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Ausgabe:

1931 Nr. 10

Spalte:

236-237

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burn, Andrew E.

Titel/Untertitel:

Der Hymnus "Te Deum" und dessen Verfasser 1931

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 10.

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Kämmerlein geübt wissen wollte. Denn in einem solchen
lebendigen Beten sind es die ganz konkreten persönlichen
inneren oder auch äußeren Nöte, Sorgen, Anlie- j
gen, Schmerzen und Freuden, die mit Flehen und
Danken ausgeströmt werden, bis die Seele im Vertrauens
- und ergebungsvollen Aufblick zu Gott ihre
Ruhe und neue Kraft zur ferneren Lebensführung findet.
Ein lebendiges Beten ist aber nicht auch die Aneignung
und Anerkennung allgemeiner Gebetsgedanken, sowie
man sie im Experiment zu diesem Zwecke vorgelegt
bekommt.

Geht man nun von einem eignen erfahrungsbe- ;
stimmten Wissen um die Eigenart des Betens aus an
die Aufgabe, das eigentliche Wesen der subjektiven
Religion festzustellen, so scheinen mir die von Gr.
vertretenen Ergebnisse der experimentellen Religions-
psychologie, die ich an sich als in wichtigen Hauptsachen
zutreffend anerkenne, doch noch erheblicher Ergänzungen
zu bedürfen. Wenn Gr. mit Girgensohn
(S. 225) besonderes Gewicht auf die in aller Religion
wirksam werdende Ichfunktion mit ihren Momenten
der Aneignung, Hingabe und Steigerung legt (S. 746),
so wird man freilich diese seelischen Leistungen auch in
den charakteristischen Akten eines frommen Betens |
wiedererkennen können. Gerade aber was das Gebet
angeht, scheint mir ein einseitiges Hervorkehren
der Ichfunktion nicht ohne Bedenken
zu sein. Luther sagt einmal, es sei nicht ein
gutes Gebet, wenn der Einzelne nur für sich allein und
nicht auch für andere bete, und begründet dieses Urteil
mit dem Hinweis auf die pluralische Fassung der
Bitten des Vaterunsers. Kann man aber demgemäß
neben der Ichfunktion etwa auch eine Wirfunktion als
im Beten selbständig wirksam anerkennen? Unter dem
Gesichtspunkt der Kirche als communio sanctorum ganz
gewiß. Aber psychologisch wird die Wirfunktion
doch immer nur als die Summe zahlreicher Ichfunktionen
vieler Menschen zu begreifen sein. Andererseits
erschöpft sich jedoch ein wirklich frommes Beten nicht
darin, daß die in ihm wirksame Ichfunktion sich nur
egozentrisch darauf richtet, selbstsüchtige Wünsche
an den Gott, zu dem man betet, heranzubringen. Einem
solchen Beten ist jedenfalls die Fürbitte für andere
an uneigennütziger Reinheit zweifellos
überlegen. Dem Bittgebet überhaupt aber ist das
Dank gebet dadurch religiös überlegen, daß es
ein vollkommenerer Ausdruck der Ergebung in Gottes
Willen oder, wie Gr. zu sagen pflegt, der Hingabe an
Gott ist. Vollständig nun ist auch ein Dankgebet nicht,
wenn es sich allein auf die einem selbst von Gott erwiesenen
Wohltaten richtet und nicht auch auf die,
welche anderen Menschen und den menschlichen Ge- j
meinschaftsgruppen, in die man hineingehört, zu teil j
geworden sind. Gibt man dies alles zu, so folgt aber
daraus, daß es verfehlt ist, die Beziehung zu
Gott, die unmittelbar lebendig nur im Gebet
erfahren wird, einseitig bloß als ein i
Verhältnis des Ichs zum göttlichen Du ]
zu vergegenwärtigen. Zwar ist dies seit mehreren Jahr- I
zehnten in der Theologie ganz überwiegend üblich, und |
auch Gruehns Religionspsychologie ist auf diese Art von j
Betrachtung eingestellt. In der Religionspsychologie
ist diese Auffassung verständlich als eine Folge der |
ihre jeweiligen Objekte besonders im Experiment künst- j
lieh isolierenden wissenschaftlichen Betrachtungsweise, j
In der Theologie erklärt sich ihr Vorherrschen aus der |
bei ihren meisten Vertretern vorliegenden unkritischen j
Vorliebe für die Mystik oder wenigstens für mystoide
Formen der Religion, sei es innerhalb, sei es außerhalb
des Christentums.

Sucht man dagegen die Religion von der Erschei- J
nung des Gebets aus, die auch in manchen nichtchristlichen
Religionen Fürbitte und Dank mit umfaßt, zu I
begreifen, so stellt sie sich in der Vollständigkeit ihres |
Grundbestandes nicht nur als ein Verhältnis

