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Ausgabe:

1931 Nr. 10

Spalte:

231

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seraphim, Hans-Günther

Titel/Untertitel:

Joachim Hinrich von Bülow und seine Bibliothek 1931

Rezensent:

Selle, Goetz

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231

Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 10.

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insbesondere gegen das Prädestinationsdogma vielleicht
humanistisch-anglikanische-arminianische Einflüsse mitwirkten
. In der Tat gäbe es zwischen Richard Hooker,
dem großen anglikanischen Theologen des 16. Jahrhunderts
, und Fox manche Parallelen und die genetische
Erforschung der Quäkertheorien bleibt noch zu
leisten. — Dankenswert ist die häufige Vergleichung
zwischen Bunyan und Fox; schön insbesondere der Hinweis
, daß bei Bunyan sehr im Gegensatz zu Fox, der die
Offenbarung des „inneren Lichts" neben und über die
biblische Offenbarung stellt, die zentrale Stellung der
Bibel für das religiöse Leben zu einer segensreichen Bereicherung
der englischen Prosasprache führt.

Jones' Biographie von George Fox fördert die
wissenschaftliche Erforschung des Quäkertums zwar in
manchen einzelnen Punkten, kann aber im ganzen nur l
als eine erste Einführung empfohlen werden.

Berlin. Michael Freund. |

Seraphim, Hans-Günther: Joachim Hinrich von Bülow und
seine Bibliothek Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 1929. (95
S. m. 12 Taf.) gr. 8°. = Vorarbeiten z. Gesch. d. Göttinger Universität
u. Bibliothek, hrsg. v. Universitätsbund Göttingen, Heft 6.

RM 8-.

Es hat zweifellos einen hohen Reiz, dem Ge- j
schick großer Büchersammlungen nachzugehen und die |
geistige Gestalt ihrer Sammler aufzuspüren, besonders
dann, wenn eine solche Bibliothek Keimzelle eines
Staatsinstituts wird. Daher hat man seit langem I
der sogen. Bülowschen Bibliothek die Aufmerksamkeit
zugewandt, weil sie den Grundstock der Göttinger
Universitätsbibliothek bildete. Über gelegentliche
Bemerkungen ist man bisher aber nicht hinausgekommen
. Die vorliegende Arbeit kommt daher
sicherlich einem Bedürfnis entgegen. Die Aufgabe war
nicht nur lockend, sondern auch lohnend, da man die
vollständigen Kataloge der Bulowiana als grundlegendes
Material besitzt und weil vor allem der Sekretär Bü-
lows, Schlüter, der aufs engste mit der Bibliothek verwachsen
war, auch nach der Übernahme der Bibliothek
durch die Universität, als Berater Münchhausens, die i
Weiterentwicklung dieser Sammlung lange Zeit betreut i
hat. Es liegt auf der Hand, daß in diesen beiden Umständen
, in jenem direkt, in diesem indirekt, die Möglichkeit
liegt, wertvolle Schlüsse auf die geistige Struktur
der Bülowschen Bibliothek und ihres Schöpfers zu
ziehen. Der Verfasser hat sich diese seltene Gelegenheit
leider entgehen lassen und sich darauf beschränkt,
lediglich den äußeren Aufbau der Sammlung aus den j
erhaltenen Akten zu erzählen. Dabei hat er es auch nur
in geringem Maß vermocht, den Blick über sein Material
zu erheben; wenn schon von diesen technischen Dingen
die Rede ist, so soll man sie wenigstens etwas aus der |
Zeitgeschichte zu illustrieren suchen. Damit soll aber I
nicht gesagt sein, daß diese Dinge zu wissenschaftlichem
Rang erhoben werden, wenn man sie historisch ge- ]
staltet. Die Behandlung der Bibliothekskunde befindet
sich jetzt vielleicht an einer Wende. Unbestritten ist
Großes geleistet; aber man soll das Große nicht klein
machen, indem man es in ein Licht zerrt, das ihm nicht
zukommt. — Die Frage nach der Vorgeschichte der
Göttinger Universitätsbibliothek bleibt nach der Schrift
S.'s bestehen, wenn auch gern einzuräumen ist, daß
der künftige Bearbeiter entlastet wird.
Göttinnen. G. von Seile.

Berdlajew, Nikolaj: Die Philosophie des freien Geistes.

Problematik und Apologie des Christentums. Deutsch v. Reinh. von j
Walter. Tübingen: J. C. B. Mohr 1930. (V, 412 S.) gr. 8°.

