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Ausgabe:

1931 Nr. 10

Spalte:

233-236

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Girgensohn, Karl

Titel/Untertitel:

Der seelische Aufbau des religiösen Erlebens 1931

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 10.

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So ist letztlich das Buch ein theologisches Werk,
das mit Recht den Untertitel: Problematik und Apologie
des Christentums trägt. Die dogmatische Position des
Verfassers ist orthodox. Er bekennt sich zur Dreieinigkeit
, zur Gottmenschheit Christi, zur Auferstehung, zur
Kirche, alles der Prägung der alten Konzilien entsprechend
. Der liberale Protestantismus wird als aufklärerisch
und subjektivistisch abgelehnt, auch der fö- j
mische Katholizismus als zu juridisch und hierarchisch
kritisiert, dem östlichen Katholizismus bei aller Kritik
des äußeren Kirchentums doch seinen inneren religiösen
Motiven nach zugestimmt. In diesem Zusammenhang
erfahren dann aber die orthodoxen Dogmen eine an Jakob
Boehme erinnernde mystische Deutung, die dem
mystisch-religiösen Idealismus des Verfassers von der
Durchlichtung der Seele und des Kosmos entspricht.
„Das Licht, das von dem Gekreuzigten ausgeht, ist ein
Blitz in der Finsternis, und von diesem Lichte geht die
Durchleuchtung der ganzen Finsternis des Seins, der
Sieg über die Finsternis des Nichtseins aus." Dann wird
auch wirklich Kirche sein, Kirche als „Gesammeltheit"
aller derer, die des Geistes voll sind, während heute der
wahrhaft prophetische Geist nicht in den „Heiligen" der
Kirche, sondern in den „Propheten" neben der Kirche ]
lebt. Mit der Durchsetzung des neuen Christentums
wird sich auch das Prophetentum wieder mit der Kirche
verbinden. „In Gottes unerforschlichem Ratschluß liegt
es beschlossen, daß das Prophetentum einstweilen außerhalb
des sichtbaren Leibes der Kirche wirkt. Es werden
aber Zeiten kommen, da der in der Welt wirkende
prophetische Geist als der kirchliche Geist und als aus
der Tiefe der Kirche kommend anerkannt werden wird."
Düsseldorf._Kurt Kesseler.

Oirgensohn, Prof. D. Dr. Karl: Der seelische Aufbau des
religiösen Erlebens. Eine religionspsychologische Untersuchung
auf experiment. Grundlage. 2., revid. u. d. ein. Nachtr. „Forschungsmethoden
u. Ergebn. d. exakten empirischen Religionspsychologie seit
1921" erw. Aufl. hrsg. v. Prof. D. Werner Gruehn. Gütersloh:
C. Bertelsmann 1930. (XVI, 916 S.) gr. 8°. RM 37-; geb. 40-.
Von Girgensohns großem Werk war schon wenige
Jahre nach dessen erstem Erscheinen (1921) eine neue
Auflage notwendig geworden. Doch hat sie erst nach
einer etwa ebenso langen Zeit veranstaltet werden
können. Hergestellt hat sie der Hauptvertreter von
Girgensohns geistigem Erbe. Sie enthält einen nur
sehr wenig veränderten (vgl. S. XI) Abdruck der ersten
Auflage und einen von Gruehn herrührenden Nachtrag
dazu (S. 703—S98). Da jener Hauptbestand des
Buches, nachdem es zum ersten Male erschienen war,
von mir bereits gewürdigt worden ist, verweise ich liier
nur auf diese Besprechung (Th. L. Z. 1921 Sp. 332 ff.).

Aber auch Gruehns Nachtrag gebührt als einer die
Arbeit seines Lehrers in gleichem Sinne fortsetzenden
Leistung Beachtung und wohlverdiente Anerkennung. !
Allerdings hat dieser Nachtrag, wie Gr. selbst fest-
stellt (S. XIII) einen „etwas andern Charakter", als
Girgensohns Darbietung von „mehr oder weniger end-
gültigen Ergebnissen der Religionspsychologie". Er
führt zwar (auf dem Titelblatt) den Nebentitel „Forschungsmethoden
und Ergebnisse der exakten em- j
pirischen Religionspsychologie seit 1921". Aber deren
„Ergebnisse" selbst kommen in dem Nachtrag leider
sehr zu kurz. Gruehn begnügt sich damit, nur „stich- i
wortartig die Richtung anzugeben", in der die wichtig- i
sten von ihnen liegen (S. 876). Wer also vor allem sie j
kennen zu lernen begierig ist, weil eben doch sie es
sind, von denen das Urteil über die bisherigen Lei-
Stangen der Religionspsychologie des letzten Jahrzehnts j
abhängig ist, wird durch Gr.'s Nachtrag nur unzulänglich
unterrichtet. Er muß, um ausreichende Kunde
darüber zu erhalten, zu Gruehns Religionspsychologie
(1926) greifen und wird aus dieser allerdings ein gutes
Bild von den durch Girgensohn, Gruehn u. a. erar- S
beiteten hauptsächlichen Erkenntnissen der neuesten Re- j
ligionspsychologie gewinnen.

