtige Geisteslage und die 'dialektische' Theologie 1931

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 12.

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Wenn aber Harnack zur Kritik des scholastischen
Gnadenbegriffs anführt, zur Erhebung des Menschen
aus der Sphäre der Sünde und Schuld in die Sphäre
Gottes hülfen keine dinglichen Mitteilungen (wie sie
die Scholastik lehre), sondern nur eine persönliche Gemeinschaft
mit Gott in Ehrfurcht, Liebe und Vertrauen,
so trifft er damit ohne Zweifel das Richtige, daß nämlich
die Scholastik unter Gnade eine von Gott eingegossene
Gabe versteht und von ihr Vollendung erhofft,
während wir Protestanten die Gnade als die Liebesgesinnung
Gottes gegen die Menschen auffassen und nur
von ihr und dem Vertrauen auf sie das Heil der Seele
erwarten. Aber Doms entgegnet, Vertrauen und Liebe
zu Gott müssen doch, wenn anders sie nicht vom Menschen
aus eigener Kraft erzeugt werden — was Pela-
gianismus wäre — von Gott dem Menschen „eingegossen
" werden (S. 282). Ich erwidere: Nein, Vertrauen
wird nicht in der Art eines Stoffes eingegossen,
sondern als eine Gemütshaltung psychologisch erweckt.
Gerade der angeführte Einwand des Verf. zeigt, daß
Harnack mit Recht an der scholastischen Theorie beanstandet
, daß sie an die Stelle geistiger Beziehungen
und Einwirkungen geheimnisvolle Veränderungen setzt,
die stets irgendwie naturhaft gedacht werden.

Ludwigsburg._Walter Betzendörfer.

Heim, Prof. D. Dr. Karl, u. Kokichi Kurosaki: Mystik oder

Versöhnung ? Unsere Verpflichtung zur Weltmission. Von K. H e i m.

Bekehrung eines Gottlosen. Ein Bekenntnis von K. Kurosaki.

Berlin: Furche-Verl. [1930] (48 S.) 8°. = Stimmen a. d. dtsch. christl.

Studentenbewegung, H. 67. RM 1.20.

Der erste der hier vereinigten Aufsätze ist erstmalig
in der „Furche" (15. Jahrgang 1929) erschienen,
der zweite bildete ursprünglich für sich allein Heft 30
der „Stimmen usw." Es war sehr geschickt, die beiden
Aufsätze in einem Heft zusammenzufassen; denn sie
ergänzen sich in ausgezeichneter Weise; sie schließen
sich zu einer eindrucksvollen Beantwortung der Frage
zusammen, die heutzutage meistens als erste der
Missionsarbeit entgegengehalten zu werden pflegt: verträgt
sich die christliche Mission mit den heutigen
Einsichten der Religionsgeschichte, die uns neben
dem Christentum noch andere gleich hohe Gipfel zeigt?
Hat nicht jeder Kulturkreis die ihm angemessene Religion
? Kann man anders als aus ungebildeter naiver
Anmaßung heraus heute noch Mission treiben? —
Gleichsam als Gegenfrage arbeitet Heim mit der jedesmal
wieder überraschenden, immer gleichen Klarheit
seiner Linienführung die Kernfrage heraus, die für das
Verhältnis der Religionen zu einander und zugleich
für alle Missionsarbeit grundlegend ist: Mystik oder
Versöhnung? Als entscheidenden Ausgangspunkt für die
Beantwortung dieser Frage deckt H. die Lage der
Menschheit vor Gott auf, nämlich die, daß Gott den
Verkehr mit ihr aufnehmen muß, wenn anders eine
wirkliche Beziehung zwischen ihm und ihr entstehen
soll. Sie ist schlechthin auf die Versöhnung, die Gott
selbst bewirkt, angewiesen. Von den drei religiösen
Hauptwegen, die an Hand von 1. Kor. 1,23 herausgearbeitet
werden, kann daher nur einer, „das Wort von
der Versöhnung", ans Ziel führen. Die Losung der
christlichen Mission muß daher sein: um keinen Preis
Kompromisse mit andern Religionen, Synkretismus, sondern
Kampf um die Völker, in dem Bewußtsein, eben
dies ihnen schuldig zu sein, sie für Christus zu erobern.

Heim gehört zu den wenigen stellvertretenden
Denkern unserer Zeit; er trägt und bewegt die Fragen
der Gegenwart lebendig in sich und findet für viele
entscheidende Antworten. Eine Gefahr taucht bei solcher
Zielbewußtheit des Denkens und solcher Schärfe
der Linienführung freilich hier und da auf, die Gefahr
zu großer Vereinfachung, einer gewissen Schematisierung
der Wirklichkeit, die stets mannigfaltiger und
komplizierter ist als das vollkommenste System. Aber
bei solchen Fragen kommt gewiß alles auf Klarheit
und Eindeutigkeit der Antwort an.