von Ichund Du dar, sondern schließt zugleich
auch alle Beziehungen in sich ein, die das
Ich mit anderen Menschen und überhaupt
mit seiner Umwelt verbinden. Denn aus dem
lebendigen Eingegliedertsein des Einzelnen in das weltliche
Dasein entspringen alle Nöte, Sorgen und sonstigen
Anliegen, die den Inhalt eines lebendigen Gebets
bilden. In ihrer grundsätzlich weltflüchtigen Tendenz
sucht die Mystik mit ihrer Beschränkung auf Ich und
Du jene lebendigen Beziehungen des Menschen gewaltsam
, d. h. jedoch künstlich, zu ignorieren. So aber stellt
sich in ihr eine durch die Einseitigkeit ihrer seelischen
Einstellung verkümmerte Gestalt der Religion dar. In
seiner Religionspsychologie (S. 76) bemüht sich auch
Gruehn, den Unterschied zwischen mystischer und „reiner
" Frömmigkeit heraus zu arbeiten. Indem er diese
aber bloß als die rechte Mitte zwischen dem Rationalismus
und der Mystik kennen lehrt, bestimmt er jenen
Unterschied nur quantitativ. Ihn auch qualitativ
zu erfassen, ist aber nur möglich, wenn man die
weltlichen Beziehungen, in denen nun doch einmal jedes
Ich durch sein leibliches Dasein und durch die sozialen
Bedingungen seiner ganzen Existenz während seines
gesamten irdischen Lebens steht, aus dem Bilde, das
man sich von der unmittelbar lebendigen und eigentlichen
subjektiven Religion zu gestalten hat, nicht willkürlich
ausschließt, sondern in ihm gebührend geltend
macht. Wieweit in Zukunft etwa auch die sei es experimentelle
sei es auf Experimente verzichtende Religionspsychologie
dieser Aufgabe von grundlegender Wichtigkeit
gerecht zu werden vermag, bleibt abzuwarten. Gelingt
es ihr nicht, so mag sie wohl das Wesen der
mystischen und mystoiden Frömmigkeit immer besser
aufklären helfen, nicht aber auch das der evangelischen
Frömmigkeit im Sinne der Reformation Luthers.
Bonn. O. Ritschi.

Burn, A. E.: Der Hymnus „Te Deura" und dessen Verfasser. In
deutscher Sprache herausgeg. von Otto Wissig. Kassel: Bärenreiter
Druck 1930. (81 S.) = Veröffentlichung der hymnolog. Arbeitsgemeinschaft
d. prakt. theolog. Seminars d. Univ. Gießen unter Leitung
von Prof. D. Cordier.
Das nun in deutscher Übersetzung dargebotene kleine Werk des-
gelehrten Dekans von Salisbury, der bald nach dessen Veröffentlichung
dahin geschieden ist (ich meine 1928), habe ich sachlich hier 1927,
Nr. 12, besprochen. So hebe ich jetzt nur nochmal hervor, daß es
wirklich so gelehrt und in jeder Weise sachkundig ist, wie es von dem
Verfasser als recht eigentlich „dem" Niketasforscher zu erwarten war.
Burn ist ja nicht der erste, der das T e D c u m dem Nicetas zugeschrieben
hat — er trat in die Eußstapfen von Dom G. Morin O. S. B.
Aber er hat wohl abschließend den Beweis erbracht, daß der Dacische
Missionsbischof, der Ereund des Paulinus von Nola, um 400, den großen
mächtigen Lobgesang gedichtet hat. Unentscheidbar bleibt die Frage,
ob er nicht vielleicht einen älteren (schon dem Cyprian bekannten),
möglicherweise einen griechischen Text zur Vorlage gehabt, ihn für den
gemeindlichen Gebrauch „ausgestaltet" (ergänzt, weiter, feiner geformt)
habe. Burn hatte 1905 die Opera Nicetae kritisch herausgegeben (Niceta
of Remesiana, his Life and Works, 136 Seiten [folgen noch, ebenfalls
kritisch ediert, die „Testimonia" für Nie, S. 137—156); voranging
eine „Introduction", die das ganze Problem, das „Nicetas" bedeutet,
beleuchtete, S. 1-CLX). Es ist sehr viel in den letzten Jahrzehnten
über Nie. verhandelt worden (seit C. P. Caspari 1883 seine explanatio-
symboli, nicht zwar „entdeckt", aber erst sachgemäß herausgegeben
hatte). Gerade auch noch in den zwei Jahrzehnten zwischen Burns
grundlegendem Buche (über das ich hier 1906, Nr. 13 eingehend berichtet
habe) und der SpezialStudie, die im Augenblick zur Frage steht.
Ich bin und bleibe unsicher, ob wirklich alle Schriften, die man jetzt
dem Nie. von Remesiana (das heutige Bela Palanka, südlich von Nisch)
zuschreibt, ihm gehören. Ich habe vielerlei Argumente dafür geltend
gemacht, daß man jetzt da allzu zuversichtlich sei (s. speziell — außer
dem, was ich in meinem Werke „D. apost. Symbol" beibrachte — die
Anzeige des Schriftchens von E. Hümpel, [hinter dem Th. Zahn
stand], hier 1896 Nr. 11; auch Burn ist da nicht so aufmerksam gewesen
, wie notwendig gewesen wäre). Doch meine Zweifel betreffen
das Te Deum nicht. — Es ist mir eine Freude, daß Burns Schrift
über diesen herrlichen Hymnus ins Deutsche übersetzt ist. Der Übersetzer
D. Otto Wissig, Pfarrer i. R. in Bad Nauheim, hat seine Altersmuße
ausgenützt, zuerst ein Buch über Bonifatius herauszugeben: er
ist fast schwärmerisch in seiner Hochschätzung der Iroschotten und von
da her sehr schroff in seiner Ablehnung des Bonifatius, (der auch