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Ausgabe:

1931 Nr. 1

Spalte:

3-4

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jeremias, Alfred

Titel/Untertitel:

Die Weltanschauung der Sumerer 1931

Rezensent:

Gustavs, Arnold

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Theologische Literaturzeitung 1931 Nr. 1.

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3. Das Ukiyo-ye ist eine Parallelerscheinung zu
dem Ukiyo-zöshi. „Dem profanen Wirklichkeitssinn
kamen sowohl die Werke des Ukiyo-zöshi wie die Holzschnitte
des Ukiyo-ye mit ihrer drastischen Schilderung
des täglichen Lebens entgegen". Ukiyo-ye ist die Kunst
in der Tokugawaperiode, „eine späte Zusammenfassung
aller vorherigen Kunst". Der Name besagt entweder
Abbildung der wechselvollen Welt oder Abbildung der
vergänglichen Jammerwelt. Der Gegensatz des Ukiyo-
ye zur Tosamalerei liegt schon in dem Ausdrucke. Das
Ukiyo-ye interessiert das aktuelle Treiben, es vertieft
sich nicht „in die Zeitlosigkeit und Metaphysik der ze-
nistischen Landschaft".

Der Profanisierungsprozeß wird abgeleitet aus den
Grundlagen des japanischen Geistes. Der Verf. sucht
nach den Momenten im Shintoismus, Konfuzianismus
und Buddhismus, die zu einer Profanisierung führen
konnten, bzw. führen mußten. „Die japanische Religionsgeschichte
ist eine Geschichte der fortschreitenden
Rationalisierung der ursprünglichen Geistesinhalte".

Nach dem Verf. sind Anthropozentrismus und Naturfremdheit
Hauptgründe der Profanisierung des japanischen
Geistes. „Die Profanität äußert sich im Ukiyo-
ye in seinem Namen, den Zwecken, denen es dient und
dem Publikum, zu dem es spricht". „Profanität kommt
zum Ausdrucke in seiner Auffassung der Frau, in seiner
Stellung zur Mythologie und zur innerreligiösen Vorstellungswelt
". „Man war nicht offen für das Auftreten
einer wahren Tiefe, wo der numinose Schauer nicht
mehr empfunden werden konnte, ersehnte man den profanen
Schauer".

Mit einer Darstellung der Europäisierung des japanischen
Geistes und der religionsgeschichtlichen Bedeutung
derselben schließt das Buch.
Göttingen. Friedr. Weinrich.

Jeremias, Prof. D. Dr. Alfred: Die Weltanschauung der

Sumerer. Mit 8 Abb. n. d. Monumenten. Leipzig: J. C. Hinrichs
1929. (30 S.) 8°. = Der Alte Orient, Bd. 27, H. 4. RM 1.80.

In seinem „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur
" (2. Aufl. 1929) hat Jeremias ein reichhaltiges
Material für die Erkenntnis der sumerischen Weltanschauung
zusammengetragen. In dem vorliegenden
Hefte gibt er eine gemeinverständliche Darstellung der
Hauptgedanken seines größeren Werkes. Wenn Jeremias
im Rechte ist, so hat die Weltanschauung der
Sumerer auf einer beachtlichen Höhe gestanden, und
erst das Eindringen von Semiten in das Zweistromland
hat ein Herabsinken von dieser Höhenlage geistiger
Kultur herbeigeführt. Die Frage ist nur, ob man auf
Grund der uns vorliegenden Dokumente diese beiden
Faktoren, deren Produkt die altbabylonische Kultur ist,
reinlich und sicher von einander scheiden kann. Über
die Methode, welche Jeremias bei der Herauslösung der
sumerischen Kultur aus dem semitischen Überbau befolgt
hat, sagt er S. 8: „Für alle diejenigen Bausteine
der Weltanschauung, für die sumerische Bezeichnungen
überliefert sind, nehmen wir sumerische Herkunft an."
Aber sollten nicht die in die sumerische Kultur hineinwachsenden
Semiten, denen das Sumerische stets die
heilige Sprache geblieben ist, auch ihrerseits Begriffe,
welche sie zum übernommenen Weltbild beitrugen, mit
sumerischen Bezeichnungen belegt haben? Dieser Verdacht
liegt sehr nahe. Dazu kommt, daß uns ein unverfälschtes
sumerisches Altertum ohne semitische Beimengung
vorläufig historisch kaum greifbar ist. So
kann man von der Weltanschauung der Sumerer noch
kein fest umrissenes Bild zeichnen, sondern nur eine
Skizze bieten, die Lücken und Unsicherheiten aufweist.
Das muß man sich gegenwärtig halten, wenn man die
teilweise sehr bestimmt klingenden Aufstellungen von
Jeremias liest. Doch muß hervorgehoben werden, daß
das Büchlein eine anregende und geistvolle Darstellung
bietet, in der vielfach recht geschickte Formulierungen
gefunden worden sind.