Gibt H. auf die Titelfrage des Heftes die grund-

1 sätzliche Antwort, so bestätigt in dem Aufsatz K.s
gleichsam das Leben die Richtigkeit dieser Antwort,
j Aber nicht nur H.s Ausführungen gewinnen durch die
1 Verbindung mit denen K.s, sondern auch umgekehrt
diese durch jene; denn „die Bekehrung eines Gottlosen"
erscheint durch diese Verknüpfung erst in denjenigen
weltreligionsgeschichtlichen Hintergrund hineingezeich-
! net, der sie in ihrer paradigmatischen Bedeutsamkeit in
voller Klarheit hervortreten läßt. Kurosaki, ein japa-
i nischer Schüler Heims, bietet hier — ursprünglich als
ganz persönliche Gabe für seinen Lehrer — nicht eigent-
! lieh seine Lebensgeschichte, sondern ein Bekenntnis der
Wege, auf denen er zum Christentum kam; der äußere
i Lebensgang ist nur wie ein anspruchsloser Rahmen angedeutet
, der ganz hinter dem allein wichtigen Bilde
, zurücktreten will. Die treibende Frage dieses Lebens
| ist die Begründung des Ethos, und unter diesem An-
' trieb wandert K. von Religion zu Religion, von Weltan-
; schauung zu Weltanschauung; bei Konfutse beginnt er
( und kommt über ein Stadium moralischer Indifferenz
! zu Hilty, von hier zur pantheistischen Mvstik, um end-
i lieh in Jesus ans Ziel zu gelangen. Er ist also alle
; die drei religiösen Hauptwege der Menschheit, die in
i 1. Kor. 1,23 angedeutet sind, zu Ende gegangen. Diese
Wanderung und die Art, wie sie betend oekannt wird,
drängt in der Tat den Vergleich mit Augustins Be-
I Kenntnissen unmittelbar auf. Freilich erinnert an diese
auch die etwas einseitige Verteilung von Licht und
! Schatten. Aber auch hier gilt: besser überscharfe, aber
kraftvolle Klarheit als allem gerecht werden wollende
• und darum unklare Schwäche; denn auch K.s Ausfüh-
| rungen wollen in erster Linie Verkündigung sein.

! Leipzig._ Gustav Stähl in.

( Koepp, Prof. D. Wilhelm: Die gegenwärtige Geisteslage und
die „dialektische" Theologie. Eine Einführung. Tübingen: 1
C. B. Mohr 1930. (VII, 104 S.) 8°. RM 4.20.

Die Schrift gliedert sich in drei Teile. Der erste
bespricht die Situation des Christentums und der christ-
: liehen Theologie in der gegenwärtigen Zeitlage. Man
i wird den Ausführungen K.'s vorbehaltlos zustimmen
I müssen, soweit sie sich in der These zusammenfassen,
es komme darauf an, daß dem neuen Geist unserer
; veränderten Welt das alte Evangelium neu sich dol-
j metsche. Über diese These geht freilich die Forderung
j einer Gnosismetaphysik beträchtlich hinaus.

Auf dieser Grundlage behandelt dann der 2. Teil
i die dialektische Theologie als Zeitgestalt des Evange-
i liums, der 3. die dialektische Theologie als Theologie.
Es wird also zwischen den religiösen Grundmotiven
der Dialektiker und ihrem eigentlichen Theologisieren
streng unterschieden. Diese Behandlungsweise, die einer
grundsätzlich religionspsychologischen mindestens
ganz nahekommt, ist gewiß die sachgemäße und am
besten geeignet, ein wirkliches Verständnis des Sach-
I Verhaltes in seinem ganzen Umfange zu erreichen.

Wenn die dialektische Theologie unter der Frage-
! Stellung des 2. Teils als Zeitgestalt des Evangeliums
bezeichnet wird, so ist m. E. nur eine Näherbestimmung
nötig, nämlich durch Hinzufügung des unbestimmten
Artikels: „eine" Zeitgestalt. So meint es auch wohl K.
selbst überwiegend. Immerhin bleibt bei ihm gelegentlich
die andere Fassung offen: „die" Zeitgestalt. Aber
1 so gefaßt wäre das Urteil als einseitig zu beanstanden.
Ähnlich verhält es sich mit dem Hinweis auf Barths
bekannten Ausspruch, er wolle nur Kierkegaards unendlichen
qualitativen Unterschied von Zeit und Ewigkeit
in seiner negativen und positiven Bedeutung möglichst
beharrlich im Auge behalten. Das „beharrlich" trifft
in Wirklichkeit doch nur nach der negativen Seite hin
zu, nicht in gleicher Weise ebenso nach der positiven.
Und abermals ist entsprechend zu urteilen, wenn von
K. das Geheimnis des qualitativen Unterschiedes als
Widerfahrnis; der N ic h t-Er f a h r b a r k e it
Gottes in der Weise, wie man sonst irgend etwas Irdisches
oder Menschliches erfährt, umschrieben wird. Die-
| ses Widerfahrnis ist gerade nicht dialektischer, wohl aber