RM 12 - ; geb. 15-.
Das Buch liest sich nicht besonders flüssig, das
mag daran liegen, daß es in Übersetzung vorliegt; die '
Gedankenentwicklung schreitet oft nicht geradlinig fort, j
sondern kommt immer wieder auf gewisse Grundmotive
zurück, das ist vielleicht russische Eigentümlichkeit; I
denn der Verfasser ist der jetzt in Paris lebende russi- |

sehe Mystiker und Theo9oph Berdiajew. Jedenfalls ist das
Buch ein interessantes Zeugnis vom russischen philosophischen
Denken und von der russischen religiösen
Idee.

Der Verfasser unterscheidet den natürlichen und den
geistigen Plan, die wesensmäßig verschieden sind und
denen ein natürlich-rationales und ein geistig-mystisches
Verstehen entspricht, die genau gekennzeichnet und gegeneinander
abgegrenzt werden. Nur dem letzteren ist die
mystische Erkenntnis möglich, aus der heraus der Verfasser
sein Buch geschrieben hat. Im geistigen Leben
sind Göttliches und Menschliches, Idealismus und Offenbarung
miteinander vereinigt. Im Heiligen Geist „wird
Gott der Welt und den Menschen immanent". Der
Mensch bleibt aber solange im Positivismus befangen,
der das Göttliche an das Endliche bindet, bis er durch
die zweite, die geistige Geburt, durch Läuterung, Askese,
Opfer und schöpferische Inspiration den Eingang in das
Reich des reinen Geistes findet. Das führt den Verfasser
in große Nähe der Mystik und der Theosophie, denen
er eine ausführliche Behandlung widmet. Der deutschen
Mystik, besonders Jakob Boehme wird weitgehend zugestimmt
, die östliche und die westliche Mystik werden
gegeneinander abgegrenzt und abgewogen, die landläufige
Theosophie wird sehr kritisch beurteilt, Rudolf
Steiner als naturalistisch abgelehnt.

Im Geist erfolgt der Einbruch Gottes in die Seele
des Menschen, dessen freier Entscheidung es überlassen
ist, ob er sich „durchlichten" lassen oder ob er dem
Bösen, dem Mangel an Gott, verhaftet bleiben will. An
dieser Stelle wird der Titel des Buches klar, das eine
ausgesprochene Philosophie der Freiheit ist, denn der
Mensch hat nach B. nicht bloß die Freiheit als Aufgabe
, sich durch Gewinn des göttlichen Lebens vom
Natürlichen zu lösen, er hat auch die Freiheit, die sich
anfangs und grundlegend für oder gegen Gott entscheidet
. Diese Freiheit bedingt die geistige Entwicklung,
nicht im natürlichen Sinne eines geradlinigen Fortschrittes
, den der Verfasser ablehnt, wohl aber im Sinne
eines schöpferischen Prozesses, in dem der Gehalt
vorangegangener Erfahrung aufbewahrt und ausgewertet
wird. „Alles Erfahrene läßt sich überwinden; aber niemals
kann man das, was einmal erfahren ward, überwinden
. Jede Erfahrung bereichert, wenn auch die Bereicherung
eine Verneinung dieser Erfahrung wäre. Ja,
selbst die Erfahrung des Bösen, wofern das Böse überwunden
und entlarvt ist, bereichert und führt zum
höchsten Gut. Die Erfahrung des Zweifels, wofern
dieser besiegt und überwunden ist, führt zu einer höheren
Qualität des Glaubens."

Damit ist das geschichtsphilosophische Problem
aufgerollt. Es ist unverkennbar, daß der Verfasser stark
vom deutschen Idealismus beeinflußt ist, aber er lehnt
den im bloß Menschlichen stecken bleibenden, also
„monophysitischen" Humanismus ab. Nicht die horizontale
Entwicklung des Menschlichen, sondern der
vertikale Einschlag des Göttlichen bedingt den schöpferischen
Prozeß des Geistes. Die Gegenwart sieht B.
in Positivismus und Rationalismus, in Technizismus und
Zivilisation erstarrt. Damit nähert er sich stark dem
Gedanken Tillichs von der in sich ruhenden Endlichkeit
der bürgerlichen Kultur. In der Zukunft erwartet er
aber den Durchbruch eines neuen Bewußtseins geistiger
Art und einer religiösen Gestaltung der Welt, einer
neuen Ordnung der Dinge von Gott her, er sieht also
eine theonome Gestaltung heraufziehen. Das wird auch
eine Wandlung und Erneuerung des Christentums nicht
seiner Substanz, wohl aber seiner „artmäßigen" Erscheinung
nach bedingen. Damit ist das Problem der
Eschatologie berührt, aber nicht einer Eschatologie als
der Lehre von den zeitlich letzten Dingen, wie etwa die
Theorie der Apokatastasis, sondern einer Eschatologie
der „geistigen Gerichtetheit unseres Willens zur allgemeinen
Rettung", also der „Durchlichtung" des gesamten
Kosmos.