Zu diskutieren bleibt die Behauptung, daß das
I angstvolle Hängen an dem „kostbaren" Leben semitischem
Geiste angehöre (S. 25), und daß individuelle
i Frömmigkeit gerade in den Zeiten offiziellen religiösen
Verfalls aufgetreten sei (S. 27). — Jeremias unterschei-
j det zwei Typen von Sumerern, aus denen er auf zwei
! verschiedene, auf einander folgende Einwanderungsschübe
schließt: die ältesten Sumerer, deren Gesicht
i von einer riesigen vogelartigen Nase beherrscht wird,
und die Gudea-Sumerer mit ihrem nahezu griechischen
I Profil. Doch ist es zweifelhaft, ob man aus diesem
I Unterschiede ethnographische Schlüsse ziehen darf, da
j man gerade bei den ältesten Denkmälern mit Verzeichnungen
rechnen muß. Das stereotype Lächeln der Augen
I braucht daher auch nicht notwendig „das heitere hero-
l ische Lebensgefühl" wieder zu geben. Man denke an
! den lächelnden Gesichtsausdruck der archaischen griechischen
Statuen. In primitiver Kunst muß man ein gut
I Teil dem Ungeschick des Künstlers auf Rechnung
I setzen. — Ob die Ackerbauscene auf einem Siegel aus
j der Kassitenzeit (der Kontrakt stammt nicht aus dem
| 3. Jahrtausend, wie Jeremias S. 14 angibt, sondern
aus dem 14. Jahrhundert) richtig erklärt ist und wirklich
die hinter dem Pfluge stehende Person als segnender
Priester aufzufassen ist, erscheint mir fraglich.
Wahrscheinlich ist es ein Knecht, der die Tiere antreibt;
vgl. meinen Aufsatz „Der Saattrichter zur Zeit der
| Kassitendynastie in Babylonien" nebst Bemerkungen von
l G. Dalman in der Zeitschr. d. Deutschen Palästina-
j Vereins 1913 S. 31 Off.

Hiddensee. Arnold Gustavs.

J The Psalmists. Essays by H. Greßmann, H. W. Robinson,
F. H. Robinson, G. R. Driver, A. M. Blackman, ed. with
an introduction by D. C. Simpson. London : Oxford Univ. Press
1926. (XXVIII, 197 S.) 7 sh. 6 d.

Es war ein trefflicher Gedanke, die Forschung der
Gegenwart über die Psalmen einem weiteren Publikum
englischer Sprache zugänglich zu machen, und die
| Namen der Mitarbeiter bürgen für die Trefflichkeit der
Ausführung. Der Herausgeber Simpson erörtert in
j der Einleitung die allgemeine Lage der alttestament-
j liehen Wissenschaft und der Psalmenforschung im besonderen
; er vertritt dabei den Entwicklungsstandpunkt
der Zeit Wellhausens, der bei uns, namentlich hinsicht-
| lieh Moses bereits überschritten ist. Über die Ent-
i stehungszeit der Psalmen sagt er, daß wohl mehr vor-
exilisches Gut in ihnen sei, als man früher annahm;
j aber das Buch als ganzes und in der Hauptsache könne
J doch nur als Quelle für das nachexilische Gemeinde-
: leben in Betracht kommen, zweifellos eine richtige Über-
j zeugung. Die einzelnen Mitarbeiter stimmen meist har-
| monisch zusammen, so vor allem in der eben berührten
I Frage; nur gelegentlich zeigen sich Abweichungen:
Greßmann ist dem auswärtigen Einfluß sehr zugetan
| und vermutet z. B. hinter Ps. 104 ein ägyptisch-phöni-
| kisches Original, Driver dagegen ist außerordentlich zu-
J rückhaltend hinsichtlich des babylonischen Einflusses.
T. H. Robinson findet in Ps. 49. 73 Belege für eine Unsterblichkeitshoffnung
, H. W. Robinson leugnet sie für
den ganzen Psalter, auch für diese Psalmen.

Greßmann behandelt die Entwicklung der
I hebräischen Psalmodie und greift dabei über
| das eigentliche Psalmbuch hinaus auch zu den in den
i Geschichtsbüchern und bei den Propheten enthaltenen
Liedern und zu den Anspielungen auf religiösen und
kultischen Gesang. Er meint, die ältere Psalmdichtung
sei eng verbunden gewesen mit politischgeschichtlichen
Ereignissen, sei aus solchen herausgewachsen; später
habe man vielmehr im Rückblick auf die Vergangenheit
gedichtet. Die Versuche, im Psalmbuch Beziehungen zu
zeitgenössischen Persönlichkeiten und zu politischen Ereignissen
zu finden, seien ein Fehlschlag. Das halte ich
für eine irrige Meinung, auch wenn man von makkabä-
ischen Liedern ganz absieht. Jedes Lied des Psalmbuchs
muß grundsätzlich als Gelegenheitsgedicht aufge-