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Ausgabe:

1931 Nr. 11

Spalte:

251-254

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Das Zeitalter der Reformation 1931

Rezensent:

Hasenclever, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 11.

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scher und bibelwissenschaftlicher Art, dazu eine Reihe
von Briefen hinterlassen. Vieles davon ist schon gedruckt
(besonders von E. A. W. Budge 2 Bde, 1894,
auch im Corpus Script, christ. oriental., Script, syr.
Series II tom. 27 und in der Patrol. oriental. tom. 15),
anderes aber harrt noch der Veröffentlichung.

Lebon legt drei, bisher noch nicht herausgegebene,
Briefe vor, die er inhaltlich schon in seiner Studie über
den Monophysitismus des Severus von Antiochien (Le
monophysitisme severien, Löwen 1909) verwertet hatte.
Der eine Brief ist vollständig erhalten: an den Lektor
Maron von Anazarba in Cilicien (s. S. 58, 2). Von den
beiden anderen sind nur Bruchstücke vorhanden: an
Simeon den Abt von Teleda und „an alle orthodoxen
Mönche im Orient". Dem unbeschädigten Brief sind
(S. 56 f.) in zwei Anhängen kurze Fragmente anderer
Herkunft jedoch inhaltlich in den gleichen Zusammenhang
gehörig beigefügt.

Die Anordnung ist in jedem der drei Hauptfälle
die, daß eine kritische Einleitung den Anfang macht, die
über die Handschriften und die näheren Umstände der
Entstehung der Briefe handelt. Es folgt der syrische
Text, an den sich eine lateinische Übersetzung mit
sachlichen Noten zur Erklärung — in französischer
Sprache — anschließt. Das Ganze atmet solide Wissenschaftlichkeit
und ist als eine Vermehrung unseres
Quellenmaterials dankbar zu begrüßen.
Göttingen._W. Bauer.

Schnabel, Franz: Deutschlands geschichtliche Quellen und
Darstellungen in der Neuzeit. 1. Tl.: Das Zeitalter der Reformation
. 1500—1550. Leipzig: B. G. Teubner, 1931. (VIII, 375 S.)
gr. 8°. geb. RM 16—.

Wer Schnabels Buch gerecht würdigen will, muß
sich seinen eigentlichen Zweck vor Augen halten: „ein
Handbuch, ein Leitfaden, der dem praktischen Bedürfnis
von Dozenten und Studenten dienen will" (pag.
III), ein „Wattenbach der neueren Geschichte", freilich
weniger und zugleich mehr enthaltend; weniger, insofern
nicht jede Geschichtsquelle verzeichnet und ihrem
Wert oder Unwert nach charakterisiert wird, sondern nur
diejenigen, welche „sozusagen kanonische Bedeutung"
haben; mehr, weil, wie schon der Titel des Buches andeutet
, auch die modernen Geschichtsdarstellungen bis in
die neueste Zeit aufgeführt und gewürdigt werden,
selbstverständlich auch hier nur diejenigen von „kanonischer
Bedeutung", aber die Grenzen von Schnabels
Kanon sind immerhin nicht zu eng gezogen.

Der Verf. ist Katholik; es muß jedoch anerkannt
werden, daß ein konfessioneller Standpunkt fast nirgends
hervortritt; vielleicht hätte in dem Abschnitt über
Johannes Janssen (S. 304 ff.) das einseitig Tendenziöse
der Quellenzitate, das zu starke Verallgemeinern auf
Grund von willkürlich herausgegriffenen Einzelzeugnissen
noch schärfer betont werden können, als es geschieht
; was der Verf. von Joachimssens „Geschichte
der Reformation" in der Propyläenweltgeschichte (1930)
rühmend hervorhebt: „Die Objektivität ist bis zu jenen
Grenzen geführt, die uns Menschen überhaupt möglich
sind" (S. 361), das darf man im allgemeinen wohl
auch von diesem Buch sagen.

Auffallend ist die zeitliche Umgrenzung, die der
Verf. dem „Zeitalter der Reformation" gibt: 1500—1550.
Das Ausgangs jähr ist verständlich, da sein Werk eine
unmittelbare Fortsetzung von Ottokar Lorenz': „Geschichtsquellen
im Mittelalter" sein will; die Wahl des
Schlußjahres wird nicht näher begründet; man kann
wohl darüber streiten, ob das Zeitalter der Reformation
mit dem Jahre 1555, mit dem Augsburger Religionsfrieden
, wie allgemein angenommen wird, oder mit dem
Jahre 1563, mit den so wichtigen Beschlüssen der
letzten Session des Tridentinums seinen Abschluß findet,
oder richtiger, ob alsdann erst das Zeitalter der Gegenreformation
beginnt; sicher ist, daß das Jahr 1550 kein
Epochenjahr in der deutschen und auch nicht in der
europäischen Geschichte bedeutet.