Der Nachtrag dagegen enthält teils sehr kenntnisreiche
, mehr oder weniger auch kritische Berichte über
die überaus zahlreichen religions-psychologischen Arbeiten
aus den letzten Jahrzehnten, teils recht eingehende
, aber durch viele Wiederholungen auf die Dauer
etwas ermüdend wirkende methodologische Ausführungen
, in denen insbesondere die Notwendigkeit einer
exakten experimentellen Methode betont und begründet
wird. Doch erkennt Gr. neben dieser auch die Methode
der stets schon geübten Selbstbeobachtung und die „der
sorgfältigen Beobachtung der seelischen Eigenart des
Nebenmenschen" (S. 831) als in ihren Grenzen berechtigt
und mehr oder weniger auch leistungsfähig an.
Andererseits weist er sehr mit Recht auch auf die nun
einmal unüberschreitbaren Grenzen seiner eignen exakten
Methode hin (S. 887 ff.), indem er eine „pneumatische
Region" im Seelenleben feststellt, die „von verschiedenen
nichtexperimentellen Faktoren" abhängig sei. Bei
dieser zutreffenden Einsicht ist es mir nur nicht recht
verständlich, warum Gr. sich dagegen sträubt, zuzugeben
, daß die allem Experimentieren eigne Künstlichkeit
, die er in seiner Religionspsychologie (S. 30) im
Anschluß an Wundt doch selbst hervorgehoben hat,
irgendwie auch in den Ergebnissen eines solchen Experimentierens
nachwirkt (S. 743). Durch das religionspsychologische
Experiment wird ja immer nur ein durch
Instruktion, Reizwort und Einstellung eng umschriebener
Ausschnitt von religiösen Leistungen erfaßt, und zwar
auch nur, soweit sie nicht der „pneumatischen Region"
angehören. Hat diese nun aber doch wohl als die
eigentliche Stätte zu gelten, in der die lebendige und ursprüngliche
Religion eines frommen Individuums heimisch
ist, so kann auch mit gutem Grunde daran gezweifelt
werden, ob durch Experimentieren das innerste
und eigentliche Wesen der Religion einwandfrei überhaupt
erfaßt werden kann. Vielmehr ist es möglich,
wenn nicht geradezu wahrscheinlich, daß sich dem Ex-
eriment die Religion immer nur in ihren bereits se-
undären Auswirkungen erschließt.

So aber fragt es sich, ob denn nicht etwa auf
anderm Wege, nämlich auf Grund eigner religiöser Erfahrung
, das eigentliche Wesen der lebendigen Religion
doch noch sicherer und zutreffender bestimmt werden
kann als durch alles nur irgend mögliche Experimentieren
. Wenn nämlich Gruehn wieder sehr mit Recht
das Gebet für den „Herzpunkt aller Religion" erklärt
(S. 796), so verdankt er diese Einsicht ganz gewiß
nicht seiner exakten experimentellen Methode. Vielmehr
weiß jeder religiöse Mensch unmittelbar aus der Praxis
seines religiösen Lebens, welche Bewandtnis es mit
einem aufrichtig aus dem Herzen emporquellenden Beten
hat. In der seelischen Einstellung und Haltung des
Betens aber ist die Religion ganz unmittelbar
lebendig. Unter dieser Voraussetzung können jedoch
als ursprünglich und im vollen Sinne
religiös auch nur solche Emotionen und Glaubensgedanken
anerkannt werden, die zugleich Gebetscharakter
haben oder mindestens durch
Gebetsstimmung und Andacht getragen
sind. Dagegen sind alle nicht mehr von einem solchen
seelischen Verhalten durchdrungenen frommen Regungen
, Urteile und Gedanken nur noch als mittelbar
religiös anzusprechen. Insofern aber stellen sie sich
als Residuen, Niederschläge, Nachwirkungen früherer
lebendiger Gebetsinhalte, wenn nicht bereits nur als
Reflexionen und Reflexionsprodukte dar. Wie Gr. berichtet
, hat der katholische Italiener Canesi auch das Gebet
zum Gegenstand religionspsychologischer Experimente
gemacht (S. 796 ff.). Indem er seinen Versuchspersonen
schriftlich formulierte Gebete vorlegte, stellte
er ihnen die Aufgabe, sich in deren Inhalt einzufühlen
und sich diesen mit subjektiver Überzeugung anzueignen
. Eine solche Leistung aber ist, auch wenn sie wirklich
gelingt, etwas durchaus anderes als das spontane
Gebet des Herzens, so wie es Jesus im verschlossenen