I In 6 Abschnitte außer einer ganz kurzen Einleitung
ist Schn.'s Werk eingeteilt: 1. Luthers Werke; 2. Corpus
Reformatorum; 3. Corpus Catholicorum; 4. Die Werke
| der Humanisten und der humanistischen Geschichts-
| Schreibung. 5. Akten, Briefe und Chroniken. 6. Darstellungen
.

Selbstverständlich wird der eine oder andere Benutzer
und Forscher bei einem solchen Werke seine be-

j sonderen Wünsche vorbringen können, im ganzen wird
man aber urteilen dürfen, daß das Wesentliche erwähnt,
wenn auch nicht stets vollständig erwähnt ist; es fällt
auf, daß bei den Quellen wichtige neue Veröffentlichungen
fehlen, z. B. der 1. im Jahre 1930 erschienene
Band der Briefe Luthers in der Weimarer Aus-

! gäbe wird nicht aufgeführt, ja der Verf. betont, daß
„die Briefsammlung noch nicht in Angriff genommen
ist, da die Erlanger Ausgabe noch ausreicht" (S. 6,
Anm. 2); die Supplementa Melanchthoniana, die Ergänzung
und Neubearbeitung des Corpus reformatorum,

j von der bereits mehrere Bände, darunter ein Briefband

j bis zum Jahre 1528, vorliegen, vermißt man schmerzlich
, und daß die Briefe Ökolampads „noch der Veröffentlichung
harren" (S. 233, Anm. 2), ist auch nicht
richtig: seit 1927 liegen sie gedruckt vor, und wenn
der für die Epoche des schmalkaldischen Krieges auch
heute noch wichtige Nikolaus Mameranus lediglich als
„Vielschreiber" kurz abgetan wird (S. 215, Anm. 4),
so hätte wenigstens zur weiteren Orientierung über ihn,
was vielleicht richtungweisend für eine neue Auflage
überhaupt werden kann, auf seine verdienstvolle Biographie
von Nik. Didier (1915) hingewiesen werden
können. Daß Hortleders dickleibiges Werk, diese Urkundensammlung
zu Sleidans Kommentarien, zu den
Darstellungen und nicht zu den Quellen, verwiesen wird,
muß Verwunderung hervorrufen; hier hätte auch kurz
erwähnt werden müssen, daß manche der von ihm mitgeteilten
Streitschriften, besonders von und gegen Heinz
von Wolffenbüttel, in gemilderter Form, frei von den
der Zeit eigentümlichen urwüchsigen Schmähungen, wiedergegeben
sind, und schließlich möchte ich doch einen
gewissen Zweifel an des Verf.'s Feststellung (S. 135)
über den Quellenwert von Venetianischen Depeschen und
Nuntiaturberichten, so weit sie über die Reformationszeit

J vorliegen, aussprechen; auf Grund eingehender Benutzung
beider Quellenwerke gebe ich den Venetianischen
Depeschen unbedingt den Vorzug; und daß „Venezianische
Relationen und Depeschen" ihrem Quellenwert
oder richtiger ihrer Gattung nach als gleichstehend behandelt
werden, halte ich für falsch: die Depeschen

i sind allerdings zu den Urkunden zu rechnen, die Relationen
möchte ich — trotz Ranke — den zeitgenössi-

! sehen Chroniken und Geschichtsdarstellungen zuweisen.

j Recht dankenswert sind die Angaben (S. 144—175) über

| die Archive und ihre Bestände; man wundert sich fast,
daß bei den mannigfachen Irrfahrten der Akten in
Kriegszeiten oder bei Gebietsabtretungen, von denen der
Verf. hier berichtet, noch so große zusammenhängende
Bestände erhalten geblieben sind; bei den Münchener
Archiven (S. 169 f.) vermisse ich eine kurze Erwähnung
, daß das dortige Staatsarchiv auch die kurpfälzischen
Akten des 16. und 17. Jahrhunderts enthält.

„Von der Türkei bis in den skandinavischen Norden
reicht die Weite der Beziehungen, die Ranke mit seinem
Blick umfaßt", rühmt der Verf. einmal von dem Altmeister
unserer Geschichtswissenschaft; so weitgespannt
hat er selbst seinen Rahmen nicht: es fällt auf, daß
der deutsche Norden und der deutsche Osten fast gar
nicht behandelt werden; nur die Veröffentlichungen
Tschackerts über den Ordensstaat werden in einer Anmerkung
kurz erwähnt, und die orientalische Frage, die
doch für Deutschlands Geschichte im 16. Jahrhundert
von besonderer Bedeutung ist, wird nur ganz nebenbei
berührt; hier hätten vor allem die auch kulturgeschichtlich
so wichtigen, freilich, so weit ich sehe, auch im
Dahlmann-Waitz vergessenen Publikationen von Gevay